Der Professor

von Amélie Nothomb 
4,2 Sterne bei97 Bewertungen
Der Professor
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buchstabensammlerins avatar

Eines ihrer Besten!

M

Ziemlich wilde und absurde Geschichte. Ich musste teilweise richtig laut lachen. Das Ende kommt jedoch irgendwie ziemlich plötzlich.

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Inhaltsangabe zu "Der Professor"

Das Gelehrten-Ehepaar Hazel hat sich nach der Pensionierung aufs Land zurückgezogen und lebt friedlich in einem glyzinienumrankten Häuschen. Die alten Leute genießen ihr stilles Glück, bis sich eines Tages der einzige Nachbar, Palamede Bernardin, zum Kaffee einlädt. Das wird akzeptiert, aber Bernardin kommt wieder, jeden Nachmittag, Punkt vier, steht er vor der Tür und läßt sich durch nichts abwimmeln. Die Hazels fühlen sich bedrängt und bedroht, aber die seit jahrzehnten geübten Höflichkeitsregeln lassen sich nicht so einfach außer Kraft setzen. Oder doch? Dann, als die Annäherungen des Nachbarn zum schier unerträglichen Alptraum werden? Ein Psychothriller, der durch Spannung und Witz besticht.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257061079
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:195 Seiten
Verlag:Diogenes
Erscheinungsdatum:01.10.1998
Das aktuelle Hörbuch ist am 09.08.2005 bei HörbucHHamburg erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    awogflis avatar
    awogflivor 9 Monaten
    Eskalation einen Psycho-Kleinkrieges

    Im Rahmen meiner Autorinnenchallenge komme ich jetzt öfters in eine Enscheidungskrise und diesmal stellte sich beim Buchstaben N die Frage: Nothomb oder Niffenegger? Da mein Goodreads-Lesefreund Semion wahrscheinlich die Zwillinge von Highgate lesen wird, habe ich mich für die mir bisher noch nicht bekannte Autorin Nothomb entschieden, und ich bin positiv überrascht. Dies wird sicher nicht das letzte Buch bleiben, das ich von dieser Schriftstellerin lese.

    Die Geschichte ist relativ simpel mit sehr wenigen Protagonisten strukturiert. Das pensionierte Ehepaar Hazel - Emile und Juliette - er war Lehrer für alte Sprachen - erfüllt sich endlich den Lebenstraum vom einsamen und einfachen Landleben. Abseits einer kleinen Ortschaft stehen zwei Häuser, die Zivilisation in Form eines Bauernladens ist leicht erreichbar, der noch unbekannte Nachbar ist praktischerweise auch gleich Arzt. Wie passend!

    Der bereits in den Plot eingeführte Nachbar, Monsieur Palamede Bernadin, übt sich ab dem ersten Tag wie Sun-Tse in der Kunst des Psychokrieges. Jeden Tag kommt dieser Quälgeist um 4:00 Uhr Nachmittags vorbei, bleibt bis Punkt 6:00 Uhr, schweigt mürrisch und antwortet einsilbig wenn er was gefragt wird, bleibt aber hartnäckig im Wohnzimmer sitzen. Der gesamte Besuch ist eine einzige Qual und vergällt dem Ehepaar ihren Traum vom friedvollen Leben in der Idylle. Das Ehepaar Hazel hat auf Grund ihrer Erziehung zur Höflichkeit am Anfang wenig Instrumente, sich gegen das schlechte Benehmen des Invasoren in die häusliche Gemütlichkeit zu wehren. Aber nach und nach, gemäß der Kunst des Krieges beginnen die Hazels, Strategien als Gegenmaßnahmen zu entwickeln, die Palamede stets mit einer weiteren Eskalation beantwortet. Da hilft es aber auch nichts, einfach nicht zu öffnen, Monsigneur Bernadin poltert so laut an die Türe, dass er sie beinahe einschlägt, wenn Juliette Hazel krank ist, entblödet sich dieser übergriffige, unhöfliche Mensch doch tatsächlich nicht, im Schlafzimmer der Kranken aufzutauchen und sich hinzufläzen.

    Die nächste Finte der Hazels ist, die Frau von Palamede miteinzuladen um etwas Schwung in die Konversation und die nachbarlichen Beziehungen zu bringen. Dieser Abend gerät zum absoluten Desaster:

    "Eine Zyste, dieses Ding war eine Zyste! Eva war aus der Rippe Adams gemacht worden, und Madame Bernadin war sicherlich als Zyste im Bauch unseres Quälgeists herangewachsen. [...] Bernadette besaß keine Nase; zwei undeutlich erkennbare Löcher schienen der Atmung zu dienen. Zwei schmale Schlitze oberhalb davon öffneten sich vor den Augäppfeln, doch konnte man nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Augen etwas sahen. Am meisten zu denken gab der Mund: man hätte meinen können, der eines Kraken. Ich fragte mich, ob diese Öffnung  wohl Laute hervorbringen konnte."

    Zug um Zug steigert sich dieser Kleinkrieg und nach einem Eklat, begeht Palamede Bernadin einen Selbstmordversuch., der von Emile Hazel vereitelt wird.  Nun wird das Ehepaar noch weiter in den Strudel der Angelegenheiten der Nachbarn hineingezogen, denn die offensichtlich behinderte Nachbarin Bernadette benötigt Hilfe, solange ihr Mann im Krankenhaus weilt und irgendwie fühlt sich Emile immer mehr verantwortlich.

    So geht die Story mit 2 Schauplätzen 4 Personen mit viel Action weiter, ein Psychokrieg der kleinen Nadelstiche. Kennt Ihr den Film "Das Duell" von Stephen Spielberg genauso ist die Stimmung und der Plot - sehr minimalistisch inszeniert - aber es tut sich wahnsinnig viel von der tiefenpsychologischen Seite her.   

    Das Ende des Romans ist sowohl total moralisch verwerflich als auch atemberaubend, da ich zugeben muss, meine moralischen Skrupel ein bisschen über Bord geworfen zu haben und die schändliche Tat beginne, ein klein wenig zu rechtfertigen - beziehungsweise kann ich sie ein bisschen nachvollziehen.

    Fazit: Für Fans der vielen Personen, des Gewusels und der Action in Romanen vielleicht ein bisschen zu minimalistisch, für mich aber absolut lesenswert und psychologisch köstlich! Definitv nicht die letzte Nothomb - Tipps von Euch diesbezüglich sind mir herzlich willkommen.

    Kommentare: 6
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    C
    ClaudiasWortweltenvor 2 Jahren
    Ein großartiger Roman - grotesk, abgründig und von ungeheurer Intensität

    Inhalt:

    Émile und Juliette Hazel sehnen sich schon ihr Leben lang nach einem ruhigen, beschaulichen Lebensabend in vollkommener Abgeschiedenheit. Der ehemalige Latein- und Griechischprofessor konnte es kaum abwarten, endlich in den wohlverdienten Ruhestand zu treten und das Großstadtleben hinter sich zu lassen.

    "Studien, Arbeit und selbst die bescheidensten Formen der Geselligkeit – das war uns alles schon zuviel […] Juliette und ich, wir wollten endlich die Fünfundsechzig erreichen, wir wollten mit der Zeitverschwendung aufhören, die der Umgang mit Leuten darstellt."

    Die Eheleute finden ein idyllisch gelegenes Traumhaus auf dem Land, von einer Glyzinie umrankt, vier Kilometer entfernt vom nächsten Dorf und mit nur einem einzigen Nachbarn. Als sie dort einziehen, scheint das Glück perfekt, denn in diesem entlegenen Winkel der Erde wähnen sie sich nun am Ziel ihrer Träume.
    Doch schon bald wird dieser Friede gestört, als eines Tages ihr Nachbar Palamède Bernardin vor der Tür steht. Ein Höflichkeitsbesuch, so scheint es zunächst, doch der wortkarge Nachbar kommt von nun an jeden Tag. Die Beharrlichkeit, mit der der griesgrämige Monsieur Bernardin täglich um 16 Uhr an die Tür klopft, sich eine Tasse Kaffee bringen lässt und sich dann für exakt zwei Stunden behäbig in einem Sessel niederlässt, gleicht einer Belagerung. Bernadins Lakonie scheint grenzenlos, jede Frage beantwortet er nur mit „ja“ oder „nein“, starrt nur verdrossen, missbilligend und stumpfsinnig vor sich hin und langweilt seine unfreiwilligen Gastgeber fast zu Tode.

    "In Wahrheit war Monsieur Bernardin nur auf der Welt, um andere anzuöden. Der Beweis ist, daß kein Fünkchen Lebensfreude von ihm ausging."

    "Das schlimmste war, daß es ihm nicht mal Vergnügen machte, mich anzuöden. Er tat es gründlich, weil es nun mal seine Mission auf Erden war, aber es bereitete ihm keinerlei Freude. Er schien es sterbenslangweilig zu finden, mich zu langweilen."

    Doch die anerzogenen Manieren und eine tief verwurzelte, gewohnte Höflichkeit verbieten es den Hazels, den lästigen Nachbarn abzuweisen oder ihm einfach die Tür nicht mehr zu öffnen. Auch mit Tricks und deutlichen Hinweisen, dass sein Besuch mitunter ungelegen kommt, lässt sich dieser nicht mehr abwimmeln. Trotz seiner sonstigen Teilnahmslosigkeit fordert Monsieur Bernadin täglich mit Vehemenz Einlass ins Haus der Hazels.
    Das Ehepaar fühlt sich durch diese Belagerung zunehmend bedroht, und obwohl Bernadin nur missmutig dasitzt, ohne etwas zu tun oder zu sagen, spürt Émile allmählich, dass sein Nachbar im Begriff war, ihn zu vernichten.

    Meine persönliche Meinung:

    Der Roman beginnt mit dem Satz "Von sich selbst weiß man nichts" und endet mit den Worten "Von mir selbst weiß ich nichts mehr". Dazwischen entspannt sich eine packende Geschichte, die so grotesk wie abgründig und von ungeheurer Intensität ist. Dabei beginnt alles zunächst recht harmlos, denn Émile und Juliette Hazel sind so bieder und brav, wie es zwei Menschen nur sein können. Sie kennen sich seit sechzig Jahren, haben sich schon am ersten Schultag ineinander verliebt, sind seit dreiundvierzig Jahren verheiratet und bilden seitdem eine vollkommende Symbiose. Émile ist Altphilologe, hat zwar als Latein– und Griechischlehrer gearbeitet, hatte allerdings noch nie das Bedürfnis nach Gesellschaft und kein Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten. Auch Juliette hat kein Verlangen nach anderen Menschen, denn Émile war und ist ihr ganzes Leben. Sie kennt nur ihren Mann und ist ihm, was ich äußerst befremdlich fand, nicht nur Ehefrau, sondern auch Schwester und Tochter zugleich. Seit Émile in den Ruhestand getreten ist und die Hazels das abgelegene Häuschen auf dem Land gekauft haben, steht dem Traum von einem vollkommen zurückgezogenen Leben eigentlich nichts mehr im Wege. Dieses Ehepaar ist ein in sich geschlossenes System, das keine Eindringlinge von außen duldet.
    Doch dieses System droht zu zerbrechen, als Monsieur Bernardin in ihr Leben tritt und sie Tag für Tag belagert. Zunächst sind die Hazels noch beruhigt, als sie erfahren, dass ihr einziger Nachbar Arzt ist, aber schon beim ersten Zusammentreffen spüren sie, dass er ein recht absonderlicher und äußerst unangenehmer Zeitgenosse ist. Er ist griesgrämig, missmutig, mehr als einsilbig und sein Schweigen ist geradezu unerträglich. Das Schlimmste ist aber, dass er jeden Tag kommt und sich nicht abwimmeln lässt. Weder Émiles intellektuelle Ausführungen über Aristoteles, die nicht minder langweilig und anstrengend sind, als Bernardins Schweigen, noch gelegentliche Hinweise, dass der nachbarschaftliche Besuch gerade ungelegen kommt, schrecken den renitenten Nachbarn ab. Was ihn veranlasst, jeden Tag seine Nachbarn aufzusuchen, bleibt vollkommen im Dunkeln, denn er hat keinerlei Interesse an Konversation, empfindet während seiner Besuche offenbar auch keine Freude und wirklich gemütlich und kurzweilig ist es bei den Hazels auch nicht.
    Was die Hazels wollen, wird jedoch recht schnell klar – ihre Ruhe. Doch wie wird man einen solchen Langweiler und Quälgeist wieder los? Die Höflichkeit gebietet es, den unliebsamen Gast nicht einfach abzuweisen – eine Höflichkeit, die anerzogen und irgendwann so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie wie ein unbewusster Reflex wirkt und die guten Manieren gar nicht mehr unterdrückt werden können. Auch die Strategie, Bernardin zu bitten, beim nächsten Besuch seine Gattin, die er offenbar lieber unter Verschluss hält, mitzubringen, führt nicht zum erwünschten Erfolg. Mit Bernadette Bernardin betritt eine Protagonistin die Bühne, die die kaum mehr zu überbietende Groteske noch steigert, denn die Frau des Nachbarn hat kaum noch menschliche Züge und wird von Nothomb auch mit Attributen versehen, denen nichts Menschliches anhaftet. Sie wird als Zyste und als Ding bezeichnet, ihre Arme gleichen Tentakeln und ihre Sprache ist zu einem unverständlichen Grunzen verkommen.
    Die eigentliche Frage, mit der sich der Text beschäftigt, dreht sich jedoch nicht nur darum, wie die Hazels den nervtötenden Nachbarn wieder loswerden können, sondern was an diesem vollkommen passiven und affektarmen Mann denn so bedrohlich ist. Sein einziges Verbrechen besteht ja eigentlich nur darin, dass er recht unnachgiebig und vor allem gähnend langweilig ist, aber er tut ja nichts Verbotenes. Dennoch gleichen seine täglichen Besuche einem Terrorangriff, der die Hazels zu vernichten droht und ihnen Angst macht. Die eigentliche Bedrohung, die von Bernardin ausgeht, besteht aber letztendlich darin, dass er Émile durch sein Verhalten zur Introspektion zwingt, die ihn zu einer ernüchternden und vernichtenden Selbsterkenntnis führt. Bislang hielt Émile sein Leben für gelungen, hat den Sinn seines Daseins nie hinterfragt, aber nun wird ihm klar, dass er in jeder Hinsicht gescheitert ist – als Ehemann, als Lehrer und auch als Mensch. Der ewig unzufriedene und missmutige Nachbar, der das freud- und sinnlose Leben geradezu verkörpert, führt Émile Hazel jeden Tag die Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit seiner eigenen Existenz vor Augen – das ist die eigentliche Bedrohung.

    "Die zwei Monate der Belagerung durch Monsieur Bernardin hatten etwas in mir zerbrochen, von dem ich nicht wußte, was es war, dessen Zerstörung ich jedoch mit schmerzhafter Deutlichkeit empfand."

    Die Lage eskaliert vollends, als Émile die Sinnlosigkeit seiner Existenz und sein Scheitern erkennt. Der vormals biedere Altphilologe wird nur noch von blindem Hass getrieben und ist zu einem Menschen geworden, den er selbst kaum mehr erkennt. Und so endet die Geschichte so, wie sie letztendlich nur enden kann und muss. Das Ende wird hier natürlich nicht verraten, völlig unvorhersehbar ist es auch nicht, aber dennoch ist dieser Roman von der ersten bis zur letzten Seite so unglaublich packend und fesselnd, dass man fast von einem Psychothriller sprechen könnte. Dabei ist er aber auch häufig voller Witz und Spott, denn ganz nebenbei verteilt Amélie Nothomb noch eine Reihe von ironischen Seitenhieben gegen scheinheilige Höflichkeit, geheucheltes Gutmenschentum, aufgeblasenes, aber letztendlich inhaltsleeres Akademikergeschwafel und die Eigenart mancher Menschen, hinter jeder noch so harmlosen Geste, eine persönliche Beleidigung und einen Affront gegen die eigene Person zu vermuten.
    Nothombs Sprache ist wunderbar prägnant und klar, aber die wahren Stärken dieser Schriftstellerin liegen eindeutig in ihren scharfen und treffenden Dialogen.
    Der Professor ist ein grandioser Roman, der mich in jeder Hinsicht überzeugen konnte. Eine wundervoll groteske und abgründige Geschichte mit skurrilen Protagonisten, voller hintergründigem, bissigen Humor und tiefen philosophischen Einsichten.

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    LEXIs avatar
    LEXIvor 5 Jahren
    Vergeudete Lesezeit

    Der sechsundsechzigjährige Ich-Erzähler Émile Hazel, ehemaliger Latein- und Griechisch Professor an einem Gymnasium, beschloss zusammen mit seiner Ehefrau Juliette, ihren Ruhestand in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit zu verbringen. In einem wunderschönen, mit Glyzinien umrankten Häuschen, fanden sie schließlich das Haus ihrer Träume. Doch die ersehnte Isolation fand ein rasches Ende, als eines Tages der Nachbar, ein etwa siebzigjähriger Kardiologe, auftauchte. Seine Besuche waren von diesem Tage an von einer ausgeprägten Regelmäßigkeit – Bernardin beehrte die beiden Pensionisten von diesem Augenblick an täglich in der Zeit von 16 – 18 Uhr. Sein Besuch wurde jedoch keinesfalls Anlass zu fröhlichem Geplauder oder intelligentem Gedankenaustausch – weit gefehlt. Beklemmendes Schweigen, finstere Blicke und konsequente Beharrlichkeit zeichnen die täglichen Zusammenkünfte aus. Der ersten Verunsicherung folgte Verärgerung, Angst und letztendlich namenlose Wut. Doch die Versuche des Ehepaares, diesem Treiben ein Ende zu setzen, scheiterten kläglich…

    Ich hatte selten ein Buch in Händen, dessen Inhalt mich dermaßen zwiespältig zurück gelassen hat. Meine anfängliche Begeisterung und mein Amüsement angesichts der detaillierten Beschreibung der beklemmenden Besuche des Palamède Berardin wichen sehr rasch großer Enttäuschung und Verständnislosigkeit. Die Charaktere überzeugten mich nicht, ihre Handlungen waren in keiner Weise für mich nachvollziehbar. Weder die Beschreibung der eigenen Person des Ich-Erzählers sowie seine langjährige Beziehung zu seiner Ehefrau, die er auch als Tochter (?) bezeichnet, ließen auch nur die geringste Sympathie für die beiden aufkommen. Vehemente Kritik möchte ich an der Art und Weise, wie die Autorin mit Fettleibigkeit umgeht, äußern. Madame Berardin, die schwergewichtige Nachbarin, wird im gesamten Verlauf dieser Geschichte ziemlich respektlos als „Qualle“ oder „Zyste“ tituliert, hinsichtlich ihres Verhaltens und ihres Geisteszustandes vermittelt Amèlie Nothomb dem Leser hochgradige Debilität. Ich war zunehmend abgestoßen von der Art und Weise der Autorin, mit diesem Thema umzugehen und der sehr fragwürdige Schluss ließ mich mit der Frage: „Was sollte das denn nun gewesen sein?“ zurück. Zwei Bewertungssterne vergebe ich für die wirklich großartige Schilderung der beklemmenden Situation der ersten Besuche – der Rest war für mich persönlich vergeudete Lesezeit. Schade.

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    Lesebienchens avatar
    Lesebienchenvor 6 Jahren
    Rezension zu "Der Professor" von Amélie Nothomb

    "Der Professor" von Amelie Nothomb ist ein Roman, der noch lange im Gedächtnis bleibt. Ein Professor will gemeinsam mit seiner Frau seinen verdienten Ruhestand in einem einsamen Häuschen, mitten im Wald genießen. Nur noch ein weiteres Häuschen steht dort und das Ehepaar verspricht sich erholsame und einsame Stunden. Doch es kommt anders. Schon am ersten Tag erhalten sie Besuch von ihrem Nachbarn. Pünktlich 16 Uhr erscheint er, trinkt einen Kaffee, sitzt im Sessel, schaut mürrisch drein und ist mehr als wortkarg. Was zu Beginn für das Ehepaar noch sehr lustig-schrullig erscheint, wird mehr und mehr zur Plage, denn der ungebetene Gast erscheint jeden Tag zu selben Zeit. Ohne Einladung, ohne zu reden. Er ist einfach da. Das Ehepaar, allen voran der Professor, eim Korsett der anerzogenen Höflichkeit, wissen weder aus noch ein und die Situation spitzt sich mehr und mehr zu.
    Amelie Nothomb schafft es mit diesem Roman zu überraschen, tief zu bewegen und sprachlos zu machen, denn das Ende ist geradezu überwältigend und hallt noch lange nach.

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    Susanne-Henkes avatar
    Susanne-Henkevor 8 Jahren
    Rezension zu "Der Professor" von Amélie Nothomb

    Wenn Höflichkeit zur Falle wird

    "Von sich selbst weiß man nichts. Man glaubt, man würde sich daran gewöhnen, man selbst zu sein, aber im Gegenteil! Je mehr Jahre hingehen, desto weniger versteht man, wer diese Person ist, in deren Namen man spricht und handelt“, beginnt Nothombs Roman über einen Latein- und Griechischlehrer, der sich und seiner Frau nach seiner Pensionierung den Traum vom zurückgezogenen Leben auf dem Land erfüllt. Nur ein einziges Haus steht neben ihrem neuen Domizil. Am Tag nach ihrem Einzug erscheint der Nachbar zum Anstandsbesuch. Zwei Stunden bleibt er, ohne etwas anderes zur Unterhaltung beizutragen als "Ja" oder "Nein". Der Beginn eines Alptraums, den zu durchbrechen die jahrzehntelang antrainierte Höflichkeit zunächst unmöglich macht.
    Rasant, frech, aberwitzig, abgründig – unbedingt lesen!

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    Dilbertines avatar
    Dilbertinevor 9 Jahren
    Rezension zu "Der Professor" von Amélie Nothomb

    "Wenn man mit einem Stalker redet, so ist das, als würde man eine Münze in einen Automaten werfen!" Stalking-Experte Jens Hoffmann
    ****************
    Auf einer Internetseite, die Hilfe und Unterstützung für Stalkingopfer anbietet, wird unter anderem geraten, ein sogenanntes Stalking-Tagebuch zu führen, um den Überblick über die jeweiligen Vorfälle zu behalten. Die Protagonisten dieses Buches, Emilé und Juliette, haben nicht nötig Datum, Uhrzeit und Art des Vorfalls zu erfassen. Ihr persönlicher Stalker besucht sie täglich in der Zeit von 16:00 bis 18:00 Uhr.
    Emilé und Juliette, eine Ehepaar Ende 60, suchen die Ruhe und Einsamkeit in einem kleinen Häuschen in ländlicher Idylle. Sie sind sich selbst genug, brauchen und wollen keine weiteren Kontakte. Leider haben sie beim Kauf ihres Hauses die Rechnung ohne ihren Nachbarn Monsieur Palméde Bernadine gemacht, der kurz nach ihrem Einzug das erste Mal auftaucht und sich zum Kaffee einlädt. Sein Grundwortschatz reduziert sich meist auf ein „ja“ oder „nein“, ansonsten ist kaum eine andere Art der Konversation mit ihm möglich. Gehen die Fragen des Hausherren über das Wortfeld des Monsieur Bernadine hinaus, macht er eine verdrossenes, mürrisches Gesicht und schweigt.
    „Mit einem gewissen Schrecken begriff ich, daß alles, was wir ihm seit seinem ersten Besuch gewährt hatten, für uns zur Pflicht geworden war. In seinem primitiven Gehirn erlangte eine nur ein einziges Mal erworbene Gefälligkeit prompt den Status eines Gesetzes.“
    Der Schrecken wiederholt sich täglich, der Friede des Ehepaares wird erheblich gestört.
    „…jede Periode des Tageslaufs hatte ihr eigenes Tempo: Die Abende lang und geruhsam, die Morgen kurz und hoffnungsvoll. Zu Beginn des Nachmittags beschleunigte eine unausgesprochene Angst den Minutentakt zu einem Wirbel. Und dann, um vier Uhr, blieb die Zeit stehen."
    Die Situation kippt, als Monsieur Bernadine seine noch merkwürdigere Frau mit bringt, aber mehr werde ich hier nicht verraten - einfach selber lesen. Schwarzer Humor, gepaart mit der Geschichte der äußerst skurrilen Nachbarn bestimmen das kleine Universum von Juliette und Emilé.
    Ein ungewöhnlicher, geistreicher Roman voller Poesie, sehr empfehlenswert für alle, die eine Vorliebe für das Morbide, Absurde und Groteske haben. . Kann mir die kineastische Umsetzung in französischer Manier übrigens sehr gut vorstellen. Aber wer weiß, vielleicht wurde dieses kleine Meisterwerk bereits verfilmt?

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    C
    Cap'D.vor 10 Jahren
    Rezension zu "Der Professor" von Amélie Nothomb

    Ätzend!

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    L
    librovor 10 Jahren
    Rezension zu "Der Professor" von Amélie Nothomb

    Was würden Sie machen, wenn ein unheimlicher, sturer Nachbar täglich uneingeladen zum Kaffee kommt???
    Geistreich, spannend, komisch und vor allem unendlich skurril – ein ausgesprochenes Lesevergnügen

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    MonaMayfairs avatar
    MonaMayfairvor 10 Jahren
    Rezension zu "Der Professor" von Amélie Nothomb

    ich dachte zuerst, der nachbar terrorisiert die eheleute hazel mit waffen oder ähnlichem..
    aber amélie nothomb hatte eine viel bessere idee:
    auf die mintue pünktlich um 16 uhr klopft der nachbar - palamède bei den hazels und setzt sich in den wohnzimmersessel.. dort verlangt er nach einer tasse cafféé.. spricht nichts ausser "ja" und "nein" und nach genau zwei stunden verlässt er die hazels wieder..
    und dieser psychoterror ist schlimmer als alles, was man sich wohl sonst vorstellen kann..
    und um die besuche des nachbarn und den damit verbundenen gefühle der hazels handelt das "büchlein" (196 seiten)..
    einmal kommt noch die frau von herrn palmède mit: ein fleischgewordener horror....
    die ängste und gefühle der hazels können sehr gut nachempfunden werden.. und man möchte dem ungehobelten nachbarn am liebsten einen tritt in den allerwertesten verpassen und ihn aus dem haus jagen..

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    buchstabensammlerins avatar
    buchstabensammlerinvor 17 Tagen
    Kurzmeinung: Eines ihrer Besten!
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