Alice Grünfelder

 4,4 Sterne bei 32 Bewertungen
Autor*in von Jahrhundertsommer, Die Wüstengängerin und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Alice Grünfelder, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und China. Sie war Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie unter anderem die Türkische Bibliothek betreute. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Alice Grünfelder ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen und veröffentlichte unter anderem Essays und einen Roman. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Alice Grünfelder

Cover des Buches Jahrhundertsommer (ISBN: 9783423283458)

Jahrhundertsommer

 (16)
Erschienen am 17.05.2023
Cover des Buches Die Wüstengängerin (ISBN: 9783859903388)

Die Wüstengängerin

 (6)
Erschienen am 15.03.2018
Cover des Buches Wolken über Taiwan (ISBN: 9783858699435)

Wolken über Taiwan

 (3)
Erschienen am 16.03.2022
Cover des Buches Vietnam fürs Handgepäck (ISBN: 9783293205741)

Vietnam fürs Handgepäck

 (2)
Erschienen am 24.09.2012
Cover des Buches An den Lederriemen geknotete Seele (ISBN: 9783293301887)

An den Lederriemen geknotete Seele

 (2)
Erschienen am 09.08.2016
Cover des Buches schön & glücklich (ISBN: 9783903349209)

schön & glücklich

 (1)
Erschienen am 11.09.2023
Cover des Buches Flügelschlag des Schmetterlings (ISBN: 9783293301078)

Flügelschlag des Schmetterlings

 (0)
Erschienen am 09.08.2016
Cover des Buches Himalaya - Menschen und Mythen (ISBN: 9783293202801)

Himalaya - Menschen und Mythen

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Erschienen am 25.02.2004

Neue Rezensionen zu Alice Grünfelder

Cover des Buches Jahrhundertsommer (ISBN: 9783423283458)
Hyperikums avatar

Rezension zu "Jahrhundertsommer" von Alice Grünfelder

Eine solide Geschichte
Hyperikumvor 6 Monaten

Als die dumme Kuh, Magda steckt, dass ihr Alter sich mit ner anderen trifft, ist er auch schon auf und davon. Das Geld von ihren Eltern hat sie ihm in den Rachen geworfen, für seine Weiterbildung. Sie selbst hat keine Ausbildung, wäre Zeitverschwendung gewesen. Ihr Weg war vorprogrammiert. Heiraten, Kinder, Haushalt. Jetzt geht sie Putzen, hat einen schlecht bezahlten Knochenjob gefunden. Die Leute im Dorf wechseln die Straßenseite, wenn sie sie sehen. Die Nachbarn tuscheln über sie.

Den Johnny lernt sie auf einem Dorffest kennen, kommt aus Amerika, ist hier stationiert und fährt die Pershings durch die Gegend. Dann ist er auf einmal weg, Vietnam sagen sie ihr. Jetzt reden die Leute erst recht blöd, weil plötzlich ein kleines Mädchen bei ihr lebt. Die Ellen, die sie heimlich zur Welt gebracht hat. 

Jetzt traut Magda wirklich keiner glücklichen Fügung mehr. Die Enttäuschung wäre am Ende zu groß.

Fazit: Jahrhundertsommer ist eine solide Geschichte über das Nachkriegsdeutschland. Die Gesellschaft, eine einzige Wunde, aus Wut, Scham und Neid. Die Männer bestimmen, dass Frauen wertlos sind, einzig gut, um zu putzen und den Nachwuchs zu zügeln.

Die Autorin vermittelt gekonnt, wie das Pech an Magdas Nachkommen klebt, wie sich jeder von ihnen immer wieder durch harte Arbeit vor dem Untergang retten muss. Nichts gibt es umsonst, selbst das Unglück nicht. Sprachlich überzeugt die Autorin durch einfache kurze, teils abgebrochene Sätze und gibt damit ein exaktes Bild wieder, wie Menschen, mangels Bildung sprechen. 

Auf den letzten Seite läuft Alice Grünfelder zur Hochform auf, schildert die Unerträglichkeit eines schweren Verlustes, lässt mich mitfühlen, mittrauern. Und am Ende schließt sich der Kreis, nichts ist leicht und schon gar nicht umsonst. Jahrhundertsommer (schöner Titel) habe ich gerne gelesen.

Cover des Buches Jahrhundertsommer (ISBN: 9783423283458)
mimitati_555s avatar

Rezension zu "Jahrhundertsommer" von Alice Grünfelder

Besticht durch einen ungewöhnlichen Schreibstil
mimitati_555vor 8 Monaten

Magdas Mann verlässt sie wegen einer Jüngeren, ein Skandal und eine gesellschaftliche Schande im Murrheim der 60er Jahre, wo die Welt noch in Ordnung ist. Allein im Elternhaus mit zwei Kindern, geschnitten und ausgegrenzt, lässt sich Magda überreden, zum Tanz zu gehen und lernt dort den amerikanischen Soldaten John kennen, mit dem sie einen Sommer lang ihre Zeit verbringt. Doch gerade, als sich alles zum Guten wendet, schlägt das Schicksal wieder zu und es passiert etwas, das sich auf die nachfolgenden Generationen überträgt.

„Das kannte Magda gut, nein, kannte sie doch nicht, denn sie war immer anders hingefallen und jedes Mal anders wieder hochgekommen. Das Leben, immer wollte es was von ihr. Als reichte es nicht, dass da einfach jemand vor sich hinlebte, das passte dem Leben an Magda wohl nicht.“ (Seite 282)

Dieses Zitat ist bezeichnend für das Leben von Magda, für das ihrer Kinder und Enkel trifft diese Aussage allerdings ebenfalls zu. Über vierzig Jahre lang durfte ich den Werdegang der Familie begleiten, alle Höhen und Tiefen, von letzteren gab es erschreckend viele, miterleben. Begonnen hatte alles an dem Tag, als Magdas Mann sie und ihre Kinder für eine Jüngere verließ, was in einem Dorf der 60er Jahre ein ausgemachter Skandal war, schließlich war Magda schuld daran, weil sie ihren Mann nicht halten konnte. Verkehrte Welt.

Jedes Kapitel widmete sich einem anderen Familienmitglied und es war unglaublich spannend, verfolgen zu dürfen, wie sie ihr Leben meistern, scheitern und aufstehen, um dann festzustellen, dass das Glück sich einfach nicht festhalten lassen will. Das Auf und Ab, die Schicksalsschläge, die kleinen Wunder und das große Pech, trotzdem hätte ich die Wendung nicht erwartet, die das Buch letztendlich nimmt. Dies war fast skurril, wenn es nicht so tragisch wäre, selten wurde ich so gut unterhalten, wie es hier der Fall gewesen ist. Dazu noch der ungewöhnliche Schreibstil; Sätze, die unvollendet, aber deswegen nicht weniger aussagekräftig geblieben sind. Für mich ein weiteres Highlight dieses Jahr, das ich gerne weiterempfehlen möchte.

Cover des Buches Jahrhundertsommer (ISBN: 9783423283458)
S

Rezension zu "Jahrhundertsommer" von Alice Grünfelder

Wunsch nach Lebensglück und Freiheit
Snowbirdvor 10 Monaten

Anfang der sechziger Jahre passiert Magda der Alptraum jeder Ehefrau: ihr Mann hat eine jüngere Frau kennengelernt und lässt sich von ihr scheiden. Zwar galt damals im Falle einer Ehescheidung noch das Schuldprinzip (das Zerrüttungsprinzip wurde erst Anfang der 70er Jahre eingeführt), und Schuld war derjenige, der fremd ging. Was in diesem Falle hieß: Magda war es nicht. Doch in den Augen der württembergischen Dorfbewohner spielte das überhaupt keine Rolle, die Frau wird ihm schon einen Grund gegeben haben zu gehen. So wurde das in der kleinbürgerlichen Bonner Bundesrepublik der späteren Nachkriegsjahre von den Leuten gesehen. Auf Magda, die Geschiedene, wurde fortan mit dem Finger gezeigt, eine Scheidung kam in etwa einer Lepraerkrankung gleich: die Leute wechselten die Straßenseite, wenn Magda ihnen entgegenkam, sie grüßten nicht, sondern drehten sich weg, beim Bäcker oder Fleischer wurde Magda als Letzte bedient. Mit so einer wollte niemand etwas zu tun haben, Sozialkontakte – Fehlanzeige. Das gleiche galt für ihre zum Glück schon fast erwachsenen Kinder – die taugen nichts, mit einer geschiedenen Mutter. Ihr Sohn verlässt das Dorf bald, um nie zurückzukommen, und Ursula, ihre Tochter, macht den Vorurteilen alle Ehre und wird mit 17 schwanger. Der Erzeuger heiratet sie und rettet sie damit aus ihren asozialen Verhältnissen. So ist seine Sicht und die der Dörfler. Und Magda schlägt sich durch. Lebt von prekärer Arbeit, kommt immer gerade eben so zurecht. Hilfe von staatlicher Seite kommt für sie nicht in Frage, zeitlebens nicht. Und dann erlebt sie die schönste Zeit ihres Lebens, ihren Jahrhundertsommer, denn sie lernt John kennen, einen amerikanischen Besatzungssoldaten. Nur heimlich treffen sie sich, denn die Leute sollen das auf keinen Fall merken, noch mehr wäre ihr Ruf dann beschädigt, noch größer das Stigma. Es passiert, was passieren muss: Magda wird schwanger. Doch als ihr das klar wird, ist John längst weg, im nächsten Krieg in Vietnam. Aber Magda, ignorant wie sie ist, weiß das nicht, für sie ist er einfach ohne Abschied gegangen. Ein weiteres Mal wurde sie verlassen, eine neue Schande belastet ihr Leben.

Das ist die Ausgangssituation dieses Romans, der die Stimmung der Zeit, die Borniertheit der dörflichen Bevölkerung mit ihren Vorurteilen und rückwärtsgewandten Ansichten sehr gut einfängt. Warum geht Magda nicht weg, könnte man fragen. Doch der Gedanke kommt ihr gar nicht. Ihr Haus ist ihr Eigentum, von den Eltern übernommen, das gibt man nicht auf. Und was sollte sie woanders machen? Eine Ausbildung hat sie nicht. Und wohin dann mit dem Kind? Magda fehlt die Fantasie, sich ein anderes Leben in einer anderen Umgebung vorzustellen. Das Verhältnis zu Ellen, ihrer Tochter, bleibt distanziert, und Ellen, die im Gegensatz zu Magda Bildung erfährt, kehrt dem Dorf – und Magda - nach dem Abitur bei erster Gelegenheit den Rücken und geht nach Paris, das ist ihr Traum von Freiheit. Ich will nicht spoilern, deshalb verschweige ich hier, ob er sich erfüllt.

Die Handlung erstreckt sich über 4 Dekaden, vom Beginn der sechziger bis in die ersten nuller Jahre. Als Wegmarken lässt Alice Grünfelder einige markante historische Ereignisse einfließen, die immer auch ein stückweit unser Lebensgefühl bestimmten: der Vietnamkrieg, die Stationierung der Pershing-II-Raketen und die großen Friedensdemos wie in Mutlangen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, der Super-Gau von Tschernobyl 1986, 9/11 2001. Aber Magda berührt das alles nicht, sie hat mit sich und ihrem Überlebenskampf zu tun. Überhaupt bleibt sie seltsam distanziert, gegenüber ihren Kindern, für deren Interessen sie nicht eintritt, kein einziges Mal, gegenüber John, den sie verleugnet, der sich nach seiner Rückkehr aus Vietnam und viele Jahre später noch einmal bei ihr meldet und der vielleicht ihr Weg hinaus aus ihrem Elend hätte sein können, und sogar gegenüber sich selbst. Kann oder will sie das nicht erkennen? Erst am Ende ihres Lebens begehrt sie auf und erhebt ihre Stimme. Wie wäre ihr Schicksal wohl verlaufen, wenn sie sich dazu früher hätte durchringen können?

Alice Grünfelder wählt ein interessantes Stilmittel, indem sie häufig Sätze nicht beendet. Zu Verständnisproblemen führt das nicht, weil immer vollkommen klar ist, welches Wort, welche Worte fehlen. Das finde ich sehr geschickt, weil es den Text authentisch macht. Auf Dialekt verzichtet sie zum Glück. Der Roman ist multiperspektivisch erzählt, Magda, Ursula, Ellen und Viktor, Ursulas Sohn, kommen im Wechsel zu Wort. Alle leben im Schatten von Magdas Unglück. Sie mühen sich ab, nach oben zu kommen, um kurz vor dem Ziel den Halt zu verlieren und wieder abzustürzen. Allerdings darf man die Frage stellen: Was ist für sie oben, wo wollen sie überhaupt hin? Kennen sie selbst ihr Ziel? Und wie wollen sie da hin? Treffen sie dafür immer die richtige Entscheidung? Oder wählen sie den Weg des vermeintlich geringsten Widerstands? Aber auch vielen ihrer jeweiligen Altersgenossen und Wegbegleiter ergeht es ähnlich: sie sind eine zeitlang auf der Erfolgsspur, kehren dann in ihr Dorf zurück, um sich von einem Tiefschlag zu erholen, kommen aber nicht wieder auf die Beine. Wie viele Leben verlaufen in den erträumten Bahnen? Was macht ein gelungenes Leben aus? Können wir das immer beeinflussen, oder sind wir Gefangene unserer Umstände und unserer Zeit? Wie viel glücklichen Zufall brauchen wir, um erfolgreich und glücklich zu sein und auch zu bleiben? Darum geht es in diesem Buch.

Mir hat der Rückblick in westdeutsche Gesellschaftsstrukturen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sehr gut gefallen. Ich glaube, dass jede/r, der diese Zeit erlebt hat, eine Magda kannte oder zumindest von einer wusste. Magda ist keine Frau, mit der ich mich identifizieren kann. Ich mag ihre alles ertragende Haltung nicht besonders und hätte sie mir etwas kämpferischer gewünscht, egoistischer, weniger weggeduckt. Zu verlieren hatte sie ja bereits nichts mehr. Aber sie war auch nur ein Kind ihrer Zeit, Erziehung und Umgebung und vielleicht betrachte ich sie zu sehr mit meinem heutigen Blick und tue ihr mit meinem Urteil Unrecht. 

Alice Grünfelder hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, über das man lange nachdenken kann. Wahrscheinlich kann und sollte man es nicht direkt vergleichen, doch gemessen an Magda klagen wir heute in vielen Punkten auf hohem Niveau.


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