Niemand ist bei den Kälbern

von Alina Herbing 
3,8 Sterne bei39 Bewertungen
Niemand ist bei den Kälbern
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Positiv (25):
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sehr berührend erzählt!

Kritisch (5):
Barbara62s avatar

Leider gar nicht mein Buch, diese 250 Seiten Klagen einer jungen Frau, die völlig initiativlos ihr Schicksal hinnimmt.

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Inhaltsangabe zu "Niemand ist bei den Kälbern"

Sommer in Schattin, Landkreis Nordwestmecklenburg. Christin ist gerade auf den Bauernhof ihres langjährigen Freundes Jan gezogen. Die Aufbruchstimmung der Nachwendejahre, die ihre Jugend prägten, ist längst dahin, doch für Jan ist der väterliche Betrieb trotz sinkender Milchpreise noch immer das Wichtigste im Leben. Christin hingegen will nur weg. Sie träumt von der Großstadt und einem Job im Büro. Aber wo soll sie hin ohne Ausbildung? Unüberwindbar scheinen die Grenzen, und so bleiben die immer gleichen Dorffeste, die immer gleichen Freunde, der arbeitslose Vater und der Kirsch aus dem Konsum. Bis Windkrafttechniker Klaus aus Hamburg auftaucht und Christin glaubt, einen Fluchtweg gefunden zu haben.
Unerschrocken und mit großer Wucht erzählt Alina Herbing vom Landleben, wie es wirklich ist, von einer Jugend ohne Zukunft und einer vergessenen Region zwischen Ost und West.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783716027622
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:224 Seiten
Verlag:Arche
Erscheinungsdatum:10.02.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Mrs_Nanny_Oggs avatar
    Mrs_Nanny_Oggvor einem Monat
    Kurzmeinung: Jugend ohne Hoffnung - schonungsloses Porträt einer jungen Frau in der ostdeutschen Provinz.
    Jugend ohne Hoffnung

    Ich habe dieses Buch in einem Zug durchgelesen. Oft haben mich die Bilder, die dabei in meinem Kopf entstanden sind, erschüttert, trotzdem musste ich immer weiterlesen, Seite für Seite umblättern, obwohl ich ebenso wenig wie Christin, die Protagonistin von Alina Herbings Roman, wusste, wohin es noch gehen kann, wenn nicht ins absolute Aus.
    Durch die Ich-Perspektive lernt man Christins Sicht auf ihre Welt in der mecklenburg-vorpommerischen Provinz sehr gut kennen. Der Vater ein hoffnungsloser Säufer, die Mutter schon lange weg. Das Dorfleben trübe und langweilig, man pendelt zwischen Sauferei auf dem Seefest und Knutscherei an der Bushaltestelle hin und her, immer mit dem Kirsch unter dem Beifahrersitz.
    Christin ist erst vor kurzem auf den Bauernhof ihres Freundes Jan gezogen, obwohl es sie ziemlich vor Bakterien und Schmutz ekelt. Jans Vater Frank erkennt in ihr nicht die Bäuerin, die er sich für seinen Sohn wünscht. Jan bedeutet der Bauernhof alles, auch wenn er wegen sinkender Milchpreise kurz vor dem Konkurs steht. Christin träumt sich zusammen mit ihrer Freundin Caro weg, weit weg in die große Stadt, Hamburg oder Lübeck. Aber wie, nur mit einer abgebrochenen Lehre als Frisörin und kaum einem Cent auf dem Konto? Da bleiben für sie doch nur noch die Männer, auch wenn sie verheiratet sind oder zu den Glatzen gehören und mehrmals im Knast waren, immerhin legt sie großen Wert auf ihr Äußeres. Doch der einzige Prinz, der treu an ihrer Seite liegt, ist der Schäferhund vom Bauernhof - bezeichnend, dass sie ihn am Schluss mit Rattengift füttern wird.
    Der Roman ist eindringlich und schonungslos geschrieben. Nichts wird beschönigt, es wird meiner Meinung auch nicht gejammert, sondern lediglich beschrieben, wie es dort eben aussieht, in der Provinz von Mecklenburg-Vorpommern: Hoffnungslos, ohne Perspektive und leider auch ohne ordentliche Bildung. Dieser Roman klärt auf, öffnet die Augen für das, was mitten in Deutschland passiert. Wir schauen zu gerne weg. Alina Herbing lässt das nicht zu. Lesen!

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    Buchstabenliebhaberins avatar
    Buchstabenliebhaberinvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Romantisches Landleben ist hier nicht, hier herrschen Geldprobleme, es wird nicht geredet, dafür umso mehr getrunken. Alltagstristesse pur.
    Anti-Landidylle

     Auf den Dörfern wird gesoffen. Und Freundschaften sind oft einfach Zwecksgemeinschaften, aus der Not geboren. Weil kein anderer da ist. Da tut man sich halt mit jemand zusammen, der nicht der Traummann ist. Träume haben die Leute trotzdem. Auch wenn die Schuldbildung eine Katastrophe ist und die Geldbeschaffung öfter als einmal den legalen Rahmen sprengt, der Vater ein Säufer und die Mutter abgehauen ist.

    Sie träumen vom sauberen Großstadtleben, von schicken Klamotten und Traummännern. So geht es auch Christin und Caro. In ihrem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wo Krisenstimmung herrscht, wo die Milchpreise im Keller und andere Jobs rar, die Männer kahlgeschoren und nicht zimperlich sind. Wobei, zimperlich sind die Frauen auch nicht, alle sind derbe und abgestumpft, das Lügen und Betrügen an der Tagesordnung.

    Christin ist nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber mit Make-up kennt sie sich aus. Ihr Körper ihr Instrument, ihre Möglichkeit, für etwas Aufregung im Leben zu sorgen. Windradmann Klaus nimmt mit, was ihm geboten wird, selbst sadistische Anwandlungen erträgt Christin, in der Hoffnung, dass er ihr ein neues Leben bieten könnte. Kann und will er aber gar nicht. Caro war da schlauer, sie schafft den Absprung, zumindest vorerst.

    Aber raffiniert sind sie, wie sie sich hinterher spionieren und kontrollieren - das Handy als Allzweckwaffe, in dem falsche Namen gespeichert und SMS so schnell gelöscht werden, wie sie verschickt wurden ... Niemand ist bei den Kälbern, hier kann heimlich telefoniert werden.

    Aline Herbing ist ein tolles Erstlingswerk gelungen, eine atmosphärisch dichte Anti-Idylle voller überzeugender Charaktere. Landleben ist hartes Pflaster, die Kühe sind gnadenlos überzüchtet und brüllen vor Schmerz, wenn die vollen Euter fast am Boden schleifen. Jedes Kalb reines Kapital. Jeder Strohhalm wichtig. Jeder kennt jeden, jeder weiß was zu tun ist. Keine Zeit, lustig Marmelade einzukochen und Etiketten zu basteln.

    Mir gefällt es auch deutlich besser als "Unterleuten", da hier auf eine ironische Überzeichnung verzichtet wird. Ja, es geht kalt und herzlos zu in Schattin, es wird nicht viel geredet in Beziehungen, es gibt wenig Ablenkung. Und eigentlich auch wenig Hoffnung auf Änderung. Wie auch. 


    Unglaublich gut geschrieben, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen.

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    Die-weins avatar
    Die-weinvor 2 Jahren
    Hinterlässt bei mir leider einen seltsamen Nachgeschmack...

    Christin ist unzufrieden mit ihrer momentanen Lebenssituation und fühlt sich auch auf dem elterlichen Hof ihres Freundes Jan unwohl. Eigentlich träumte sie immer davon in einer großen Stadt zu leben, einem Bürojob nachzugehen und das Leben zu genießen. Stattdessen sitzt sie ohne abgeschlossene Ausbildung in der Einöde Mecklenburg-Vorpommerns fest und fühlt sich wie im Hamsterrad. Als sie den Windkrafttechniker Klaus kennenlernt, sieht sie darin einen Hoffnungsschimmer zur Flucht und es beginnt ein Versteckspiel aus Lügen und Geheimnissen.


    Auf dieses Buch hatte ich mich richtig gefreut, da ich einerseits die Region etwas kenne und das ländliche Leben, aber auch irgendwie eine selbstbewusste junge Frau erwartete, die vielleicht doch noch Gefallen findet am Leben auf dem Bauernhof. Doch damit lag ich leider komplett verkehrt und so hinterließ diese Geschichte einen merkwürdigen Nachgeschmack bei mir. Desweiteren bin ich mehr als schockiert über einige Lesermeinungen und Berichte, in denen das hier dargestellte Frauenbild als typisch oder häufig vorkommend empfunden wird. Als wäre es charakterisierend für diese Region und für die Frauen, wie die hier dargestellte Christin, dort das Normalste der Welt.


    Christin stammt aus schwierigen Verhältnissen, ihr Vater ist Alkoholiker und lebt als einer der letzten Mieter in einem Wohnblock, der modernisiert werden soll. Die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund Jan ist mehr eine Zweckgemeinschaft und während dieser sich wünscht, den elterlichen Hof zu übernehmen und sich Nachwuchs wünscht, möchte Christin weg vom Dorf und sich nicht zweckmäßig kleiden, sondern schöne Kleider tragen und sich stylen. Jan ist schrecklich eifersüchtig und kontrolliert sie ständig, weshalb es auch immer wieder zum Streit kommt, da auch sein Vater wenig von seiner Freundin hält. Er sieht sein Erbe in Gefahr.


    Über die restlichen Charaktere, wie zum Beispiel die junge Freundin von Jans Vater oder ihre beste Freundin, hätte ich gerne noch mehr erfahren, da sie mir etwas zu blass und charakterlos wirkten, obwohl sie im Leben von Christin doch eine größere Rolle spielen sollten. Allerdings konnte man so besser nachempfinden, wie einsam sich der Hauptcharakter fühlen muss und wie ausweglos ihr ihr Leben in dieser verlassenen Region erscheint. Ich fand sie bis zu einem gewissen Punkt sehr bemitleidenswert, doch dann kam die Szene mit der Brandwunde und sie freute sich darüber wie über eine Auszeichnung oder ein besonderes Andenken, und ich war einfach nur noch angewidert. Im Nachhinein zerbreche ich mir den Kopf, welche Optionen Christin gehabt hätte, da sie mir auch nicht dumm erschien, aber das ändert leider nichts mehr an meiner Meinung über diese Geschichte.


    Die Sprache ist schonungslos und oftmals sehr derb, aber man hat aufgrund des bildhaften Schreibstils sofort eine Darstellung dieses Bauernhofs sowie seiner Umgebung vor Augen. Ich persönlich hätte mir jedoch etwas mehr Spannung gewünscht und vorallem ein anderes Ende des Ganzen.


    Mein Fazit:


    Für mich war dieses Buch leider ein recht enttäuschendes Leseerlebnis, denn trotz einiger guter Anfänge, konnten mich weder die Charaktere überzeugen, noch die Handlung insgesamt. Ich hatte mir aufgrund des vielversprechenden Klappentextes wesentlich mehr erhofft. Das Landleben hat auch viele schöne Seiten und bemerkenswerte Menschen zu bieten, die hier jedoch gänzlich fehlten.

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    Callsos avatar
    Callsovor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Gummistiefel, Brennnessel und die Flucht aus dem biederen Alltag auf dem Land.
    Biederes Landleben der Unterschicht - der Versuch einer Millieustudie

    Der tolle Buchtitel hat mich aufmerksam gemacht und auch das Buchcover hat mir sehr gefallen. Geschwind gekauft, gelesen und doch leider etwas enttäuscht.

    Bücher sollen Menschen beschreiben, die eine Entwicklung machen. In dem Fall habe ich die Entwicklung nicht wahrnehmen können. Viel zu trist, zu trostlos, zu einfältig und zu naiv agiert Christin, die auf dem Land nur zaghaft versucht das Glück zu finden.

    Ihr Freund Jan (kantiger Landwirt, jung und wortkarg) hat nahezu gar keine Konturen, verhält sich komisch, mürrisch und distanziert, so dass nahezu gar keine echte Geschichte aufkommen will. Manchmal lebt das Buch von Andeutungen, manchmal versucht Christin aus dem bäuerlichen Umfeld auszureissen, aber die Flucht in die Großstadt ohne Geld, aber dafür mit Gummistiefel ist wenig geplant.

    Mir hat leider die Sprache auch nicht so gut gefallen. Als Norddeutscher fand ich mich hier und da durchaus wieder, aber insgesamt ist mir das für einen Roman zu platt, zu kurz, zu wenig. Echte Dialoge kommen überhaupt nicht auf. Manche Beschreibungen vom Stall, von den Haustieren fand ich immer zu angedeutet und konnte nicht immer gleich folgen...

    So habe ich mich manchmal gefragt: Was soll dieses Buch? Gibt es eine Message oder ist es einfach eine nüchterne und dreckige Beschreibung über biederes Landleben der jungen Unterschicht?

    Es war nicht alles schlecht, weil ich das Grundthema generell spannend finde. Nur die Umsetzung, die hat nicht gestimmt. Es ist in dem Buch leider auch nicht eine Person zu finden, die ansatzweise sympathisch ist.

    So endet das Buch als biederes Landleben der Unterschicht und dem Versuch einer Millieustudie.
     
    Trotz des Sommers hat das Buch keinerlei Sonnenschein, wenig Gefühl und nur wenig Positives.

    Zitat Seite 104 (was ganz vielleicht ja auch der Wahrheit entspricht):

    "ich weiß ja, es ist normal , dass irgendwann alle arbeiten und heiraten und abends viel zu früh auf der Couch einschlafen. Die Männer trinken zum Mittag das erste Bier und ihre Gesichter werden weiß und aufgedunsen, bis nichts mehr übrig ist von den süßen Jungs, die sie mal waren. Auf einmal kommt mir mein Leben viel zu lang vor und gleichzeitig habe ich das Gefühl,  es wäre schon vorbei. "

    Perspektivlosigkeit auf dem Land - als Buch kommt das nur so mittel rüber bzw. ist nur eingeschränkt unterhaltsam...

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    DasBuchmonsters avatar
    DasBuchmonstervor 2 Jahren
    ein bleibender Eindruck

    Der Inhalt:     Christin lebt auf dem Bauernhof ihres Freundes Jan. Ihr Lebenstraum ist das nicht gerade, aber was soll man schon machen? Jan kämpft Stunde um Stunde für seinen Melkbetrieb und gegen die Windkraftanlagen, die Ohnmacht des einzelnen gegenüber des Staates und der Medien gegenüber macht ihm echt zu schaffen. Und Christin? Sie versucht ihr Leben zu angenehm wie möglich zu gestalten, nur ob sie da auf dem richtigen Dampfer ist. . . .       Der Schreibstil:     Der Schreibstil wirkt zu Anfang unterkühlt, schnell wird dem Leser klar, dies hier ist kein Roman, der das Landleben romantisiert, sondern es geht um das richtige Leben mit all seinen Tücken. Auf dem Bauernhof ist wenig Zeit für Zärtlichkeit, dafür aber viel Arbeit, die einen verdrießlich machen kann.  Kurze knappe Beschreibungen bringen Situationen auf den Punkt, ohne viel Federlesens werden vor allem die negativen Aspekte des Landlebens aufgegriffen.       Die Charaktere:     Christin wird in einigen Beschreibungen als Anti- Heldin proklamiert. Doch ist sie das wirklich? Ja, sie lügt und betrügt, ist egoistisch und man müsste wirklich lange überlegen, um ihr gute Eigenschaften abgewinnen zu können. Nur frage ich mich auch: ist dies nicht irgendwie normal? Christins Situation ist schwierig, ein Vater als Alkoholiker, eine Mutter, die abgehauen ist und Jan, der mit dem Melkbetrieb so viel um die Ohren hat. Wer hat da Zeit für Christin? Wo bleibt die Zärtlichkeit für sie? Klar, man kann ihre Taten mit Missgunst betrachten- man kann aber auch verfolgen, wie Christin eigentlich um Aufmerksamkeit und Anerkennung schreit. Zwar sind die Grundlagen nicht immer die Edelsten- aber ich hatte kurze Phasen, in denen ich es echt verstanden habe. Vor allem während Christins Rückblenden kamen diese Gefühle bei mir an. Es bleibt nicht viel Zeit auf dem Land für persönliche Dinge- mittendrin ist Christin und geht dabei vollkommen unter.   Jan ist eher der jähzornige Typ, der Christin überwachen will wie eine seiner Kühe im Stall. Es gab durchaus auch schöne Momente zwischen Jan und Christin, doch das Verhältnis wird immer distanzierter. Jan als Kämpfer für seine Rechte und als Aufrechterhalter des Melkbetriebs hat mir sehr gut gefallen, Jan als Partner dagegen.... puh ziemlich mies, den würde ich nicht mal geschenkt bekommen wollen, ich habe es einfach nicht so mit Partnern, die mir ihre Moralvorstellungen und ihre Art zu leben aufs Ohr drücken wollen und ich glaube, auch dies fördert Christins Unbehagen. Sie kann sich einfach nicht entfalten. Sie ist perspektivlos.     Die Story:   Der Verlauf der Geschichte ist eigentlich das, was mich am meisten gestört hat in diesem Buch. Eine "echte" Handlung war am Anfang schwierig zu erkennen, wobei in der Mitte das ganze interessanter wird, auch auf psychologischer Ebene, an diesem Punkt habe ich mich eigentlich recht wohl gefühlt. Das Ende hat mir dann jedoch am wenigsten gefallen, es war meiner Meinung nach zu instruiert und nicht authentisch genug, was eigentlich im Gegensatz dazu steht, wie ich das Buch anfangs empfunden habe. Ein geschickteres Ende hätte mich zu einer höheren Punktzahl animiert.     Das Fazit:   Das Buch hat eine Menge Potenzial, welches mich nachdenklich gemacht hat. Eine Protagonistin, die einen schwierigen Charakter hat mit einem sozialkritischen Hintergrund verbunden scheint eine interessante Mischung zu sein, die hätte klappen können. Das Ende jedoch war ein Fehlschlag, zunächst zu instruiert und dann noch offen und frei (Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden) waren keine gute Kombination, wobei mich das freie Ende nicht so sehr gestört hat.     Von mir gibt es also für "Niemand ist bei den Kälbern" 3 Monstersternchen.

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    Barbara62s avatar
    Barbara62vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Leider gar nicht mein Buch, diese 250 Seiten Klagen einer jungen Frau, die völlig initiativlos ihr Schicksal hinnimmt.
    Nur, wenn man zu langsam fährt, bleibt man stecken

    Eigentlich bin ich immer sehr gespannt auf die Debütromane neuer, junger Autoren und das Konzept eines Anti-Heimatromans aus Schattin in Mecklenburg klang verlockend für mich. Dass Niemand ist bei den Kälbern der 1984 geborenen Autorin Alina Herbing dann doch überhaupt nicht mein Buch war, liegt vor allem daran, dass ich keinerlei Empathie für die Protagonistin aufbringen konnte, deren enervierendes Gejammer und Selbstmitleid mich mit zunehmender Seitenzahl mehr abgestoßen hat, an der sehr flachen, oft ordinären Sprache und daran, dass ich mir trotz aller schwerwiegenden Probleme in einer strukturschwachen Region nicht vorstellen kann, dass die Menschen dort nahezu durchweg antriebsschwach, kriminell, dem Alkohol verfallen, gewalttätig  und vereinsamt sind.

    Dabei ist mir durchaus bewusst, dass die Ich-Erzählerin Christin, Anfang 20, es mit der durchgebrannten Mutter, dem im Dorf als Ex-Stasi-Mann geächteten, zum verwahrlosten Säufer verkommen Vater und der wegen Insolvenz des Salons abgebrochenen Friseurlehre schwer hat. Als Kind hat sie davon geträumt, mit 18 auf High Heels über den Berliner Asphalt zu stöckeln, stattdessen ist sie auf einen überschuldeten Milchviehbetrieb zu ihrem Freund Jan gezogen, der ihre Sachen durchsucht und ihr Handy filzt. Im Gegenzug bringt sie keinerlei Interesse für seinen Kampf gegen die bedrohlich niedrigen Milchpreise und die Windräder auf, lügt, betrügt und drückt sich um die verhasste, da eklige Arbeit im Kuhstall. Anstatt ihre Zukunft beherzt in beide Hände zu nehmen, einen Ausweg aus der für sie trostlosen Dorfperspektive zu suchen, lässt sie sich auf gewalttätigen Sex mit einem verheirateten Mann ein, nur weil der ein Hamburger Autokennzeichen hat, wird zunehmend gewalttätig gegen unschuldige Tiere, trinkt mehr und mehr und spielt nicht nur im übertragenen Sinn mit dem Feuer.

    „Nur, wenn man zu langsam fährt, bleibt man stecken“, heißt es am Ende des Romans. Christin, so schien es mir, fährt überhaupt nicht, sie lässt sich planlos treiben, was mir entschieden gegen den Strich geht. Ob sie es jemals aus Schattin herausschafft, bleibt am Ende offen. Leider ist es mir aber auch ziemlich egal.

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    Fortis avatar
    Fortivor 2 Jahren
    Landleben ohne Idylle

    Alina Herbing nimmt den Leser in ihrem Debut "Niemand ist bei den Kälbern" mit in die mecklenburgische Provinz, genauer gesagt in das Dorf Schattin in Nordwestmecklenburg. Hamburg ist in Reichweite, Lübeck sogar in Sichtweite, dennoch ist das Dorf ganz weit weg vom Stadtleben und der weiten Welt. Alina Herbing beschreibt ein düsteres Landleben. Das hochsommerliche Wetter und die landschaftliche Idylle stehen im Kontrast zum Alltag und Lebensgefühl der Ich-Erzählerin Christin, die in einer nicht gerade glücklichen Beziehung und ohne Perspektive auf einem Milchhof lebt und arbeitet.

    Die Autorin wartet alles auf, das man in einem ostdeutschen Dorf erwarten kann: Milchbauern am Ende der Existenz, Tristesse, ein Dorffest, Nazis, Alkohol und noch einiges mehr. Mit der ländlichen Idylle aus Heimatfilmen (früher) und Hochglanzzeitschriften (heute) hat das nichts gemein. Es mag sich um literarische Verdichtung handeln, dennoch wirkt das Szenario auf mich zwar fern ab meiner eigenen Realität, aber dennoch nicht komplett unrealistisch.

    Sprachlich setzt Alina Herbing das sehr präzise um. Oft an der Grenze zu Andeutung beschreibt sie ohne viele Umschweife Christins Leben, ihre Vergangenheit, ihre Träume. Dabei hat Christin ihre eigene, authentische Sprache, die die Grenze zum Klischee nie überschreitet.

    Ein ungewöhnliches Buch, das das Leben in der ostdeutschen Provinz beschreibt, wie man es noch nie gelesen hat.

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    jenvo82s avatar
    jenvo82vor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Ein kurzweiliger Roman, der zum Nachdenken anregt und das Landleben von einer unschönen, scharfkantigen Wahrnehmung beleuchtet. Lesenswert!
    200 Milchkühe und doch kein Idyll

    „Sonnenlicht strahlt zwischen den Vorhängen ins Zimmer. Es ist vollkommen still. Ich hab geträumt, dass ich in Hamburg war, in einem riesigen Karussell immer im Kreis gefahren bin und über die gesamte Stadt gucken konnte.“

    Inhalt

    Christin möchte so gerne weg, hinaus in ein freies, selbstbestimmtes Leben abseits der Einöde und Verantwortlichkeiten, die der heimische Bauernhof ihr tagtäglich auferlegt. Sie kauft sich teure Schminke, träumt sich in die Großstadt und steckt doch irgendwie fest – gefangen zwischen 200 Milchkühen und einer Landschaftsidylle, der sie rein gar nichts abgewinnen kann. Ihr langjähriger Freund Jan ist ein Bauernsohn und schon jetzt mit dem Hof verheiratet, so dass Christin mit offenen Augen nach einem neuen Partner Ausschau hält, einen, der ihr die Welt zeigt, der sie mitnimmt in ein anderes Leben. Als in ihrem Heimatort die Männer der Windkraftanlage auftauchen, stürzt sie sich voller Vergnügen in ein Abenteuer, dass sie teuer zu stehen bekommt. Denn die aufkeimende Hoffnung ihrerseits wird bitter enttäuscht, nicht ein anderer Mann kann sie mobilisieren, sondern allein ihre eigene Entschlusskraft, wenn sie diese denn aufbringt …

    Meinung

    Auf diesen Debütroman der jungen deutschen Autorin Alina Herbing bin ich aufmerksam geworden, nachdem ich viele begeisterte Leserstimmen in der Romane Challenge auf lovelybooks wahrgenommen habe. Vielleicht auch, weil ich persönlichen Bezug dazu habe und mittlerweile selbst auf dem Land lebe. Dass es sich hier nicht um ein Loblied auf die ländliche Idylle handelt, war mir bereits zu Lesebeginn bewusst und so konnte ich mich umso intensiver mit den Charakteren des Romans auseinandersetzen.

    Die Autorin schafft hier ein kleines Meisterstück, dem man nicht anmerkt, dass es sich um ein Debüt handelt. In fast alltäglichen Situationsbeschreibungen lässt sie Menschen sprechen, die sich nicht mit ihrem Leben identifizieren. Sie schreibt nicht nur von Perspektivlosigkeit, nein sie schildert das mühevolle Leben mit schlecht bezahlten Jobs und daraus resultierender Kleinkriminalität. Sie beschreibt die Problematik des Alkoholismus nicht nur damit, dass man keinen Lebenssinn gefunden hat, sondern auch als Möglichkeit, sich von den tatsächlichen Problemen zu distanzieren. Und was mir besonders gefällt, ist die gewählte Ich-Erzählperspektive, die es möglich macht, zumindest zeitweise eine Hauptprotagonistin zu erleben, die kämpft. Die gegen ihr Leben rebellieren möchte, verzweifelt einen Ausweg sucht und sich doch verdrossen in die Alltagsroutine zwischen Kühe melken und Ernte einholen integriert. Ihre mutwilligen Sabotageakte wirken echt und lassen die zunehmende Verzweiflung ihrerseits zum Vorschein kommen.

    Darüber hinaus gefiel mir die Aussage hinter der eigentlichen Handlung, die durchaus sehr tiefsinnig und bestimmend war. Ich mochte es, wie Frau Herbing einen Zusammenhang zwischen all den trübsinnigen Handlungen, den Exzessen, der generellen Lebenseinstellung und der Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln schafft. Damit wird ganz klar deutlich, dass man sich als unbeteiligter Dritter für Christin etwas Anderes wünscht, dass man aber auch einsieht, dass es im Leben nur dann vorwärts geht, wenn man selbst die Initiative ergreift und sich nicht in ein von außen vorgefertigtes Schema pressen lässt. Was für den einen die Erfüllung ist, grenzt für den anderen an absolute Sinnlosigkeit.

    Fazit

    Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen Debütroman mit einer ungewöhnlichen, wenn auch nicht absonderlichen Thematik, der nicht nur das Landleben kritisiert, sondern den Leser sehr einfühlsam in das Innere seiner Protagonisten schauen lässt. Wer bereit ist, etwas über den Tellerrand zu schauen und sich von der Gutbürgerlichkeit zumindest während des Lesens trennen kann, erlebt interessante Ausflüge in ein Leben, welches man dennoch nicht geschenkt haben möchte.

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    ChrischiDs avatar
    ChrischiDvor 2 Jahren
    Wann ist es Zeit für den Absprung?

    Christin hat das Leben auf dem Hof ihres Freundes Jan satt. Überhaupt möchte sie am liebsten raus, raus aus Schattin, vielleicht sogar raus aus Mecklenburg-Vorpommern, zumindest aber in eine (Groß)Stadt, damit sie ihre schicken Kleider, die sie bisher nur vor dem Spiegel probieren konnte, auch ausführen kann. Doch wann ist der Zeitpunkt für den Absprung gekommen? Und was kommt dann? Christin hat keine abgeschlossene Ausbildung, nur Kontakte innerhalb des Dorfes und eigentlich keine richtige Perspektive. Dann aber tritt Windkrafttechniker Klaus in ihr Leben und alles scheint machbar...

    Den Absprung schaffen, eigene Träume und Wünsche verwirklichen, raus aus dem tristen Alltagsgrau, all das wird dem Leser sicherlich auf die ein oder andere Weise bekannt vorkommen. Bestimmt hat man bereits ähnliche Vorstellungen wie Christin gehabt, womöglich hat man sogar den Mut aufgebracht und diese verwirklicht. Doch zumeist ist es leider so, dass der Mensch Angst vor dem Unbekannten hat, Angst davor was die Zukunft bereit hält, nicht sämtliche Risiken abwägen zu können. Egal wie sehr man sich sagt, man müsse Entscheidungen fällen, neue Richtungen als Chance sehen, skeptisch bleibt man nach wie vor. So geht es auch der Hauptprotagonistin, zu der der Leser zwar eine Verbindung aufbauen kann, sich aber selbst nicht sicher ist was er nun konkret von ihr halten soll. Mal erscheint sie bemitleidenswert, dann wiederum würde man sie am liebsten schütteln und gar nicht mehr beachten.

    Ein Leben auf dem Land kann Idylle bieten, Freiheit und unendliche Weiten. Aber all das sollte man bei dieser Lektüre in den Hintergrund stellen. Denn es wird ein Bild gezeichnet, welches ebenso realistisch ist, nur gänzlich anders. Arbeit bis zum Umfallen, ein rauer Umgangston, ständig dieselben Gesichter, dieselben Gespräche und dieselben Feste, einem unendlichen Kreislauf gleich, aus dem es selten ein Entkommen gibt. Umso verständlicher, dass Christin ihren Ausbruch in der Theorie immer wieder durchspielt, sich sogar als stark genug empfindet dies wirklich durchzuziehen. Doch ob ihr dies tatsächlich gelingen wird, zeigt sich erst am bitteren Ende, denn natürlich müssen, wie im realen Leben auch, Rückschläge eingesteckt und Hindernisse überwunden werden.

    Alina Herbings Debüt hinterlässt beim Leser einen nachhaltigen Eindruck und regt zum Nachdenken an. Über die eigene Situation, Träume und Wünsche, die man vielleicht schon lange verdrängt hatte. Ist es an der Zeit für Veränderungen oder hat man diese bereits hinter sich?

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Sprachlich ziemlich enttäuschend
    Enttäuscht

    Was als poetische und eigenwillige Prosa angekündigt wird, erweist sich für mich in der Lektüre als sprachlich unerträglich flach; ich war enttäuscht.

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Stadt, Land, Flucht

    Debüt-Leserunde mit Alina Herbing. Seid dabei und erfahrt mehr zu diesem aktuellen Thema des Romans "Niemand ist bei den Kälbern".
    Unerschrocken und mit großer Wucht erzählt die Autorin vom Landleben, Zukunftsaussichten und einer vergessenen Region zwischen Ost und West.


    Sommer in Schattin, Landkreis Nordwestmecklenburg. Christin ist gerade auf den Bauernhof ihres langjährigen Freundes Jan gezogen. Die Aufbruchstimmung der Nachwendejahre, die ihre Jugend prägten, ist längst dahin, doch für Jan ist der väterliche Betrieb trotz sinkender Milchpreise noch immer das Wichtigste im Leben. Christin hingegen will nur weg. Sie träumt von der Großstadt und einem Job im Büro. Aber wo soll sie hin ohne Ausbildung? Unüberwindbar scheinen die Grenzen, und so bleiben die immer gleichen Dorffeste, die immer gleichen Freunde, der arbeitslose Vater und der Kirsch aus dem Konsum. Bis Windkrafttechniker Klaus aus Hamburg auftaucht und Christin glaubt, einen Fluchtweg gefunden zu haben.

    Leseprobe

    Alina Herbing, geboren 1984 in Lübeck und aufgewachsen in Mecklenburg, studierte Germanistik und Geschichte in Greifswald, sowie anschließend Neuere deutschsprachige Literatur in Berlin und Kreatives Schreiben, Kulurjournalismus und Literarisches Schreiben in Hildesheim. 2012 war sie Teilnehmerin des "open mike", 2013 des Klagenfurter Literaturkurses. "Niemand ist bei den Kälbern" ist ihr erster Roman. Alina Herbing lebt in Berlin.

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    Pressestimmen

    »Wie Alina Herbing die Tristesse dieses Mecklenburger Hinterlands beschreibt, das ist so glasklar und unterschwellig bedrohlich, dass einem alle paar Seiten der Atem stockt.«
    Kathleen Hildebrand, Süddeutsche Zeitung

    »Wahrhaftig, kraftvoll, kantig – man kann diesen Roman nicht aus der Hand legen.«
    Natascha Geier, NDR Kulturjournal

    »Spätestens als ganze Tage der Hauptfigur Christin vom Kirschlikör vernebelt sind, entwickelt das Buch solch einen erzählerischen Sog, dass man es nicht mehr weglegen möchte.«
    Vivian Alterauge, stern

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