Andreas von Flotow

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Andreas von Flotow

Lebenslauf von Andreas von Flotow

Andreas von Flotow, 1981 in Dannenberg (Elbe) geboren, studierte Landwirtschaft, VWL und Geschichte und lebt in Berlin. Er arbeitete zuerst als Dramaturgieassistent, u. a. am Maxim Gorki Theater Berlin und am Schauspielhaus Hamburg. Dazu kamen inoffizielle Lehrjahre in der Kunstbuchhandlung Walther König Berlin sowie im Lektorat des Schirmer/Mosel Verlags in München. Derzeit ist er als freier Dramaturg in Berlin, Basel und Wien tätig. "Tage zwischen gestern und heute" ist sein Debütroman.

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Tage zwischen gestern und heute

Tage zwischen gestern und heute

 (3)
Erschienen am 03.03.2014

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Rezension zu "Tage zwischen gestern und heute" von Andreas von Flotow

Eine Suche nach Erinnerungen
Schneekatzevor 4 Jahren

„Der Tag, an dem meine Mutter starb, ist für mich im selben Augenblick Traum und Wirklichkeit; einerseits eine traumhaft logische, aber leider nur spürbare Folge unzähliger Ereignisse, andererseits eine exakte und greifbare Nachbildung der Vergangenheit vor meinem geistigen Auge. Ich finde beides nicht befriedigend. Ich möchte vor allem wissen, was ich an diesem Tag gedacht und gefühlt habe.“

Inhalt:
In dem Roman „Tage zwischen gestern und heute“ schreibt der Erzähler in der Ich-Perspektive über die Zeit bis zu dem Tod seiner Mutter. Seine Eltern sind beide Opfer eines Anschlags geworden, den der Onkel des Erzählers verübt hatte.
Es ist aber nicht nur eine Suche nach Erinnerungen, sondern auch nach Liebe und Geborgenheit, die der Erzähler mehr in seinem Kindermädchen Helen als bei seinen Eltern findet.

Cover & Titel: Der Titel ist super und hat mich überhaupt erst auf den Roman aufmerksam gemacht. Er macht schon nachdenklich, bevor man das Buch in die Hand nimmt. Das Cover finde ich okay, nicht unbedingt herausstechend, aber diese geschwungene Linie passt als Motiv ganz gut zum Inhalt, zu den Erinnerungen.

Perspektive & Figuren: Der Leser sitzt im Kopf des Ich-Erzählers, ist ihm so sehr nahe und erlebt alle seine Erinnerungen aus dessen Perspektive, fühlt auch die Zweifel an den Begebenheiten, dass sie wirklich so stattgefunden haben, wie er glaubt. Dadurch gewinnt die Geschichte an Emotionalität.
Der Erzähler schreibt die Geschichte 26 Jahre später auf, schaut also als erwachsener Mann auf seine Kindheit und Jugend zurück; reflektiert dabei die Veränderungen in der Rückschau und kommentiert sein Verhalten. Der Reifeprozess zwischen früher und heute wird sehr deutlich. So gewinnen auch die Beschreibungen der Figuren einen anderen Wert, zwar sind sie größtenteils aus der Sicht des Jungen geschrieben, nicht aus der des erwachsenen Mannes, bekommen aber ein anderes Gewicht durch das Verständnis von Dingen, die er damals noch nicht verstand, nur erlebte.

Stil & Aufbau: Der Schreibstil ist sehr flüssig – wortwörtlich: Man fließt einfach so mit durch die Erinnerungen und Gedanken des Ich-Erzählers. Daher las ich den Roman auch fast in einem Rutsch durch, weil das Aufhören schwer fiel. Es wirkt wie ein einziger Gedankengang und es gibt keine Zeitsprünge in dem Sinne, diese finden nur in dem Kopf des Erzählers statt, wenn er in den Erinnerungen wechselt oder zur nächsten springt.

Fazit: 5/5 Eine Suche nach Erinnerungen, nach Liebe, nach sich selbst. Wer Gegenwartsliteratur mag, kommt an „Tage zwischen gestern und heute“ nicht vorbei.

 

Lieblingszitate:

„Schon damals war die dumpfe Vibration in der Luft, wie Musik, die von weit her durch die Wände dringt, ich fühlte mich von gewaltigen, auch seltsamen Vorgängen abgeschirmt, war in Tagträume gehüllt. Ist das etwa Geborgenheit?“

„Es ist, als müssten die Erinnerungen den ersten Schritt machen und auf mich zukommen, damit ich sie überhaupt bewusst wahrnehmen kann.“

„Wir können heute nicht wissen, woran wir uns in der Zukunft erinnern werden.“

„Ich höre mich selbst atmen und bin kurz erstaunt. Ich bin auch da, denke ich.“

„Auf einen Bindfaden gezogen wie kleine Glaskugeln ergeben die Einzelteile des Tages, jedes Tages, eine schöne Halskette aus Erinnerungen, die mir manchmal die Luft abschnürt oder der Eitelkeit dient, das heißt, bei einer Täuschung behilflich ist.“

„Ich schien zu träumen, spazierte durch meine Vergangenheit und sah mich vor diesem Spiegel stehen. Ich tastete mich an einer unsichtbaren Einfriedung wie an einer unendlichen Mauer zum Innenhof der Klinik entlang, wie ein eingebildeter Blinder; als ich so dastand, dachte, nein, wusste ich: Das ist die Wirklichkeit. Ich glaubte, ich berührte die Wirklichkeit.“

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Rezension zu "Tage zwischen gestern und heute" von Andreas von Flotow

Ein gelungenes Debüt
WinfriedStanzickvor 4 Jahren



 

Ein ganz erstaunlicher Roman ist hier anzuzeigen, der unter den diesjährigen Erstlingen bisher auf eine besondere Weise inhaltlich und sprachlich herausragt und mich schon nach wenigen Seiten in seinen Bann zog und überzeugte.

 

Es ist eine Adoleszenzgeschichte, die da von einem mittlerweile erwachsen Mann erzählt wird, dessen Eltern im Jahr 2005 das Opfer eines Anschlags wurden, den der Onkel, der Halbbruder der Mutter auf die beiden verübt hat. Der Vater war nach dreizehn Schüssen sofort tot und seine Mutter starb fünf Jahre später.

 

Doch schon vor diesem Anschlag war die Kindheit des Jungen  keine  einfache. Seine Mutter, eine berühmte Sängerin, die überall in der Welt auf Tournee geht, hat kaum Zeit für ihr Kind. Und auch der Vater, ein besessener Leser, hat wenig Kontakt zu dem Jungen, denn er lebt nicht bei seiner Familie. Die Bücher, in denen der Junge immer wieder liest nach dem Tod des Vaters, hat von Flotow am Ende aufgelistet. Eine beeindruckende Sammlung von mehreren hundert Titeln mit genauen bibliographischen Angaben.

 

Deshalb ist Helen, sein Kindermädchen seine wichtigste Bezugsperson. Die Erzählung „ist eine kurze, hier und da bebilderte Chronologie meiner Kindheit bis zum Tod meiner Mutter. Ich erzähle der Reihe nach und behalte die Natur jeder Ordnung im Hinterkopf: Sie ist ein Phänomen der Oberfläche, darunter ist es wüst und leer.“

 

Mit großer sprachlicher Kraft und Genauigkeit und einer tiefen Empathie für das Lebensschicksal des Jungen, lässt Andreas von Flotow ihn seine

Geschichte erzählen, eine Geschichte voller Verlorenheit und Verstörtheit. Er lässt sie im Jahr 2031 spielen und es gelingt ihm ganz hervorragend, die große Distanz zwischen dem erzählenden Erwachsenen und dem Jugendlichen, der dies alles erlebt, zu überbrücken.

 

Neben der eigentlichen den Leser berührenden Erzählung geht es zwischen  den Zeilen auch immer darum, ob und wie es möglich ist, Erinnerungen sprachlich einzufangen, Erlebnisse mit Worten wahrhaftig wiederzugeben und so das Wesentliche aus dem Sein herauszufiltern.

 

Ein gelungenes Debüt. Der Rezensent hofft auf einen Nachfolger.

 

 

 

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Andreas von Flotow wurde am 12. April 1981 in Deutschland geboren.

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