Alice Zeniter

 4,5 Sterne bei 14 Bewertungen

Lebenslauf von Alice Zeniter

Ein heller Stern am französischen Literaturhimmel: Bereits zu Schulzeiten schrieb die Autorin Alice Zeniter ihren ersten Roman. 1986 in Alençon (Normandie) als Tochter eines Algeriers und einer Französin geboren, wuchs sie zunächst in dem Dorf Champfleur auf, kehrte später aber mit der Familie nach Alençon zurück. Mit dem Schulabschluss in der Tasche zog sie nach Paris, um dort an der École normale supérieure zu studieren und später an der Universität Paris III in Theaterwissenschaften zu promovieren. Sie verbrachte einige Jahre in Budapest, wo sie als Lehrerin und Dramaturgin arbeitete. Mit ihrem fünften Roman „L‘Art de perdre“ (2017; dt.: „Die Kunst zu verlieren“, 2018) begeisterte sie erstmals auch eine internationale Leserschaft für sich. Darin beleuchtet sie das Schicksal einer algerischstämmigen Familie in Frankreich über mehrere Generationen hinweg und deren Verstrickungen mit der Vergangenheit. Der Roman kam in die Endauswahl für den Prix Goncourt und wurde unter anderem mit dem Literaturpreis der Tageszeitung Le Monde und dem Prix Goncourt des lycéens geehrt. In Frankreich hat Alice Zeniter bereits mehrere und viel beachtete Romane veröffentlicht, die zum Teil in Ungarn spielen und ihre dort gesammelten Erfahrungen verarbeiten. Aktuell lebt die Autorin wieder in Paris.

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Cover des Buches Die Kunst zu verlieren (ISBN: 9783492315043)

Die Kunst zu verlieren

Neu erschienen am 01.04.2021 als Taschenbuch bei Piper.

Alle Bücher von Alice Zeniter

Cover des Buches Die Kunst zu verlieren (ISBN: 9783827013736)

Die Kunst zu verlieren

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Erschienen am 01.02.2019
Cover des Buches Kurz vor dem Vergessen (ISBN: 9783827013828)

Kurz vor dem Vergessen

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Erscheint am 01.09.2021
Cover des Buches Die Kunst zu verlieren (ISBN: 9783492315043)

Die Kunst zu verlieren

 (0)
Erschienen am 01.04.2021
Cover des Buches Sombre dimanche (ISBN: 9782253020370)

Sombre dimanche

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Erschienen am 07.02.2015

Neue Rezensionen zu Alice Zeniter

Cover des Buches Die Kunst zu verlieren (ISBN: 9783827013736)renees avatar

Rezension zu "Die Kunst zu verlieren" von Alice Zeniter

Wurzeln
reneevor einem Jahr

"Die Kunst zu verlieren" habe ich in einem Lese-Marathon beendet und ich habe ein wirklich wunderbares Buch gelesen. Ein weiterer Anwärter für renee`s Best 2020. Ein Blick nach Algerien und ein Blick auf seine Kolonialmacht Frankreich, ein Blick auf den algerischen Unabhängigkeitskrieg und ein Blick auf die Harkis (Algerier, die für Frankreich in den beiden Weltkriegen gekämpft haben) und ihr Schicksal und ebenso ein Blick auf das Schicksal ihrer Nachkommen und gleichzeitig auch viele erhellende Worte über daraus resultierendes Geschehen in Frankreich. Genauso ist dieses Buch ein Blick auf die Kabylen und deren Arabisierung. Und ebenso ist dieses Buch eine interessante Familiengeschichte mit einer interessanten Sprache und ich kann nur begeistert rufen: LESEN!!! Denn wer mich und meine Art Rezensionen zu schreiben kennt, wird wissen: dieses Buch habe ich geliebt!




Es gibt in diesem Roman drei Hauptpersonen einer Familie, die alle ihre Geschichte erzählen. Da haben wir einmal Ali, ein Bauer aus der Kabylei, ein berberisches Gebiet im arabischen Nordalgerien. Die Berber sind eine Urbevölkerung in Nordafrika, die durch eingewanderte arabische Stämme seit dem 11. Jahrhundert langsam und teilweise auch radikal arabisiert wurden. Trotzdem haben sich in Rückzugsgebieten überall in Nordafrika berberische Stämme behaupten können, wie zum Beispiel die Kabylen im algerischen Teil des Tellatlas Gebirges. Als nächstem Aggressor haben sich die Kabylen dann der Kolonialmacht Frankreich stellen müssen. Alis Schilderung des Lebens in der Kabylei handelt von der Stellung der Kabylen im arabischen Algerien und ebenso von der Stellung der algerischen Urbewohner (Araber und Berber) gegenüber den Franzosen. Beides sollte man zum besseren Verständnis des Buches wissen. Und ebenso geht es um die Harkis und ihre Familien. Die Harkis waren Hilfstruppen der französischen Armee, aus algerischen Einwohnern bestehend, wurden einerseits als Unterstützung der Kolonialmacht Frankreich in Algerien eingesetzt und waren andererseits Unterstützung der französischen Truppen in den beiden Weltkriegen, dazu wurde in Algerien die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. So kämpften für Frankreich im ersten Weltkrieg 90000 Algerier und im zweiten Weltkrieg 66000 Algerier, nur um einmal ein paar Zahlen zu hören und damit eine Dimension vermittelt zu bekommen. Und genau diese Algerier und ihre Familien wurden dann im Unabhängigkeitskrieg und auch danach von der FLN (Nationale Befreiungsfront) verfolgt. Auch Ali war so ein Harki und auch er, wie so viele andere Harkis, muss sich eine neue Heimat suchen und feststellen, dass er in der neuen Heimat Frankreich ebenso ungern gesehen ist, wie in seiner eigentlichen Heimat Algerien. Sein Sohn Hamid, noch in Algerien geboren, versucht in der neuen Heimat Fuß zu fassen, anzukommen, sich anzupassen, Franzose zu sein. Es bestehen zwischen Vater und Sohn Differenzen/ungesagte Dinge/Entfremdungen. Alles mündet schließlich in einer Verleugnung der Vergangenheit, die schließlich Naima, die Tochter Hamids herausfinden möchte und deshalb auch in die Kabylei reist. Eine aufgeklärte Einwohnerin Frankreichs reist in die Kabylei und ein weiteres Thema taucht auf, die Frauenrechte, die immer stärker werdenden Einschränkungen, denen Frauen unterworfen werden. Einschränkungen, die von reaktionären Kräften eingesetzt werden. Denn diese Einschränkungen haben nicht mit dem Islam etwas zu tun, sondern mit dessen Auslegung. In der völkerkundlichen Literatur sind immer wieder recht fortschrittliche Frauen in arabischen und berberischen Stämmen zu bewundern. Gerade bei den arabischen Beduinen ist dies öfters der Fall, repräsentieren sie ja auch eine sehr alte arabische Kultur.




Alles in allem ist "Die Kunst zu verlieren" ein recht informatives und thematisch sehr reiches Buch, welches trotzdem nicht überladen daherkommt und dazu noch sehr interessante Charaktere und eine wunderbare Sprache aufweist, dies alles erklärt auch in meinen Augen die mehrfache Auszeichnung dieses wundervollen Romans. 

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Cover des Buches Die Kunst zu verlieren (ISBN: 9783827013736)Petriss avatar

Rezension zu "Die Kunst zu verlieren" von Alice Zeniter

Die Suche nach den Wurzeln
Petrisvor 2 Jahren

In ihrem fünften Roman, für den die Autorin zurecht mit dem Prix Goncourt de lycéens, dem Prix des libraires und dem Prix littéraire du Monde ausgezeichnet wurde, erzählt die Autorin die Geschichte einer Familie von „Harkis“. Das sind algerische Soldaten, die in den Weltkriegen für Frankreich gekämpft haben. Während der Jahre des Befreiungskampfes Algeriens von der französischen Kolonialmacht, der von beiden Seiten sehr grausam geführt wurde, galten sie als Verräter. Nach dem Vertrag von Evian, der Algerien die Unabhängigkeit zusicherte, wurde auch festgelegt, dass sie keine Repressalien mehr zu fürchten hätten. Die Realität sah aber anders aus, viele mussten fliehen oder verloren ihr Leben.

Zeniters Familienepos beginnt in der Gegenwart mit der Galeristin Naima, die soeben aus Algerien zurückgekehrt, die Retrospektive eines im Exil lebenden Harkis vorbereitet. Doch dann geht die Erzählung zurück in die Kabylei, wo ihr Großvater Ali geboren wurde. Das Leben im Dorf, die Gesellschaft im ländlichen Algerien, die Freuden und Leiden der Bewohner, das Aufwachsen der Kinder,… werden in lebendigen Bildern beschrieben. Als der Unabhängigkeitskampf beginnt versucht sich das Dorf herauszuhalten, aber wie immer bei solchen Konflikten ist das nicht möglich, Naimas Großvater, auch ihr Vater, der noch in der Kabylei geboren ist, werden Zeugen von Greueltaten, die sie gegen die „Befreier“ einnehmen. Nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens beschließt Ali zu fliehen. Als ehemaliger französischer Soldat gilt er als Verräter.
Doch Frankreich erwartet sie nicht mit offenen Armen, als billige Arbeitskräfte, zusammengepfercht in abgelegenen Lagern, in denen unvorstellbare Zustände herrschen, werden sie ohne Perspektive oft jahrelang von der französischen Bevölkerung abgeschottet. Sie haben ihr Leben gerettet, sind aber im Niemandsland der Lager gestrandet, nicht Algerier, nicht Franzosen. Die maximale Aufstiegschance der meist analfabetischen Menschen ist eine schäbige Sozialwohnung, wo auch Naimas Großeltern landen.
Ihr Vater Hamid, intelligent und offen, als ältester Bruder so etwas wie Vater, Berater und Sozialarbeiter für alle, entfernt sich früh von seiner Familie. Und schweigt über deren Geschichte.
Naima, Hamids Tochter, der ihre Wurzeln nie bewusst oder wichtig waren, beginnt erst für ein Ausstellungsprojekt nachzufragen und zu recherchieren. Nach langem Zögern fährt sie als erste aus der Familie nach Algerien.

Zeniter erzählt diese schwere Geschichte in bildhafter, sehr schöner Sprache, immer wieder bleibt man an Sätzen hängen, die voller Weisheit und Schönheit sind. Hier wird nichts beschönigt. Im bewaffneten Konflikt um die Unabhängigkeit sind beide Seiten Opfer und Täter. Und wie immer dazwischen, die Zivilbevölkerung. Sehr klar wird auch, wie lange die Traumata von Menschen, die Krieg und Gewalt erlebt haben, nachwirken. Noch Generationen danach sind davon belastet. Es herrscht Sprachlosigkeit, die das Unverständnis zwischen den Generationen noch größer macht. Oft ist es erst die Enkel- oder Großenkelgeneration, die beginnt, das Leid aufzuarbeiten. Und oft ist es dann einfach auch schon zu spät, um die Betroffenen noch zu fragen, um zu erfahren, was wirklich passiert ist.

Naima auf alle Fälle hat sich auf den Weg gemacht, auch wenn nicht alles mit einer Reise aufgearbeitet werden konnte. Wie die Autorin in ihrem Schlusssatz so schön sagt: „Sie (Naima, Anm.) ist in dem Augenblick, da ich beschließe, mit diesem Text aufzuhören, nirgends angekommen, sie ist in Bewegung, sie ist noch unterwegs.“
S. 557

Ein spannender, berührender Roman voller Poesie und Weisheit über ein trauriges Kapitel der französischen sowie algerischen Geschichte. 

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Cover des Buches Die Kunst zu verlieren (ISBN: 9783827013736)krimielses avatar

Rezension zu "Die Kunst zu verlieren" von Alice Zeniter

Identitätssuche
krimielsevor 2 Jahren

Dicht, fesselnd und authentisch schreibt die französische Autorin Alice Zeniter in ihrem Roman „Die Kunst zu verlieren“ über das Schicksal der Harkis, also über algerischen Soldaten, die während des Unabhängigkeitskampfes auf Seiten der französischen Kolonialmacht standen. Die Autorin schickt in ihrem autobiografisch gefärbten Roman die Erzählerin, eine Französin mit algerischen Wurzeln, auf Spurensuche nach ihren familiären Wurzeln. Mitreißend und spannend, zeitgeschichtlich äußerst interessant und ganz nahe an den Personen ist das Buch, sehr lesenswert.

Naïma, die Erzählerin, wurde lange nach der Unabhängigkeit Algeriens in der Normandie geboren. Sie hat keinen Bezug zu ihren Wurzeln, sie lebt in Paris als Mitarbeiterin einer Galerie, ist Atheistin, war nie in Algerien und hat keine Verbindung zu dem Land, aus dem ihre Familie stammt. In ihrer Familie herrscht Schweigen über das Schicksal als Flüchtlinge, und es ist ihr unklar, ob ihr Großvater tatsächlich ein Harki war.

Auf Spurensuche nach ihren Familienwurzeln spannt sie den Bogen über drei Generationen. Beginnend mit Ihrem Großvater Ali, der in den 1940er Jahren auf Seiten der Alliierten im Zweiten Weltkrieg half, Europa zurückzuerobern, während der blutigen Algerischen Unabhängigkeitskriege verfolgt und nach Frankreich fliehen musste über ihren Vater Hamid, der in Algerien geboren ab 1962 zunächst in französischen Flüchtlingslagern und später im Banlieue aufwächst und es schließlich schafft, aus dem Flüchtlingsmilieu auszubrechen, bis hin zu ihrem eigenen Leben, weit weg von Algerien fühlt sie sich als Französin, wird aber seit den Anschlägen 2015 immer mehr als Araberin wahrgenommen. Naïma reist schließlich im Auftrag der Galerie nach Algerien, und besucht dabei auch das Haus ihrer Familie in den Bergen. Trotz der Angst vor Attentaten fühlt sie sich zu Hause und aufgehoben, wenn sie auch nur eine Nacht bleiben kann.

Das Buch, das ein blutiges und gerne totgeschwiegenes Kapitel Französischer Kolonialgeschichte erzählt, ist nicht nur reich bebilderte und mitreißende Familiengeschichte über aus den Olivenhainen in den Bergen der Kabylei vertriebenen und mit knapper Not entkommenen Familie, bei den den Franzosen nur eine Statistenrolle zukommt. Die ehemaligen Kolonialherren und die verschiedenen Gruppierungen der Aufständigen sind hinsichtlich Blutrünstigkeit austauschbar, bis die Französische Regierung schließlich 1962 die Algerische Unabhängigkeit anerkennt. Vergessen sind die auf Seiten der ehemaligen Kolonialmacht kämpfenden Algerier, die als Harkis fliehen mussten, weil sie wie Naïmas Großvater ihrer alten Uniform aus dem Weltkrieg treu blieben. Ungewollt und abgestellt in Flüchtlingslagern irgendwo in Frankreich wird ihnen auch nach der Unabhängigkeit die Rückreise in ihr Land verwehrt, ihr Besitz bleibt enteignet und die Furcht um das Leben ist berechtigt.

Völlig zu Recht wurde der Roman für den renommierten Französischen Literaturpreis „Prix Concourt“ nominiert. Und auch wenn an manchen Stellen ein ganz klein wenig Kitsch durchzuschimmern droht ist das Buch eine eindrucksvoll persönlich erzählte Zeitgeschichte und Abrechnung mit dem Kolonialkrieg aus algerischer Sicht und der dabei auf der Strecke gebliebenen Harkis, sehr aktuell nicht zuletzt im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik und dem Herumschieben von Menschen.

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