Die besten Geschichten schreibt das Leben, heißt es. Aber wenn dann noch eine Autorin in Archiven stöbert, Details und Fotos auswertet, zeit- und regionalgeschichtliche Bezüge herstellt und alle Puzzlestücke in romanhafter Form wie ein Mosaik kunstvoll zusammenfügt und plastisch werden lässt, dann wird daraus eine allerbeste Geschichte.
Anja Hellfritzsch gibt dem - völlig zu Unrecht vergessenen - Theatermann Maxime René (Maximus Ottowa-René) posthum eine literarische Bühne, die ihn und seine Verdienste hoffentlich unsterblich macht. Bauarbeiten in ihrem Garten förderten Fundstücke zutage, die sie zu Nachforschungen in sächsischen Archiven veranlasste.
Mit 16 Jahren schließt sich René einem Wandertheater an, begeistert und talentiert lernt er in Wien und an verschiedenen Theatern, um nur wenige Jahre später am Königlichen Hoftheater in Dresden zu debütieren. Nach einer gescheiterten Ehe verliebt er sich in Franziska Hilpert, eine Kollegin des benachbarten Theaters. Gemeinsam lassen sie sich in einem Haus im heutigen Radebeul nieder und könnten - theoretisch - dort glücklich bis zum Lebensende ihre Karrieren, ihre Berühmtheit genießen. Nicht so im wahren Leben.
Der Idealist René hat den Wunsch, gutes Theater und die klassische Dramenliteratur allen Menschen zugänglich zu machen, auch den weniger Betuchten. Heute würde man von kultureller Teilhabe sprechen, woran damals noch niemand dachte. Für diese Vision lebt er und gibt alles, um sie zu verwirklichen, immer mit Unterstützung seiner Lebensgefährtin, obwohl ihm das Schicksal immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft.
René übernimmt das Theater am Albertplatz als Direktor, gründet im Ersten Weltkrieg ein Fronttheater für die Soldaten und später die Sächsische Landesbühne, die von Ort zu Ort zieht. Er ist immer wieder auf Sponsorensuche, um seine Mitarbeiter bezahlen zu können. Aktionäre, Gemeinden springen ab, es gibt Intrigen, Schwierigkeiten mit Behörden oder den sich gründenden Gewerkschaften, die Inflation macht den Theaterbetrieb nahezu unmöglich. René und Franziska sind ständig gefordert, Lösungen zu finden für ihre Vision, für ihr Theater, ihre Schauspieler und Mitarbeiter, für den Erhalt hochwertiger Kunst für jedermann.
Auch wenn es so kurz zusammengefasst wie "normaler" Romanstoff klingt, für mich macht es einen Unterschied zu wissen, dass all dies wirklich passiert ist, dass sich jemand tatsächlich all diesen Herausforderungen gestellt und für die Verwirklichung seiner Träume so unermüdlich gekämpft hat.
Anja Hellfritzsch gelingt es meisterhaft, die dokumentarischen Details in ein romanhaftes Ganzes zu gießen, das mitreißt, das berührt und das in Erinnerung bleibt. Für mich ist Maxime René während des Lesens zu einem Bekannten geworden, den ich bewundere und dessen Ende ich gerührt und traurig miterlebt habe. Und ganz nebenbei konnte ich jede Menge über Theater- und Zeitgeschichte lernen.
Vielen Dank für diesen fesselnden Einblick in ein beeindruckendes Leben!
(Ganz kleiner Wermutstropfen: Es wäre schön gewesen, hätte der Verlag ein Korrektorat gehabt.)


