Wir sollten wieder mehr Klassiker lesen! Reclam hat in seiner Reihe „Klassikerinnen“ einige fast vergessene Werke wieder ans Tageslicht geholt. So auch „Frau Hempels Tochter“ von Alice Berend.
Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass die Geschichte mehr ist als ein nostalgischer Ausflug in das Berlin des frühen 20. Jahrhunderts. Sie ist eine wunderbar pointierte und gesellschaftskritische Beobachtung, einer klugen Hauptdarstellerin und einer ganzen Prise Humor.
Frau Hempel ist der Mittelpunkt des Romans. Eine Frau ganz resolut und ehrgeizig, die ihre gesellschaftlich zugedachte Rolle in manchen Belangen doch etwas ausreizt. Denn ihr Ziel ist es, das Beste für ihr Leben und das ihrer Tochter Lauras herauszuholen. Dabei geht sie mal kämpferisch, mal listig, mal pragmatisch vor, je nachdem was die jeweilige Situation erfordert. Hauptsache dem sozialen Aufstieg steht nichts im Wege.
Was mir besonders gefallen hat, war das feine Gespür der Autorin für Sprache, gepaart mit ihrem Humor und dem unverstellten Blick auf die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit. Das hat mir beim Lesen den ein oder anderen Schmunzler hervorgelockt, aber auch den Kopf schütteln lassen, weil sich manches bis heute nicht so recht weiterentwickelt hat.
Für mich ist „Frau Hempels Tochter“ eine kleine literarische Perle, die die heute unbedingt wieder gelesen werden sollte. Vor allem auch weil das Buch zeigt, wie vielschichtig weibliches Erzählen sein kann. Ich garantiere jede Menge Lesespaß.
Welchen Klassiker habt Ihr zuletzt gelesen?
Alice Berend
Lebenslauf
Alle Bücher von Alice Berend
Frau Hempels Tochter
Spreemann & Co.
Die Bräutigame der Babette Bomberling
Das verbrannte Bett
Frau Hempels Tochter
Bruders Bekenntnis
Das verbrannte Bett
Die gute alte Zeit
Neue Rezensionen zu Alice Berend
Familie Hempel lebt in einem Mietshaus in Berlin und stellt die unterste Gesellschaftsschicht dar.
Die fleißige Frau Hempel kümmert sich emsig, als eine Art Hausmeisterin/Hauswirtschafterin, um die besser gestellte Oberschicht in diesem Haus. Ihr Wunsch ist es, dass es ihrer einzigen Tochter Laura einmal besser gehen wird. Sie spart eisern jede Mark und es zahlt sich am Ende tatsächlich aus. Frau Hempel hat ein sehr gutes Geschick für Geschäfte und in der Familie "die Hosen" an.
Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen. Er hat von Beginn an eine gewisse Komik und ich musste oft über die dargestellten Situationen schmunzeln. Z.B. Seite 52: "Auch Ida weihte einer getrüffelten Pute ein letzte Lied" oder Seite 110 " Der See glich einer guten Boullion mit Fettaugen".
Schein und Sein werden mit einem ganz besonderen Humor entlarvt. Auch die dargestellten Werte und Lebensumstände werden sehr lebendig beschrieben. Frauen sind in diesem Roman nicht das schwächere Geschlecht. Sie sind schlau, mutig, ausdauernd und helfen sich gegenseitig. Ich konnte mir alle beschriebenen Ereignisse sehr gut vorstellen und bin eine Zeitlang, in eine ganz andere Welt eingetaucht.
Anfangs habe ich mich ein bisschen schwer getan, mit der so ganz anderen Erzählweise/Sprache. Wie in diesem Buch wird heute nicht mehr gesprochen. Ich habe mich aber schnell daran gewöhnt. Am Ende der Geschichte gibt es für die Fremdwörter eine kleine Erklärung.
Auch zur Autorin Alice Berend, wird einiges berichtet und das fand ich wirklich sehr interessant. Ich finde, Sie war eine ganz besondere Frau. Was wäre wohl aus ihr geworden, mit ihrem besonderen Talent Geschichten zu erzählen, wenn sie in unserer Zeit gelebt hätte? Sie hätte sich sicher entfalten können und wäre nicht nieder gemacht wurden von einem Naziregime und dann verarmt im Exil gestorben.
Der Leser/die Leserin bekommt viele Redewendungen geboten und erhält Einblicke in das Leben zur damaligen Zeit. Ich finde die Geschichte sehr interessant und lehrreich. Eigentlich hat sich die Menschheit doch nicht so stark verändert. Die Charaktere, die Wünsche und Gedanken, die hier beschrieben werden, findet man auch heute noch in den verschiedenen Gesellschaftsschichten.
Ich empfehle allen Lesern/Leserinnen dieses Buch, die sich gern mit der damaligen Zeit auseinandersetzen und Geschichten über das Leben um 1900 mögen.
Es ist ein ganz besonderer Roman und ich gebe gern 5 Sterne! Schön, dass der Reclam Verlag diesen alten Roman neu rausgebracht hat und wir die Geschichte von Alice Berend kennenlernen können. Sie ist nicht vergessen!
Manchmal tut so ein vergessener Klassiker in der heutigen Zeit doch richtig gut! „Frau Hempels Tochter“ dringt tief in das Kleinbürgertum Berlins kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein, berichtet von einer Hausgemeinschaft und verschiedenen sozialen Schichten, die dort in nächster Nähe wohnen, von den Träumen der kleinen Leute, zarter Liebe und verschiedensten Motiven für eine Ehe. Im Mittelpunkt dieses Nachbarschafts-Kosmos steht die umtriebige Frau Hempel, Frau eines bodenständigen Schusters, die sich für ihre sehr wohlgeratene und hübsche Tochter Laura den sozialen Aufstieg, sprich eine gute Partie, wünscht. Auch einem Häuschen im Grünen gegenüber wäre sie nicht abgeneigt.
„Frau Hempels Tochter“ ist ein feiner, sehr humor- und liebevoller Blick auf eine verschwundene Zeit. Nostalgisch, wohltuend und mit sehr viel Wärme und Witz wird hier von Eheanbanungen, Ehemiseren, Ehekrisen, vom Leben und Sterben, von heißen Sommern und feuchten Wintern, von Zusammenhalt und Glück erzählt. Alice Berends Text hat sehr viel Charakter und eine unverkennbare Erzählstimme. Der Roman ist mit Aphorismen und trockenen, sehr präzisen und gut beobachteten Kommentaren nur so gespickt, oftmals beinhalten diese auch ungewöhnliche und unerwartete Vergleiche – leider schreibt heute niemand mehr so – dabei verleihen diese überraschenden Pointen dem Text gerade eine ganz eigene Dynamik und viel Pfiff. Sicherlich steckt hinter diesen Einwürfen immer auch eine didaktische Absicht, da diese aber mit so viel intelligentem Humor gepaart wird, wird die moralische Komponente bestens ausbalanciert.
Auch wenn die Figurenzeichnung recht einfach gehalten ist – man kann jede Figur über ein bis zwei Charakterzüge definieren – und eine Figurenentwicklung fast nicht stattfindet, macht der Roman doch sehr viel Freude, vielleicht gerade weil hier mit exemplarischen Stereotypen gearbeitet wird, die sehr gut verdeutlichen, worum es in der Geschichte geht: die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, an denen man scheitert oder die man eben verwirklicht.
Dabei strahlt der Roman auch eine nostalgische Hoffnung und einen großen Optimismus aus. Aus heutiger Sicht wirkt der Roman entschleunigend, er vermittelt das Gefühl von endloser Zeit und der Gewissheit, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Allein deshalb lohnt es sich, „Frau Hempels Tochter“ zu lesen, denn es bringt einen als Leser mit der Tatsache in Kontakt, dass man mittlerweile von der zeitgenössischen Literatur die Darstellung von negativen Handlungsverläufen erwartet. Man ist als heutiger Rezipient fast gar nicht mehr in der Lage zu glauben, dass auch einfach mal etwas gut gehen kann…
Ergänzt wird „Frau Hempels Tochter“ durch ein überaus lesenswertes Nachwort, das informativ die Biographie von Alice Berend aufbereitet und den Roman in einen überzeugend erläuterten historischen Kontext setzt. Dabei ist besonders erfreulich, dass hier kein kausaler Zusammenhang zwischen Biographie und Werk hergestellt wird.
Das Buch selbst ist dazu einfach schön ausgestattet und macht auch – selbst wenn das Frauenportät nicht so ganz ins Jahr der Erstveröffentlichung 1913 passt – optisch und haptisch sehr viel her. „Frau Hempels Tochter“ ist eine wohltuende Leseempfehlung, eine kleine Reise in die gute alte Zeit, die dennoch auch viel Aktualität besitzt. Als literarisches Zeitzeugnis und Gesellschaftsstudie, das besonderes Augenmerk auch auf die Rolle der Frau legt, bietet es eine neue Perspektive auf das Leben der kleinen Leute zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Gespräche aus der Community
Berlin in den 20er Jahren. Schwierige Zeiten für alle, die sich ihren Lebensunterhalt hart bestreiten müssen. So auch Familie Hempel, die mitten in Berlin lebt und gegen die Armut kämpft. Tochter Laura aber verfolgt andere Pläne als ihre Eltern – sie träumt von der Liebe, von einem besseren Leben über ihrem Stand ...
Habt ihr Lust, einen deutschen Klassiker wiederzuentdecken? Wir vergeben 25 Exemplare von "Frau Hempels Tochter" von Alice Berend unter allen Interessierten, die das Buch hier sowie auf 3 weiteren Seiten rezensieren möchten.
Danke für das ganz besondere Buch und dafür, dass ich die Geschichte der Autorin kennenlernen durfte.
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
52 Bibliotheken
7 Merkzettel











