Andrzej Stasiuk Hinter der Blechwand

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Inhaltsangabe zu „Hinter der Blechwand“ von Andrzej Stasiuk

In einem alten Lieferwagen klappern Wladek und Pawel die Märkte und Basare Südosteuropas ab. Bis vor kurzem sind sie ihre Second-Hand-Klamotten aus »Paris-London-New York« ohne Probleme losgeworden. Doch neuerdings tauchen zwischen Blech, Beton und schmutzigen Glasscheiben farbenfrohe Häuserblocks auf: malerische Hieroglyphen preisen Textilien aus China zu Dumpingpreisen an. Als Wladek sich in die Kartenverkäuferin eines slowakischen Wanderrummels verliebt, werden die beiden Freunde unversehens in das kriminelle Treiben von Menschenschmugglern hineingezogen. Was wie eine melancholisch-meditative »road novel« begann, entwickelt sich zu einer rasanten Verfolgungsgeschichte, in der es nicht mehr um gefälschte chinesische Westwaren, sondern um Leben und Tod geht. Andrzej Stasiuk hat einen Roman der Gegenwart und der Zukunft geschrieben – wie die Globalisierung über den Osten hereinbricht und ihn verwandelt. Szenen von verstörender Grausamkeit, Episoden von inständiger Zartheit, ein Abgesang auf den europäischen Kontinent: in dieser Melange liegt der Reiz seines neuen Buches. Die meisterhaft gezeichneten Landschaften im Abendlicht der Geschichte bilden den Hintergrund einer Erzählung vom materiellen und moralischen Zusammenbruch einer ganzen Lebenswelt.

eines der besten je gelesenen Bücher!

— Sofia_Blue
Sofia_Blue

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  • Rezension zu "Hinter der Blechwand" von Andrzej Stasiuk

    Hinter der Blechwand
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    12. September 2012 um 11:49

    Melancholisch gefärbter Roman einer harten Welt "Hinter der Blechwand" ist ein sehr eigensinniger, origineller, hochliterarischer Roman, der sich eines Sujets oder einer Kulisse bedient, die man anhand der feinen Prosa Andrzej Stasiuks zuerst gar nicht erwarten würde. Wladek und Pawel sind zwei zufällig aneinander geratene Männer, die sich aus verschiedenen Gründen brauchen und ergänzen. Sie klappern in Pawels altem Fiat Ducato die diversen Schwarzmärkte und Basare in Südosteuropa ab, hauptsächlich in der Region Slowakei, Polen, Ukraine und Ungarn. Dort verkaufen sie die billige gefälschte oder auch gebrauchte Ware. "Im Herbst sieht man, dass die Stadt stirbt. Diejenigen, die fliehen wollen, sind schon lange geflohen. In der Abenddämmerung hängt der Gestank brennender Blätter. Der Rauch vermischt sich mit Nebel und verhüllt die Außenbezirke. Die Lichter werden gelblich und fahl ..." Wunderbar melancholisch gefärbte Sätze, präzise und perfekt komponierte Prosa lassen immer wieder vergessen, dass dieser Roman eine Übersetzung ist. Ein Riesenlob an die Übersetzerin Renate Schmidgall an dieser Stelle. Während sich die Handlung des Romans immer wieder abschweifend um ein paar zentrale Momente dreht, entwickelt sich aus der ewigen Suche nach dem Geschäft eine Liebesgeschichte, die, wenngleich auch massiv versteckt und als einzige Tiefstapelei getarnt, immer wichtiger für den weiteren Verlauf wird. Für diese Liebe geht man eine Abmachung mit Menschenschmugglern ein. So werden die beiden Jäger des goldenen Geschäfts bald selbst zu Gejagten. "Hinter der Blechwand" ist ein poetischer Blick auf die Globalisierung in Osteuropa, über die Auswirkungen der Veränderung im Osten. Wunderbar zarte Momente wechseln mit Momenten grausamster Härte, stilistisch durch die beeindruckende Prosa Andrzej Stasiuks zusammengehalten. Meisterhaft gekonnt zieht der Autor seine Leser tief in seinen Roman hinein, lässt sie hautnah am Geschehen teilhaben, so nah, dass man meint, die Gerüche der nebeligen Nacht auf einer einsamen Bergstraße zu riechen, oder auch den Schweiß der üblen Schläger am Markt. Selbst in den härtesten Momenten dieses Romans steht die bewusste Wortwahl, die Präzision der Prosa im Vordergrund. "Ich achtete auf das Reifengeräusch. Da hörte ich von rechts ein Zischen. Wladek duckte sich blitzschnell, und die Skorpion traf die hintere Wand des Fahrerhauses. Dann fuchtelte der andere noch mal herum, und wieder dieses automatische Ausweichen und der blecherne Schlag." Herrliche Figurenzeichnung, die nie gewollt oder wertend wirkt, die sich immer aus der Erzählung selbst ergibt, eindringliche Schilderungen und scharfe psychologische Betrachtungen erlauben es dem Autor Andrzej Stasiuk, aus einer vordergründig betrachtet unliterarischen Thematik ein poetisch literarisches Werk zu schaffen, das jegliche Ansprüche an die Literatur mehr als übertrifft. Häufige Tempoänderungen der Prosa, die von innigster Abgeschiedenheit bis hin zu hektischer Aufgeregtheit variieren, ergänzen das Bild dieses perfekt komponierten Romans. Ein sehr berührender Roman, der noch lange nach der Lektüre der letzten Seiten nachklingt. Absolute Empfehlung. (Roland Freisitzer; 10/2011)

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  • Rezension zu "Hinter der Blechwand" von Andrzej Stasiuk

    Hinter der Blechwand
    Beagle

    Beagle

    30. April 2012 um 21:58

    Andrzej Stasiuks Roman "Hinter der Blechwand" ist nicht nur eine Geschichte über das Fahren, vor allem ist es ein Buch, das die Verhältnisse in Osteuropa in unserer heutigen Zeit beschreibt. Die resignierten Menschen, die nach dem Abzug der Russen zuerst voller Vorfreude auf den Kapitalismus waren, dann aber bemerkten, dass dieser sich in ihren Ländern und vor allem auf dem Land nicht so recht einstellen mochte. Die jungen Leute gingen in die Stadt oder ins Ausland und die Kleinstädte und Dörfer sind oftmals vom Aussterben bedroht. Darin Zigeuner, die mit allem Geschäfte machen, was sie finden und streunende Hunde. Viele Einwohner sind arbeitslos oder schlagen sich mit geringen Einkünften durchs Leben, seit die staatlichen Fabriken geschlossen haben. Es gibt kaum Perspektiven - sie trinken, leben in den Tag hinein und warten auf die nächste Revolution, so schreibt Stasiuk. Sein Protagonist und Ich-Erzähler Pawel hat sich in einer kleinen Stadt niedergelassen. Er wohnt in einem kleinen Haus direkt neben einer Tankstelle, wo er die Leute beobachtet. Die jungen Männer mit den aufgemotzten Autos, die mangels anderer Möglichkeiten immer wieder durch die Stadt fahren, aufgetakelte Mädchen sehen ihnen gelangweilt zu. Zusammen mit seinem Partner Wladek fährt er mit einem klapprigen Fiat Ducato die Städte der Umgebung ab, um dort gebrauchte Kleidung aus West-Europa zu verkaufen. Ihr Weg führt sie immer weiter von zuhause weg, bis in die Slowakei, denn keiner schätzt mehr die gebrauchte, aber qualitativ hochwertige Kleidung aus dem Westen. Seit die Chinesen billige Ware auf dem Markt brachten, laufen alle in diesen quietschbunten Sachen herum. Nur noch die Alten wissen Qualität zu schätzen, aber auch diese sterben langsam aus. Wladek ist schon immer im Handel tätig, schon vor der Grenzöffnung tätigte er seine (größtenteils illegalen) Geschäfte. Und immer war er auf Achse. Von diesen Geschichten erzählt er bei den gemeinsamen Reisen Pawel, wie er es immer wieder geschafft hat. Und überall scheint er jemanden zu kennen, zu allem weiß er einen Kommentar. Pawel hingegen ist eher ein in sich gekehrter Mann, oftmals bezeichnet er sich lediglich als Fahrer, denn das Verkaufen beherrscht Pawel viel besser. So hört er sich diese Geschichten an und macht sich seine Gedanken. Alles läuft seinen geregelten Gang, bis Pawel eines Tages die hübsche Kirmeskassiererin Eva wiedertrifft. Mit diesem Roman hat Stasiuk zwei vollkommen unterschiedliche Charaktäre geschaffen, die aber ohne den anderen nicht existieren können, wie es scheint. Er gibt einen Eindruck der osteuropäischen Länder, nicht nur von Polen, auch die Slowakei und Ungarn beschreibt er detailiert. Man merkt genau, dass der Autor selbst in einer ländlichen Gegend lebt, die Menschen dort kennt, ihre Eigenheiten sind ihm geläufig. Ein Buch über Freundschaft, das Zerbrechen der Gleichen und über die unendlichen Weiten. Ein moderner Western, der im Osten Europas beheimatet ist. Still und doch wortgewandt, nicht aufgeregt und doch spannend.

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  • Rezension zu "Hinter der Blechwand" von Andrzej Stasiuk

    Hinter der Blechwand
    Corley

    Corley

    17. September 2011 um 12:09

    In seinem neuen Roman „Hinter der Blechwand“ erzählt Andrzej Stasiuk vom materiellen und moralischen Verfall in Südosteuropa nach 1989. Der Roman ist nicht durchgängig geschrieben sondern eher eine Reihung von Geschichten, teilweise nostalgisch in den Landschafts- und Charakterbeschreibungen und gleichzeitig mit einer von Stasiuk gewohnten Nüchternheit und Brutalität erzählt. In einem alten Fiat Ducato ziehen die beiden Händler Paul und Wladek durch das südosteuropäische Hinterland, wenn sie sich aufraffen können, schaffen sie es auch mal in die Metropolen wie Bukarest, Budapest und Prag. Das Bild eines wiedervereinten Europas ist in diesen Regionen nicht darstellbar. Die Menschen, die dort leben, wollen nach jahrelanger Armut und damit zusammenhängenden Entbehrungen nun den Wohlstand des Westens, können sich diesen jedoch nicht leisten und werden mit Imitaten und Gebrauchtwaren abgespeist. Diese verkaufen Paul und Wladek halbherzig und ohne große Motivation. Die Menschen sind zufrieden, solange sie das Gefühl haben, die Ware kommt aus den großen Modemetropolen des Westens wie New York, London und Paris. Als diese Waren jedoch durch noch billigere Ware aus China vom Markt gedrängt werden, erlischt für Paul und Wladek jegliche Perspektive. Sie beginnen, sich am Menschenhandel zu beteiligen. Andrzej Stasiuk schildert in seinem Roman das Verlieren der Bewohner dieser armen Regionen in Südosteuropa, den Warenaustausch, der tatsächlich stattfindet: materielle Ware, wenn auch schlechte, gelangt vom Westen nach Südosteuropa. Von Südosteuropa jedoch wird menschliche Ware in den Westen verkauft: Männer als billige Arbeitskräfte, Frauen für Bordelle. Ein einheitliches Europa ist unter diesen Umständen nicht zu erwarten. Solange das Geld die Hauptrolle spielt, werden nach wie vor die Starken siegen und die Schwachen verlieren.

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