Dieser Roman hat mich einfach nur umgeworfen. Ohnmächtig musste ich zuschauen in was für unfassbar schrecklichen Verhältnissen der Protagonist A. im Iran aufwächst. Von klein auf ist sexueller Missbrauch, grausame Gewalt, Morde, Machtlosigkeit, Unfreiheit „normaler“ Alltag .
S. 62 „Iran ist wie „Der Würgeengel“ von Buñuel. Eigentlich ist das iranische Regime wie dieser Film. Wir, oder die Generation vor uns, hat dieses Regime angeblich gewählt, und jetzt können wir es nicht mehr loswerden. Wir sind in einem Raum gefangen, obwohl uns physisch nichts daran hindert, ihn zu verlassen.“
Als er dann 2009 aus dem Iran flüchtet, um eigentlich in Kanada Asyl zu beantragen, muss ich wieder fassungslos mit anschauen, dass er in Österreich stecken bleibt, sich im Lager unter den Flüchtigen wie in seiner Heimat verstellen muss, um der Gewalt und Diebstahl unter den Flüchtigen zu umgehen. Glaubte er nun in Freiheit zu sein, muss er hier feststellen, dass Religion immer noch eine große Rolle spielt und auch hier Unfreiheit herrscht, zwischen den Flüchtlingen und als Flüchtling. Und wäre das nicht genug, schau ich auch noch ungläubig zu, wie allein er im verrückten System der Asylpolitik gelassen wird, wie viel Rassismus er erleben muss, wie Gelder nicht fließen, weil Einheimische sich daran bereichern, er hungrig ist, nicht angenommen wird und einsam. Ein kleiner Funken Hoffnung kommt mit Sarah auf, um dann zu realisieren, dass das ganze Leben bisher, den Protagonisten kaputtgemacht hat.
Es war echt schwer die Geschichte zu lesen. Schwer, aber so wichtig. Wichtig, weil ich mich auch mit meinen eigenen dunklen Seiten auseinandersetzen musste. Wie oft hab ich das Buch zur Seite gepackt und mich selbst gefragt „Wie hättest du reagiert?“ Hätte ich fremde Männer im Auto mitgenommen? Nein, hätte ich nicht. Warum nicht? Nicht, weil ich Angst vor „fremden“ Nationen habe, da ich selbst weiß, wie es ist sich als „Fremde“ zu fühlen, sondern weil ich eine Frau mit Ängsten bin. Ängste, vor unbekannten Menschen, in die ich nicht hineinschauen kann. Und das tut mir leid, den ich hätte gern dem netten A. seinen kilometerweiten Heimmarsch erspart - hungrig, kraftlos, verzweifelt und im Regen. Ich habe mich so vieles gefragt und mich mit meinen eigenen Bedenken und Ressentiments auseinandergesetzt. Mich gefragt, wie viel Trauma ist zu verkraftet und kann eine neue Heimat diese Traumata für einen auffangen oder sogar heilen. Kann ein Mensch, der zusehen musste, wie Menschen auf offener Straße geköpft werden überhaupt noch ein normales Leben führen? Kann er überhaupt Vertrauen in eine (neue) Gesellschaft und in die Menschen entwickeln? Was kann die Gesellschaft dazu beitragen, beim Verarbeiten zu helfen, neu anzufangen? Wie können wir als Gesellschaft den Neuanfang leichter gestalten? Wie gesagt, hart, brutal und nicht leicht zu verdauen. Ich würde sogar sagen, für manche bestimmt zu hart und zu schwer zu verdauen, aber für mich absolut bereichernd und wichtig.
S.139 „Im Iran würden die Leute einen mitnehmen. Sogar die Polizei. Meine Mutter hat eine romantisierende Vorstellung von Europa, wie viel andere im Nahen Osten. Sie glaubte, die Menschen in Europa seien allesamt gutherzig und nähmen Fremde im Auto mit. Sie glaubt, dass niemand in Europa zu Fuß gehen muss, dass es überall öffentliche Verkehrsmittel gibt, dass alle hier gerne teilen, dass die Leute menschlicher sind als im Iran.“
S.334 „Aber wenn man es dann bis in den Westen geschafft habe, müsse man tausendmal erklären, dass man kein Fanatiker sei, dass man an die Demokratie glaube, an westliche Werte, mehr als die Menschen im Westen selbst. Als Flüchtling ohne Rechte merke man bald, dass niemand sich wirklich für einen interessiert.“







