Alonso Cueto Die blaue Stunde

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Inhaltsangabe zu „Die blaue Stunde“ von Alonso Cueto

Der erfolgreiche Anwalt Adrián Ormache findet nach dem Tod seiner Mutter heraus, dass sein Vater in den achtziger Jahren, als der "Leuchtende Pfad" seinen Guerillakrieg gegen den Staat führte, eine Militärkaserne leitete - brutal und erbarmungslos. In eine seiner Gefangenen jedoch verliebte er sich und lebte mit ihr in einem Zimmer, statt sie, wie üblich, an seine Soldaten "weiterzureichen". Bis ihr eines Tages die Flucht gelang. Adrián begibt sich auf die Suche nach der früheren Geliebten seines Vaters. Konfrontiert mit der Vergangenheit, werden ihm seine Heimat und sogar sein eigenes Leben zusehends fremd. Alonso Cueto, einer der wichtigsten Schriftsteller der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur, beschreibt die Folgen von zehn Jahren Bürgerkrieg und Terror in Peru.

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    Die blaue Stunde
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    19. February 2015 um 19:29

    Adrian Ormache, die Hauptfigur in Alonso Cuetos lesenswertem Roman „Die blaue Stunde“ ist ein Mann, dem es besser nicht gehen könnte. Er gehört als Inhaber einer sehr erfolgreichen Anwaltskanzlei in Lima zum gehobeneren Establishment eines Peru, das seine eigenen „bleiernen Jahre“ hinter sich gelassen zu haben scheint. Er wohnt in einer der besten Viertel von Lima, hat mit Claudia eine wunderschöne Frau, die ihn versteht und in allem unterstützt und mit ihr zusammen zwei Töchter. Alicia, die ältere von beiden, studiert Jura an der Katholischen Universität und tritt selbstsicher in die Fußstapfen ihres Vaters. Ihre Schwester Lucia ist empfindsamer und kann sich sehr für Musik begeistern.  Zu seinem Bruder Ruben hat Adrian seltenen Kontakt, sie sind gar zu unterschiedlich. Erfolgreich, mit einer glücklichen Ehe und zwei gelungenen Töchtern gesegnet, öffentlich anerkannt und geschätzt, in einem Land, in dem es nach langer Zeit der Dunkelheit wieder aufwärts geht – das Leben könnte für Adrian nicht schöner sein. Und doch wird er quasi über Nacht in einen biographischen Strudel hineingestürzt, der ihn tief in die jüngste Geschichte seines Landes mit dem erbarmungslosen Krieg zwischen den Terroristen des Leuchtenden Pfads (Sendero Luminoso) und der peruanischen Armee und Sicherheitspolizei führt, der an Grausamkeit und Unmenschlichkeit über eine sehr lange Zeit beispiellos war und kaum eine Familie in Peru unberührt ließ. Als Adrians Mutter stirbt, nimmt ihn das mehr mit als er vermutet hätte. Doch mitten in seine ungewöhnlich heftige und Züge von Depression annehmende Trauer, erfährt er nach der Beerdigung seiner Mutter von den Rolle seines schon längere Zeit verstorbenen Vaters im erbarmungslosen Krieg gegen den Sendero. Als er Dokumente seiner Mutter durchsieht, entdeckt er einen alten Brief an sie: „Senora Beatriz Ormache: Ihr Ehemann, der Offizier Ormache, ist ein sehr böser Mann, der großes Unglück über meine Familie gebracht hat. Meine Nichte wurde in Huanta gefoltert und vergewaltigt. Meine Nichte war gut, nie hat sie etwas mit Terrorismus zu tun gehabt, aber ein paar Soldaten sind gekommen und haben sie mitgenommen und Ihr Ehemann Ormache hat sie vergewaltigt, Senora, Missbrauch hat er ihr angetan. Deshalb, Senora, wird Fluch über Ihre Kinder und über Sie kommen, Senora. Für alle Zeit verflucht. Dieser Fluch wird viele Jahre dauern, er wird auf Ihnen und auf ihren Kindern und den Kindern Ihrer Kinder liegen, So wird es sein, Vilma Agurto.“ Dieser Brief verändert mit einem Schlag Adrians Leben. Er begegnet Chacho, der zusammen mit seinem Vater in der Kaserne des Militärs in Huenta diente. Er bestätigt, daß Adrians Vater in besonders brutaler Weise an Folterungen beteiligt war und sehr oft, nach dem er sich an einer weiblichen Gefangenen vergnügt hatte, diese dann seiner Mannschaft zur Verfügung stellte, bevor sie dann getötet wurde. Auch sein Bruder Ruben bestätigt ihm das Verhalten des Vaters. Und er erfährt von einem Mädchen namens Miriam, die sein Vater geliebt hat, die er bei sich behalten und mit der er gelebt hat und die eines Tages mit einer List aus der Kaserne geflohen ist. Es stellt sich auch heraus, daß Adrians Mutter bis zu ihrem Tod an die Familie Miriams eine Art Schweigegeld gezahlt hat, das diese nun, nach deren Tod, von ihm  verlangt. Wenn diese Geschichte über seinen Vater öffentlich würde, wäre Adrian erledigt. Auch deshalb macht  er sich auf eine abenteuerliche Suche nach dieser Frau, erinnert sich, daß es wohl sie gewesen ist, mit deren Suche ihn sein Vater damals kryptisch auf dem Sterbebett beauftragt hatte und verliert langsam den Boden unter den Füßen seiner so gesicherten und glücklichen Existenz. Seine Frau Claudia, der er sich mehr und mehr zu entfremden droht, was ja auch kein Wunder ist, versucht zu verstehen, was in ihrem Mann vorgeht, und es ist kaum zu glauben, daß am Ende des Buches diese Ehe noch besteht Nach langer Suche – Adrian hat dabei große Probleme, seiner Arbeit in der Kanzlei nachzukommen, wobei ihm seine Assistentin Jenny eine unschätzbare Hilfe ist – findet er Miriam. Sie versichert ihm sofort, daß er keine Angst zu haben brauche, daß sie irgendetwas der Öffentlichkeit preisgebe und will zunächst nichts mit ihm zu tun haben, schickt ihn weg. Doch Adrian bleibt stur, er will mehr wissen. Sie nähern sich einander immer mehr an, beginnen sogar eine Beziehung, Und sie erzählt ihm die lange, bedrückende Geschichte seines Vaters, ihre Geschichte mit ihm. Und er schreibt sie auf für dieses Buch. „Die blaue Stunde“ ist ein beeindruckendes Buch der Geschichte einer Schuld, die vom Vater auf den Sohn übergeht und diesen am Leben hindert, ihm das Licht nimmt und ihn ins Dunkle stürzt. Aber er muß sich dieser Geschichte stellen, es führt kein Weg daran vorbei. Er hört von Miriam von ihrer abenteuerlichen Flucht, jener „blauen Stunde“ kurz vor Morgengrauen, als die Soldaten sie beinahe gefasst hätten und lange lässt sie Adrian in dem Glauben, ihr Sohn Miguel sei sein Bruder. Dabei setzt er sein Familienleben fort wie gewohnt, aber: „In jener Zeit fühlte ich, daß ein anderer Mann Besitz von meinem Körper ergriffen hatte. Auf einmal kam es mir als das Natürlichste der Welt vor, mich so zu fühlen, halb zornig, halb entzückt, eine Mischung, die mich von allen Stühlen vertrieb, auf denen ich saß. Ich dachte nur an Miriam, ich sah ihre Augen, die mich anschauten, und hörte ihre Stimme, wie findest du Miguel, und spürte ihre vollen Lippen auf meinem Mund.“ „Die blaue Stunde“ ist ein bewegendes und sprachlich anspruchvolles Buch, dem ich gerade in Deutschland eine große Verbreitung wünsche. Denn die von Alonso Cueto in diesem Roman vorgelegte Geschichte aus Peru ist eine Form der Bearbeitung von schrecklicher Vergangenheit und der damit verbundenen Schuld, die über die Generationen hinweg wirkt, wie wir sie in Deutschland etwa seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Literatur zunehmend finden. Es ist sehr interessant, aus fremden Ländern zu hören, wie dort Menschen mit einer politischen Vergangenheit umgehen, deren Schrecken und Terror das Land Peru bis Mitte der achtziger Jahre des 20.Jahrhunderts in großes Chaos stürzte und deren Aufarbeitung nach der Verhaftung von Guzman, dem Führer des Sendero erst langsam beginnt. Ich kann das Buch nur empfehlen.

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  • Rezension zu "Die blaue Stunde" von Alonso Cueto

    Die blaue Stunde
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    03. November 2008 um 10:02

    "Die blaue Stunde" - Schuld und Sühne? Alonso Cuetos erster ins Deutsche übersetzte Roman ist eine spannende und wirklich interessante Lektüre. Schnell ist man in der Geschichte des Anwalts Adrian Ormache gefangen, der im Nachlass seiner Mutter einen Brief findet, der ihm (nach Andeutungen seines Bruders Rúben) Hinweise auf seinen Vater gibt, die ihn zu einer aufregenden Suche nach den Spuren der Vergangenheit seines Vaters treibt. Die schockierende Erkenntnis, das sein Vater als hochrangiger Militär scheinbar der Verantwortliche für viele Vergewaltigungen, Folterungen und Tötungen im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus war, treibt ihn obsessiv auf die Suche nach Miriam, die vermeintlich als einziges Opfer entkommen konnte. Die Suche nach Erklärungen, nach Fakten, nach dem wahren Bild des Vaters, und vor allem, nach Miriam drängt sich in Adrian Ormaches Leben (das ein vermeintliches Leben wie im Bilderbuch ist: schöne, reiche Frau, hübsche, kluge Töchter, ein großes Auto, ein toller Job) an die erste Stelle, er vernachlässigt seine Familie, seinen Beruf und sein Leben. Er beginnt die Oberfläche seines Lebens zu hinterfragen und erkennt, dass das Leben in Wahrheit nicht aus "Seafood Restaurants" in Miami, oder Urlaub in der Karibik besteht. Dieser Teil des Romans ist meiner Meinung nach leider mit einigen unlogischen Entwicklungen gespickt, die eine Aura der Unglaubwürdigkeit über dieses eigentlich spannende Buch verbreiten. Um eine obsessive Vernachlässigung des bisherigen Lebens zu zeigen, wäre manchmal weniger auch mehr gewesen, oder auch eine konsequentere und weniger klischeehafte Zeichnung dieses Ausbruchs. Mehr Feinheiten in der Entwicklung hätte ich mir auch im Teil mit Miriam gewünscht, der mich eigentlich, trotz großartiger emotioneller Momente auf der literarischen Seite etwas unglücklich zurückgelassen hat. Das Entwicklung des Innenlebens von Adrian Ormache wird am Ende auf eine etwas moralistische Art (die eigentlich seinem Entscheidungsunvermögen doch fast konsequent folgt) über den Haufen geworfen, ja, schön, aber warum? Fazit: "Die blaue Stunde" ist ein wirklich spannender, aufregender Roman, der sich der Frage nach Schuld und Sühne anhand der brutalen Vergangenheit seines Landes auf originelle Art und Weise nähert, der jedoch einige Makel hat und teilweise sehr durchwachsen ist. Mein Interesse auf ein weiteres Buch von Alonso Cueto hat "Die blaue Stunde" jedoch geweckt. Daher auch meine Bewertung mit 4 Sternen.

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