Cover des Buches Die Marionetten (ISBN: 9783756511372)
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Rezension zu Die Marionetten von Andreas Novak

Sind wir nicht alle Marionetten?

von Sibyllinisch vor 2 Jahren

Kurzmeinung: Gut zu lesender Roman, der in den späten Achtziger Jahren im Rhein-Main-Gebiet, den USA und China spielt.

Rezension

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Sibyllinischvor 2 Jahren


Das Beste zuerst: Das Buch lässt sich wunderbar lesen. Die Sprache zieht einen sofort in den Bann und kaum hat man sich versehen, ist man schon auf der nächsten Seite.


Der Roman spielt in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und beginnt 1985 mit der spontanen Republikflucht des DDR-Bürgers Martin Gierke. Der Bauingenieur steigt nicht mit seinen DDR-Kollegen in den Interzonenzug in Frankfurt, der ihn nach einem Kongress im Westen wieder zurück zu Frau und Kind nach Berlin bringen sollte. So ungeplant der Entschluss Martin Gierkes war, so planlos folgt er auch danach allem, was ihm geschieht. Er ist kein Mann der Tat, eher einer, der die Möglichkeiten nutzt, die das Leben ihm bietet.

Die Fäden seiner Geschichte zieht im Hintergrund ein anderer. Der seit einem Jahr pensionierte Sergeant der US-Army O’Connor. Der ehemalige Geheimdienstmann wittert in Gierke die Chance, seine alten Fähigkeiten noch einmal einzusetzen und aus dem unentschiedenen Flüchtling einen potentiellen Agenten zu machen. Wer sich jetzt zurücklehnt und auf einen Agententhriller setzt, täuscht sich.

Der geflohene DDR-Bürger lässt sich auf das Spiel ein ohne auch nur einen Gedanken an die möglichen Regeln zu verschwenden. Unter der heimlichen Führung O’Connors macht er unter einem neuen Namen eine rasante Karriere. Als Volker van de Loo, amerikanischer Staatsbürger, steigt er im Laufe von vier Jahren immer höher auf der Karriereleiter des amerikanischen Energie-Riesens Electric Worldwide und landet zuletzt im obersten Führungskreis. Das alles nimmt er so hin, lässt es geschehen, tut das, was man im Unternehmen von ihm erwartet und fragt sich nicht, wer da im Hintergrund agiert und warum.

An sein altes Leben denkt er kaum. Im Gegensatz zu O’Connor, der versucht, über seine Kontakte herauszufinden, was mit dem Sohn passiert ist und ob er in Torgau, der berüchtigten Endstation des sozialistischen Erziehungssystems gelandet ist.

Derweil wickelt Volker van de Loo in den USA skrupellos Firmen ab, baut das China-Geschäft auf und zuckt nur kurz bei dem Gedanken, dass er damit, die totalitäre, chinesische Staatspolitik unterstützt.1989, als der chinesische Freiheitskampf auf dem Platz des himmlischen Friedens blutig niedergeschlagen wird, baut er sich ein Haus am Taunushang mit Blick auf das Rhein-Main-Gebiet.


Die im doppelten Wortsinn bewegende Figur des Romans ist der US Amerikaner O’Connor, der einen berührt, ohne das man weiß, wie er eigentlich mit Vornamen heißt. Sein Deutsch hat er von seiner in die USA ausgewanderten Großmutter gelernt, und er merkt in seiner ersten Zeit in Deutschland schnell, dass er mitnichten Hochdeutsch, sondern tiefstes Fränkisch spricht, und er deshalb nicht verstanden wird. Das ändert sich im Laufe der Jahre, in denen er sich der Republikflüchtlinge annimmt und nach und auch die anderen deutschen Dialekte lernt. Er bleibt nach seiner Pensionierung in Deutschland, vielleicht weil er in der Sprache in all den Jahren so etwas wie eine Heimat gefunden hat.

Doch was soll jetzt am Ende des kalten Krieges mit dem potentiell aufgebauten Agenten passieren, der darüber hinaus von seiner Rolle nichts weiß? Während in der Sowjetunion Gorbatschow Glasnost propagiert und die DDR stürzt, stellt das Hauptquartier der US-Amerikaner in Frankfurt das Strippenziehen im Fall van de LOO ein und pfeift O’Connor zurück. Und der fragt sich, wer nun eigentlich wessen Marionette war und ob nicht alle ihr Leben lang vermeintlich an Fäden hängen, die im Nichts enden.


Der Roman ist eine Fundgrube für alle, die in den 80er Jahren jung waren und die Zeit aktiv miterlebt haben. Die Zeitspanne reicht von der Friedensdemo im Hofgarten in Bonn, über die Anti-Pershing-Demonstrationen in Frankfurt bis zum Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Der Autor lebte damals in Frankfurt, hat dort unter anderem Sinologie studiert und China selbst in der dramatischen Zeit bereist. Das Buch ist kenntnisreich geschrieben und ein Vergnügen zu lesen.

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