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buchstabentraeumerin

vor 8 Monaten

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„‚Und wer bist du, Victoria Spring?‘ Mir fällt nichts ein, was ich darauf antworten könnte, weil genau das meine Antwort wäre: nichts. Ich bin ein Vakuum. Ich bin leer. Ich bin nichts.“ (Seite 23)

Ich weiß noch, wie mir dieses Cover zum ersten Mal ins Auge fiel. Ich war beeindruckt davon, denn es strahlt so viel Melancholie aus. Dies machte mir das Buch sofort sympathisch. Melancholie ist auch tatsächlich eine sehr vorherrschende Stimmung. Zugleich ist die Geschichte um Tori verrückt, traurig und romantisch. Angesichts dessen sah ich schon früh einige Parallelen zu ähnlichen Geschichten, allen voran dem Buchklassiker „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger sowie dem Film „Garden State“. Im Verlauf des Buches nimmt die Autorin dann auch Bezug zu diesen Werken, meine Assoziationen kamen also nicht von ungefähr.

Ich fand es ein wenig schade, dass „Solitaire“ sich insgesamt nicht mehr von diesen Vorbildern abheben konnte. Die Geschichte folgt einem ähnlichen Muster, Tori macht eine vergleichbare Entwicklung durch wie Holden oder Andrew Largeman. Selbst Michael passt hier ins Bild: Wer „Garden State“ gesehen hat, kann sich Michael als Natalie Portman vorstellen und Tori als Zach Braff. Für mich konnte das Buch daher nicht viel mehr als eine liebevolle Neuinterpretation dieser Werke sein.

Da hilft auch Solitaire, die anonyme Schülergruppe, nicht. Was anfangs noch einen gewissen Reiz ausübte, entwickelte sich ab der Mitte des Buches in eine unglaubwürdige Richtung und der Bogen wurde überspannt. Die Aktionen wurden zu extrem und als Anstoß für die Veränderungen in Tori’s Gefühlswelt und Wahrnehmung fand ich sie nicht passend.

Was mir sehr gefiel, waren die tollen Referenzen zu Musik, Film und Buch. Sie intensivieren die schwermütige Stimmung der Geschichte hervorragend.

Charaktere

Es dauerte, bis ich mich in Tori einfühlen und ihre Welt verstehen konnte. Sie ist sehr negativ, traurig und einsam. Es wird wenig über ihr Leben und ihre Familie erzählt. Ihr Vater und ihre Mutter bleiben seltsam schemenhafte Randfiguren, zu denen man keine Nähe empfinden kann. So bleibt der Leser ebenso halt- und orientierungslos, wie Tori sich im Alltag fühlen muss. Einzig ihre Brüder stehen ihr nahe, belasten sie aber auch gleichzeitig mit ihren jeweiligen Sorgen. Obwohl sie sich ausgrenzt, sarkastisch und unfreundlich ist, mochte ich sie sehr. Sie ist ein gelungener und vielschichtiger Charakter, dem die Geschichte aber am Ende nicht gerecht wird, finde ich.

Auch die anderen Charaktere öffnen sich nicht sofort. Allen voran Michael und Lucas. Erst Stück für Stück erlauben sie Einblicke in ihre Welt. Dabei stellt sich heraus, dass sie alle verletzt und verletzlich sind. Sie wirken allesamt seltsam losgelöst von stabilisierenden Elternhäusern, stehen nur für sich und tragen alle Last alleine auf ihren Schultern. Ich hätte mir für die Geschichte einen stärkeren Fokus auf die Charakterentwicklung losgelöst von Solitaire gewünscht, denn die Charaktere haben einiges an Potential.

Schreibstil„Die anderen unterhalten sich, es wird gelacht, und das macht mich irgendwie traurig, so als würde ich sie von draußen durch eine schmutzige Fensterscheibe beobachten.“ (Seite 49)

Der Schreibstil konnte mich komplett überzeugen. Die Dialoge sind locker und humorvoll, die Beschreibungen auf den Punkt, so dass es mir zu keiner Zeit zu langatmig erschien. Vor allem punktete Alice Oseman bei mir mit völlig unerwarteten, dem ersten Anschein nach belanglosen Aussagen, die aber überraschende Wahrheiten beinhalteten. Manchmal waren diese Zeilen so intensiv und berührend, dass sich mir die Kehle zuschnürte und ich erstmal schlucken musste.

Fazit

„Solitaire“ zeigt viele gute Ansätze, die mir gefallen haben. Die Charaktere sind gefühlvoll angelegt und auch der Schreibstil ist packend. Das alles konnte mich aber leider nicht darüber hinwegtrösten, dass die Inszenierung von Solitaire vor allem am Ende nicht plausibel ist. Es wurde mir zu überspitzt, so dass mich die zweite Hälfte des Buches trotz vielversprechendem Anfang folglich nicht überzeugen konnte.

Autor: Alice Oseman
Buch: Solitaire
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