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AndreaHeuser

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

Hallo! Ich habe schon so viel Gutes über die Leserunden hier bei Lovelybooks gehört, dass ich nun darauf brenne, es selbst zusammen mit euch auszuprobieren!

In meinem Romandebüt "Augustas Garten" geht es um den Umgang mit einer unangenehmen Wahrheit, um kleine und große Fluchten und die Kraft der kindlichen Imagination.

Sommer 1975: Die sechsjährige Augusta macht sich mit einer Froschsparbüchse und einem Toastbrot im Rucksack auf die Suche nach ihrem Vater, während die Mutter Barbara in der Küche den Geburtstagstisch deckt und darauf wartet, dass Augusta vom Spielplatz vor der Türe zurückkehrt...

Der DuMont-Verlag spendet 15 Bücher, die ich euch gerne mit ein paar persönlichen Worten versehen zuschicken möchte. Wer also Lust hat, mit mir durch "Augustas Garten" zu wandern, der bewerbe sich doch bitte bis spätestens 29. September. Eine kleine Verlosungsfrage gibt es auch dazu:

Handelt es sich bei Augustas Garten um einen wirklichen oder um einen ausgedachten Garten? Was glaubt ihr?

Über Bewerbungen freue ich mich, und natürlich auch über jede/jeden von euch, der auch so die Leserunde verfolgen mag.

Liebe Grüße! Eure Andrea Heuser



Hier geht's zur Leseprobe!


Autor: Andrea Heuser
Buch: Augustas Garten
1 Foto

britta70

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

Dieses Buch klingt traumhaft, die Geschichte ist genau nach meinem Geschmack. Gerne würde ich in Augustas Welt eintauchen und ihren Garten betreten und bestaunen :-) Das Cover mit der Blumenpracht ist übrigens der Hammer!!
Zur Frage:
Mmmh, ich bin da etwas unentschlossen. Sehr gut würde ein ausgedachter Garten passen- ein Garten, der nur in ihrer Phantasie existiert, in dem sie Zuflucht findet, wenn sie aus dem Alltag flüchten möchte, in dem sie viel Abenteuerliches und Außergewöhnliches erlebt. Bei dieser Variante bleibe ich auch, obwohl auch ein real existierender Garten denkbar wäre :-D
Möchte soo gerne dieses zauberhaufte Buch lesen, wäre eine tolle Überraschung zu einem besonderen Geburtstag gegen Monatsende :-)

Wildpony

vor 3 Jahren

Bewerbung/Ich möchte mitlesen

Oh - das hört sich wirklich nach einem Buch an, das sehr zu Herzen geht.
Würde daher super super gern dein Erstlingswerk lesen ♥
Als Lese-Oma mag ich dieses Genre so super gern und Geschichten mit Kindern sind so gefühlvoll.

Ich denke das Augusta ihren Garten nur in ihren Vorstellungen und im Herzen sieht. Sie vermisste Ihren Vater und hofft wieder auf eine heile Familie.
(Ich habe die Beschreibung des Buches schon beim großen A entdeckt und es hat mich sofort verzaubert).

Würde super gern bei der Leserunde dabei sein. ♥

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AndreaHeuser

vor 3 Jahren

15. Adventskalender zu "Das Winkelhaus"

DAS WINKELHAUS

PROLOG:
1938, Fluss

"An einem schönen, klaren Frühlingsmorgen trieb der Körper einer jungen Frau die windungsreiche Strömung der Sauer hinunter.
Östlich von Echternach, kurz vor Echternacherbrück hatten die im Fluss heimischen Algen ihr Fortkommen bereits sichtlich erschwert. Im Haar der Treibenden hatte ein Lippenblütler sich verfangen; was ihr ansonsten anhaftete, war nicht benennbar. Forellen streiften ihre Glieder, die Zander wandten sich ab.
Der Fluss mag auf seine Weise verhindert haben, dass sie an deutsche, an luxemburgische Ufer geschwemmt wurde. Vielleicht wurde sie von barmherzigen Strudeln hinuntergezogen zum Grund, vielleicht verleibten langsam, sehr langsam, die Fische sie ein.
Jedoch geschah es rasch, dass sie aus dem Bewusstsein der Menschen schwand, denen sie kurz zuvor noch zugehörig war…"


1. KAPITEL:

1952, Köln

VIELLEICHT war es das Licht, das hellgolden dem kargen Raum eine gewisse Andacht verlieh, wie sie nur jenen frühen Tagen im Jahr innewohnt, in denen die Welt große Augen macht.
Die frischen, zugleich überbetonten Konturen ließen auch die Frau und den Jungen aufleuchten, die sich dort im Türrahmen dicht beieinander hielten, als sei ihnen nicht recht klar, wer wen zu schützen hatte.
„Und hier möchten Sie noch eine Wand einziehen lassen?“ – Wilhelm war bemüht, sich seine Verwunderung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Er durfte nicht vergessen, dass er hier war, um ein Geschäft zu machen.
„Sind Sie sicher?“ Hörte er sich dennoch kurz darauf sagen.
Wilhelm war ein auffallend großer Mann. Beim Reden hielt er sich daher stets leicht nach vorne gebeugt. Eine eingefleischte Haltung, die seinem Umgang mit Kundschaft, dem Gespräch auf angestrebter Augenhöhe gut bekam, seinem Rücken allerdings nicht.
Die Flut städtischer Bauaufträge war wegen Materialknappheit vorübergehend abgeebbt. Dabei häuften sich überall in der Stadt noch die Trümmerberge. Immerhin, sagte sich Wilhelm und spürte den Anflug von Bitterkeit kaum, wurde der Schutt noch vom Kölner Dom überragt. Sanierungen und die Umbauwünsche einiger weniger Privatiers bestimmten derzeit das Tagesgeschäft. Seit die Großbaustellen brach lagen, hatten Wilhelms Rückenschmerzen zugenommen. Keine Frage, er hielt sich lieber im Freien auf. Geschlossene Räume, Enge, nein, das war nichts für ihn. Ebenso Stille. Sie machte ihn nervös, war der Hohlraum, in den … 'Dinge' einsickern konnten. Dinge, die man lieber vergaß.
Sieben Jahre waren seit dem Ende vergangen; dem Ende des Krieges. Und alle sieben Jahre, sagte sich Wilhelm hoffnungsvoll, wächst einem eine neue Haut.
Er liebte derlei Redeweisen und Sinnsprüche, kleine Volksweisheiten wie diese. Hier und jetzt aber war es nicht die Haut, alte oder neue, war es nicht der Rücken, der ihm zu schaffen machte.
„Die wird Ihnen da aber viel Licht wegnehmen, die Wand. Frau ... De Boer?“ Diesen Namen hatte sie ihm am Telefon genannt. Auf der Leiste mit den Klingelschildern allerdings hatte er soeben vergeblich nach einer Familie De Boer gesucht. Womöglich war ihre Auskunft deswegen so präzise gewesen: „In die dritte Etage müssen Sie, in die Wohnung ganz rechts.“
Die Frau im Türrahmen rührte sich nicht.
„Das macht nichts“, sagte sie schließlich. Der Junge an ihrer Seite sah Wilhelm an. Nicht unangenehm; mehr auf eine Weise, die Wilhelm das diffuse aber dringliche Gefühl eingab, dieses so sorgsam gescheitelte Haar zerwühlen zu wollen. Ihn hochzuheben, das dünne Kerlchen da vor ihm, hoch hinaus zu Wind und Licht, ihn auf seinen Schultern reiten zu lassen. Aber aus irgendeinem Grund fiel es ihm schwer, sich zu regen.
Alles steht still.
Die Frau, ihr Gesicht: klassischer Madonnenschnitt, umrahmt von mittelblondem Haar, war ebenso wie ihre ganze in Bügelfaltenhose und Rollkragenpullover gefasste Gestalt von einer klaren, zurückhaltenden Schönheit.
Unspektakulär, wenn man so will. Und doch war da etwas an ihr; ihre Haltung, der Blick, der trotz ihrer spürbaren Reaktion auf ihn nicht warb, nicht kokettierte – eine seltsam in sich gekehrte Anmut, vor der Wilhelm, Meister unverbindlicher Galanterie, in diesem Augenblick gewissermaßen kapitulierte.
„Geh bitte in die Küche, Fred!“ – Der Junge, an derlei Ansagen offensichtlich gewöhnt, löste sich umgehend von der Mutter und griff im Vorbeigehen, ohne Wilhelm dabei aus den Augen zu lassen, nach einem Buch, das auf der Ablage im Flur bereitlag.
Donnerlittchen, das Kerlchen kann doch nicht etwa schon lesen, fuhr es Wilhelm durch den Kopf, während sich Fred mit seinem Buch in die Küche zurückzog, deren Tür er weit geöffnet ließ.
Und jetzt endlich konnte auch Wilhelm sich wieder regen. Sein altes Tempo, seine Sicherheiten aufnehmen, die in der Tätigkeit, in der weit ausholenden Rede lagen. Einem beruhigenden Fachsimpeln über Lichtverhältnisse, Wandbeschaffenheiten, Wohnbedingungen: „'Nicht mehr hausen, wieder wohnen!' Was sich die Stadt da mal wieder für Fisimatenten einfallen lässt. Wissen Sie, ich bin kein Theoretiker, ich bin Praktiker. Für Wärme- und Schallisolierungen, für Deckengeschosse ist zurzeit nichts übrig, aber das neue Funkhaus bis zum Sommer noch fertig stellen. 'Eines der schönsten und modernsten Europas.' Lächerlich!“
Ihm wurde zusehends wohler, die Wirklichkeit kehrte zurück. Ihren den Funkhausbau betreffenden Einwurf sie, Frau De Boer höre gern Radio, das sei so tröstend, griff er insofern auf, als dass er ihr das Radiogeschäft ‚Köhler’ in direkter Nachbarschaft empfahl. Ein Geschäft, welches weit und breit die besten Röhrengeräte anbot. Mit Garantie sogar: „Da wissen Sie genau, was Sie für ihr Geld bekommen. Der Köhler nimmt auch ältere Geräte in Zahlung und bietet sie zum Weiterverkauf an. Wenn Sie, na, Sie wissen schon – Und nun zu Ihrer Wand…“
Wilhelm stieg über einige verstreut liegende Teile von Freds Eisenbahn, und legte seine Unterlagen auf das billige, aber hübsch lackierte Nierentischchen. Er streifte die zwei umstehenden Sesselchen mit einem geradezu seufzenden Blick und ließ sich dann auf der alten, recht stabil wirkenden Couch gegenüber nieder, die bis auf einen abgewetzten Stoffbären unbesetzt war.
In seine Ausführungen über den zu erwartenden Arbeits- und Kostenaufwand, auf seine Frage nach dem Sinn und Zweck einer zusätzlichen Wand „in diesem doch so schön übersichtlichen Raum“ hin, speiste sie das Wort 'Privatsphäre' ein.
Dies war ein Wort, das Wilhelm eher selten zu Gehör bekam. Wenngleich dessen Bedeutung: Ruhe und Ungestörtheit bei all seinen Innenraummaßnahmen auf die eine oder andere Art Thema war.
Nun fiel ihm erstmals auch der leichte Akzent auf, mit dem Frau De Boer sprach. Ihr Name ließ eine niederländische Herkunft vermuten. Die Holländer, die Wilhelm von Berufs wegen kannte, sprachen Deutsch allerdings gänzlich anders als Frau De Boer. Auf eine, wie er fand unverkennbare 'Holland-Weise'. Nämlich: korrekt und holpernd zugleich. Als hielte sie irgendetwas davon ab, sich ungezwungen im Raum der deutschen Sprache zu bewegen. Frau De Boer hingegen, die soeben erwähnte, dass sie erst seit kurzem hier wohne, hob ihre Stimme am Satzende mit jener eleganten Beiläufigkeit um eine Nuance an, die Wilhelm an das Französische erinnerte. Während des Krieges war er unter anderem in Südfrankreich stationiert gewesen, und er hatte diesen Klang noch gut ihm Ohr. Wenngleich die Gesprächsfetzen, die er dort auf der Straße oder in den Cafés hatte erhaschen können, zumeist flüsternd vonstatten gegangen waren. Irgendetwas an dieser Erinnerung, ein sie umgebender Schatten vielleicht, ließ Wilhelm von der Couch hochfahren.
Er ging zur Kopfseite des Raums und klopfte sie mit der Sorgsamkeit eines Leibarztes ab.
Er liebte Wände. Ihr stoisches und daher umso nachhaltigeres Versprechen von Standfestigkeit. Ein Versprechen, auf das – wenn nicht gerade Bomben auf sie niederfielen – Verlass war, an das man sich lehnen konnte. Auch ihren so offensichtlichen, fraglosen Daseinszweck liebte er. Ihre Duldsamkeit, mit der sie mancherlei Pfusch von unsachgemäßer Hand in sich ausglichen.
Von der Schule aus war es für Wilhelm gleich in den Krieg gegangen. Und direkt nach dem Krieg kam, verstörend nahtlos als sei das Soldatendasein lediglich eine Form von höherer Schule gewesen, die Maurerlehre. In den ersten Wochen hatten seine Hände auf der Baustelle so stark gezittert, dass er – gedämpft durch den Feinstaub-Mundschutz – seinen ungehorsamen Gliedern wirre Kommandos zumurmelte. Aber schon bald stellte Wilhelm fest, dass sich die Ziegel, Streben und Steine seinem Willen fügten. In einer Weise, die ihn jedes Mal neu staunen ließ. Als würden sie – Mauern und Mensch – sich gegenseitig formen, aneinander aufrichten. Er ertastete ihre undichten Stellen, ihre Widerstände. Er spürte wo sie Risse zu bilden drohten, welche Belastungen sie ertrugen, und welche nicht. Die Gesellen- und wenig später auch die Meisterprüfung bestand er mit Auszeichnung, was seiner jungen Firma durchaus zugute kam.
„Möchten Sie etwas trinken? Ein Glas Wasser vielleicht?“
„Wie? Nein, vielen Dank.“ – Doch keine Französin, befand Wilhelm.
Und er hatte recht. Das Französische pflegte weich dahin zu strömen. Die Worte in Frau De Boers Mund hingegen formten sich härter, geschliffener. Glitzernde Steinchen, dachte Wilhelm. Ja, so klingt’s. Wo spricht man bloß so?
„Ich würde Resopal hernehmen“, sagte er laut, „für die Zwischenwand. Ist noch recht neu, aber vor allem beim Bau von Küchen haben wir bereits sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Andere Firmen würden Ihnen sicherlich Gipskarton empfehlen, aber der lässt sich derzeit nicht wirklich ordentlich verarbeiten. Nun, jeder Jeck is’ anders. Der Zugang muss ja auch noch gewährleistet sein. In die tragende Wand hier lässt sich allerdings kein Durchbruch machen. Also, ich persönlich würde die Zwischenwand eher als eine Art Schiebetürvorrichtung …“
„Es ist wieder kalt, Mama.“ – Fred stand vor dem Zimmer. An seiner Stimme erkannte Wilhelm, dass der Junge tatsächlich älter sein musste, als er ursprünglich gedacht hatte. Dieser Tage waren die Kinder so dünn, ihre Kleidung ausschließlich durch das noch Vorhandene bestimmt, dass jegliche Altersmerkmale an ihnen abglitten, es sei denn, man blickte ihnen in die Augen. Nur, wer tat das schon? Acht, vielleicht neun, schätzte Wilhelm. Würde jedenfalls zum Lesen passen.
„Der Ofen.“ – Freds Tonfall war nicht weinerlich, wie dies bei kleineren Kindern häufig der Fall war, wenn sie über Hunger oder eben Kälte klagten und von der Mutter sofortige Abhilfe verlangten. Er sprach ruhig und sachlich. Eine Mitteilung an die Mutter, mehr nicht.
Frau De Boer ging zu der hohen, massiven Anrichte aus poliertem Eichenholz, die wie eine trotzige Behauptung von etwas Abwesendem an der kahlen Fensterseite des Zimmers stand. Sie zog das obere, Messingbeschlagene Schubfach auf und entnahm ein großes Baumwolltuch, das sie dem Jungen hinhielt.
Wilhelm, der sich soeben fragte, wer in aller Herrgottsnamen diese Herausforderung von Möbelstück in die dritte Etage hoch gewuchtet haben mochte, begriff zugleich den Sinn und Zweck ihrer Handhabung des Tuches. Und hörte sich bereits „Komm, ich helf’ Dir, Junge. Die Kohlen sind doch schwer“ sagen, noch ehe die Überlegung, ob dies überhaupt angemessen sei, bis in sein Bewusstsein vorgedrungen war.
Kurz darauf fand er sich samt Kellerschlüssel und Weidenkorb neben Fred auf der Treppe wider. Jener schiefgetretenen Treppe, die sein fachmännischer Blick nun für so umgehend reparaturbedürftig hielt, dass er seine freie Hand schützend nach dem Jungen ausstreckte. Als ließe sich so die fehlende Stabilität des Zustands zumindest vorübergehend ausgleichen.
Fred jedoch hielt sich mit der einen Hand am Geländer fest, in der anderen hielt er das Tuch der Mutter, das bereits Spuren früherer Kohlegänge aufwies.
„Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp, klapp…“ – Wilhelm, dessen helfende Hand ja soeben ignoriert worden war, fiel nichts anderes ein als zu singen. All die vielen Treppenstufen von der dritten Etage bis ins Parterre hinunter sang Wilhelm allein. „Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach …“ Erst als sie sich der Kellertür näherten, meinte er „klipp klapp, klipp klapp“, ein Summen neben sich zu hören.
Wilhelm stieß die schwere Kellertür auf und betätigte den Lichtschalter. Flackerndes Glühbirnenlicht erhellte die oberen Stufen, die steil abwärts führten. Er blinzelte – 'DUCKEN! runter, runter, ducken, weg hier, weg, weg, Wilhelm, Hans, los, los!!!' – und nun war er es, der unwillkürlich nach der Hand des Jungen griff, die das Treppengeländer freigegeben hatte. Einige Sekunden, eine Ewigkeit standen sie so, bis „ … mahlet das Korn zu dem kräftigen Brot, und haben wir dieses so hat’s keine Not …“ Freds Stimme, die jetzt klar und deutlich neben ihm vernehmbar war, Wilhelm Ort und Zeit zurückgab. „Klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp!“
Ohne ein weiteres Zögern stieg er die Kellertreppe hinunter und nahm sich fest vor, auf dem Rückweg die unselige Glühbirne festzuschrauben, die sich in der Fassung gelöst haben musste.
„Welcher Verschlag ist es denn?“ Fragte er, sich auf halbem Weg zu dem Jungen umdrehend. Da sah er, dass Fred ihm gar nicht gefolgt war. Er stand weiterhin oben auf der höchsten Stufe der Kellertreppe und sah zu ihm hinunter.
„Magst Du nicht mitkommen?“
Fred schüttelte den Kopf.
„Na schön.“ Wilhelm ging den schmalen Gang entlang und probierte vorsichtig als sei er ein Einbrecher die Schlösser der Holzverschläge rechts und links, bis eines von ihnen dem Schlüssel in seiner Hand nachgab und sich öffnete. Ohne sich weiter umzusehen ging er auf den Kohlehaufen in der hinteren Ecke des Kellerabteils zu, und füllte den Korb bis zum Rand. Los, los, ermahnte er sich. Der Tag war noch lang, es gab viel zu tun.
Zurück an der Kellertreppe tauchte Stufe um Stufe aufwärts, Freds Gestalt – Schnürschuhe, Waden, Knickerbocker, Pullover, Gesicht – vor ihm auf. Als der Junge Wilhelm sah, trat er einen Schritt zur Seite, um ihm Platz zu machen. An seinem Arm hing seltsam erschlafft, das Tuch der Mutter bis zum Boden herab.
Einer Eingebung folgend packte Wilhelm einen Teil der Kohle in das große Baumwolltuch, dessen Ende er zu einem Knoten band, so dass der Junge das Bündel zu tragen vermochte. Freds Gesicht hellte sich augenblicklich auf; wenngleich hinter Wilhelms Rücken, der bereits die Stufen hoch ins erste Stockwerk nahm.
Der Rückweg ging deutlich langsamer vonstatten. Wilhelm, dem soeben einfiel, dass er doch eigentlich die Glühbirne im Keller hatte festschrauben wollen und dass er sich außerdem viel zu lange schon im Hause der De Boers aufhielt, ging gedankenverloren und daher grußlos an der älteren Dame vorbei, die ihnen von den oberen Stockwerken aus entgegen kam. Die Dame, in kornblumenblauem Hängemantel und Hut musterte Wilhelm und Fred mit einer Mischung aus Mitleid, Herablassung und Häme. Hätte Wilhelm ihren Blick bemerkt, er hätte sie verblüfft zur Rede gestellt. Fred aber senkte den Kopf über sein Kohlenbündel, als habe ihn der Blick der Frau mit einem zusätzlichen Gewicht beschwert.
„Es blüht eine weiße Lilie in blauer Tropennacht. Sie hat einem fremden Seemann das große Glück gebracht…“
Aus der Nachbarswohnung der De Boers drang gedämpft Musik. Frau De Boer hatte die Wohnungstüre einen Spalt offen gelassen; für ihren Sohn, für Wilhelm, für die Musik.
Als sie eintraten, stellte Wilhelm als erstes den schweren Korb neben dem Ofen ab und schob Kohlen nach. Fred legte sein Bündel daneben.
Frau De Boer saß vor dem geöffneten Küchenfenster und rauchte. Über den roten Rollkragenpullover hatte sie eine farblich passende Strickjacke gezogen, ihre Beine waren übereinandergeschlagen, ihr Blick abgewandt. Ihre Haltung hatte etwas Aufreizendes; gerade dezent genug, dass es Wilhelm so unmittelbar erregte, wie ihn der Anblick ihrer Zigarette abstieß. Auf Rauch reagierte er empfindlich; der Krieg hatte ihm unter anderem einen Lungenstreckschuss beschert. Seitdem verspürte er den Drang, in jedem Raum die Fenster aufzureißen. Nur, das Fenster war bereits geöffnet.
„Wo ist das Bad?“ Fragte er, um sich im Widerstreit der Gefühle mit dem erstbesten Satz Luft zu verschaffen.
Frau De Boer wandte sich ihm zu, und drückte die halbgerauchte Zigarette aus, die in dem bauchigen Glas-Aschenbecher vor ihr zum Liegen kam wie ein gekrümmtes Insekt. Fred lief auf sie zu, und legte seinen Kopf an ihre Schulter.
„Gleich hier“, sagte sie, und nun lächelte sie zum ersten Mal. Wilhelm sah etwas Ungeahntes, gewissermaßen Verspätetes in ihrem Gesicht aufblitzen: mädchenhaft heiter, keck.
Mariechen-Funken, dachte er. Und war einigermaßen verblüfft darüber, was ihm heute so alles in den Sinn kam. Er zog den Vorhang, der offensichtlich als Raumteilung diente, zur Seite. Dahinter befanden sich eine Zinkwanne, ein Waschbecken mit Spiegelschränkchen und ein Regal mit Handtüchern. Der Boden war mit demselben hellgrauen Linoleum ausgelegt wie der Rest der Küche.
'Tielsa, die Küche, die nichts übel nimmt' – Wilhelm hatte erst vor einigen Tagen ein ebensolches Linoleum verlegt. Er ging zum Waschbecken, griff nach der Kernseife und säuberte sich die Hände bis über die Handgelenke hinaus mit jener mechanischen präzisen Bewegung, wie sie Ärzten und Soldaten zueigen ist, denen die Reinlichkeit in Fleisch und Blut übergegangen ist. Auch das Wurzelbürstchen benutze er, um den hartnäckigen Kohlenstaub unter den Nägeln möglichst spurlos zu beseitigen. 'Der Teufel wohnt unter den Fingernägeln, Sohn' – Wilhelm sah auf. Fast erwartete er das Gesicht des Vaters – belehrend, freundlich, menschenmüde – neben dem seinen im Spiegel vorzufinden. Es blickte ihm aber nur das eigene Spiegelbild entgegen. Markante Gesichtszüge, die niemals erröteten. So auch nicht bei dem, was er nun tat. Doch spürte Wilhelm, dass ihm die Handflächen feucht wurden, als er mit einer Behutsamkeit, die man seinen großen schweren Händen auf den ersten Blick gar nicht zutraute, das Spiegelschränkchen öffnete.
Seit er sie, Mutter und Kind dort vor sich im Türrahmen hatte stehen sehen, war er mehr oder weniger bewusst auf der Suche nach Hinweisen gewesen. Hinweisen, die für das Vorhandensein eines Herrn De Boer sprachen. Die Wohnung selbst gab derlei Auskünfte nicht preis. Weder in Form von Kleidungsstücken noch durch Möbel oder eben jene Gegenstände, die einem Hausherrn üblicherweise zugeordnet werden. Keine Fotografien, Hausschuhe, Pfeife, Koffer, Hüte, keine Zeitung auf dem Küchentisch. Alles sprach dafür, dass hier eine Frau allein mit ihrem kleinen Sohn wohnte.
Doch ein Instinkt sagte Wilhelm, dass dem nicht so war. Dass die ‚Privatsphäre’, die Frau De Boer durch jene zusätzliche Wand in ihrer Wohnung herzustellen wünschte, nicht eine zwischen Mutter und Sohn war. Er hätte nicht sagen können woran dies festzumachen sei. Es war, als würde etwas an dem Bild so wie es sich ihm darbot nicht ganz stimmen, auch wenn man den Finger nicht auf die entsprechende Stelle legen konnte.
Das Wandschränkchen öffnete sich, und Wilhelm unterdrückte einen Seufzer. Rasierpinsel und -seife, Klingen, Alaunstift, Duftwasser, Zahnbürste; sorgsam aufgereiht wie kleine, wachsame Zinnsoldaten. Sogar ein Maniküre-Set war vorhanden.
Nicht da und doch da, dachte er etwas zusammenhanglos und schloss das Schränkchen eine Spur weniger behutsam, als er es zuvor geöffnet hatte. Plötzlich hatte er es eilig. Er zog den Vorhang auf und ging in die Küche zurück, in der Frau De Boer gerade frischen Kaffee aufbrühte.
„Möchten Sie…“
„Herr Rohde, mein Mitarbeiter wird morgen noch einmal bei Ihnen vorbeischauen, Frau De Boer. Wir müssen noch eine Feuchtigkeitsmessung in der Wand vornehmen. Wann würde es passen? Drei Uhr? Prima.“ Wilhelm packte mit wenigen Handgriffen seine Unterlagen zusammen und war schon halb in der Tür, als eine Hand ihn am Hosenbein zupfte.
„Auf Wiedersehen, Jungchen.“ Er beugte sich zu Fred hinunter, und nun erlaubte er sich die Geste und strich ihm über das Haar.
Wilhelm verließ die Wohnung der De Boers und es war ihm, als hallten seine Schritte auf der Treppe ungewöhnlich laut nach.
Trittschallschutz mangelhaft. Statik kritisch – Mängel notierten sich in seinem Kopf wie von selbst. Bestandsaufnahmen, darauf war Verlass, oh ja!
Frau De Boer war in der Tür, die sie Wilhelm aufgehalten hatte, stehen geblieben. Nun ging sie zum Treppengeländer, beugte sich ein Stück vor und rief Wilhelm etwas zu. Sie rief in es seinen fliehenden Rücken; gelassen, und doch wie ein Geständnis: „Ich heiße Margot.“

Buchraettin

vor 3 Jahren

Oh ich freu mich schon auf das neue Buch

AndreaHeuser

vor 3 Jahren

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@Buchraettin

Hallo, liebe Buchrättin, ein frohes neues Jahr Dir! Und: ich freue mich, dass Du Dich freust :-) Ein bisschen Daumendrücken kann ich übrigens auch gut gebrauchen. Ich hoffe natürlich, es klappt mit dem "Winkelhaus" und es wird wieder ein schönes Buch bei DuMont.

Arietta

vor 3 Jahren

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Liebe Andrea vielen Dank , für deine Leseprobe . Auch das du uns hast Teilhaben lassen am 1. Kapitel deines neuen Buches.
Nomals vielen Dank das du so treu und Ausdauernd die Leserunde begleitet hast , selbst als sie am Ende war.
Ich bin Jahrgang 1952 , vielleicht kann ich deshalb besonders Gut in das Buch hinein versetzen. Es verspricht eine neue hervorragende entdeckende Geschichte zu werden. Kunst - Gefühlsvoll , kommen die Protagonisten herrüber.
Ich habe jetzt schon meine Favoriten , die ich Liebgewonnen habe...

Auch ich freue mich auf dein neues Buch " Das Winkelhaus"

LimaKatze

vor 3 Jahren

15. Adventskalender zu "Das Winkelhaus"
@AndreaHeuser

Wie schön! Das erste Kapitel in Vollendung, und das im wahrsten Sinne des Wortes! Ein paar kleine Änderungen hat es noch gegeben, wenn ich mich nicht irre; ich habe jetzt allerdings nicht genauer nachgesehen. Deine viele Arbeit hat sich jedenfalls gelohnt, liebe Andrea, der gesamte Buchanfang ist einfach wunderschön geworden! Jetzt bitte nichts mehr ändern ;-))!

Es ist sehr lieb von dir, dass du uns mit deinem Abschiedsgruß das fertige erste Kapitel schenkst! Und selbstverständlich steigert das noch die Vorfreude auf dein neues Buch "Das Winkelhaus". Ich denke wir alle, die wir hier noch mitlesen, freuen uns sehr darauf!

Auch an dieser Stelle noch mal alles Liebe und Gute für dich, vielen Dank für ALLES (!), und möge die Schreibfeder bei deiner Arbeit stets wie von selbst über das Papier fliegen!

Liebste Grüße, Liane. :-)

Arizona

vor 3 Jahren

Auch ich wünsche Dir, liebe Andrea und deinem Buch alles Gute, auf dass alles so läuft wie du es dir vorstellst. Ein paar treue Leserinnen warten gespannt auf euch bis 2016. Vielen Dank an die ganze Runde hier, ich habe hier auch einige liebe neue lb-Freundinnen gefunden!

LimaKatze

vor 3 Jahren

Bevor ich mich nun bei dieser Leserunde ausklinke, möchte ich mich noch eben verabschieden. Von so einer wunderbaren Leserunde, die so lebendig und emotional war, und so viel Freude gemacht hat, möchte ich mich nicht nur eben mal wegklicken.
Es war schön mit euch! Aber so wie es aussieht, wird es ja wahrscheinlich wieder eine Leserunde mit dem neuen Buch von und mit Andrea geben. Also, kein Grund zur Traurigkeit ;-)!
Bis bald, und lasst es euch gut gehen!
Liebe Grüße. :-)

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