Fürsorge

von Anke Stelling 
3,7 Sterne bei3 Bewertungen
Fürsorge
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Der Autorin gelingt das Wunder, etwas Ungeheuerliches als schlichtes Erleben eng begrenzter Naturen darzustellen.

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Inhaltsangabe zu "Fürsorge"

Der neue Roman von Anke Stelling beschreibt das Leben der Berufstänzerin Nadja, die nach dem Ende ihrer Bühnenkarriere als Dozentin an einer Ballettschule arbeitet und dort ihre „Schäfchen“ schindet. Nadja weiß nicht recht, wohin mit sich – trotz ihrer Beziehung und den aufwändigen Abendessen, die ihr Partner veranstaltet. Sie beschließt, erstmals nach vielen Jahren ihre Mutter zu besuchen, die sich seit seiner Geburt um Nadjas sechzehnjährigen Sohn Mario kümmert. Dieser definiert sich und kommuniziert wie seine Mutter ausschließlich über seinen Körper.

Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich – zum Entsetzen der beobachtenden, nicht unmittelbar in die Geschichte involvierten Erzählerin – ein heftiges amouröses Verhältnis. Ein Verhältnis, das niemand sonst zur Kenntnis nehmen will.

Mit „Fürsorge“ hat Anke Stelling einen Roman verfasst, der die verstörende Einsamkeit in unserer Gesellschaft thematisiert und insbesondere auf das Verhältnis zwischen Müttern und Kindern eingeht, das uns nur aus Gewohnheit ganz einfach erscheint.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783957322326
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:200 Seiten
Verlag:Verbrecher
Erscheinungsdatum:07.03.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    jamal_tuschickvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Der Autorin gelingt das Wunder, etwas Ungeheuerliches als schlichtes Erleben eng begrenzter Naturen darzustellen.
    Der Körper als Kompetenzbeweis

    Als Tänzerin altert man jung. Der Leib verweigert die Tortur, bevor die besten Jahre beginnen. Seine Waffe ist der Schmerz. Damit erzwingt er die Stilllegung ruinierter Teile. „Wohl dem Abbaugebiet, dass eine neue Bestimmung findet”, salbadert die allwissende Ich-Erzählerin Gesche. Ich & allwissend gehen nicht zusammen, Stelling bezeichnet „Fürsorge“ vorsorglich als „literarisches Experiment“. Das Experiment ist gelungen, der Leser nimmt Gesche als Stalkerin wahr, die das Leben der Berufstänzerin Nadja neidisch erkundet. Der Autorin gelingt ein Wunder in doppelter Ausführung. Etwas Ungeheuerliches stellt sie als unterdurchschnittliches Erleben eng begrenzter Naturen dar. Einer unglaublichen Perspektive gibt sie eine verblüffende Plausibilität.
    Gesche weiß: „Nadja hat die Hüfte einer Siebzig- und den Hormonhaushalt einer Fünfzigjährigen“. Als Spätgebärende scheint die Fünfunddreißigjährige keine „neue Bestimmung finden“ zu können. Allerdings hat Nadja schon einen Sohn, er kam in ihrem Leben bisher nur nicht vor. Die eigene, realsozialistisch gepolte, im zehnten Stock einer Leipziger Platte verwitterte Mutter versorgt den Enkel. Für Mario ist Nadja eine Stimme am Telefon, zu der er manchmal Mutti sagt wie aus Versehen. Mutti trifft den Sechzehnjährigen in ihrer Ursprungsumgebung, sie hat nichts Besseres mehr zu tun, als einen Geburtstag ihrer Mutter abzusitzen. Mario wohnt in ihrem alten Zimmer, sogar das Bett vom VEB Möbelwerke Zeulenroda gehört original zu Nadjas Kindheit und Jugend. Der Junge hat sich mit Hanteln zur formschönen Person ausgebildet. Er fährt Auto ohne Führerschein, die Kumpel johlen, als er ihnen die fremde Frau als seine Mutter vorstellt.
    Von ihrem Berliner Heimschläfer Daniel, einem Heroin fixenden Komponisten und Manufactumfreak, empfängt Nadja zunehmend höhere Dosen Fremdheit. Er ekelt sich vor ihren kaputten Füßen, sie stört sein Schlafatem. Gesche überwacht die beiden wie ein schwacher Dämon. Sie meldet Verluste, noch bevor die Verluste sich bei Nadja und Daniel gemeldet haben. Diese dem Geschehen vorauseilende Aufmerksamkeit zieht Energie aus Verunglimpfungslust. Da geht es einer zu gut. Vom Golden Goal Schützen Oliver zum Vereinsmeier Bierhoff bedeutet in Nadjas Fach als Dozentin und Juryvorsitzende das sadistische Programm ihrer aktiven Zeit im Gegenzug auf die weichen Ziele der Elevinnen einwirken zu lassen. „Schäfchen“ heißen sie in der Sprache ihrer Zurichtung. Wegen eines Schäfchen reist Nadja wieder in die alte Heimat. Sie trifft Mario, dessen körperliche Vorzüglichkeit sie sich zu Herzen nimmt. Er ist sie in der rohen Erscheinung des idealen Selbst. Das Begehren der verhornten Sadomasochistin tarnt sich nicht mit mütterlicher Fürsorge. Der Sohn funktioniert für Mutti als Tankstelle, sie für ihn als Trainingsmaschine. Natürlich ist das Verhältnis ein selbstsüchtiges, wenn auch nicht steriles Unterfangen, eine Wiederholung der Nichtannahme des Kindes mit anderen Mitteln. Die Verweigerung der Selbstannahme. Missbrauch als Folge von Missbrauch. Die Bestätigung eines Pakts mit dem Teufel. Sehr schön erzählt.

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    Claudia_Spaeths avatar
    Claudia_Spaethvor 5 Tagen
    A
    AenneJukeboxvor einem Jahr

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