Der Rezensent ist seit eh und je ein völlig unpolitischer Mensch. Denkt er jedenfalls. Einem "guten Wein", wie im Klappentext vorgeschlagen, ist er jedoch nicht abgeneigt, aber die begleitende Lektüre dieses Buches ist für ihn -herzlichen Dank für die lustige Idee- dann weniger geeignet.
So so, die Demokratie steht also auf "morschen Pfeilern", erfahren wir in der spärlichen Einleitung. Doch der geringe Umfang hindert den Autor nicht daran, schwerstes Geschütz aufzufahren. Wir haben es in unserem Land also mit "schamlosen Politikern" zu tun, "die es nicht einmal mehr für nötig erachten, ihren Machiavellismus zu kaschieren."
Wie konnte mir das nur entgehen? Und falls das stimmen sollte, welche Schlagworte müsste man dann für die Zustände, die in vielen anderen Ländern, ja ganzen Erdteilen, herrschen, formulieren?
Mehr gibt die reißerische Einleitung jedenfalls nicht her. Ganz schön wenig für ein Buch dieses Formats und dem Anspruch, den es zu transportieren versucht.
Es weht ein merkwürdiger Wind durch dieses Buch. Die Auswahl der "bemerkenswerten Zitate" ebensolcher "Persönlichkeiten" haben irgendwie alle etwas gemeinsam. Die klugen Worte können allesamt, für gewisse An- und Einsichten, je nach politischer Ausrichtung, jeweils passend zurechtgebogen werden. Jener Personenkreis, der beispielsweise eine Maskenpflicht als Einschränkung persönlicher Freiheit sieht, dürfte sich in seinem Weltbild bestätigt sehen. (In diesem Zusammenhang sei auf das geschickt platzierte Zitat Schopenhauers auf der letzten Seite verwiesen.)
Gar nicht zufällig mag deshalb in der "erlauchten" Auswahl der Persönlichkeiten u. a. Nena auftauchen. Und spätestens hier vergeht dem Rezensenten die Lust, sich mit weiteren Damen und Herren, deren Zitaten und möglichen (Um-)Deutungen näher zu beschäftigen, mögen es auch noch so kluge Köpfe sein. Selbst die hervorragende Ausstattung des Buches vermag hier nur schwach zu trösten.
Eins dazu vielleicht noch, denn es ist schon irgendwie entsetzlich, dass die Auswahl der "bemerkenswerten Persönlichkeiten" vor einem Idi Amin nicht Halt macht. Was hat er in der Gesellschaft von Sophokles, Schopenhauer, Dostojewski, oder Solschenizyn zu suchen? Nur weil sein Zitat irgendwie passt? Dieses würde beispielsweise auch in jede zweite Beziehung passen, denn wenn Mann/Frau hier die "Wahrheit" sagen würde, wäre es bis zur nächsten Scheidung nicht weit.
Insgesamt bleibt aber eine Gewissheit, denn immerhin ist unsere Demokratie, mit all ihren Ecken, Kanten und (Denk-)Fehlern immer noch so stabil, um auch jene subtilen Untertöne, die, dank den vielsagenden Worten des Autors zu Beginn, in diesem Buch erklingen, zu tolerieren und zu überleben. Die Zitatensammlung geht weitgehend in Ordnung. Der Kontext nicht unbedingt.
Fazit: Getroffen. Nicht versenkt.
André Lecloux
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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TREFFER. VERSENKT.
Tiefflieger.
Neue Rezensionen zu André Lecloux
Das stammt von Voltaire und war im 18. Jahrhundert genauso wahr wie heute. Man kann es auch drastischer ausdrücken: "There is freedom of speech, but I cannot guarantee freedom after speech." Gut, das stammt von Idi Amin, der sich nicht die Mühe machte, sich den Mantel der Demokratie zuhängen, wie manche andere das heute gerne tun. Die für ihren erdrückenden Charme bekannte gegenwärtige SPD-Vorsitzende drückt das dann so aus: "Wer Sozialismus negativ verwendet, hat halt einfach keine Ahnung. So." Genosse Walter Ulbricht, eine Art sozialistischer Seelenverwandter dieser Dame, formulierte es deutlicher: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."
Was man in diesem Buch an Zitaten nachlesen kann, ist wirklich verblüffend, selbst wenn es gezielt ausgewählt wurde. Es verdeutlich auf der einen Seite, was hinter den Kulissen schon immer vollzogen wurde, und zeigt auf der anderen Seite, dass sich seit Jahrhunderten nichts wirklich ändert. Natürlich ist es wenig tröstlich, dass sich die Vorgänge immer wiederholen. Dass schon die Generationen vor uns dieselben Probleme mit ihren selbsternannten Eliten hatten.
In diesem Buch findet man, unterlegt von den Porträts der Autoren, Zitate, die das in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen. Menschen fallen immer wieder auf Ideologien von Größenwahnsinnigen herein. Sie durchschauen deren Absichten nicht, lassen sich von ihnen blenden und bereitwillig zum Mitmachen animieren. Hinterher werden sie sich beschweren, dass sie niemand vor dem drohenden Unheil rechtzeitig gewarnt hätte. Das Böse, so lernen es bereits Kinder aus Märchen, kleidet sich halt oft als das Gute. Wer nimmt schon Märchen ernst? Und wer erkennt als Erwachsener, dass ihm Märchen erzählt werden?
Wie kommt es eigentlich, dass sich unter den Mächtigen so viele Charakterschwache, vom Durchblick Befreite, Ungebildete oder Fanatiker versammeln? "Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel", bemerkte schon Bertrand Russell. Das erklärt, warum es zu dieser gravierenden Negativauslese kommen muss. Ein mit Vernunft und Selbstachtung ausgestatteter Mensch würde als Politiker verrückt werden. Deshalb wird man sie dort meistens vergebens suchen. Da sind ganz andere Fähigkeiten gefragt. Hemmungsloses Machtstreben zum Beispiel.
Zu diesem Thema findet man im Buch übrigens ein bemerkenswertes Beispiel, nämlich Angela Merkel. Zitiert wird aus ihrer Rede auf dem Leipziger Parteitag der CDU von 2003. Ihre dortigen Worte stehen in einem so eklatanten Widerspruch zu ihren Taten 12 Jahre später, dass man sich fragen muss, was ist in dieser Zeit passiert. Oder hat sie sich 2003 verstellt?
Diese Sammlung enthält auch einige wenige Zitate, die von grünen Koryphäen stammen und deren Ahnungslosigkeit demonstrieren. Man hat sie vor einigen Jahren vielleicht noch für lustig gehalten. Inzwischen wird manchem das Lachen vergangen sein, weil er begriffen hat, dass der ausgelebte Irrsinn solcher Leute auch schmerzhaft werden kann.
Dieses Buch taugt viel mehr als manches Geschichtsbuch, weil es demonstriert, wie stabil die Vorgänge sind, die sich seit Jahrhunderten periodisch wiederholen. Nichts Neues also im ewigen Welttheater, nur das Publikum ist immer wieder neu.
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