Anke Wichmann

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Gringos Reise zu den Sternen

Gringos Reise zu den Sternen

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Erschienen am 14.12.2011

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Rezension zu "Gringos Reise zu den Sternen" von Anke Wichmann

Rezension zu "Gringos Reise zu den Sternen" von Anke Wichmann
Ein LovelyBooks-Nutzervor 7 Jahren

Ich setze mich für einen Moment in die Küche, weine ein bisschen und rauche eine American Spirit gelb, um meine Nerven zu beruhigen – das sagen Raucher übrigens immer. Seitdem Jörg nur noch ganz leise sprechen kann, horche ich immer auf das Klingeln der Glocke, die ich ihm an den so genannten Bettgalgen gehängt habe. Es ist schwierig für einen inkomplett gelähmten Menschen, seine Befindlichkeit zu beschreiben. Im Gegensatz zu einem komplett Gelähmten, bei dem es kein konkretes Gefühl, also auch keinen direkten Schmerz in den gelähmten Körperteilen gibt, erlebt der inkomplett Gelähmte die ganze breite Palette körperlicher Empfindungen, vom leichten Wärmegefühl bis zum fiesesten Krampf, vielleicht sogar stärker, weil die Wahrnehmung eine extrem andere Qualität hat. Ich kann das alles nur ahnen und darf trotzdem kein Mitleid zeigen. Oder? Oh, er klingelt.
»Liebling, wie wär’s mit’m Hit?«
Er zwinkert mir verschwörerisch zu, der alte Schlawiner.

Jörg »Jorgedee« Dreisörner war ein guter Freund unserer Website www.tcboyle.de. 2004 hatte ich ihn über das Forum von T.C. Boyles Homepage kennengelernt. Er war danach auch in unserem deutschsprachigen Forum zu Gast, schickte mir interessante E-Mails, später auch prachtvolle Bildbände und Toncollagen. Zudem beteiligte er sich mit stilistisch einzigartigen Short Storys an unseren Schreibwettbewerben.

Dass hinter diesen Kunstwerken und Geschichten eine äußerst faszinierende Persönlichkeit mit einer nicht weniger faszinierenden Vergangenheit steckte, ließ sich schnell erahnen. Doch Genaueres wusste ich nicht. Zum Beispiel, dass er lange Zeit ein Aussteiger-Leben geführt hatte, auf den Spuren Jack Kerouacs unterwegs war, eines Tages sogar Allan Ginsberg traf und ihm die Weihnachtskekse seiner Mutter anbot.

Oder dass er viele Jahre als Bühnenmaler in New York arbeitete, für bekannte Theaterproduktionen und Studios, für das Native American Theatre Ensemble, Aquarius, Rauschenberg, Lichtenstein und viele andere.

Was mir ebenfalls nicht im Detail bekannt war: Jorgedee hatte im Mai 2003 einen schweren Unfall – mit fatalen Folgen. Bei einer kleinen Zechtour in Berlin war er in einem Café ins Stolpern geraten und eine Treppe hinuntergestürzt. Er schlug auf dem Steinfußboden auf, prallte mit dem Kopf gegen eine Kellertür und blieb schließlich blutend und bewusstlos liegen.

Diagnose: Querschnittlähmung, schlimmer noch Tetraplegie. Das bedeutet, alle Extremitäten, Magen-Darmtrakt, Uro-Genitaltrakt und überhaupt alles unterhalb des Kopfes ist eher mehr als weniger gelähmt.

Was sich bei einer solch niederschmetternden Diagnose wie der schlimmste Albtraum vor einem aufbaut, scheint unüberwindbar: Ein Mensch, der vor Lebensfreude und künstlerischer Produktivität nur so strotzt, ist urplötzlich gefangen in einem fast völlig bewegungsunfähigen Körper, bedarf der Pflege und Betreuung, rund um die Uhr, bei Dingen, die alltäglicher, menschlicher, intimer nicht sein können. Von einer Sekunde auf die nächste ist alles anders. Nicht nur für Jorgedee, auch für seine Frau, die Autorin Anke Wichmann, seine große Liebe.

In ihrem Buch »Gringos Reise zu den Sternen« hat sie ihre Eindrücke, Empfindungen und Erfahrungen niedergeschrieben. Sie kannten sich schon lange, Jörg und Anke, doch es dauerte Jahrzehnte, bis sich ihre Liebe erfüllte. In kurzen Rückblenden erzählt sie, wie sie zueinander fanden.

In der Gegenwart, im Hier und Jetzt, beschreibt Anke die Schwierigkeiten, die sie und Jörg nach dem tragischen Treppensturz zu meistern haben, die Odyssee durch Krankenhäuser und Reha-Kliniken, mit mehr oder weniger einfühlsamen Ärzten, Wunderheilern und Pflegekräften, den Alltag mit Kathetern, Medikamenten, immer neuen Einschränkungen und den Versuchen, dem Leben – trotz allem – möglichst viel Positives abzuringen.

Letzteres gelingt Anke, Jörg und ihren vielen Freunden, die sie unterstützen, auf erstaunliche Weise. Man ist als Leser ebenso beeindruckt wie die Autorin über den Humor und die Gelassenheit, mit der Jörg sein Schicksal annimmt. Zudem definiert sich die Liebe zwischen Jörg und Anke angesichts der außergewöhnlichen Lage völlig neu. Beide sehen und behandeln dies wie ein kostbares Geschenk. Am Ende gelingt es Jörg sogar, wenn auch nur mit Hilfe modernster Technik und unter allergrößten körperlichen Anstrengungen, sich erneut künstlerisch zu betätigen.

Bei aller Tragik des Themas vermittelt »Gringos Reise zu den Sternen« daher ein positives Gefühl. Es ist ein positives Buch, ein wundervoller Erfahrungsbericht, der Mut macht, Mut machen sollte. Nicht nur, was die Lebensumstände von Querschnittgelähmten oder anderen schwerkranken Menschen betrifft, sondern auch in Bezug auf den Tod und darüber hinaus. Jörg Dreisörner verstarb im Sommer 2010. Zu seinem Andenken fand in Nordpommern eine große Finissage statt.

… ein wundervoller Abend für Jörg, alle haben Spaß und wir lachen, singen und tanzen bis in den frühen Morgen. Und Jörg ist allgegenwärtig.

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