Andrea Frediani

 4,5 Sterne bei 2 Bewertungen

Lebenslauf

Andrea Frediani wurde 1963 in Rom geboren. Er gilt als einer der bekanntesten populärwissenschaftlichen Autoren für Geschichte in Italien. Im Verlag Newton Compton hat er über 60 Bücher veröffentlicht, darunter sowohl Romane als auch geschichtliche Sachbücher. Von seinen Büchern wurden mehr als eineinhalb Millionen Exemplare verkauft.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Andrea Frediani

Cover des Buches Endstation Hoffnung (ISBN: 9783947404445)

Endstation Hoffnung

(2)
Erschienen am 15.09.2024
Cover des Buches Caesars Schatten (ISBN: 9783947404513)

Caesars Schatten

(0)
Erschienen am 26.09.2025

Neue Rezensionen zu Andrea Frediani

Cover des Buches Endstation Hoffnung (ISBN: 9783947404445)
aus-erlesens avatar

Rezension zu "Endstation Hoffnung" von Andrea Frediani

aus-erlesen
Kraftvoller Geschichtsroman

Eines steht von vorn herein fest: Das Cover und schon beim ersten Überfliegen des Kapitelverzeichnisses gibt es keinen Zweifel mehr, dass einem beim Lesen ab und an, hier und da der Atem stocken wird. Leb wohl, du trautes Heim – Im Viehwagen – Endstation Auschwitz. Der Untertitel „Der ultimative Roman über den Holocaust“ ist nicht nur der reißerische Aufrüttler, es wird grausam, es wird schonungslos – aber auch hoffnungsvoll.

Isaia Maylaender als blauäugig zu betiteln träfe nicht einmal ansatzweise den Kern. Seine Eltern werden als Juden nach Auschwitz deportiert. Anfangs begegnet der Vater allem noch mit einem gewissen Spott – seine Scherze lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Isaia, Professor für Geschichte in Italien, ist da – in seinen Augen – realistischer. Er weiß, dass die SS Arbeiter braucht. Er als junger Mann eine Arbeitskraft darstellt, die unbedingt erhalten werden muss. Ein Kollege spricht ihn an. Kurz ist der Plausch über die „guten, alten Zeiten als…“, denn die Realität ist unerbitterlich. Professor Bergamo hat einen Weg gefunden hier zu leben, nicht nur zu überleben, wie er sagt. Er hat sich mit den Gegebenheiten ab-und für sich einen Weg gefunden, die Zeit zu überstehen … meint er.

Das ist Isaias Ausgangspunkt für eine hoffnungsvolle Zukunft. Er hat schon fast aufgegeben seine Eltern noch einmal zu sehen. Auch seine Liebe wird er wohl nicht noch einmal sehen. So wie sich Isaia das Lagerleben vorgestellt hat, scheint es auch zu werden. Ein perfider, fast schon perverser Funken Hoffnung. Der sich bald schon in ein loderndes Feuer verwandeln soll. Und zwar in dem Moment als man ihm anträgt die Biographie eines Hauptsturmführers zu schreiben. Natürlich soll es ein heroisches Werk werden. Isaia macht sich an die Arbeit. Ablenkung in positiver wie negativer Hinsicht verschafft ihm die Frau des „Helden seiner Arbeit“. Die hat ein Auge auf den willfährigen Professor geworfen. Doch auch sie verfolgt eigene Ziele.

Isaia sieht wie Menschen gebrochen werden wie sie sich verwandeln ohne dabei Schuld auf sich zu laden. Er sieht Lebewesen, die sich verwandeln und dabei unendlich viel Schuld auf sich laden. Er sieht wie roh Menschen gemacht werden. Er sieht wie roh sich Menschen verhalten, wenn man sie lässt. Er selbst kämpft jeden Tag, jede Stunde sich selbst treu bleiben zu können. Ein Kampf, der täglich schwerer wird…

Andrea Frediani lässt Isaia Maylaender am schlimmsten Ort der Welt eine Bibliothek errichten. Dort, wo Überleben wie eine Seifenblase der einzige Regenbogen im düstersten Grau der Hoffnungslosigkeit schwach schimmert. Wie soll man Hoffnung am hoffnungslosesten Ort der Welt in Worte fassen? Die Antwort liefert eindrucksvoll Andreas Frediani. Schlicht, stringent und nicht verhandelbar schafft er Raum für einen Helden, der diese Rolle niemals für sich in Anspruch nehmen würde. Aber er weiß auch, dass er in seiner prädestinierten Position mehr bewirken kann als die meisten in Auschwitz. Dieses Bewusstsein lässt ihn sich selbst fast verleugnen.

Cover des Buches Endstation Hoffnung (ISBN: 9783947404445)
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Rezension zu "Endstation Hoffnung" von Andrea Frediani

Simon_liest
Wider die rostigen Ketten schicksalhafter Erinnerungen

Andrea Frediani: Endstation Hoffnung
UNBEDINGT LESEENSWERT: kontrovers, aktuell, spannend!
Wider die rostigen Ketten schicksalhafter Verbindungen, zersetzt vom selben Wasser menschlicher Eintrübung der Erinnerung, welches mit stetem Tropfen noch jeden Gedächtniseckpfeiler erweichte – oder auswusch und hinfort spülte.

Wie gewohnt frönt die Ausgabe des Verlags der Kunst des Buches: handwerklich einwandfrei und angenehm gesetzt, allein der ›ultimative‹ Untertitel wirkt ein wenig übertrieben.
Warum schreibt der Autor über den Holocaust? Benutzt er das Unsagbare als Vehikel für Umsatz etc.? Oder ist es bereits an der Zeit, die Shoah nach den jüngsten Wahlergebnissen erneut ins Gedächtnis zu rufen? Dann bildete dieser Text ein Statement, der verspricht das Leben im Lager innen wie außen zu beleuchten. Müssten wir uns im Außen nicht eher gegen den Rechtsruck wehren? Dazu hilft das Verstehen der Täter von damals vielleicht? Oder ist zu dem Thema schon alles gesagt?
Wie verankert man die Erinnerung erneut in einer narzisstischen Gesellschaft, die oftmals glaubt, sie habe schon alles dazu gesagt, gehört und ein Vorrecht auf die Vergangenheitsbewältigung? Sollen die anderen erstmal ihre Hausaufgaben machen!
Durch ein neues Nacherzählen, eine zeitgemäßere Darstellung gilt es die Vereinzelten zu erreichen und sie nicht dem Populismus zu überlassen. Wenigstens einen Versuch ist es wert. Fragt sich, inwiefern stand der Charakter, die Lebensgeschichte Primo Levis dafür Pate?
Die Bedeutungsschwere des Textes erreicht das lesende Bewusstsein schon im ersten Satz: ›[…] doch ohne die Gunst des Schicksals kann der Will eines Menschen wenig ausrichten.‹
Was vermögen da noch Willenskraft und Entschlossenheit? Der innere Konflikt des Protagonisten bereits gesetzt? Ja, aber vielfältig und in Nuancen geht es tiefere menschliche Abgründe. Und dann kann man den Text nur schwer aus der Hand legen: Aus Mitgefühl oder aus Sensationslust? Doch keine Fragen mehr:
Auf 400 Seiten entfalten sich Alpträume gepaart mit Hoffnung. Die authentische Ich-Erzählung setzt die ›Suspension of Disbelief‹ sofort in Gang und im zweiten Kapitel befindet sich der Protagonist schon im Viehwagen gen Auschwitz. Ein gelungener, kaum merklicher Wechsel zwischen Präteritum und Präsens verleiht allem Unglück eine wuchtige Unmittelbarkeit. Der Stil frönt ein bisschen viel dem Passiv, wohl der Situation der Lagerinsassen oder der Übersetzung geschuldet.
Auch ist Isaia als Jude stark an der christlichen Hölle interessiert, eine Projektion des Erzählers? Ein Geschichtsprofessor mag eben auch Dante lesen. Sei’s drum, es geht einzig um Schuld ohne Sühne:
S. 13 ›ich habe wirklich keines der typischen körperlichen Merkmale eines Juden, […]‹ glaubt er tatsächlich, dass es diese gibt?
S. 14 schläft er als Professor mit einer Studentin, seinerzeit eben geduldet. O.k., nun ist es klar, das alles dient der Sympathielenkung: Unser Held muss moralische Makel haben, um beschreiben zu können, wie seine Anlagen sich unter dem Überlebensdruck des Lagers auswirken.
Reflektiert er deshalb so unendlich distanziert (S. 26) über die Ursachen des Rassenwahns? Er klammer sich an analytische Deutungsversuche, an Strohhalme im wahrsten Sinn des Wortes, und ihm gelingt ein passender Vergleich dieser Transporte mit den Sklavenschiffen des atlantischen Dreiecks. Manchesmal ertappt man menschliche Unzulänglichkeiten:
S. 112: ›wenn man keine Vorurteile gegen einen Menschen hat und ihn übel zugerichtet sieht, kann man Mitleid empfinden. Wenn man ihn aber schon ais Prinzip verabscheut, wird sein abstoßendes Äußeres zu einer Bestätigung, ja fast zu einer Rechtfertigung für ie Verachtung dieses Wesens.‹ So fällt Isaia auf S. 191 auch darauf herein, als Schutz- oder Trotzreaktion ein elitäres Urteil über die jüdische Kultur zu fällen.
Derart rutscht Isaia unter dem Druck des Lagers immer weiter in Gewissenskonflikte, in denen das Überlebenwollen siegt.
In seinen Gesprächen mit dem Auftraggeber der Memoiren, die Isaia zu schreiben hat, beleuchtet der Autor viele Aspekte der Täterverdrängung, aber warum ein Denkmal für die französischen Antisemiten? Der Wille, uns die Ursprünge aufzuzeigen, siegt über den guten Geschmack und gipfelt in indirekter Rezitation des Führers, um die Subtilität des nazistischen Rassenhasses nochmals in lange vergessenen Details zu verdeutlichen. Der Kunstgriff der Memoiren ermöglicht dem Protagonisten eine Art empathische Abscheu, die sein Empfinden sich selbst gegenüber spiegelt. Nimmt Isaia auch Schaden an seiner Seele?
Der Roman schiebt die Auseinandersetzung mit Auschwitz konsequent auf die persönliche Ebene. Wie hätten wir uns verhalten?
S. 272: ›im Grunde ist es genau das, was ein Schriftsteller können muss: auch banalen Dingen Gehalt und Tiefgang geben.‹
Dem Autor gelingt dies bei Dingen mit Tiefgang.

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