Aline Valangin war mir von ihren Tessiner Dorfromanen her in bester Erinnerung. Dorfroman – da denkt man an eine beschauliche Idylle, fernab vom Getriebe der Welt und vor allem des 2. Weltkriegs. Aline Valangin aber schaut genau hin. Gnadenlos legt sie die Scheinheiligkeit dieser vermeintlichen Idylle frei – und mit diesem präzisen Blick betrachtet sie hier ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter.
Die Autorin ist ausgebildete Psychoanalytikerin und erkennt das komplizierte Geflecht, in dem sie und ihre Mutter sich verfangen haben. Schon ihre Geburt war eine Enttäuschung: nur ein Mädchen? Die Mutter wünschte sich einen Sohn als Ersatz für ihren Ehemann, der sie mit seiner eher stillen und unglamourösen Lebensweise enttäuschte. Eine schwierige Beziehung beginnt. Die Mutter vereinnahmt die Tochter vollständig und isoliert sie von ihren Altersgenossinnen. Die Autorin erkennt den Grund: die Mutter ist getrieben von einer „grauenvollen Angst vor dem Alleinbleiben“ und macht die Tochter für ihre Lebensglück derart verantwortlich, dass die Tochter nur noch ein Ziel hat: die Flucht aus dem Elternhaus, die Flucht ins Studium und in eine Ehe. Die Mutter scheut auch vor Erpressung und Lügen nicht zurück und zwingt sie mit ihrer angeblichen tödlichen Erkrankung nach Hause zurück. Die Tochter erkennt sehr wohl die Machtkämpfe der Mutter, verweigert ihr schließlich die Gefolgschaft und verhärtet sich ihr gegenüber.
Die ungesunde, hoch emotionale Verkettung dieser beiden Frauen löst sich erst nach dem Tod der Mutter. Auch hier analysiert Aline Valangin trotz ihrer Erschütterung sehr präzise. Sie erkennt, dass der Tod der Mutter für sie zugleich eine Geburt bedeutet: den Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben. Trotzdem ist sie voller Reue über ihre Härte.
Aline Valangins kurzer Text ist in einer der Zeit entsprechenden Sprache verfasst, die aber in ihrer hohen Emotionalität mehr als 100 Jahre später immer noch den Leser berührt. Und die den Leser anstößt, das Verhältnis zur eigenen Mutter zu bedenken.
Ein lesenswerter Text. Und ein großes Dankeschön an den Limmat Verlag, der diese vergessene Autorin wieder ins Licht hebt.
4,5/5*











