Anaïs Barbeau-Lavalette

 3,9 Sterne bei 8 Bewertungen

Alle Bücher von Anaïs Barbeau-Lavalette

Cover des Buches So nah den glücklichen Stunden (ISBN: 9783847900580)

So nah den glücklichen Stunden

 (8)
Erschienen am 30.09.2020

Neue Rezensionen zu Anaïs Barbeau-Lavalette

Neu
Cover des Buches So nah den glücklichen Stunden (ISBN: 9783847900580)gemuesebuergerins avatar

Rezension zu "So nah den glücklichen Stunden" von Anaïs Barbeau-Lavalette

Vom Schmerz der Freiheit
gemuesebuergerinvor 3 Monaten

"Du warst eine Insel, doch jetzt spürst Du, dass Du vielleicht zu einem Land gehörst." (Seite 88)

Mousse besucht im Winter 2004, begleitet von ihrer erwachsenen Tochter Anaïs, der Autorin, ihre zurückgezogen lebende Mutter Suzanne in Ottawa. Sie haben seit Jahren keinen Kontakt zueinander gehabt. Sie ist eine schmerzende, nie heilende Leerstelle in Mousse‘ Leben, das erfüllt ist von dem Verlust der mütterlichen Liebe, dem Nie-Festhalten-Können dieser ihr so rätselhaft abwesenden und sie abweisenden Frau.

Und so ist es Anaïs, die das Leben ihrer kunstschaffenden Großmutter dechiffriert, es nachzeichnet, einem Versuchsaufbau gleich. Sie schreibt ihrer Großmutter ein Leben, formt deren Sehnsucht, begreift diesen unbezwingbaren Drang, die Künstlerin in sich zu leben, und formuliert in absoluter Schärfe die entsetzliche Tat, die ihre Großmutter zu einer vor sich selbst Fliehenden werden lässt, einer Frau, die erst am Ende ihres Lebens eine Form von Ruhepol in sich findet und sich selbst verzeiht.

In einer dicht gewobenen, drängenden Sprache erzählt Anaïs Barbeau-Lavalette von Volten, die wir aus Liebe, Gier, Sehnsucht oder Drang schlagen, von bestimmenden Wendepunkten und nicht ergriffenen Abzweigen auf dem Lebensweg, vom bittersten aller Verluste und von Entscheidungen, die aus Sinnsuche, aber zu einem unermesslichen Preis getroffen wurden.

Sie adressiert diese Fiktion einer Biographie an ihre Großmutter fast im Imperativ. So, als wolle sie der Bestimmung, die deren unerbittliches Handeln über ihr und das Leben ihrer Mutter Mousse hatte und hat, ein Gegengewicht setzen, das ihr ein Verstehen ermöglicht.

Und so schält sich beim Lesen die Lebensgeschichte einer Frau heraus, die unbestimmt lebte und der die prägenden Auswirkungen dieser Freiheit sehr wohl bewusst waren. Ist also Selbstbestimmung nur möglich, wenn wir dafür einen schmerzvollen Tribut zahlen?

Ein wahrer Pageturner und eine wirkliche Entdeckung!

Kommentare: 2
5
Teilen
Cover des Buches Suzanne (ISBN: 9783847906407)Ana80s avatar

Rezension zu "Suzanne" von Anaïs Barbeau-Lavalette

Zur falschen Zeit geboren...
Ana80vor einem Jahr

Anais Barbeau-Lavalette begibt sich in diesem Roman auf die Suche nach ihrer eigenen Großmutter, einer Frau von der die Autorin zu Beginn des Buchs sagt, sie würde sie hassen.

Obwohl diese Großmutter, Suzanne, ihre eigenen Kinder ablehnte und auch im Alter deutlich macht, dass sie Tochter und Enkeltochter nicht in ihrem Leben wünscht, schafft Anais ein umfangreiches und nicht nachtragendes Bild ihrer Großmutter zu schaffen.

Suzanne ist eine Frau, die 1926 in eine französischsprachige Familie in Ottawa geboren wird. Sie ist eines von etlichen Kindern der Familie, die mit wenig Zuneigung und Geld groß werden müssen. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise verliert der Vater seine Anstellung als Lehrer und vom Staat bekommt die Familie auch noch ein weiteres Opfer der Krise zugewiesen, was seine Miete nicht mehr zahlen konnte und jetzt bei der ohnehin schon großen Familie noch eins der Kinderzimmer bewohnt.

Suzanne wächst in diesen Verhältnissen zu einer wilden und selbständig denkenden Frau heran, die früh die Familie verlässt, um sich in eine Welt der Kunst und Literatur in Québec zu begeben. Abseits der staatlich erwünschten Normen und im ständigen Widerstand gegen die staatliche und kirchliche Zensur. Sie lernt in dieser Szene auch ihren späteren Mann kennen und wird erneut in typische Rollenbilder gezwängt. Denn auch in dieser Künstlerehe zählt der Mann mehr, als die Frau. Um dem zu entfliehen "entsorgt" sie ihre beiden Kinder praktisch bei Verwandten. Ab da an besteht kein Kontakt mehr zu ihnen.

Dieses Buch ist ein Portrait einer Frau auf der Suche nach Antworten, einer Frau, die am Ende nur weitere unzählige Fragen hinterlässt, einer Frau, die ihrer Zeit voraus war und in den 50er Jahren im katholisch geprägten Kanada ihr Glück nicht finden konnte. Das Bild eines bewegten und rastlosen Lebens.

Eine klare Leseempfehlung für Menschen, die bereit sind sich auf das Besondere dieses Romans einzulassen.

Kommentieren0
0
Teilen
Cover des Buches Suzanne (ISBN: 9783847906407)miss_mesmerizeds avatar

Rezension zu "Suzanne" von Anaïs Barbeau-Lavalette

Anaïs Barbeau-Lavalette - Suzanne
miss_mesmerizedvor 3 Jahren

Anaïs sieht ihre Großmutter nur einmal als Kind, als diese sie heimlich besuchen kommt und wieder davonschleicht. Jahre später wird sie sie mit ihrer Mutter nochmals aufsuchen, doch die Ablehnung der alten Frau ist deutlich und grausam. Sie will Tochter und Enkelin nie mehr sehen. Erst als Suzanne stirbt, wird Anaïs wieder ihre Wohnung betreten, dieses Mal entschlossen herauszufinden, wer diese Frau war. Suzanne Meloche wird 1926 in eine französischsprachige Familie im englischsprachigen Ottawa als eines von unzähligen Kindern geboren. Das Geld ist knapp, ebenso die Zuneigung der Eltern. Früh schon flieht sie aus dem Haus und schließt sich einer Gruppe von Malern, Bildhauern, Dichtern und Schauspielern an, entschlossen, die Welt zu verändern. Doch auch dort bleibt sie Außenseiterin und so wird sie ihr Leben lang auf der Flucht und der Suche sein, nach ihrem Platz.

Anaïs Barbeau-Lavalette zeichnet das Bild einer nicht nur einsamen, sondern auch immer gehetzten Frau nach. Niemand scheint Suzanne das geben zu können, was sie braucht. Die Mutter verwehrt ihr die Zuneigung, nach der sie sich sehnt. Das Klavier im elterlichen Haus, das eine magische Anziehung auf sie ausübt und das sie so gerne zum Erklingen gebracht hätte, bleibt für sie ein Tabu. Die Faszination, die die Freigeister und Künstler auf sie ausüben, ist leicht nachvollziehbar, jetzt scheint das Leben möglich, von dem sie so lange geträumt hat. Doch der Alltag holt sie ein, der Lebensunterhalt muss finanziert werden, bald auch schon die erste Tochter und die Zeit ist noch nicht reif für fortschrittliche Gedanken.

Suzanne irrt durch die Welt, nachdem sie ihre Kinder und den Mann verlassen hat. Doch weder in Europa noch bei den Rassekämpfen in den USA kann sie das finden, was sie sucht. Sie bleibt ihr Leben lang eine Frau auf der Flucht. Erst 1980 werden ihre Gedichte unter dem Titel Aurores fulminantes veröffentlicht, nachdem die Künstlergruppe Automatistes sich schon längst aufgelöst hat und ihr jedes Interesse an öffentlichem Ruhm fehlt. Der Originaltitel der Biographie „La femme qui fuit“ ist deutlich aussagekräftiger als nur der Vorname wie in der deutschen Ausgabe. Insgesamt ein lesenswerter Bericht über das Leben einer von der Geschichte vergessenen Frau.

Kommentieren0
3
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu
Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks