Meine Meinung
Ich habe "Der letzte Tag des vorigen Lebens" mit großer Aufmerksamkeit gelesen und gebe dem Buch klar fünf von fünf Sternen. Es ist ein stiller, konzentrierter Roman, der ohne laute Effekte auskommt und gerade dadurch eine enorme Spannung entfaltet. Die Erzählerin, eine Maklerin, betrachtet Häuser nicht bloß als Objekte, sondern als Speicher vergangener Leben. Als sie auf eine Geschichte stößt, die sie nicht mehr loslässt, kippt ihre professionelle Distanz langsam in eine gefährliche Nähe.
Was mich beeindruckt hat, ist die Sprache. Die Sätze sind präzise, unaufdringlich und doch voller Nachhall. Vieles geschieht zwischen den Zeilen, und gerade das macht den Text so dicht. Es ist keine klassische Geistergeschichte, und doch liegt eine unterschwellige Unruhe über allem. Die Figuren sind komplex und fehlerhaft, ohne jemals konstruiert zu wirken. Der Roman stellt Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und Selbsttäuschung, ohne sie je platt zu beantworten.
Ein leises, kluges Werk, das seinen vollen Sinn erst entfaltet, wenn man ihm Zeit zum Nachklingen gibt.
Klappentext
Sie ist eine Immobilienmaklerin mittleren Alters, Tochter eines Friseurs, seit zwei Jahren verheiratet mit einem älteren Mann, zu dem sie sich nicht mehr hingezogen fühlt. Sie übt ihren Beruf mit Leidenschaft aus. Mit einer solchen Hingabe, dass es für sie eine Kunst, eine Art Poesie ist, für jedes Haus den perfekten Besitzer zu finden. Sie ist stolz darauf, Häuser zu ertasten und ihre Vergangenheit zu erspüren. Eines Tages, als sie eine leer stehende Villa für die Besichtigung vorbereitet, stößt sie auf einen achtjährigen Jungen in einer braunen Schuluniform, der nicht blinzelt. Er scheint aus einer anderen Zeit zu kommen, gefangen an diesem Ort wie ein Insekt in einem Glas. Das Kind erwartet etwas von ihr, das spürt sie. Nach und nach entwickelt sich zwischen ihnen eine verstörende Abhängigkeit, die das Leben der Frau für immer verändern wird.
Über den Autor
Andrés Barba, 1975 in Madrid geboren, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Spaniens. Sein Werk ist mehrfach preisgekrönt: Für den Roman »Die leuchtende Republik« erhielt er den renommierten Premio Herralde de Novela. »Der letzte Tag des vorigen Lebens« wurde mit dem Premio Finestres de Narrativa ausgezeichnet. Andrés Barba hat Autoren wie Herman Melville, Henry James, Joseph Conrad und Thomas De Quincey übersetzt. Er lebt in Argentinien.








