Anke Stelling Bodentiefe Fenster

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Inhaltsangabe zu „Bodentiefe Fenster“ von Anke Stelling

Sandra hat Angst, wie ihre Mutter zu werden. Nichts zu ändern, einfach nur vor sich hin zu leben. Dabei sollte Sandras Generation doch alles besser machen. Bewusst leben, die Umwelt schützen, die Welt verbessern. Doch Sandra ist müde: Die basisdemokratische Kommunikation in ihrem Mehrgenerationenhaus geht ins Leere, ihre Freundinnen wetteifern immer nur darum, welche den Kindern das beste Bioessen vorsetzt. So hat sie sich das mit der besseren Welt nicht vorgestellt. Klar und unerbittlich, witzig und ironisch zeichnet Anke Stelling ihr Portrait der Hoffnungen, Kämpfe und Widersprüchlichkeiten des modernen Mutterdaseins.

Analyse der Gemeinschaftsideale der 70er Jahre und wie sie bis heute fortwirken. Beklemmend realistisch, kurzweilig zu lesen.

— alasca

Der innere Monolog einer 'typischen Berliner' Mutter, gleichzeitig eine Art Spiegel der Gesellschaft.

— hannipalanni

gut beobachtet

— FrauBloom

Ein Buch über das Hadern mit den eigenen Idealen. Sehr lebensnah, sehr klar beschrieben, wunderbar!

— Julino

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  • Anke Stelling: Bodentiefe Fenster

    Bodentiefe Fenster

    Julino

    15. July 2016 um 14:39

    Im letzten Jahr stand Anke Stelling mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster (Verbrecher Verlag) auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Schon damals fiel mir der Roman vor allem wegen des reduzierten, „Verbrecher-typischen“ Covers ins Auge. Jetzt habe ich es endlich geschafft, Stellings Roman über die Töchter einer 68er-Mütter-Generation und das Leben in einem Wohnprojekt, zu lesen. In Bodentiefe Fenster begleiten wir die Hauptfigur Sandra durch ihren Alltag und werden Zeugen ihrer Gedanken und Gefühle. Einen wirklichen Plot gibt es nicht, vielmehr werden ein Lebenszustand und dessen Ursache beschrieben. Schon der erste Satz aus Sandras Sicht wirkt verheißungsvoll: „Ich bin wie meine Mutter.“ Eine erfüllte Wunschvorstellung? Oder eine Klage? Ein gelungener erster Satz, der bereits zu Beginn das Thema des Romans umreißt, aber nicht zu viel verrät. Sandra ist vierzig Jahre alt, Mutter zweier Kinder und verheiratet mit Hendrik. Alle zusammen leben sie (wie übrigens auch die Autorin selbst) in einem Berliner Wohnprojekt. Ausgang dieser Art des Zusammenlebens ist die Idee, der Anonymität beim Wohnen in einer Großstadt zu entkommen. Die Hausgemeinschaft soll sich im besten Fall auf einer demokratischen Basis gegenseitig positiv beeinflussen und bereichern. Solch ein Zusammenwohnen kann sehr schön sein. Man fühlt sich nie allein, selbst in der anonymsten Großstadt. Außerdem versammeln sich in einem solchen Wohnprojekt zumeist Menschen mit ähnlichen politischen Ansichten. Sandra führt uns jedoch auch immer wieder die Kehrseite eines solchen Zusammenlebens vor Augen: "Es ist nämlich so, dass wir im Wohnprojekt darum konkurrieren, wer die lustigsten Bekannten, die besten Argumente, die begabtesten Kinder und die schönste Balkonbegrünung hat […]" Die BewohnerInnen sind sich so nah, dass das Zusammenleben Fluch und Segen zugleich sein kann. Fast alle Familien in Sandras Wohnprojekt haben Kinder. Deren Erziehung und die damit einhergehenden Schwierigkeiten sind ständige Themen im Buch. Mit dem Gefühl, sich inmitten von „Richtig-Mach-Müttern“ zu befinden, wirkt Sandra oft überfordert und unsicher. Im Wohnprojekt wird von den meisten Eltern eine eher anti-autoritäre Erziehungsweise bevorzugt. Im Grunde hat Sandra dagegen nichts einzuwenden, steht diesem Konzept der Kindererziehung aber auch kritisch gegenüber. Im Roman wird dies deutlich, als Sandra mit ihrer Tochter Lina bei einem Gartenfest der Hausgemeinschaft beginnt, Federball zu spielen. Immer wieder werden die beiden von Judiths Tochter unterbrochen, ohne dass deren Mutter sie zurechtweist. Also schreitet Sandra reflexartig ein: „Wenn du nicht weggehst, kriegst du gleich den Schläger an den Kopf“. Bereits im nächsten Moment bereut sie ihre Aussage, entschuldigt sich besonders laut, sodass auch die HausbewohnerInnen es mitbekommen und beendet reuevoll das Spielen mit ihrer Tochter. Dies ist nur ein Beispiel für den Zwiespalt, in dem sich Sandra ständig befindet.Ihr fällt es schwer, ihre eigenen Ideale und die gesellschaftlichen Erwartungen mit konkreten Konfliktsituationen unter einen Hut zu bekommen. Dabei trägt sie nicht nur ihre eigenen Vorstellungen mit sich herum, sondern auch die ihrer verstorbenen Mutter. Dass Autoritäten nichts Gutes sind, hat sie schon von ihr in die Wiege gelegt bekommen. Sandra ist ein Kind der 68er Bewegung und hat von ihrer Mutter den Auftrag bekommen, die Welt zu verändern. Doch mit Anfang Vierzig muss Sandra sich eingestehen: „Ich bin wie meine Mutter.“ Sandra sieht, wie die Mutter damals, die eigenen Ideale klar vor ihrem innerem Auge, kann sie aber nicht erfüllen – eine Tragik, die beide Figuren verbindet.Die linksliberale Einstellung, mit der Sandra erzogen wurde, spiegelt sich im Roman in Slogans wieder, die die Hauptfigur nicht mehr vergessen kann: „Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer“, „Gemeinsam sind wir stark“ und „Diese Welt ist veränderbar“. Neben diesen Mottos kommen Sandra immer wieder Kinderlieder in den Sinn, die ebenfalls für die Möglichkeit einer besseren Welt plädieren, wenn nur alle zusammenhalten. Diese Wiederholungen ziehen sich durch den gesamten Roman und sind bewusst gesetzt. Sie erscheinen keinesfalls redundant, obwohl sich bestimmte Sätze in exakt gleicher Wortreihenfolge wiederholen. Vielmehr verstärken sie Sandras inneren Drang, etwas verändern zu wollen, die Ideale ihrer Mutter zu erfüllen. Beim Lesen konnte ich Sandras Hilflosigkeit und Stillstand sehr intensiv nachfühlen. Dies liegt vor allem an der unprätentiösen Sprache, die Stelling in ihrem Roman verwendet. Die Sätze sind klar strukturiert und unterstützen den Fokus auf den Gang, nicht den Ausgang, der Geschichte. Stelling schafft es zudem, inneren Monolog und äußere Handlung geschickt zu verweben, sodass ich wirklich das Gefühl hatte, mit Sandra durch ihren Berliner Alltag zu streifen. Ja, vielmehr noch hatte ich den Eindruck, Sandras Komplizin zu werden, was den Lesegenuss ungemein erhöht.Der klare Stil des Romans wird von einem trockenen Humor durchzogen, sodass ich beim Lesen immer wieder schmunzeln musste, zum Beispiel, wenn Sandra versucht, ihrem Mann nach dem Zu-Bett-Gehen noch ein paar Zärtlichkeiten abzuluchsen: "Ich nehme seine Hand und lege sie mir selbst auf den Kopf. Er knurrt und dreht sich um, stößt mich dabei mit dem Ellbogen. Das habe ich davon, Erschleichung von Dienstleistung." Bodentiefe Fenster kommt ganz ohne metaphorisch aufgeladene Bilder aus, weil das Thema des Romans stark genug ist. Sandras Zweifeln und Hadern mit sich und ihrer Umgebung umgibt den Inhalt des Romans mit einem nachdenklichen Schleier. Durchbrochen wird dieser durch wiederkehrende schwarzhumorige Passagen. Für mich waren es gerade Sandras Selbstzweifel, die sie zu einer Sympathieträgerin machen. Sich an Idealen abarbeiten und dabei erkennen, dass die Welt vielleicht zu komplex ist, um die eigenen Wertvorstellungen zu erreichen – das kenne ich auch.Bodentiefe Fenster ist ein Roman unserer Zeit, der ohne stilistische Großspurigkeit von den Problemen mit den eigenen Vorstellungen erzählt.

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  • Bodentiefe Abgründe einer Kommune

    Bodentiefe Fenster

    Ginevra

    Sandra ist ein Kind der 1970-er: ihre Mutter übte noch die traditionelle Hausfrauenrolle aus, las die frühen Schriften der Feministinnen wie Alice Schwarzer. Sie begann zu rauchen, zu diskutieren und wurde Gründungsmitglied eines „Kinderladens“, in dem antiautoritäre Erziehung zum Programm und zur Lebensphilosophie wurde. Marlies war damals die vielbewunderte Leiterin – und eine der ersten Frauen, die zusammenbrachen. Heute spricht sie offen über ihr Burnout und entwickelte eine neue Lebnsphilosophie, die fast schon wieder zum Diktat wurde: sich mehr um sich selbst kümmern, die eigenen Grenzen wahren. Sandra ist verheiratet mit dem intellektuellen, freundlichen Tom, der sich in Haushalt und in der Erziehung vornehm zurückhält. Letztendlich ist Sandra alleine mit der Verantwortung für Haushalt, Sohn und ihren Job als Kolumnistin für kleinere Zeitschriften.  Ihr Leben in einem Mehrgenerationenhaus, das ursprünglich einmal der Idee einer Kommune folgte, gerät immer mehr aus den Fugen. Sandra hadert mit ihren Ideen, Träumen und der Wirklichkeit, die sich oft in kleinkrämerischen Auseinandersetzungen und gegenseitigem Mißtrauen zeigen. Doch ist das alles real – oder dreht Sandra langsam, aber sicher durch? Anke Stelling wurde 1971 in Stuttgart geboren und hat schon einige erfolgreiche Romane veröffentlicht. Sie setzt sich kritisch mit der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft auseinander.  Anhand von Sandras Geschichte, die sich fast autobiographisch liest, beschreibt Anke Stelling die negativen Folgen der feministischen Bewegung, die in einer chronischen Überlastung von Frauen Durch Haushalt, Erziehung UND Beruf entsteht. Dazu kommt, dass Frauenarbeit weiterhin in unserer Gesellschaft weniger geschätzt und entlohnt wird als Männerarbeit. Die Folgen sind oft ein geistiger und körperlicher Burnout. Sandra ist freischaffende Autorin, und für ihren Mann ist selbstverständlich, dass ihre Arbeit (die sie selbst schon gar nicht mehr als solche würdigt) hintenan steht, während er seine Karriere ausbaut – und dafür von allen bewundert wird. Sandra dagegen wird belächelt und als verrückt abgestempelt, weil sie die Rituale der Hausgemeinschaft hinterfragt und entlarvt. Das Schlimmste: sie findet sich selbst minderwertig. Höchste Zeit, endlich aufzutanken – aber wo? Das Ende möchte ich nicht verraten, ist aber leider realistisch… Fazit: mir hat das Buch gut gefallen, der Schreibstil ist sehr eindringlich und persönlich. Für einige Längen und Redundanzen ziehe ich einen Punkt ab – ansonsten kann ich es wirklich empfehlen. Auch für Männer! 4 von 5 Sternen.

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    • 2
  • Die Zumutungen des Alltags

    Bodentiefe Fenster

    Buecherschmaus

    Sandra ist eine von denen, die "eigentlich alles haben": einen netten, verständnisvollen und unterstützenden Mann, zwei Wunschkinder, einen Job als freie Journalistin mit Büro fernab der Wohnung, der ihr genug Freiraum lässt, eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg in einem innovativen Wohnprojekt "Mehrgenerationenhaus", alles natürlich ökologisch bestens durchdacht, und sogar einen Kitaplatz in der Nähe. "Es geht uns gut." versichert sie sich so auch einige Male im Verlauf des Romans, der ein innerer Monolog Sandras ist, eine Selbstvergewisserung, eine Klage. Denn natürlich ist nicht alles gut in Sandras Biotop. Und dass das so ist, lässt Sie zunehmend verzweifeln. Die Ansprüche sind hoch in ihrer Umgebung der wohlsituierten, gebildeten, politisch und gesellschaftlich aufgeklärten Berliner. Nachhaltigkeit ist einer der Programmpunkte, ferner der soziale Diskurs und natürlich Kinder. Dabei muss Sandra feststellen, dass ihr alles, sogar letztere zunehmend auf die Nerven gehen. "Unsere Energieniveaus passen einfach nicht zusammen " muss sie einmal lapidar in Bezug auf ihren jüngsten Sohn Bo feststellen. Und die Erziehungskonzepte der meisten anderen Eltern findet sie schauderhaft. Entweder setzen die ihren Kindern gar keine Grenzen oder sie überbehüten sie, oft auch beides abwechselnd oder gleichzeitig. Die Kinder, ständig überfordert davon, maximal glücklich aufzuwachsen, benehmen sich dementsprechend. "Wenn die Kinder schon ständig für uns Eltern und unsere Träume vom Leben einstehen müssen, dann sollten wir sie wenigstens dafür ausrüsten, sie unbarmherzig darauf trainieren - anstatt ständig zu behaupten, sie seien völlig frei und wir wollten es alle gemeinsam nur schön haben." Sandra schaut genau hin, manchmal quälend genau. Sie sieht manchmal zu schwarz, viele Dinge sind ziemlich überspitzt, oft nimmt sie die schrecklichsten Vorstellungen vorweg, um sie so zu bannen, das wird bisweilen leicht morbide. "Jeden Tag passieren fürchterliche Dinge, und meine Kinder lernen in erster Linie, wie man austeilt und einsteckt. Wenn sie Glück haben, werden sie ein paar schöne Momente erleben und sich im Verlauf ihres elenden Lebens ab und zu daran erinnern. Mehr ist, realistisch betrachtet, nicht drin." Ihre Beobachtungen sind aber immer hoch analytisch, punktgenau, bissig, oft zynisch und auch selbstkritisch. Die Zumutungen des Alltags nagen an ihr. Ihre Ansprüche an sich sind gigantisch. Einerseits etwas, dass sie mit vielen heutigen Frauen, zumal Müttern, teilt, andererseits auch ein Erbe, dass ihr die Mutter hinterlassen hat. Diese, eine typische Vertreterin der 68er, der Reformpädagogik, hat ihre hohen Anforderungen an Selbstverwirklichung, Gemeinsinn, gesellschaftliches Engagement weitergegeben, ohne wirklich eine Lösung zu bieten, wie dieses mit dem Muttersein, Berufstätigkeit, mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu vereinbaren ist. Sandra hat immer wieder Parolen des Liedermachers Volker Ludwig im Kopf. "Einer ist Keiner/zwei sind mehr als einer./Noch reden uns die Großen rein und sagen was wir soll´n/Bald werden wir ganz viele sein und machen, was wir wolln" tönen die Ideale aus ihrer Kinderladenzeit herüber. Ihm wirft sie stellvertretend für die Elterngeneration vor: "Was denn bitte, Volker? Wie kannst du mir das alles in den Kopf setzen und dich dann schön in die Pensionierung und auf dein Lebenswerk zurückziehen?" Schon die eigenen Mütter sind daran gescheitert, von Psychopharmaka abhängig, haben sich umgebracht oder sonst wie aus der Verantwortung geschlichen. Sandra erkennt: "Ich schultere da was, was ich gerne abwerfen würde, denn es ist nicht allein das Alter, fürchte ich, warum wir unseren Müttern immer ähnlicher werden. Es hat sich nichts, nicht das kleinste bisschen geändert." Dass dieses ständige Analysieren, Hadern mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das für Alles verantwortlich Fühlen auf Dauer nicht gut gehen kann, ist klar. Sandra steuert auf den nervlichen Zusammenbruch zu, oder milieuspezifischer, auf den Burnout. Und wir sind mittendrin in der "Vereinbarkeitslüge", dass es nämlich geht, gleichzeitig politisch und gesellschaftlich engagiert, berufstätig, fit, schön und fröhlich und gleichzeitig als Mutter für das Glück und das Wohlgedeihen diverser Kinder verantwortlich zu sein. "Ich bin momentan dabei, mir über diverse Widersprüchlichkeiten klar zu werden, ich frage mich, wie weit man gehen darf in der Sorge um andere, und ob diese nicht am Ende immer nur die egoistische Sorge um einen selbst ist." Sandra ist am Schluss vielleicht einen Schritt weiter, wenn sie erkennt, dass ihre "Sehnsucht nach der Schönheit und Lautstärke orchestrierter Einzelstimmen" wohl in erster Linie eine Sehnsucht bleiben wird, dass auch manchmal Disharmonien dazu gehören und man nicht immer allen Erwartungen, auch nicht den eigenen, entsprechen muss. Anke Stelling hat ein klares, pointiertes, dabei oft witziges und vor allem im besten Sinne gesellschaftlich relevantes Buch geschrieben.

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    • 7
  • Nichts für trübe Herbsttage

    Bodentiefe Fenster

    Xirxe

    29. October 2015 um 13:14

    Was für eine traurige Lektüre! Fast 250 Seiten Gedanken, Berichte, Selbstgespräche einer der scheinbar typischen Prenzlauer-Berg-Mütter - doch hier liest man nichts von fröhlichen Latte-Macchiato-Gesprächen unter ihresgleichen oder der erfolgreichen Selbstverwirklichung im kreativen Bereich. Ganz im Gegenteil. Sandra, die Hauptfigur dieses Romans, scheint zwar nach außen voll und ganz dem Klischee zu entsprechen, doch tatsächlich zermürbt sie sich selbst mit ihren ständigen Zweifeln und Selbstvorwürfen. Was ist aus den Idealen geworden, die man ihr daheim und im Kinderladen so eingetrichtert hat, dass sie mittlerweile davon überzeugt ist, dass es ihre eigenen sind? Die absolute Liebe zu den Kindern; dass Gemeinschaft das Wichtigste ist; dass Alle gleich sind und man Alle zu lieben hat und selbst geliebt wird. Doch ihre Frustration über sich, ihr vergebliches Mühen sowie die Anderen, die ganz und gar nicht so leben wie es sein sollte, wird immer stärker und lässt ihre Schuldgefühle und Ängste noch größer werden. Noch nie habe ich ein so eindringliches (wenn auch indirektes) Plädoyer für einen gesunden Egoismus gelesen wie in diesem Buch. Auf jeder Seite hätte ich Sandra am liebsten geschüttelt (ebenso wie die meisten der zahlreichen Frauen, die in diesem Buch auftauchen) und entgegengehalten: 'Was interessiert Dich, was Deine Nachbarn denken? Sag was Du denkst oder fühlst. Du musst es auch aushalten können, wenn Dich jemand nicht mag.' Und so weiter. Ist dies wirklich das Erbe der 68er Generation, wie es der Umschlagtext behauptet? Wurden die Kinder, insbesondere die Mädchen,  zu solch wenig sich selbst bewussten Menschen und stattdessen zu Erfüllungsgehilfen der Utopien ihrer Mütter herangezogen? Ich will und kann das nicht glauben, auch wenn diese Geschichte mir den Eindruck vermittelt. Wenn wenigstens ein Fünkchen Hoffnung am Horizont aufleuchten würde, doch das scheint Sandra offenbar nicht vergönnt. Sogar als ihre ständige Selbstzermürbung zum vollständigen Zusammenbruch führt, scheint auch hier keine Lösung in Sicht. Mut macht dieses Buch nicht, auf mich wirkt es mehr wie eine Bestandsaufnahme eines Menschen, der stets um sich und seine Ideale kreist, die nicht zu erreichen sind und daran krankt, schwer krankt - ohne große Hoffnung auf Besserung. Doch dafür hätte es keine 250 Seiten gebraucht, denn letzten Endes ist das Thema immer das gleiche. Alles in allem eine gelungene Innenansicht einer überforderten Mutter und Ehefrau aus der Prenzlauer-Berg-Bewohnerschaft, die jedoch meiner Meinung nach um einiges kürzer hätte ausfallen dürfen. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015.

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  • Prenzlauer Berg Szenerien

    Bodentiefe Fenster

    MarinaB

    28. October 2015 um 08:13

    Anke Stellings Roman "Bodentiefe Fenster" hat soeben den Melusine-Huss-Preis 2015 erhalten, der für unabhängige Verlage von unabhängigen BuchhändlerInnen verliehen wird.  Meine anfängliche Skepsis stellte sich nach Abschluß der Lektüre wieder ein. Zwischendurch habe ich das Buch durchaus mit Interesse gelesen. Das lag sicher daran, dass ich etwas aus einer mir seltsam fernen Welt erfahre, die dennoch genau um die Ecke liegt, Prenzlauer Berg, Berlin. Und daran, dass ich das Gefühl hatte, mich irgendwie einmischen zu müssen, der Protagonistin zureden zu müssen, damit sie endlich endlich wieder mehr lebt und weniger "gelebt" wird. Die Hauptprotagonistin Sandra wohnt mit ihrem Mann und den 2 Kindern in einem Haus, in dem alle Mieter gemeinschaftlich Entscheidungen treffen - selbstverwaltet, generationenübergreifend. Jeder kann sich einbringen, muss aber nicht. Für Sandra, deren 68er-Mutter Kinderläden gründete und aktiv an der "Verbesserung der Welt" arbeitete, scheint dies zunächst eine gute Entscheidung, die sie allerdings immer stärker in Frage stellt. Was dann in generellem Hadern und Zweifeln über die Richtigkeit der eigenen Lebensform endet und in Exkursen in die eigene familiäre Vergangenheit. So richtig verstanden fühlt sich Sandra nirgends, weder von Hendrik, ihrem Partner, noch von den Mitbewohnern, auch nicht von der eigenen Schwester. Die Grübeleien, die Überforderung, die Angst nehmen schließlich Überhand und führen zum Zusammenbruch - Diagnose Burnout. Dieses sich Zuspitzen ist im Aufbau des Romans deutlich spürbar, was anfangs noch ironisch komisch wirkt, wird im Laufe der Lektüre düstere Wirklichkeit. Der Titel, der einem erst einmal so merkwürdig vorkommt, wird im fortlaufenden Lesen immer stimmiger und greift imgrunde die vorherrschende Thematik auf: Die dauernde Sichtbarkeit, das dauernde nach Außen agieren, weil jeder sieht, was man tut und das vermeintlich ständige unter Beobachtung stehen, der fortwährende Vergleich mit den Anderen, das "Alles-richtig-machen-wollen". Und das ist wohl nicht nur die Problematik von Sandra, sondern eine allgemein gesellschaftliche in einer Zeit, in der es immer mehr Transparenz gibt bei gleichzeitig immer stärkerem Individualisierungswunsch. Mir ist dieses Buch nicht ans Herz gewachsen. Da gab es keine Lese-Glücksmomente. Dennoch ist es möglicherweise in anderen Leserhänden gut aufgehoben, könnte eine wichtige Lektüre sein, denn die Geschichte hat aktuellen Bezug und wirft jede Menge kritischer Fragen auf.

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  • Anke Stelling - Bodentiefe Fenster

    Bodentiefe Fenster

    miss_mesmerized

    12. September 2015 um 05:51

    Sandra hat schon früh gelernt, dass man die Welt verbessern muss. Im Kinderladen die Ideale der Eltern aufgesaugt lebt sie nun selbst mit ihrer Familie in einem generationenübergreifenden Wohnprojekt, dass volldemokratisch allen das nicht-existente Idyll des Zusammenlebens in Frieden ermöglichen will. Dass Kompromisse manchmal sehr hart sein können und man sich trotz bester Vorsätze eben nicht immer grün ist, muss sie schnell lernen. Und auch die bodentiefen Fenster, die die Räume mit Licht durchfluten werden bald zu Gucklöchern in ihre Privatsphäre, die sie mehr und mehr verliert. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2015 hat mich das Buch neugierig gemacht und die aktuelle Thematik der übertrieben ideologischen Prenzlauer Berg Mütter ist ebenfalls eine interessante Themenwahl. Was Anke Stelling hervorragend gelingt, ist die Absurdität der Wohngemeinschaft in authentischen Dialogen zur völligen Absurdität zu führen und die feinen Nuancen zwischen Neid und Verachtung herauszuarbeiten. Das vordergründige Glück ist eben doch oft nur die Fassade, hinter der das Leben gerade zusammenbricht. Über weite Strecken hochamüsant bleibt das Buch aber doch an einer durchaus ernstzunehmenden Thematik, die auch literarisch verarbeitet zum denken einlädt und einem die eigene Lebensgestaltung und Ideale nochmals überdenken lässt – wenn auch vom sicheren Standpunkt aus, denn selbst würde sich natürlich nie so verhalten wie die Figuren. 

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