Andreas Maier Die Straße

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Inhaltsangabe zu „Die Straße“ von Andreas Maier

Am Anfang sind es bloß Doktorspiele, aber sie sind schon von einer Dringlichkeit, die eines Erwachsenen würdig wäre. Später kommt die Bravo und gibt erstmals eine Sprache dazu. Eine jugendliche Welt aus zeitschriftengeborenen Worten wie Petting, Glied und Scheide. Der Erzähler, drei Jahre jünger als seine Schwester und ihre Freundinnen, steht staunend vor ihnen und erfährt seine erste Aufklärung ausgerechnet mit 'Alice im Wunderland' …
Andreas Maier widmet sich einem ebenso interessanten wie heiklen Thema. Dem Erwachen der Sexualität in den siebziger Jahren, einer Zeit, in der dieses Thema sorgfältig in einer Parallelwelt verschlossen wird. Und Andreas Maier geht ans Eingemachte.

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  • "Die Straße" voller Abgründe

    Die Straße

    Schelmuffsky

    02. April 2015 um 09:01

    Auf dem Cover sieht man ein Eisenbahnviadukt. Es ist eines der beiden parallel verlaufenden Eisenbahnviadukte, die in Friedberg über den Bach Usa führen, im Volksmund nur die 'Vierundzwanzig Hallen' genannt. Über ihnen thront eine der weitläufigsten Burganlagen Deutschlands, unterhalb duckt sich das Barbara-Viertel, das in diesem Bereich von Mietshäusern der 60er Jahre geprägt ist. Hier irgendwo hat Andreas Maier in seiner Kindheit in einem Einfamilienhaus gelebt, am anderen Ende des Barbara-Viertels lebe ich seit fünfzehn Jahre, auch direkt an der Usa. Die Zeiten, die Maier beschreibt, habe ich zum Glück nicht mehr erlebt, denn sie sind so befremdlich, dass ich kaum glauben mag, welche Zustände damals in Friedberg herrschten. Momentan nisten in den 'Vierundzwanzig Hallen' wieder mehrere Turmfalken, für mich als Vogelliebhaber jedes Jahr ein tolles Naturschauspiel, genauso faszinierend wie die Störche, die sich in der Nachbarschaft angesiedelt haben oder die Tausende Kraniche, die im Spätherbst und Frühling immer über die Stadt ziehen. Andreas Maiers Welt ist eine andere. Sie erinnert eher an den expressionistischen Stummfilm, an Das Kabinett des Dr. Caligari zum Beispiel. Lange Zeit sprachlos verfolgt Maier als Kind die Ereignisse um ihn herum. Er beobachtet seine ältere Schwester und deren Freundinnen dabei, wie sie exzessiv ihre Körper erkunden, sieht in anderen Familien, wie die Väter gerne ihre Töchter und noch lieber deren Freundinnen auf den Schoß nehmen, die Mütter ihre Söhne ins Ehebett holen, um von ihnen die Zärtlichkeit zu erhalten, die ihre Männer offensichtlich nicht für sie übrig haben. Die ganze Atmosphäre ist geprägt von einer schwülen und zugleich spießigen Sexualität, die vielfach übergriffig wird und für die es keine Sprache gibt außer später der von Dr. Sommer, der vermittels der Bravo in allen Haushalten Einzug hält. Gleichzeitig, und mit deren Beschreibung beginnt der Roman, ist das Leben geprägt von einer Saturiertheit in den 'Bürger'-Familien, einer exzessiven Sattheit, die keinerlei Fragen aufkommen und zulässt. Die Beschreibung dieser Saturiertheit hätte ich gerne ausführlicher und präziser gehabt, denn sie ist bis heute vielerorts und vermutlich nicht nur in Friedberg bestimmend. Dr. Caligari: Wie in diesem Film gibt es in Friedberg auch eine kleine Altstadt mit verwinkelten Fachwerkhäuschen. Maier muss auf dem Schulweg zur Henry-Benrath-Gesamtschule immer durch dieses Viertel. Was dort geschah, wird nur angedeutet, alte perverse Männer, die Jungen in die „Hexenhäuser“ locken, um sich an ihnen zu vergehen, am Ende des Romans gibt Maier Hinweise, dass ihm dies auch widerfahren sein könnte, explizit aber benennt er die Vergewaltigung eines Gastschülers aus den USA, der von seinem ersten Gastvater missbraucht wurde, bevor die Eltern von Maier ihn für ein Jahr in der Familie aufnahmen. Maier beschreibt sehr genau, unter welchen Umständen die allenthalben vorkommenden Übergriffe möglich werden, wie wir sie aus den Medien aus den Berichten über die Ereignisse in der Odenwaldschule und katholische Priester kennen. Sprachlosigkeit, insbesondere zwischen den Eltern und Kindern und schwüle Ängste, die untergründig aus perversen Phantasien gespeist werden, sind der Nährboden für ständige Grenzüberschreitungen, die Maier stumm beobachtet und erleidet und die er erst Jahrzehnte später schreibend zu erfassen scheint. Noch etwas anderes war lange Zeit bestimmend für Friedberg. Die Stadt liegt, man könnte sagen, bezeichnenderweise an der Usa. Jahrzehnte war das Stadtleben geprägt von Tausenden US-Soldaten, die in Friedberg in den Ray Barracks stationiert waren, u. a. auch Elvis Presley in den 60er Jahren. Vor acht Jahren wurde die Kaserne geschlossen, in den Jahren davor aber war die Stadt voller Amerikaner, für die sich, so beschreibt es Maier, insbesondere viele Mädchen interessierten, u. a. auch Maiers Schwester, vermutlich, so wird es nahegelegt, um aus der spießigen Welt ihrer Familien zu fliehen. Diese Motivation ist so stark, und angesichts der beschriebenen Verhältnisse ist dies nur zu verständlich, dass Maiers Schwester und deren Freundinnen sich den Soldaten gleichsam an den Hals werfen. Die Straße ist ein mutiges Buch. Die Flower-Power-Zeit der 70er und frühen 80er Jahre erscheint plötzlich in einem weniger rosaroten, ja düsterem Licht. Man kann davon ausgehen, dass sie noch virulent ist, denn lange Zeit wurde alles totgeschwiegen, verbrämt. Maier lüftet jetzt ein wenig die Decke, die über alles gelegt wurde. Allein deswegen lohnt sich die Lektüre.

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  • Von Bravo bis Porno – Andreas Maier über eine Kindheit und Jugend in der schönen Wetterau

    Die Straße

    jamal_tuschick

    29. January 2014 um 19:21

    Von Bravo bis Porno – Andreas Maier über eine Kindheit und Jugend in der schönen Wetterau   In Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ führt die Sache im Titel zu einem toten Meer. Es wäre für jeden besser tot zu sein in der postapokalyptischen Welt, die McCarthy dem Leser entdeckt. Andreas Maiers Roman „Die Straße“ spielt vor der Apokalypse. Seine Straße identifiziert sich als Magistrale der Wetterauer Kreisstadt Friedberg. Die Wetterau ist Maiers Herkunftslandschaft und ein Revier der Lieblichkeit. Da bauten Römer Bäder. Das tiefe Hessen war ihnen unheimlich, aber in der weich gezeichneten Prärie vor Frankfurt am Main schienen Land und Leute bezähmbar. Die Römer sprachen schon von Hessen, insofern sie von Chatten sprachen. So nannten sie die nördliche Bevölkerung, die immer wieder, von Fritzlar via Alsfeld und Schotten kommend, über die Besatzungsmacht hereinbrach und gegen den Limes trat, dass der Zaun wackelte wie ein Milchzahn. In Maiers Wetterau werden die Römer von Amerikanern gespielt. Als Sieger sind sie Hessinnen hoch willkommen. Maiers Held heißt Andreas, und egal, wem man zuhört, es geht in der „Straße“ um Andreas und seine zwischen Bad Nauheim, Friedberg und Frankfurt oszillierende Familie. Die Begeisterung für Sieger übernimmt in der eingesessenen Sippe Andreas’ Schwester. Der Autor zählt Leidenschaften der Verwandten auf, in einer ungeheuren Aufzählung. Der diskrete Charme der Bourgeoisie ist anders. Maier listet Kleiderbügel, Füllfederhalter und Bleistifte als anale Penetrationshilfen der Schwester im Berliner Brechthaus. Gerrit Bartels ergänzt den Autor. Der Journalist ahnt Mysterien des Wäldchestages als einer Frankfurter Angelegenheit ohne Beispiel in der Welt. Plötzlich fährt der Geist von Friedrich Stoltze aus Maiers Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Er geriert sich, garstet gar: „Es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“  Das ist auch schwer zu verstehen. „Die Straße“ setzt eine auf elf Bände angelegte und nun im dritten Band angekommene Reise ans hessische Ende der Nacht fort. Man hat das Unternehmen mit Prousts Suche nach der verlorenen Zeit verglichen und Maiers Andreas soziophob genannt und sich in Friedberg auch noch ganz anders zu diesem und jenem geäußert. Meine Großnichte aus Florstadt bezeichnete die „Straße“ als „provinziell-präpubertäre Problempoposse“ und übersah indes, Stichwort Provinz, dass Friedberg für sie schon eine große Stadt „voller Fremder“ ist. Als Generalanzeiger dient dem werdenden Werk der Hinweis „Ortsumgehung“. Das ist ein Wort aus der Bonanza-Zeit. Es bringt einen zum Zug nach Nirgendwo und von Bravo nach Porno. „Problemandreas“ kommt allgemein nicht gut an. Allein seine Schwester interessiert sich für Andreas’ anatomische Andersartigkeit. Es reifen die Pickel der Pubertät in einer sexualisierten, ihre Aufladungen aber bürgerlich verschweigenden Umgebung. „Für die Sexualwelt gab es keine Sprache“, sagt Maier. Die Schwester und ihre Freundinnen veranstalten private Modenschauen, sie ziehen den jüngeren Bruder heran. Sie hüten sich davor, von Erwachsenen überrascht zu werden. Immer wieder sagen sie: „Ist das eklig“. So beschreiben sie etwas, dass sie ebenso anzieht wie abstößt. Maier glaubt, dass er, „jüngerer Bruder“ einer pubertierenden Schwester, typisch zu seiner Rolle fand – als angelernter Voyeur und Gegenstand von Untersuchungen geschlechtlicher Unterschiede. Er weiß nicht, was soll das bedeuten. Er sucht nach Erklärungen. Endlich erreicht ihn die Idee, vertrackte Absichten lägen hinter den Verschleierungen. Später wird die Schwester von „Doktorspielen“ und „Entwicklungsstufen“ reden und mit den Begriffen ihre unbedachte Vergangenheit einhegen. Es wird für sie so sein, wie nie gewesen. Andreas rennt dagegen an, er stürmt die Selbstgewissheit der Schwester. Er reicht ihre „Einsteckwünsche“ nach. Ihr reicht „Entwicklungsstufe“ als Erklärung. Das Selbstbewusstsein zuckt mit den Achseln. Maier schreibt: „Als wären sie (die Schwester und ihre Freundinnen) früher nie sie selbst gewesen, sondern nur eine Entwicklungsstufe.“ Der Roman nahm seinen Anfang in Erinnerungen an einen amerikanischen Austauschschüler, der in Friedberg weitergereicht wurde. Das Gerücht wusste etwas „von Missbrauch“ in der ersten Gastfamilie. Maier suggeriert, dass in seiner Kindheit und Jugend alles Mögliche kurz vor Missbrauch gewesen sein könnte. Die Art wie Väter die Freundinnen ihrer Töchter berührten, die Ansprachen diverser „Altstadtmänner“, das nackte Liebesbedürfnis der Mutter. Die Odenwaldschule in der Wetterau – Im Brechthaus nennt Bartels „Die Straße“ „ein unversöhnliches Buch“. Maier meldet die ständigen Warnungen „vor fremden Menschen“. Vor der eigenen Familie habe einen keiner gewarnt. Andreas fürchtet „ein Gesamtverschlingen seiner Person“ von „schwarzen Männern“, die ihn „anlocken, so wie man Enten mit Krumen lockt“. Die Ursache des Bösen: das ist in der Friedberger Kinderwelt der Siebziger „der schwarze Mann“ – „der kollektive deutsche Bewusstseinsneger. Die Idealhorrorfigur vom Reißbrett.“ „Als Traumneger“ organisiert er die Beunruhigung noch im Schlaf. Ich erinnere mich nicht an Maiers Popogeschichten, aber ich erinnere mich an den schwarzen Mann, „und wenn er kommt, dann laufen wir“. In den Turnstunden des Andreas, in einer vollkommen verratzten Halle mit einer Sprossenwand und sonst keinem Gerät, wird stets einer „zum schwarzen Mann bestimmt. Er musste so viele Kinder wie möglich fangen.“ Kriminelle können mit dem schwarzen Mann nicht Schritt halten, so weit es um ihre Fähigkeit geht, zu erschrecken. Die Arena der Kriminalität ist der Fernseher. Wenn das Verbrechen aus dem Fernseher persönlich in die Wetterau kommt, setzt sich der Bürger zur Wehr. Daher Spießbürger. Maier kommt wieder dahin: „Ich muss mit meiner Schwester in der Badewanne gewesen sein.“ Doch damals sei „die geschlechtliche Differenz so ausgeblendet gewesen“, dass sie ihn Jahre später überraschen konnte. Da hatte die Schwester bereits Zugang zu einem Post Exchange Store, in dem sich GI’s mit amerikanischen Produkten versorgten. Der, die, das gigantischste PX war in Gießen. Wer da Zugang hatte, der trank Coca Cola nur noch aus amerikanischer Abfüllung. Zehntausend Soldaten waren in Friedberg stationiert. Die Bordelle vor Ort konnten „die Grundversorgung“ nicht garantieren. Die geschniegelten Besatzer reichten sich die Klinke und verbrachten Abende mit Andreas’ Schwester unter der Aufsicht des Vaters im Wohnzimmer. Der Vater habe die unpassenden Verehrer präsidial ausgesessen und außerdem die Tochter mit Küchendiensten „rituell erniedrigt“. Auch das hatte Konsequenzen. Maier leuchtet wie ein Alien den Verhältnissen heim, die ihn im Stil Hesselbach’scher Einfalt und Zwietracht hervorgebracht haben. Wer da wen hinters Licht führt, bleibt von jeher ein offenes Geheimnis. Wem das nicht aufregend genug ist, kann sich gern in die Nesseln setzen.  

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  • Neuer Band des Romanprojekts "Ortsumgehung"

    Die Straße

    WinfriedStanzick

    27. November 2013 um 10:57

    Mit seinem neuen Roman „Die Straße“ setzt der hessische, in Friedberg geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier seinen auf über 10 Bände angelegten Romanzyklus „Ortsumgehung“ fort. Man muss den das Projekt sozusagen vorbereitenden Band „Onkel J. Heimatkunde“ und die beiden ersten Romane mit den Titeln „Das Zimmer“ und „Das Haus“ nicht unbedingt gelesen haben, um sehr schnell in ein Buch hineinzukommen, das Anfang der achtziger Jahre im hessischen Friedberg spielt. Andreas Maier ist älter geworden, und entdeckt an der Schwelle zur Pubertät zunächst einmal die Veränderungen, die er bei seiner etwas älteren Schwester beobachtet. Sie und ihre Freundinnen erwachen sexuell, machen sich ihren eigenen Körper lachend zu Eigen und träumen von  den in Friedberg stationierten amerikanischen GIs.   Die besorgten Väter und Mütter versuchen krampfhaft ihre Töchter von den meist von den Vätern phantasierten sexuellen Aktivitäten abzuhalten. Es ist ein Klima aufgeladener und dennoch unterdrückter Sexualität, in der die alten Männer Praline lesen und die Jungen und Mädchen relativ alleingelassen ihre Sexualität entdecken.   Immer wieder kommt Andreas Maier auf die Hexenhausmänner zu sprechen, die den Jungen nachstellen und sie nach der Schule unter allen möglichen Vorwänden in ihre Häuser locken. Was da alles passiert, bleibt nur in Andeutungen stecken. Doch dass der Autor selbst ein solches Erlebnis gehabt hat, deutet er gegen Ende des Buches an.   Mit Sicherheit missbraucht wurde der amerikanische Austauschschüler John von seinem ersten Gastgeber. Auf Vermittlung von Andreas Vater kommt der dicke John in die Familie und aus den geplanten  sechs Wochen Aufenthalt wird fast ein ganzes Jahr.   Und auch der aus dem Buch „Wäldchestag“ dem Leser bekannte alte Adomeit taucht gegen Ende des Buches, als John längst die Familie Maier wieder verlassen hat, auf. Ein Mensch, wie er typisch ist für die Welt von Andreas Maier und den er so beschreibt: „Ein Mensch, und alles offensichtlich an ihm. Kein Schwein, und keiner, der einen zu einem Mitschwein machen wollte. Ich sehe die scharf konturierenden Farben der Frauenfotos immer noch vor mir. Sie waren nie erotisch. Aber er glaubte daran. Und dann waren sie es ja auch. Und nur so konnte es sein. Vielleicht sprach er anschließend ein Gebet, aber nur im geheimen, den offiziell war er Atheist. Ein Mensch, und ich würde ihm heute noch, wenn ich ihm etwas auf das Grab legte, vielleicht Rosen hinlegen, denn Rosen wuchsen immer im Garten meiner Eltern, und ich war mein ganzes Leben in Friedberg immer von Rosenduft umgeben, aber vor allem würde ich ihm eine ‚Praline’ aufs Grab legen, oder eine ‚Sankt Pauli Nachrichten’“.   In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sagte Maier über seine Vorstellung von Literatur:   „Ich wüsste nichts anderes, als dass Literatur den Zweck hat ( meine Literatur, die ich lese und die ich schreibe), die Wahrheit zu sagen, nicht explizit, sondern anders. Auch wenn die explizite Wahrheit vielleicht im Schweigen liegt und vielleicht sogar darin, dass ich immer nur erkenne, dass sie so niemand richtig sagen kann, und vor allem ich nicht. Die Wahrheit ist, dass wir falsch sind und richtig sein könnten und falsch allein kraft unseres eigenen Entschlusses, oder nennen wir es meinetwegen auch Trägheit, sind. Die Wahrheit ist, dass wir uns alle als moralische Wesen darstellen, aber faul sind, roh, verschlagen und brutal noch in den unbeachtetsten Momenten. Aber alles das lässt sich in der Literatur kaum sagen, das kann ich Ihnen sagen.“   Maiers Bücher sind dieser Wahrheit verpflichtet, die immer auch seine eigene Wahrheit ist. Man darf schon heute den nächsten Band des Romanzyklus „Ortsumgehung“ erwarten. Der Rezensent tut das mit einer ganz persönlichen Freude, lebte er doch zeitweise Anfang der achtziger Jahre in Friedberg und vorher und nachher immer in einem Radius von etwa 100 km davon entfernt.              

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  • Sprachlich wie inhaltlich ein sehr gelungen

    Die Straße

    jolanda72

    12. September 2013 um 21:32

    Es ist nicht ganz leicht, den Inhalt des Buches, welches der 3. Teil des 11teiligen Romanprojekts „Ortsumgehung“ ist, angemessen zu beschreiben. Vorneweg ist zu sagen, dass man nicht zwingend die ersten beiden Bücher gelesen haben muss, um mit "Der Straße" etwas anfangen zu können. Mittlerweile ist der Protagonist Andreas, den man aus „Das Zimmer“ und „Das Haus“ kennt an der Schwelle zur Pubertät. Noch staunt er über die große Schwester, die sich zusammen mit ihren Freundinnen kichernd das eigene Geschlecht zu eigen macht und sich nach den in Bad Nauheim stationierten GIs sehnt, die die große weite Welt verheißen, die natürlich weitaus besser erscheint als die gegebene. Dann gibt es die Väter und Mütter, die ihre Töchter möglichst lange vor sexuellen Aktivitäten bewahren wollen, indem sie etwa als Gruppe versuchen, einen Exhibitionisten zu fangen oder durch ihre Präsenz in Wohnzimmer die Zweisamkeit der beiden jungen Verliebten „schlimmeres“ unterbinden. Aber auch die Familienväter sind nicht frei von der Anziehungskraft der jungen Mädchen, was in gewisser Weise ja völlig normal ist. Unheimlich wird es, wenn von den "Hexenhausmännern" die Rede ist, die den Jungen nachstellen und sie nach der Schule in ihre stickigen Stuben hereinbitten. Wie und was da passiert, bleibt ungesagt, aber es entsteht im Leser eine Beklemmung – eben jenes Gefühl, dass die Jungen gehabt haben müssen, auch wenn ihnen vielleicht nichts schlimmeres passiert ist. Die Rede ist weiter von einem Austauschschüler John, der sich als eine Art nerviges Riesenbaby präsentiert, was jedoch aufgrund seiner tragischen Geschichte verstehbar wird. Am Ende taucht der alte Adomeit auf, den man bereits von "Wäldchestag" kennt und von dem man hoffentlich auch im 4. Teil zu lesen bekommt. An vielen Stellen ist das Buch heiter, etwa wenn Andreas Maier darüber sinniert, dass man Petting vielleicht nur gemacht habe, weil es in der Bravo so stand oder etwa die Episode, wie die Familienväter sich gruppieren, um einen Exhibitionisten dingfest zu machen. Diese Heiterkeit ist nie frei von Schmerz, relativiert und beschönigt diesen auch nie, was mir sehr gut gefällt. Andreas Maier schreibt ruhig und präzise die jeweiligen Innenleben der Menschen, ohne sie zu ver- oder beurteilen. Die Gefühle entstehen im Leser genauso wie bereits vergessene Erinnerungen und Bilder aus der eigenen Kindheit. Das macht das Buch für mich zu einem sehr kostbaren Stück Literatur, in dem das unschuldige Sehnen Tür an Tür ist mit der Maschinisierung der Lust – die Schmetterlinge im Bauch einerseits und die „Praline“ andererseits. Als Psychoanalytikerin bin ich nebenbei bemerkt sehr dankbar, da es im Buch um Themen geht, zu denen ich mehr oder weniger komplexe, zuweilen schwer zugängliche, verstiegene Fachliteratur lese. Hier lese ich von diesen Themen aus einer ganz unmittelbaren, nahen Perspektive und das mit großer Sensibilität geschrieben. Dass die klassische Konzeption des Penisneids so nicht mehr stimmt, ist hier mit Bravur ganz nebenbei gezeigt. Mädchen haben eben wie Jungen auch ein Geschlecht, mit dem sie experimentieren, was notwendiger Bestandteil der Identitätsentwicklung ist. Das inspiriert mich dazu, vielleicht selbst eine - dann vermutlich leider schwer zugängliche - psychoanalytische Betrachtung zum Thema zu schreiben. Aber das nur am Rande. Abschließend ist zu sagen, es ist sowohl inhaltlich als auch sprachlich ein sehr gutes Buch, das zwar in der Wetterau in den 70er Jahren spielt, aber definitiv kein Wetterau- oder 70er Jahre-Roman ist. Denn wie Andreas Maier an anderer Stelle geschrieben hat: „ die Wetterau ist die ganze Welt“ - die Menschen sind ja hier wie da die gleichen. Dasselbe gilt auch für die Themen und die Zeiten. Man gewinnt den Eindruck dass Andreas Maier seinem Anliegen, dass Literatur um Wahrheit bemüht sein soll (siehe „Ich. Poetikvorlesungen“), äußerst nahe kommt. Ich jedenfalls freue mich sehr auf die Fortsetzungen!

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