Eine Art modernes Märchen
„Eines Tages wirst du verstehen, dass du wohl viel Angst gehabt hast. Aber es war nicht die Angst des Feigen, es war die Angst eines Menschen, der sich nicht verlieren wollte. Du hast alles, auch das Schwerste, immer auf dich genommen, um zu dir selbst zu kommen. Und du wirst zu dir selbst kommen!“
Als ich Hans Falladas Roman „Dies Herz, das dir gehört“ zum ersten Mal in die Hände bekam, dachte ich zunächst: „Hm, hier geht es bestimmt um eine richtig schöne, kitschige Geschichte.“ Zu diesem Zeitpunkt war es auch genau das, was ich suchte. Doch siehe da, als ich dann richtig eintauchte in die Handlung, merkte ich schnell: „Diese Story ist wirklich schön und sie berührt mich – vor allem aber auch, weil sie nicht so kitschig ist.“
Die Geschichte rund um Johannes Wiebe und Johanna Lark (kurz Hannes und Hanne) entstammt aus der Feder Hans Falladas im Jahr 1939. Ursprünglich als Film gedacht, sollte darin „kein Wort von Politik geredet werden“, wie es im Nachwort des Buches heißt. Dennoch gab es Propaganda-Richtlinien des herrschenden NS-Regimes, die Fallada jedoch glücklicherweise versuchte zu unterlaufen. Er hatte zum Ziel, die Persönlichkeit der weiblichen Protagonistin Hanne in den Fokus zu rücken und deren Wirkung sich entfalten zu lassen.
Die Handlung selbst ist aufgeteilt in mehrere Akte. Früh lernen wir Hannes Wiebe kennen, Sohn des verstorbenen Metallwarenfabrikbesitzers Hermann Wiebe in Berlin, zudem Träumer und Idealist. Er bricht zunächst mit seiner Mutter und seinem Bruder, weil diese aus Kosten- und Profitgründen vielen Mitarbeitern der hauseigenen Fabrik kündigen. Hannes reist anschließend nach Amerika und versucht dort etwas aus sich zu machen, wird jedoch, durch die Arbeiten, die er vor Ort verrichten soll, desillusioniert. Also kehrt er wieder heim, trifft dort zufällig auf Hanne Lark und verliebt sich direkt in sie. Klappe zu, Happy End? Weit gefehlt, denn das junge Glück wird im weiteren Verlauf immer wieder auf teils harte Proben gestellt: Da ist zum einen die Tante von Hanne, Auguste Mahling, die im Plot Moral und Anstand verkörpert und versucht, einen Keil zwischen Hanne und Hannes zu treiben; Emil Schaken, ein wahrer Bösewicht, der auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt; Thomas Wiebe, der Bruder von Hannes, der die Fabrik und den davon abspringenden Profit ganz für sich allein haben möchte und sogar die eigene Mutter dafür manipuliert und zum anderen Erna Wiebe, die Mutter von Hannes, die nach langem hin und her den verloren geglaubten Sohn wieder ganz für sich haben möchte und seiner neuen Weggefährtin Hanne deshalb zunächst kritisch gegenübersteht.
Ich weiß nicht, wie es euch ergeht, wenn ihr die Geschichte in den Händen haltet, aber ich kam nicht umhin, beim Lesen immer wieder an eine Art modernes Märchen zu denken, das ich da vor Augen habe. Oft ist es ja so, dass die Prinzessin zunächst harte Proben überstehen muss, bevor sie ihren Prinzen in den Armen halten darf. Hier ist es jedoch genau andersherum: vor allem der männliche Protagonist ist von Selbstzweifeln geplagt und muss auf seinem Weg zum Glück viele Hindernisse überwinden. Wie dem auch sei, die Kombination aus männlichem Träumer und starker Frau steht der Geschichte meiner Ansicht nach auf jeden Fall gut zu Gesicht.
Auch insgesamt ist die Handlung sehr griffig, sie zieht einen direkt in sich hinein und man kann sie so in einem Rutsch weglesen. Nur den häufig auftretenden Berliner Dialekt in der wörtlichen Rede fand ich dann doch irgendwann etwas anstrengend. Alles in allem aber gute Unterhaltung, die mich motiviert, noch weitere Geschichten von Hans Fallada zu entdecken.


