Leuchten über Blackpool

von Andrew O'Hagan 
5,0 Sterne bei2 Bewertungen
Leuchten über Blackpool
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Inhaltsangabe zu "Leuchten über Blackpool"

In seinem neuen Roman schildert der preisgekrönte schottische Autor und zweifache Booker Prize-Nominee Andrew O’Hagan die Geschichte zweier Menschen zwischen Erinnerung und Vergessen – ein brisanter Aufschrei gegen den Krieg und die Gesellschaften, die ihn begünstigt haben, und eine vielschichtige, virtuose Erzählung über Familie, Verlust, Geheimnisse und Vergebung.

In jungen Jahren war Anne Quirk eine außergewöhnliche Fotografin, heute bleiben ihr nur noch Lichtblitze von der Vergangenheit. Die fortschreitende Demenz scheint sie jedoch auch vor allzu unliebsamen Erinnerungen zu schützen. Als ihr geliebter Enkel Luke, Captain in der britischen Armee, aus Afghanistan nach Schottland zurückkehrt, reisen beide nach Blackpool – an den Ort, wo Anne einst ihre Dunkelkammer hatte. Und es ist dort, wo lang verborgene Geheimnisse allmählich ihren Weg ans Licht finden.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783100024183
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:352 Seiten
Verlag:S. FISCHER
Erscheinungsdatum:25.07.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Buecherschmausvor 2 Monaten
    Vergessen und Erinnern

    Der nordwestlich von Manchester gelegene Küstenort Blackpool gilt in England als eine Geburtsstätte des Massentourismus und zeigt zugleich dessen Risiken. Schon im 18. Jahrhundert ein Seebad für die nordenglische Bevölkerung, erlebte es im Zeitalter der Industrialisierung einen enormen Aufschwung durch die Arbeiterklasse, die Blackpool zu ihrem bevorzugten Urlaubs- und Ausflugsort machte. Wer schon einmal durch englische Badeorte geschlendert ist, weiß um die Tristesse, die viele von ihnen ergriffen hat, nachdem die Urlaubsziele rund ums Mittelmeer immer billiger zu erreichen sind. Auch Blackpool ist dem Niedergang nicht entkommen. Einmal im Jahr allerdings, wenn der Sommer endet und bevor der Winter die britischen Inseln im Griff hat, erlebt die Stadt ihre berühmten „Illuminations“. Die Stadt, ihre Häuser, der Blackpool Tower und vor allem ihre Promenaden und Piers erstrahlen in einem farbigen (ungeheuer kitschigen) Glanz, der durch sein Leuchten die Trostlosigkeit überdecken und an vergangene Tage als großes Seebad erinnern soll.
    „The Illuminations“ geben auch dem Roman des schottischen Autors Andrew O`Hagan, mit dem er 2015 auf der Longlist des Man Booker Prize stand, seinen Namen. Das deutsche „Leuchten über Blackpool“ gibt den Zusammenhang leider, wie so oft bei übersetzten Titeln, nur sehr unzureichend wieder. Denn „illuminations“ sind eben nicht nur Illuminierungen, Beleuchtungen, sondern auch Erleuchtung, Erhellung des Geistes, Aufklärung.
    Um den Geist von Anne Quirk ist es nicht zum Besten bestellt. Die 82jährige Bewohnerin eines Seniorenheims im westschottischen Saltcoats gleitet immer mehr in eine Demenz hinein. Es ist absehbar, dass ihr Umzug in ein Pflegeheim bevorsteht. Die etwas jüngere Nachbarin Maureen kümmert sich rührend um sie, hat aber selbst zu ihrer eigenen Familie ein eher schwieriges Verhältnis. Auch Anne und ihre Tochter Alice, die sie allein großgezogen hat, haben ihre Probleme miteinander, wie so oft vor allem kommunikativer Art. Nie hat die Mutter mit Alice über den Vater und ihre gemeinsame Geschichte gesprochen. Alice fühlt sich ungeliebt und unverstanden. Die Trauer um ihren in jungen Jahren im Nordirland-Konflikt erschossenen Mann ist auch heute noch, auch in ihrer zweiten Ehe, präsent.
    Mit ihrem Enkel Luke verbindet die alte Dame aber ein herzliches und offenes Miteinander. Luke schätzt vor allem, dass seine Großmutter ihn immer unterstützt und schlummernde Potentiale in ihm geweckt hat.
    Zu Beginn des Romans befindet sich Luke, in die Fußstapfen des Vaters tretend, aber als Captain der Royal Western Fusiliers in Afghanistan. Ein Militäreinsatz führt durch Rebellengebiet, um Ausrüstung zu einem Energiewerk am Kajaki-Staudamm zu transportieren. Ein Einsatz, bei dem gehörig etwas schiefgeht.
    Eine ganze Weile laufen die beiden Erzählstränge von Anne und Luke lose nebeneinander her, nur durch das Verwandtschaftsverhältnis der beiden verbunden. Dabei unterscheiden sie sich enorm im Ton der unterschiedlichen personalen Erzählstimmen. Der Strang in Schottland ist feinfühlig, zart, durch den Abschied Annes von ihren geistigen Kräften und ihrem vertrauten Umfeld bestimmt. Die Erzählabschnitte in Afghanistan sind spannend, actionreich, rau und mit derben Dialogen unter den Soldaten gewürzt. Beides wirkt authentisch und überzeugend.
    Nach dem katastrophal geendeten Einsatz in Afghanistan traumatisiert zurückgekehrt, wird Lukes Erzählstrang mit dem von Anne (und Alice) enggeführt. Der Ton wird wird nachdenklich und melancholisch. Und führt zum Leitmotiv des Romans, den „Illuminations“.
    Da sind zum einen natürlich die Illuminations in Blackpool, an die Anne wunderbare Erinnerungen hat. In den Sechzigerjahren traf sie sich hier regelmäßig mit dem verheirateten Harry Blake, dem Vater von Anne. Er war, wie Anne in ihren Jugendjahren in Amerika, über die ihre Familie erst jetzt Näheres erfährt, ein bedeutender Dokumentarfotograf. In einer kleinen Wohnung in Blackpool hatten die beiden eine Dunkelkammer, in der sie ihre Filme „beleuchteten“. Luke und Anne fahren kurz vor der Übersiedelung ins Pflegeheim noch einmal dorthin. Briefe, Fotos, Gespräche bringen Dinge ans Licht, von denen die Familie bisher nichts wusste.
    Parallel zu dieser Erinnerungsarbeit, zu diesem Kampf gegen das Vergessen und Lukes Bemühen um Aufklärung von Dingen aus der Vergangenheit seiner demenzkranken Großmutter, um „Erhellung“, steht sein eigenes Bestreben um Verdrängung der Erlebnisse in Afghanistan. Hier möchte jemand vergessen, während der andere mühsam jeden Erinnerungszipfel festhält.
    Andrew O´Hagan gelingen mit „Leuchten über Blackpool“ zwei vielschichtige Charakterstudien, ein feinfühliger Familienroman und eine nachdenkliche Geschichte um Erinnerung, Loyalitäten, Verlust. Nicht zuletzt ist es ein eindrückliches Plädoyer gegen die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges und ein Nachdenken über Patriotismus (denn Anne und ihre Familie sind glühende schottische Patrioten), ohne dies explizit zu betonen.
    „`Und jeder stellt sich die Welt so vor, wie er sie gern hätte, so wie der Typ mit dem Turban und dem Sprengstoff um den Bauch glaubt, dass er zu Allah geht. Auch er glaubt, dass er sein Land liebt. Und er glaubt, dass sein Land ausgebeutet wird. Und er glaubt, dass seine Kumpel eine Nation sind.´ `Das glaubst du doch nicht wirklich, Luke. Du bist in einem Land mit Traditionen aufgewachsen, und du hast sie geliebt.´ `Es ist ein Spiel, Mama. Ein großes Spiel. Wir haben nur daran geglaubt, solang es angedauert hat. Ich liebe mein Land wegen seiner Berge und Erfindungen, nicht wegen dem Gefühl der Leute, verletzt worden zu sein, nicht wegen ihres sentimentalen Traums, dass es niemanden gibt wie uns. Ich bin in der Welt herumgekommen, und ich kann dir sagen, dass sie alle genau so sind wie wir: Verzweifelt und müde kämpfen sie um einen Weg in die moderne Welt. Ich weiß nicht, was dich zu der Überzeugung gebracht hat, dass man ein besserer Mensch wird, wenn man Mauern baut.´“
    Und wunderbar ist auch, dass der Autor das Ganze durchaus mit einem feinen Witz versetzt und hoffnungsvoll enden lässt. Ein schöner Roman.




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    M
    michael_lehmann-papevor 2 Monaten
    Wer man wirklich ist…

    Wer man wirklich ist…

    ….ist auch vor sich selbst nicht einfach zu erkennen. Zu sehr verändern sich auch die eigenen Erinnerungen, die eigene Geschichte wird, im Lauf der Zeit, an nicht wenigen wichtigen Stellen eher fiktional als real.

    Was auch die beiden Hauptfiguren des Romans, Großmutter und Enkel, aus ganz verschiedenen Gründen her, überaus betrifft.

    Der eine will am liebsten die letzten Wochen und Monate seines Kriegseinsatzes völlig aus dem Leben streichen (und das beginnt damit, dass die Ereignisse, die Fakten, sich anders sortieren, durch das erlebte Trauma nebelig erscheinen). Die andere, auch für den inneren roten Faden des Romans gut von O´Hagan gewählt, ist aufgrund ihrer Demenz ihrer eigenen Lebensgeschichte an sich bereits ein stückweit verlustig gegangen.

    Doch nicht ganz. Und die Erinnerungsstücke an ihr bewegtes, erfolgreiches, intensives Leben als Fotografin in Blackpool, an das Leben und die Liebe, bilden den Rahmen, den Anfang des Fadens, den Großmutter und Enkel in Blackpool aufnehmen und, Stück für Stück, das, was wirklich war, daran aus dem Dunklen der Vergangenheit ins gegenwärtige Leben hineinziehen.

    Eine auch für den Leser faszinierende Reise. Denn ebenso, wie die Mitbewohner der Altersresidenz, in der Anne Quirk freundschaftlich eng vernetzt lebt, fällt es auch dem Leser zunächst schwer, in dieser alten Frau mit ihrer freundlichen Art die bekannte Künstlerin von einst zu erkennen. Und es wird, natürlich, dauern, bis sich die wahren Ereignisse von den „Geschichten“ trennen und sich die Glättungen der Erinnerungen in greifbares, wirkliches Leben verwandeln.

    Was ist Fantasie, was bewusstes Ausweichen, was ist wahr? Fragen, die sich durch das Buch ziehen, die in der Dunkelkammer betrachtet werden, bis sich Fotografien herausschälen, die zumindest die äußeren Ereignisse unbestechlich in Bilder materialisieren. Fragen, die sich auch im Krieg stellen.

    „Jüngere Soldaten glaubten oft, das umkämpfte Gebiet zu kennen; sie sahen graphische Darstellungen, Bildschirme…..Das war nicht alles, was sie sahen, aber es bestimmte zum Teil ihr Verständnis“.

    Was gefährlich werden kann (und werden wird), denn auch hier entlarvt O´Hagan den „Trick des Gehirns“, oberflächliche Fakten umgehend zu einem Gesamtbild „hochzurechnen“. Was immer noch nichts anders als eine Fantasie ist, die im Leben erst überprüft werden müsste, der Person aber dennoch oft erfolgreich vorgaukelt, ein umfassendes „echtes Bild“ einer Situation oder eines Erlebnisses zu haben.

    Und so wie dort auch an vielen anderen Stellen und Momenten des Lebens. Was hat es auf sich, mit dem Verhältnis der alten Dame Anne zu ihrer Tochter? Was genau ist damals in Blackpool geschehen. Trägen alle Erinnerungen oder benötigen diese nur Feinschliff?

    „Das Leben war neu arrangiert worden und wird es immer werden“.
    Das ist die Quintessenz, die O´Hagan und mit ihm der Leser aus diesen beiden miteinander verflochtenen Lebensgeschichten erfährt und die am Ende auch den eigenen Erinnerungen gegenüber immer auch ein wenig skeptisch werden lassen.

    Was sprachlich überaus differenziert, den Personen und ihren Erlebnissen gegenüber im Tonfall korrespondiert. Hart, laut und blutig was den kriegerischen Erzählstrang angeht, empathisch, sanft, sich langsam und vorsichtig annähernd, was die Erinnerungsstücke Annes betrifft.

    Insgesamt eine anregende, in Teilen spannende, immer erhellende Lektüre.

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    Ariettas avatar
    Ariettavor 4 Monaten
    Wieder eine Geschichte wie für mich gemacht.
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