Heddas Leben ist ein Chaos: Sie ist schwanger, ihr Freund Björn und sie freuen sich sehr auf ihr erstes Kind, er unterstützt sie sehr. Doch der Druck, ihre Masterarbeit fertigzustellen, setzt ihr sehr zu. Ausgerechnet jetzt taucht plötzlich ihr Vater wieder auf: Der ehemalige Dotcom-Milliardär ist kein einfacher Mensch, um es mal vorsichtig auszudrücken. Seine Geschäfte waren immer an der Grenze der Legalität und Heddas Kindheit alles andere normal. Diese Vergangenheit holt sie nun wieder ein. Wie der sprichwörtliche Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, trifft auch Hedda einige fragwürdiger Entscheidungen und alles beginnt, gründlich schiefzugehen. Kann Hedda sich aus den destruktiven Dynamiken ihrer toxischen Familie befreien?
„Chaos“ von Andréa Ager-Hanssen ist ein sehr spezielles Buch, das nicht einfach zu lesen war.
Er spielt im Wechsel heute, während Heddas aktueller Lebenskrise, und in der Vergangenheit. Gerade diese Rückblicke in ihre Kindheit fand ich besonders stark!
Eine Kindheit wie Heddas mag man sich gar nicht vorstellen. Was macht es mit einem Kind, das in absurdem Reichtum lebt, aber dennoch nie das bekommt, was ihm selbst wichtig ist?
„Kann man wirklich verwöhnt sein, wenn man niemals das bekommt, was man haben will???“
„‘Ist es nicht schön? Es ist eines der größten Häuser in der ganzen Gegend. Man könnte auf der Rückseite auch einen Pool bauen, mit Schieferplatten drumherum. Es gibt auch ein fantastisches Gewächshaus.’
‘Warum können wir nicht einfach weiter zu Hause wohnen?’, frage ich und hebe einen gelben, vertrockneten Ast vom Boden. Die liegen hier überall herum, umgeben von Löwenzahn und anderem Unkraut. ‘Warum konntest du nicht einfach das alte Haus zurückkaufen?’
Papa fängt an zu erklären, dass das Haus auf ein Unternehmen eingetragen war, das in Konkurs gegangen ist, aber dann unterbricht er sich. ‘Es hat keinen Sinn, in alten Sorgen zu verharren, das ist nicht gut fürs Gehirn.’ Er zeigt auf eine Reihe Fenster, rubinrote Rhomben mitten im Glas. ‘Hast du so was Schönes schon mal gesehen?’
‘Ich dachte, du würdest am Existenzminimum leben’, sage ich.
‘Existenzminimum?’ Papa lacht auf. ‘Dass ich am Existenzminimum lebe?’
‘Ja.’
Er schüttelt den Kopf.
‘Maximum’, antwortet er. ‘Das ist das Einzige, woran wir leben, Hedda. Am Existenzmaximum.’“
„‘Man muss aber doch kein wertloser Mensch sein, nur weil man Geld in einem Steuerparadies unterbringt‘, sagte ich.
Es passierte etwas mit der Luft, sie wurde dick. Alle um den Tisch waren sprachlos. [...]
Er lachte kurz auf, dann sah er mich wieder ganz ernst an.
‚Menschen, die auf diese Weise leben, sind Nihilisten. Nichts hat irgendeinen Wert. Das ist tatsächlich die Definition von einem wertlosen Menschen, wenn er nicht länger eine in der Wirklichkeit verankerte Auffassung von unterschiedlichen Werten besitzt. Wenn wirtschaftliche Begriffe die Welt lenken, dann sickert das auch in alles andere ein, nicht einmal enge Beziehungen bedeuten mehr etwas.‘
‚Aber alle Beziehungen sind Transaktionen‘, erwiderte ich.
Er riss die Augen auf, der Mund war ein wenig geöffnet. [...]
Ich räusperte mich. ‚Es ist doch klar, dass alle Beziehungen auf irgendeine Weise Transaktionen sind. Eine Art Arbeit, die im besten Fall zu Liebe führt, und dann sind es Aufmerksamkeit, Zeit und Loyalität, die man investiert. Alle Beziehungen sind auf eine Art Tauschhandel gegründet.‘
Sie sahen mich schweigend an. Mir war, als hätte ich eine große, eitrige Beule mitten im Gesicht. [...]
Es fing an, hinterm Stirnbein und in die Augen hinunter zu drücken. Ich sah, wie meine Hände auf dem Tisch vor mir ein wenig zitterten.
‚Ich finde, du hast eine sehr kindliche Art und Weise, die Klassenproblematik zu betrachten, Thomas‘, sagte Danielle. ‚Das Problem sind in diesem Fall nicht notwendigerweise die Menschen, sondern die Gesellschaftsstrukturen, die Ungerechtigkeiten schaffen. Das heißt nicht, dass alle reichen Menschen auf individuellem Niveau schwarze Schafe sind. Man kann das alles hier problematisieren, aber man kann nicht sagen, dass Kinder im Kopf verbrannt sind, denn seine Eltern sucht man sich schließlich nicht aus.‘“
„Chaos“ von Andréa Ager-Hanssen ist wirklich ein etwas chaotischer, recht anspruchsvoll zu lesender Roman; mir hat er insgesamt gut gefallen.
Vielen Dank an den Eichborn Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚