Viele Transformationen finden statt in Andreas Neesers neuem Gedichtband. Ein Mann verholzt langsam, ein anderer verwandelt sich beizeiten in einen Mückenschwarm. Diese offenen Grenzen hin zur Natur finden sich über den ganzen Band verteilt, am häufigsten aber im ersten Abschnitt "Naturalia" (Bild 2 & 3).
Aber auch Sprechgewohnheiten verändern sich, transformieren uns: darum geht es im zweiten Abschnitt "Zungen", wo der Zungenschlag des Dialekts den Taktstock führt und die Musik der Erinnerung dirigiert (die meisten Dialektworter werden in einem Glossar am Ende des Bandes erklärt). Eine ganz eigene Dialektik.
Der dritte Abschnitt besteht aus achtzehn Dreizeilern, deren halb fragender, halb gegeben wirkender Gestus ebenfalls transformative Prozesse anstoßen, Gedanken formen will.
Den Abschluss macht das "Wettermachen", Gedichte im Schwebezustand zwischen Kindheit und Sterblichkeit, dunklen Ahnungen und lichten Eingebungen. Dieser letzte Abschnitt harmoniesiert in meinen Augen nicht so gut mit den ersten dreien, denn die Gedicht darin haben etwas weniger Abgezieltes, weniger Ausgeformtes. Gerade das macht sie natürlich auch zugänglicher, offener. Aber während der Rest des Bandes von hellen Fluren und tiefen Dunkelheiten, von Schlaglichtern und Abgründen erfüllt ist, fällt die Dämmerstimmung dieses letzten Abschnittes etwas aus dem Rahmen.
Aber vielleicht auch ganz gut, wenn am Ende der Rahmen noch mal gesprengt wird; wie Wurzeln den Asphalt sprengen.
Andreas Neeser

Lebenslauf
Andreas Neeser geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses. Sein umfangreiches Werk sticht durch seine formale und inhaltliche Vielfältigkeit heraus. Es wurde mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen bedacht. Bei Haymon: Unsicherer Grund.Erzählungen (2010), Fliegen, bis es schneit. Roman (2012), Zwischen zwei Wassern. Roman (2014), Wie halten Fische die Luft an. Gedichte (2015) und Wie wir gehen. Roman (2020).
www.andreasneeser.ch
Alle Bücher von Andreas Neeser
Wie wir gehen
Zwischen zwei Wassern
Unsicherer Grund
Wie halten Fische die Luft an
Nachts wird mir wetter
Morgengrauengewässer
Alpefisch
Solangs no goht, chunnts guet
Neue Rezensionen zu Andreas Neeser
Gelegentlich wird geschrieben, was Andreas Neeser nicht schreibt. Also jenes, was er gerne zwischen den Zeilen versteckt, und Leserinnen und Leser immer wieder zu aufregenden Entdeckungsreisen veranlasst. Jene literarische Schatzsuche scheint in "Wie wir gehen" zu entfallen, da er sich mit Unausgesprochenem nunmehr sehr konkret beschäftigt.
Wo wird am meisten geschwiegen, verschwiegen und um den heißen Brei herumgeredet? Jede/r weiß es: In der Familie. Natürlich nur in den anderen Familien, denn in den eigenen vier Wänden ist die Welt ja in Ordnung.
Monika "Mona" will aus diesem System des eingefahrenen Nebeneinanderherlebens ausbrechen. Startschuss ist die Erkenntnis, dass sie von Kindheit und Jugend ihres Vaters so gut wie nichts weiß. Jenen Ursachen, die ihn so werden ließen, wie er sich seit eh und je zeigt. Inwieweit liegen Ursache und Wirkung beieinander? Hat das eine mit dem anderen überhaupt etwas zu tun?
Und wie funktioniert das mit Nähe und Liebe im engsten Familienkreis? Muss man alles akzeptieren, nur weil der Vater eben der Vater und die Tochter eben die Tochter ist? Liebe als Programm, verkleidet in immer die gleichen Abläufe, oder ist eben doch alles irgendwie "vermurkst", erfunden aus einer "kruden Mischung aus Fürsorge, Bevormundung, Vereinnahmung und schlechtem Gewissen"?
Genau dies lehnt Monas Tochter Noëlle kategorisch ab und hält ihrer Mutter somit den Spiegel direkt vor die Nase. Probleme hat sie damit dennoch genug, zumal sie sich vom lebenden Vater, dem "Samenspender", mehr und mehr entfernt, der sich nach einem Überfall auf seine Goldschmiedewerkstatt in Fremdenhass verliert. Die Tat der vier jungen Männer aus dem Kosovo verallgemeinert und verwandelt er nach brauner Manier.
Auch hier wird die familiäre Beziehung auf harte Proben gestellt, zudem muss Noëlle den freiwilligen Einsatz ihrer Mutter in einer Beratungsstelle des Migrationsamtes lernen, richtig einzuordnen. Salim, ein syrischer Flüchtling, ist in der "geliehenen Heimat" angekommen, aber trotzdem weiterhin auf der Flucht in jener "provisorischen Existenz".
Vier Generationen umfasst dieses grandiose Familienbild und Sittengemälde. Andreas Neeser skizziert Lebensentwürfe, die zeitlich und in einer klar definierten Reihenfolge dicht beieinander liegen, und doch so furchtbar weit auseinander. Literatur kann auch hier, was dem realen Leben nicht gelingen mag. Einen konkreten Ort beschreibt er nicht, was auch gar nicht notwendig ist. Jene Strukturen sind an keinen geografischen Ort gebunden.
Bis in die kleinste Einheit einer Familie scheint immer das gleiche Prinzip der Sprachlosigkeit zu wuchern. Gesprochen wird mitunter viel - gesagt eher weniger. Noëlle, die jüngste in der Runde, bricht in einer ebenso frischen wie knallharten Vehemenz aus dem gegebenen Rahmen, durchschaut generationenübergreifende Verhaltensmuster mit analytischer Brillanz und tut somit genau das, was ihr Großvater, der "Verdingbub" Johannes, niemals hätte wagen dürfen, geschweige denn dessen Vater Gottlieb.
In einer klaren Rezeptur, wie wir denn nun gehen sollten, verliert sich der Autor nicht und betritt in diesem Fall wieder die von ihm gewohnte Bühne der offenen Türen. "Wie wir gehen" bleibt also allein unsere Entscheidung. Möglichkeiten haben wir heute mehr denn jemals zuvor. Und so verwundert es nicht, wenn Andreas Neeser das Ende, nachdem Mona die "Geologie überlistet" hat, entsprechend ambivalent gestaltet.
Andreas Neeser berichtet in seinem Buch von der schwierigen Beziehung eines Vaters zu seiner Tochter. Schon bald wird klar, dass es viel mehr ist als das. Die Distanz, die in dieser Familie herrscht, zieht sich durch mehrere Generationen. Wie soll man Liebe weiter geben, die man selbst kaum oder gar nicht erfahren hat?
Das Thema an sich finde ich super, allerdings ist der Schreibstil überhaupt nicht mein Fall und so kam ich nur schleppend voran. Gerade zu Beginn waren die Zeitsprünge zwischen Kindheit des Vaters und dem Jetzt ziemlich verwirrend, was die Lesemotivation extrem verringert hat. Außerdem wurde vieles zu oberflächlich behandelt.
Leider für mich kein Highlight.
Gespräche aus der Community

Andreas Neeser
WIE WIR GEHEN
Was Söhne und Töchter mit ihren Vätern verbindet – und was sie voneinander trennt
Ein berührender Familienroman
Vom Streben nach Unabhängigkeit, Zugehörigkeit und echter Verbundenheit
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Gustav - Wolf Kampmann
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Länger als sonst ist nicht für immer - Pia Ziefle
Aufstieg und Fall großer Mächte - Tom Rachman
Die stille Frau - A.S.A. Harrison
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lässt wandern : Augustas Garten
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