Der Vorhang fällt. Die Komödie beginnt von vorn.
So wie das Bühnenstück „Gefährliche Kurve“ innerhalb des Romans, so verhält dieser sich selbst. „Ein tiefer Blick in die Seele“ ist der 26. Fall für Commissario Montalbano aus der Feder des verstorbenen Autors und Dramaturgs Andrea Camilleri, die vielen kurzen Kriminalerzählungen um diesen bärbeißigen, empathischen Ermittler nicht mitgerechnet. Der Autor bleibt sich und seinen Fans treu. Wieder einmal rufen merkwürdige Ereignisse im fiktiven Vigata auf Sizilien den inzwischen deutlich vom Alter geküssten Commissario auf den Plan. Eine verschwundene Leiche, ein toter Regisseur einer Laienschauspieltruppe und ein unentdeckter Heckenschütze bereiten ihm bald Kopfschmerzen. Schmerzen ganz anderer Art verursacht die Begegnung mit der jungen Antonia, der neuen Leiterin der Spurensicherung, die ihm zweideutige Signale sendet, seine Gefühle Achterbahn fahren lassen und die es versteht ihn gleichzeitig zu verführen und links liegen zu lassen. Santa madre! Was soll er davon halten? Hinzu kommen Gewissensbisse, wähnt er sich noch immer in seiner langjährigen Fernbeziehung mit Livia. Eine Beziehung, die mittlerweile weniger auf Sehnsucht, sondern vielmehr auf Distanz basiert.
Regelmäßige Lesebegleiter Montalbanos werden auch dieses Mal mit dem üblichen Figurenkanon belohnt: Mimi Augello, seinem Vize und Frauenhelden, Fazio, seiner versierten rechten Hand, Catarella, dem liebenswerten Clown aus der Pförtnerloge, Adelina, Haushaltshilfe und begnadete Köchin, und der besagten Livia.
Die Handlung sorgt wie immer für haarsträubende und tragikomische Verwicklungen. Camilleri, der mit großem Erfolg einen Commissario mit Bildung und Herz geschaffen hat, beherrscht auch in diesem Milieu wieder einmal die Grandezza, die Aufklärung durch menschliche Sackgassen, Kreisel, Schnellstraßen und Tempo-30-Zonen zu lenken. Das Buch liest sich streckenweise wie ein Drehbuch bzw. wie ein Theaterstück, Genre Bauerntheater – Tür auf, Tür zu. Man merkt, dass der studierte Dramaturg sein Metier beherrscht. Kein Wunder also, dass gerade dieser Plot – ein Todesfall in einer Theatergesellschaft – für ihn eine Art Heimspiel ist.
Camilleris Schreibrezept hat einen hohen Wiedererkennungseffekt, was durch die Verschrobenheit der Charaktere dieses Landstrichs hervorgerufen wird. Es handelt von zumeist einfachen Leuten mit außergewöhnlichen Sorgen, hin und wieder von der Mafia und den wahren Verbrechern „oben“, die vor den „Gesetzeshütern“ unantastbar sind. Von mediterranen Lebensweisen, politischen und kulturellen Umwälzungen. Von den großen Fragen über Glaube, Liebe und Gerechtigkeit.
Die Lektüre macht einfach Spaß. Die Krimis sind mehr als reine Rätsel, mehr als die Nabelschau auf einen ambivalenten Polizisten, mehr als philosophische Betrachtungen. Sie ist Unterhaltung auf einem für das Krimigenre gebildeten Niveau – Lyrik und Aphorismen inklusive. Manche mögen kritisch anmerken, dass es an Action und Spannung mangelt. Zugegeben, die ersten Bände dieser Reihe waren in dieser Hinsicht knackiger, Schusswaffen wurden nicht nur gezeigt, sondern machten ihrem Namen auch Ehre. Das war der jüngere, idealistische Montalbano.
Camilleri ist 2019 mit 94 Jahren gestorben. Ein Jahr zuvor schrieb er diesen Roman, der jetzt als deutsches Taschenbuch bei Lübbe erschien, sicherlich gezeichnet von seinem hohen Alter. Sein Commissario ist noch deutlich jünger, allerdings an der Grenze seiner Pensionierung angelangt. Das wirft nun Fragen auf, die sich in seinen alten Fällen ganz anders stellten.
Ich freue mich auf die letzten wenigen Abenteuer, die zum Teil schon übersetzt wurden oder noch marketingtechnisch auf sich warten lassen müssen.
Ein gelungener Beginn eines allmählichen Ausklangs. Bedauerlich und tröstlich zugleich. Natürlich werden auch hier aufs Neue alle mysteriösen Umstände zur Aufklärung gebracht. Wer es genauer wissen möchte, muss sich mit Montalbano auf die Lauer legen.
Vorhang zu und 5 Sterne am südlichen Firmament. Descansa en paz.


































