Andrej Nikolaidis The Coming

(1)

Lovelybooks Bewertung

  • 1 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 1 Rezensionen
(0)
(0)
(1)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „The Coming“ von Andrej Nikolaidis

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Rezension zu "The Coming" von Andrej Nikolaidis

    The Coming

    Ricardo Caeiro Pessoa

    12. April 2012 um 10:03

    The Coming/Die Wiederkehr Die Geschichte spielt in Ulcinj, einer kleinen Stadt an der adriatischen Küste, und eröffnet mit einer brutalen Mordtat, geradezu einer Hinrichtung an der gesamten Familie Vukotic. Den Fall zu lösen, wird Aufgabe eines Privatdetektivs sein, der als Parodie auf und zugleich als Hommage an Philip Marlowe, der immer etwas schlecht gelaunten, Whiskey wie Wasser trinkenden und letztlich doch moralischen Figur von Raymond Chandlers Detektivromanen, auftritt. Als dieser seine Agentur in Ulcinj gründete, hatte er sich noch ein einfaches Leben ausgemalt. Unglückliche Eheleute und Affären, das wären seine Fälle, dachte er. Doch kaum hatte er seine Agentur eröffnet, verwandelte sich Ulcinj, so stellt er es als Ich-Erzähler dar, in einen einzigen großen Sumpf des Verbrechens. Dieser Privatdetektiv ist ein alles und jeden kommentie-render Erzähler, ein wahrer Geschichtenerzähler. Denn es komme nicht auf die Wahrheit an, sondern den Kunden die entsprechende Geschichte als wahr zu verkaufen. Man hat den Eindruck, dass Nikolaidis ihn dieses Spiel auch mit dem Leser treiben lässt. Er streut gerne seine aphoristischen Lebensweisheiten ein („we decide on it not because of things, but despite them?“), berichtet von grotesken Ereignissen wie dem Herabregnen von Fröschen in Japan – einer apokalyptischen Plage –, vom Schlachten einer Kuh mitten auf der Straße vor seinem Haus, von Schneefall im Sommer (antizipiert düstere Atmosphäre), etc. Am liebsten lässt er sich aber über die Verdorbenheit der Welt aus. Etwa zur gleichen Zeit als die Familie Vukotic gnadenlos hingerichtet wurde, hatte jemand die Stadtbibliothek in Brand gesetzt. In dieses Geschehen wird nun auch Emmanuel involviert, der Sohn des Privatde-tektivs, von dessen Existenz der Vater bis dato überhaupt nichts gewusst hatte. Emmanuel kommt in jedem zweiten Kapitel in Form von E-Mails an seinen Vater zu Wort. Er berichtet von seiner Kindheit in Wien zwischen Schikanederstraße und Naschmarkt, von seinen großbürgerlichen Eltern, seiner liebevollen Nanny Hedvig, in deren Tochter er sich verliebt, deren Liebe sich aber nicht in einer Beziehung verwirkli-chen durfte, und seinem kränklichen Verfassung – seit seiner Kindheit leidet er unter Anfällen, die apoka-lyptischen Visionen gleichkommen. In abwechselndem Erzählen zwischen Emmanuel und seinem Vater wird der Leser nun unerwartet auf mysteriöse Exkursionen weit in die Historie von Mystikern, Sekten und Endzeiterwartung geführt. Man erfährt vom (historischen) Leben des Fra Dolcino, einem mittelalterlichen Franziskanermönch, der später Anführer der von der katholischen Kirche als Häretiker verteufelten Apostoliker wurde und in propheti-schen Sendschreiben den Untergang des Papsttums und das Erscheinen eines endzeitlichen Kaisers, sprich des Messias, zu beschwören begann. Kurz vor seinem Tod hatte dieser sein Manuskript, The Book of Coming, über die Niederkunft des Messias im Goldenen Zeitalter (3. Reich), nach der Lehre des Joachim di Fiore, in den Gemäuern des Monasteriums in Ulcinj versteckt. Etwa 400 Jahre später begibt sich Sabbatai Zevi auf die Suche nach eben jenem Manuskript, um es im Feuer zu vernichten. Da er sich selbst für den Messias hält, darf nur ein einziges Offenbarungsbuch über-leben, nämlich seines, The Book of Return. Vom Sultan in Konstantinopel vor die Wahl „Tod oder An-nahme des Islam“ gestellt, konvertierte er zum Islam. Da er jedoch seinen Messianismus weiter verbreite-te, schickte ihn der Sultan ins Exil nach Ulcinj, wo er sein Buch hinterlassen haben soll. Dem Detektiv gelingt die Aufklärung des Falls, zumindest teilweise. The Coming ist ein frisch erzählter postmoderner Roman, in dem Nikolaidis mit zahlreichen Zitaten aus verschiedenen Stätten der Kultur und Geschichte spielt. Die Erzählung schlägt unablässig stilistische und thematische Haken, so dass ein einheitliches Genre nicht zu bestimmen ist. Ein Detektivroman, eine Parodie desselben, ein historischer Mysterythriller, durchsetzt mit popliterarischen Verfahren (Bsp.: Die Mutter brauche länger im Bad, wie Jackson Pollock beim Vollenden seiner Kunstwerke), mit heiter ironischen und aberwitzigen Kommentaren (Bsp.: Ein Autofahrer verursacht einen Stau, weil er mitten auf der Fahrbahn hält, um sich eine Pizza zu bestellen, und dabei das Leben anderer blockiere, wie eine Zen medi-tierende Kuh, die ihren Dung gerade da ablasse, wo sie sich befindet) und pointiert bösen, zynischen und sarkastischen Seitenhieben auf eine Gesellschaft von schwindender Moral (Bsp.: Bei einem Wohnbrand zögert eine Frau ins Rettungsnetz zu springen. Von den Feuerwehrleuten überredet, springt so doch und verfehlt das Ziel. Der kleine Hund, den sie dabei im Arm hielt, hüpft munter vom zerschellten Körper der Toten. Ein Feuerwehrmann hält ihn hoch und jubelt, er sei gesund. Die gaffende Menge applaudiert). Durch die Variationen weist der Roman ein hohes Erzähltempo auf. Auch entsteht, trotz der thematischen Fülle und Exkursionen an nicht der Eindruck, er sei zu voll gepackt. Zwar bleibt Nikolaidis durch diesen Ansatz an der Oberfläche der Dinge, was aber nicht negativ zu bewerten ist, da er im Gegenzug seinen Detektiv komplementär dazu auf unverhohlene Weise kommentieren lässt. Fazit Der Roman ist höchst unterhaltsam, temporeich, und von einer mal heiteren Ironie, mal einem bitterbösen Sarkasmus getragen – alles in allem ein wunderbar, intelligent konstruiertes literarisches Spiel im Geiste postmoderner Literatur. Aber: Man wird den Eindruck nicht los, dass Nikolaidis Ecos Bestseller Der Name der Rose schlichtweg entschlackt und popliterarisch aufgepeppt hat. Und das hat er gut gemacht. V.a. aber in der literaturkritischen Beurteilung könnte der Vorwurf des plakativen Abklatsches zu einer pejorativen Wahrnehmung führen. Dennoch: ein höchst unterhaltsames, kurzweiliges und geistreiches Büchlein. Der slowenische Philosoph und streitlustige Kulturkritiker Slavoj Žižek hat sich bereits begeistert geäußert: »THE COMING is an explosive mixture on three levels: a hard-boiled investigation, the story of an impending global catastrophe, and the description of daily life in a small Balkan city. Imagine Dashiell Hammett meeting Umberto Eco, and both of them meeting Orhan Pamuk! If there is justice in the world, Nikolaidis’s novel should become a bestseller bigger than the novels of James Patterson or John Grisham. And since there is no justice in the world, let us hope that a divine caprice will nonetheless make this insanely readable page-turner a mega success.« Autorenvita Andrej Nikolaidis wurde 1974 als Kind einer montenegrinisch-griechischen Familie in Sarajevo geboren. Infolge der ethnischen Konflikte in Bosnien und des baldigen Kriegsausbruchs floh die Familie nach Montenegro und ließ sich in Ulcinj nieder, in der Heimatstadt des Vaters. Nikolaidis hat sich v.a. durch seine politischen Kommentare im lokalen Fernsehen und in Zeitungen einen Namen gemacht, als Befürworter der Montenegrinischen Unabhängigkeit, als Menschenrechts- und Antikriegsaktivist, sowie mit seinem Einsatz für Minderheitenschutz. Er gehört wie Ognjen Spahic zur jungen Schriftstellergeneration Montenegros, deren Texte öffentlich diskutiert werden und politische Debatten provozieren. Nikolaidis hat bisher drei Romane veröffentlicht: Mimesis (Durieux, OKF, 2003), Sin (Durieux, 2006), und Dolazak (Algoritam, 2009; engl.: The Coming; Istros, 2012 ), sowie einige Kurzgeschichtensammlungen und das Buch Homo Sucker, eine kulturtheoretische Abhandlung über die Poetik der Apokalypse. Für seinen Roman Sin erhielt er 2011 den Literaturpreis der Europäischen Union. Ein Kapitel des Romans The Coming wurde in die Anthologie Best European Literature 2012 aufgenommen. Die unabhängigen Medien seiner Heimat vergleichen seine Haltung und seinen Stil – v.a. im Roman Sin (Der Sohn) – gerne mit jener von Thomas Bernhard.

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks