Frei wie die Vögel

von Ann-Helena Schlüter 
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Frei wie die Vögel
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Eine eindrückliche Erzählung über Licht in dunkler Zeit. Unbedingt lesenswert.

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Inhaltsangabe zu "Frei wie die Vögel"

Am 10. November 1943 wurden in Hamburg vier Geistliche durch das Fallbeil hingerichtet. Die katholischen Kapläne Eduard Müller, Johannes Prassek und Hermann Lange sowie der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink hatten öffentlich Stellung bezogen gegen die Verbrechen des Nazi-Regimes.
Voller Leidenschaft für die historischen Hintergründe verwebt Ann-Helena Schlüter die vier Biografien der Lübecker Märtyrer erzählerisch miteinander. Ein Roman voller tiefer Emotionen, eine Geschichte voller Hoffnung im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783775158657
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:288 Seiten
Verlag:SCM Hänssler
Erscheinungsdatum:23.08.2018

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    Kurzmeinung: Eine eindrückliche Erzählung über Licht in dunkler Zeit. Unbedingt lesenswert.
    Ein eindringlicher Aufschrei gegen das Vergessen

    Ich dachte, ich könnte die Welt verändern. Verbessern zusammenschweißen. Was ist aus mir geworden? meine hohen Wünsche und Werte haben mich ins Gefängnis gebracht. (Seite 111)
    Den Kopf können sie mir nehmen. Das Leben nie. (S. 146)

    Meine Meinung

    Das ist ein seltsames Lesejahr. Begonnen hat es damit, daß ich entgegen aller Gewohnheit bis in den März hinein russische Autoren gelesen habe. Und nun habe ich innerhalb kurzer Zeit das zweite Buch gelesen, von dem ich noch vor wenigen Wochen gesagt hätte, das lese ich nicht. Aber „das Schicksal“ war anderer Meinung. „Schicksal“ spielte hier der Verlag, der mit ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte, und damit mußte ich das Buch ja lesen. Gott sei Dank. Manchmal muß man wirklich zu seinem Glück gezwungen werden, auch wenn es in gewisser Hinsicht makaber klingt, in diesem (inhaltlichen) Zusammenhang von „Glück“ zu schreiben.

    Um es ganz klar und zu Beginn festzuhalten: das ist ein großartiges Buch und - auch wenn der Ausdruck abgedroschen klingen mag, aber selten war er so zutreffend wie hier - ein eminent wichtiges Buch. Gerade auch im Angesicht der kürzlichen Ereignisse in Chemnitz. Denn hier wird ganz klar und mit brutaler Deutlichkeit aufgezeigt, wohin dieser Weg führt. Was eine abstruse und menschenverachtende Ideologie zur Folge haben kann. Und daß ein Held nicht unbedingt der ist, der mit dem Schwert oder dem Gewehr in der Hand vorwärts stürmt und möglichst viele Menschen tötet, sondern der, der das Gegenteil tut: Menschen liebt, sich um und für sie sorgt. Und am Ende dafür sein Leben hingibt. „Größere Liebe hat niemand als die, daß einer sein Leben läßt für seine Freunde.“ Johannes, 15.13

    Maximilian Kolbe, Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer. Die meisten Menschen werden zumindest die Namen dieser Geistlichen, die von den Nazis ermordet wurden, schon gehört haben. Es war daher höchste Zeit, an die vergessenen „Helden von Lübeck“ zu erinnern: an die katholischen Kapläne Johann Heinrich Wilhelm Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange sowie den evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Sie wurden am 10. November 1943 nach einem Scheinprozeß in Hamburg durch die Guillotine hingerichtet. Im Dreiminutentakt. Und etwas früher als geplant, damit der Henker nach Hause und in Ruhe seine Kinder ins Bett bringen konnte.

    „Eine Erzählung gegen das Vergessen“ lautet der Untertitel, und genau das ist dieses Buch. Es ist eine eindringliche Schilderung des Lebens und der Umstände, die letztlich zum Tod der Geistlichen führten. Die bedrückende Atmosphäre der Zeit, die ständig lauernde Gefahr, die ideologische Verblendung, die (zu) viele blind gegenüber den Geschehnissen werden ließ - all das erweckt die Autorin gekonnt zum Leben, macht es fühl- und nacherlebbar. Das gelingt ihr, ohne daß die Erzählung düster, gar depressiv wirkt oder den Leser „hinabzieht“, wie es mir kürzlich in einem anderen Roman begegnet ist. Daß dies nicht passiert ist, daß die Autorin mit großem sprachlichen Talent von tragischen Ereignissen in einer Weise erzählen kann, daß man als Leser zwar mitfühlt, mitleidet, mitlebt, aber ob des Furchtbaren dennoch nicht in ein "schwarzes Loch" fällt - das halte ich für ein großes Plus und kann es gar nicht genug lobend hervorheben.

    In der Vermengung von historischen Fakten und Fiktion ist es der Autorin in der Tat gelungen, die Geschichte der vier so zu erzählen, daß man nicht umhinkommt zu glauben: ja, genau so war es. Genau das haben sie gesagt, gedacht, gefühlt, getan. Selten habe ich ein Buch gelesen, das die (vermutliche) Realität dermaßen trifft und wiedergibt, wie dieses. Das geht bis hin zu den Gedankengängen im Gefängnis und kurz vor der Hinrichtung. Niemand wird vor allem die Gedanken je exakt kennen, aber das Einfühlungsvermögen der Autorin ist so stark, daß man sich kaum vorstellen kann, es könnten andere gewesen sein.

    Ein Buch, das an heute weitgehend vergessene Martyrer erinnert, die 1943 für ihre Überzeugung in den Tod gingen. Ein Buch, das ein Aufschrei sein kann gegen Tendenzen unserer Zeit, die jenes Grauen, das Deutschland zwölf Jahre im Griff hatte, wieder erwecken möchten. Ein Buch, das wirklich jeder lesen sollte, vor allem diejenigen, die heute hinter den geistigen Nachfahren der Nazis herlaufen. Vielleicht vermag dieser Aufschrei gegen das Vergessen auch dem Letzten die Augen zu öffnen.


    Mein Fazit

    Einfühlsam und eindringlich erzählt die Autorin die letzten Monate der vier Lübecker Geistlichen bis hin zu deren Ermordung durch die Nationalsozialisten. Sie hatten offen Stellung bezogen gegen die Gräuel ihrer Zeit, sich eingesetzt für Juden und Zwangsarbeiter. Gerade in unserer Zeit ist es eminent wichtig, sich an sie zu erinnern - gegen das Vergessen und damit solches nie wieder geschieht. Ein Buch, das wirklich jeder lesen sollte.


    PS:

    Das von mir erwähnte erste Buch, das ich eigentlich nie gelesen hätte, war Der Engel mit der Posaune von Lothar Ernst über die (fiktive) Geschichte der Klavierbauerfamilie Alt in Wien. Vor allem auf Seite 78, wo sich der Satz "Und jetzt sollen Juden plötzlich 'Judenschweine' sein?" findet, mußte ich unwillkürlich an das Schicksal der Henriette Alt im von den Nazis besetzten Wien des Jahres 1938 denken.

     

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