Wer ein Buch zweimal tauft, ohne dass auch nur einer der Titel mit dem Inhalt zu tun hat, dem sei misstraut. „Der Schrei der Hyänen" — eine Hyäne kreischt in einer Nebenszene des Romans, mehr nicht. „Die zweite Heimat der Störche" — Störche kommen schlicht nicht vor. Offensichtlich handelt es sich um einen marketinggetriebenen Versuch, das politisch inzwischen prominente Autorenduo mit einem freundlich-poetischen Etikett neu zu vermarkten. Beide Titel sind austauschbare Stimmungsbilder, die mehr verbergen als ankündigen, und ein Roman, der seinen eigenen Gegenstand nicht benennen mag, beginnt bereits auf dem Umschlag mit einer kleinen Lüge.
Die Anlage des Buches ist ambitioniert: vier Frauen, vier Generationen, hundert Jahre deutsch-namibischer Geschichte, erzählt nicht linear, sondern nach dem, was die Autoren das „Prinzip der Parallelisierung von Motiven" nennen. Was in den Werkstattgesprächen wie ein literarisches Kunststück klingt, gerät auf der Seite zur Zumutung. Die Zeitebenen springen ohne nachvollziehbare Logik, Figuren werden eingeführt und verschwinden wieder, Motive werden bedeutungsschwer aufgeladen, ohne ihr Versprechen einzulösen. Der Leser arbeitet sich nicht durch komplexe Strukturen, sondern sucht nach einem roten Faden, den die Autoren selbst aus den Augen verloren zu haben scheinen.
Im dramaturgischen Zentrum steht ein vererbungsbiologisches Mysterium — der späte Beweis, dass die Hamburger Senatorenfamilie afrikanische Vorfahren hat. Genetisch ist das nicht unmöglich; die Mendelschen Regeln lassen es bei rezessiven Merkmalen über Generationen hinweg durchaus zu. Plausibel als Plot-Twist ist es deshalb noch lange nicht. Der Roman behandelt diese „unbegrenzten Möglichkeiten genetischer Vielfalt" wie eine literarische Wunderwaffe, die alle dramaturgischen Probleme auf einmal löst. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich genau dieses Merkmal in genau dieser Konstellation in genau diesem Moment manifestiert, liegt nahe der eines Lottogewinns und wird vom Roman ohne Augenzwinkern als schicksalshafte Enthüllung serviert. Genetik als Deus ex machina.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Autoren das Land, über das sie schreiben, bekanntermaßen erst Jahre nach Erscheinen des Romans betreten haben. Man muss nicht jeden Schauplatz selbst gesehen haben, um über ihn zu schreiben. Karl May ist das berühmteste Gegenbeispiel, aber Karl May hat sich auch nie ernsthaft den Anspruch angemaßt, einen historisch-politischen Bildungsroman vorzulegen. Paluch und Habeck schon, und das merkt man dem Text an. Die Landschaftsbeschreibungen wirken aus dem Reiseführer abgeschrieben, die Sinneseindrücke seltsam blass, die Witgatbäume und Kameldorne stehen wie aus dem botanischen Lexikon eingeflogen herum. Das Namibia dieses Romans riecht nach Bibliothek, nicht nach Omaheke-Wüste.
Wirklich ärgerlich wird es bei den historischen Schnitzern, denn ein Roman, der sich auf die Wucht realer Ereignisse beruft, hat eine Bringschuld. Hier exemplarisch einige Beispiele.
Neben diversen Ungenauigkeiten der Uniformen und Abzeichen ist die transportable Funktechnik der Schutztruppe ist ein echter Anachronismus: Die drahtlose Telegrafie steckte zur Zeit des Herero-Aufstands buchstäblich in den Kinderschuhen. Marconis erste Transatlantikversuche lagen erst drei Jahre zurück, Sendestationen waren stationäre Anlagen mit tonnenschweren Antennenmasten. Eine im Feld einsetzbare, mobile Funkverbindung der Schutztruppe ist Anachronismus pur, vergleichbar damit, einem napoleonischen Offizier ein Fernglas mit Bildstabilisator in die Hand zu drücken.
Auch die historisch belegten Personen und Ereignisse — Samuel Maharero, Hendrik Witbooi, die Schlacht am Waterberg — werden zwar genannt, aber nach Belieben in die Erzähllogik eingepasst, sodass ein Leser ohne Vorkenntnisse den Roman verwirrter verlässt, als er ihn aufgeschlagen hat. Solche Schnitzer sind kein Detailproblem, sondern Symptom einer Arbeitshaltung, die historische Recherche im Modus „Reicht-schon-ist-ja-Fiktion" betreibt — genau das darf ein Roman mit diesem Anspruch nicht.
Auch sprachlich und dramaturgisch trägt das Buch nicht. Die Charakterisierungen geraten oft plumper als die Metaphern, die sie tragen sollen: Figuren werden über ein Adjektiv-Etikett eingeführt und tragen dieses Etikett dann hundert Seiten lang vor sich her — der brutale Frank, die zarte Arabella, der bürgerliche Paul. Innenleben entsteht so nicht, sondern wird behauptet. Wenn einer der Männer eine kalbende Kuh als „verdammte Niggerkuh" anbrüllt und sie zu Tode prügelt, soll das die Härte der Kolonialwelt zeigen; tatsächlich ist die Szene so übertrieben aufgetragen, dass sie in unfreiwillige Komik kippt. Schlechte Menschen prügeln sterbende Tiere, gute Menschen schauen mit Tränen in den Augen zu — die moralische Buchhaltung ist immer schon erledigt, bevor die Szene überhaupt begonnen hat.
Damit zur ideologischen Schieflage, und das ist der gravierendste Einwand. Die Aufarbeitung deutscher Kolonialschuld ist ein legitimes, wichtiges literarisches Anliegen. Der Roman aber begnügt sich damit, das gute Gewissen seiner Leser zu bedienen, statt es zu beunruhigen. Die Deutschen der Kolonialzeit erscheinen praktisch ausnahmslos als roh, gierig und gewalttätig, die Herero als edle, würdevolle Opfer. Wo Geschichte als Moralitätenspiel zwischen Schwarz und Weiß inszeniert wird, geht die eigentliche Tragik verloren. Nämlich dass ganz normale Menschen, eingebettet in eine ganz normale Ideologie, einen Völkermord vorbereitet und durchgeführt haben. Diese unbequeme Banalität wäre der literarisch interessante Stoff; stattdessen bekommen wir Bösewichter im Tropenhelm. Hinzu kommt eine kuriose Heilsverheißung: die Erlösung von der deutschen Schuld durch die genealogische Entdeckung des eigenen Schwarzseins. Das ist als Idee nicht nur kitschig, sondern in der Konsequenz problematisch. Als wäre Schuldfähigkeit eine Frage der Pigmentierung und nicht des Handelns.
Bei aller Kritik soll man dem Buch zugutehalten, was es verdient. Das Vorhaben ist ehrenwert; die deutsche Kolonialgeschichte verdient definitiv mehr literarische Aufmerksamkeit, als sie lange bekommen hat, und der Roman gehörte 2004 zu den wenigen Versuchen, einem breiteren Publikum den Herero-Aufstand und die Schlacht am Waterberg überhaupt nahezubringen. Die formale Ambition — Generationenroman mit verschachtelten Zeitebenen — ist anspruchsvoll gewollt, auch wenn die Ausführung nicht trägt. Einzelne Szenen, besonders in der Hamburger Spätphase um die alte Nele, haben durchaus atmosphärische Qualität. Und immerhin: Es ist ein Buch, das eine Diskussion auslöst, was man von vielen seiner Zeitgenossen nicht sagen kann. Wer sich für deutsch-namibische Geschichte interessiert und den Roman als Einstieg nimmt, um danach gründlichere Sachbücher zur Hand zu nehmen, hat nichts verloren.
Am Ende bleibt ein Roman, der mehr will, als er kann, und mehr behauptet, als er recherchiert hat. Die historischen Fehler sind nicht Beiwerk, sondern Befund: einer Arbeitshaltung, die das eigene Anliegen wichtiger nimmt als den Gegenstand. Die ideologische Eindeutigkeit erspart dem Leser jede Anstrengung und damit zugleich jeden literarischen Gewinn. Bleibt der Verdacht, dass die Neuauflage unter neuem Titel weniger der Wiederentdeckung eines verkannten Werks dient als der Verwertung eines inzwischen prominenten Verfassernamens.