Anna Gmeyner

 4.5 Sterne bei 23 Bewertungen
Autorin von Manja, Manja und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Anna Gmeyner

Anna Gmeyner wurde am 16. März 1902 in Wien geboren und verstarb im Alter von 89 Jahren in York (GB). Zeit ihres Lebens veröffentlichte sie zahlreiche Bücher, unter anderem unter den Namen Anna Reiner und Anna Morduch.

Alle Bücher von Anna Gmeyner

Anna GmeynerManja
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Manja
Manja
 (20)
Erschienen am 16.05.2016
Anna GmeynerCafe Du Dome
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Cafe Du Dome
Cafe Du Dome
 (0)
Erschienen am 01.06.2006
Anna GmeynerManja
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Manja
Manja
 (3)
Erschienen am 01.03.2007
Anna GmeynerMANJA
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MANJA
MANJA
 (0)
Erschienen am 22.03.2003

Neue Rezensionen zu Anna Gmeyner

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DerBuecherfuchss avatar

Rezension zu "Manja" von Anna Gmeyner

tolle Story - Schreibstil nicht mein Fall
DerBuecherfuchsvor 2 Jahren

Die Geschichte handelt von 5 Kindern in den 20er Jahren. In dem Buch „Manja – ein Roman um fünf Kinder“ ist Freundschaft ein sehr großes Thema. Die Kinder Manja, Heini, Franz, Karl und Harry treffen sich immer an einer Mauer und sobald sie zusammen sind, gelten andere Gesetze. Gleichheit und Gerechtigkeit spielt in der Gruppe eine große Rolle, was sie zu richtigen Freunden macht. Natürlich gibt es jede Menge Probleme, da z.B. Harry von seinem Vater gezwungen wird bei der Hitlerjugend teilzunehmen. Das geht aber gegen Harrys Prinzipien, da er weiß, dass seine Freundin Manja eine Jüdin ist. Leider steht die Freundschaft unter keinem guten Stern, denn die Zeit für verschiedene Religionen ist schwer. Die Solidarität zu der Gleichheit überwiegt und macht den Kindern das Leben schwer, besonders für jüdische Mädchen Manja.

 

Die Geschichte an sich ist wirklich toll und spannend, weil sie das Leben in der Nachkriegszeit sehr lebendig erzählt.
Der Schreibstil ist aber leider gar nicht mein Fall, weil es einfach nicht flüssig ist. Man stockt ständig, weil die Autorin viele kurze Sätze verwendet.

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renies avatar

Rezension zu "Manja" von Anna Gmeyner

Eindrucksvoll, poetisch, berührend, aktuell
renievor 2 Jahren

Ein Roman über fünf Kinder und ihre ganz besondere Freundschaft. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der sich Deutschland für den Nationalsozialismus und gegen Vernunft und Menschlichkeit entschieden hat. Dadurch weist dieser eindrucksvolle Roman erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft auf.

Worum geht es in diesem Roman?
Poetisch und berührend erzählt Anna Gmeyner die Geschichte von fünf Kindern, die in derselben Nacht im Frühjahr 1920 gezeugt werden, aber in ganz unterschiedlichen Milieus aufwachsen. Eigentlich trennen sie Welten, und dennoch sind sie zu Freunden geworden, verbunden durch eine innige Zuneigung zu Manja – dem Mädchen aus armen ostjüdischen Verhältnissen. Für ihre Freundschaft nehmen die fünf Konflikte in Kauf, mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben sie Gefangene ihrer Zeit, an der Manja tragisch zerbricht und mit ihr die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft. (Quelle: Aufbau Verlag)

Die fünf Kinder, deren Geschichte hier erzählt wird, kommen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Doch für Kinder spielt so etwas keine Rolle - zumindest, wenn die Kinder klein sind. Da interessiert nicht, was der Vater von Beruf ist oder welcher Religion man angehört. Mit den fünf Familien präsentiert die Autorin Anna Gmeyner einen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft in der Zeit vor dem Dritten Reich.

"Trommeln, gellende Rufe, Sprechchor, Blasinstrumente, Fahnen und Stiefel, Stiefel über das ganze Land. Bricht ein Krieg aus, oder feiert man einen seltsamen Karneval? Männer und Frauen werfen sich aus der abgelaufenen Spur ihres Lebens in den Tumult dieser Nacht. Arme sollen reich werden, Müde kräftig, vertrocknete Weiber begehrt. Blinde werden sehen und Lahme gehen. Alles wird anders, nichts ist vorüber. Jahrmarkt und Erlösung. Sie jubeln und winken. 'Heil Hitler! Juda verrecke! Deutschland ist erwacht!'" (S. 255)

Die Familien
Familie Müller - linksorientiert, aus dem Arbeitermilieu. Der Vater setzt sich für die Rechte der Arbeiter ein und wird aufgrund seiner "falschen" politischen Gesinnung im Nazi-Deutschland verfolgt.
Familie Meissner - spießig und kleinbürgerlich. Der Vater ist ein Neider und Opportunist. Er missgönnt seinen besser gestellten Zeitgenossen ihren Wohlstand, biedert sich aber gern an und buhlt um deren Anerkennung. Für ihn kommt der Nationalsozialismus gerade recht. Verlierer werden zu Gewinnern. Und er ist somit bei der Machtverteilung der Nazis ganz vorne dabei. Endlich kann er Rache nehmen für die vermeintliche Ungerechtigkeit, die er in seinem bisherigen Leben erdulden musste.
Familie Hartung - wohlhabend, mächtig und angesehen, jüdisch. Kommerzienrat Hartung hatte bisher ein Händchen, wenn es um Geldangelegenheiten ging. Kaum ein Geschäft, bei dem er nicht mitgemischt und verdient hat. Die Familie ist jüdischer Abstammung. Aber Jude scheint nicht gleich Jude zu sein. Herr Hartung unterstützt die arische Bewegung und ihre Rassengesetze. Denn er sieht sich nicht als Jude - dafür ist er zu einflussreich und wohlhabend. Die Juden, das sind die Anderen. Ein fataler Irrtum, wie sich für ihn herausstellen wird.
Familie Heidemann - intellektuell und humanistisch. Ernst Heidemann ist Arzt und Menschenfreund. Herkunft, politische und religiöse Gesinnung eines Menschen sind ihm egal. Gewalt ist ihm zuwider. Er setzt sich bedingungslos für jene ein, die Hilfe brauchen. Dabei ist er kein mutiger Mensch. Aber sein Gerechtigkeitsempfinden lässt es nicht zu, sich von der politischen Rechtsbewegung in Deutschland vereinnahmen zu lassen. Dadurch bringt er sich und seine Familie in Gefahr. Denn die Nazis lassen keine anders Denkenden zu.
Manjas Familie - ostjüdisch, arm, die Mutter alleinerziehend. Manja muss die Erwachsenenrolle in ihrer Familie übernehmen. Sie kümmert sich um ihre jüngeren Brüder .... und um ihre Mutter. Denn Lea Meirowitz ist psychisch labil und trinkt. Als jüdische alleinerziehende Mutter ist sie der Willkür der von Männern dominierten Gesellschaft ausgeliefert. Sie droht, an der Verantwortung für ihre Familie zu zerbrechen.

"Wenn man ihn gefragt hätte, warum er sich der Gefahr der Entdeckung und der Grausamkeit von Strafen aussetze, um zweimal in der Woche an der Mauer, wie seine neuen Freunde sich ausgedrückt hätten, den Sohn eines Schiebers und eines Kulturbolschewisten, eine schmierige kleine Ostjüdin und seinen roten Schulkameraden zu treffen, hätte er darauf keine Antwort gewusst. Eine ihm sonst unbekannte Treue zwang ihn, daran festzuhalten. In der Kameradschaft der Hitlerjungen, die seine sonstige freie Zeit füllte und seinen Sprachschatz mit neuen Worten, blieb der Raum, den diese Abende einnahmen, unbesetzt, und die Zärtlichkeit, die er für Manja wie für keinen anderen Menschen fühlte, war wie eine kleine Insel, über die, ohne sie zu zerstören, die neuen Worte hinspritzten." (S. 362)

Wenn ich auf das Cover des Buches blicke und dieses kleine Mädchen mit ihrem unbeschwerten Lachen betrachte, sehe ich tatsächlich Manja vor mir. Ihre Unbeschwertheit ist ihre Stärke. Trotz aller Sorgen zuhause und der Verantwortung, die sie von der Mutter aufgebürdet bekommt, schafft sie es, sich ihre Kindlichkeit zu bewahren. Sie ist ein Sonnenschein, voller Fantasie und Träumen. Ihre Begeisterung für das Leben hat etwas Ansteckendes. Mit ihrem Elan reißt sie ihre Freund mit, die sie nahezu anbeten. Es macht Spaß, die fünf Freunde in ihrer Kindlichkeit und Unbeschwertheit zu erleben. Man möchte ihnen ewig beim Spielen in ihrer kleinen idyllischen Welt zusehen und wünscht sich so sehr, dass hier Freundschaften entstanden sind, die ein Leben lang andauern werden. Man ahnt jedoch, dass dieses Glück nicht von Dauer ist.

Die Kinder haben ein gemeinsames Versteck - "die Mauer". Hier haben sie sich eine eigene sichere Welt geschaffen, in der Erwachsene keinen Zugang haben und das, was in der Gesellschaft passiert, keine Rolle spielt. Ihre Freundschaft liefert ihnen die Kraft, mit dem Alltag zurechtzukommen. Denn jedes der Kinder hat seine Sorgen, ob es nun die Angst vor dem überstrengen und brutalen Vater ist, ... oder die Suche nach Anerkennung bei dem Vater, der sich lieber einen anderen Sohn gewünscht hätte, ... oder die Angst um den verschleppten Vater ... oder einfach das Problem, jüdisch zu sein.

Die Geschichte um Manja und ihre Freunde hat mich sehr betroffen gemacht. Anfangs genießt man die Unbeschwertheit der Kinder. Mit der Zeit wird diese jedoch durch die braune Stimmung in der Gesellschaft überschattet. Man spürt, dass sich Schreckliches anbahnt und die Kinder nur noch als Verlierer aus ihrem Alltagskampf hervorgehen können. Die Entwicklung der damaligen Gesellschaft weist erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit auf. Damals wie heute braucht es nur ein paar, die das "braune" Gedankengut verbreiten, und damals wie heute gibt es leider zuviele Dumme, die sich von diesem Gedankengut vereinnahmen lassen.

"'Wir schwören, dass wir uns nie verlassen', sagte Manja. 'Wir sind nicht allein, wir sind fünf. Wir schwören, dass wir nicht auseinandergehen, auch wenn wir groß sind, auch wenn etwas geschieht, auch wenn alles anders wird, auch wenn es die Großen haben wollen.' Sie zögerte einen Augenblick, suchte nach Worten. 'Wir schwören, dass wir uns helfen werden, mehr als allen anderen Menschen, dass nichts, nichts und nichts uns auseinanderbringt, wir schwören ...', schloss sie leise mit der sinnlosen, ewigen Formel aller Eide, 'dass alles immer so bleiben wird wie jetzt.'" (S. 248)

Die Sprache von Anna Gmeyner ist sehr kontrastreich. Sie wirkt fantasievoll und bildhaft. Und doch gibt es ganze Textpassagen, in der Anna Gmeyner dazu übergeht, mit Teilsätzen und Aufzählungen zu arbeiten, die den Lesefluss zum Stocken bringen. Dies wirkt oft verstörend und macht sprach- und atemlos, wird jedoch den traurigen und bedrückenden Passagen in diesem Roman mehr als gerecht.

Fazit:
Anhand der Geschichte von 5 Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft präsentiert Anna Gmeyner einen eindrucksvollen Querschnitt durch die Gesellschaft in der Zeit vor dem Dritten Reich. Die hier erzählte Geschichte hat leider nichts an Aktualität eingebüßt. Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so tief berührt wie dieses. Klare Leseempfehlung!

© Renie

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pardens avatar

Rezension zu "Manja" von Anna Gmeyner

Eindringlich und poetisch - ein Buch, das unter die Haut geht...
pardenvor 3 Jahren

EINDRINGLICH UND POETISCH - EIN BUCH, DAS UNTER DIE HAUT GEHT....

Eines der wichtigsten Werke der Exilliteratur erzählt so berührend wie poetisch die Geschichte von fünf Kindern, die 1920 in derselben Nacht gezeugt werden, aber in unterschiedlichen sozialen Verhältnissen aufwachsen. Die fünf verbindet eine innige Freundschaft, die aufgrund der politischen Ansichten ihrer Eltern in Feindschaft umzuschlagen droht. Heini, Franz, Harry, Karl und Manja sind in derselben Stadt geboren und leben doch in unterschiedlichen Welten. Die Väter der Jungen sind ein klassenbewusster Arbeiter, ein kleinbürgerlicher Faschist, ein liberal-intellektueller Arzt und ein großbürgerlich-jüdischer Kommerzienrat. Manja, deren Mutter aus armen ostjüdischen Verhältnissen stammt, steht im Zentrum der Freundschaft: Die Zuneigung zu ihr bestärkt die vier, Konflikte in Kauf zu nehmen - mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben die fünf Gefangene ihrer Zeit, an der Manja tragisch zerbricht und mit ihr die Hoffnung der Jungen auf eine menschenwürdige Zukunft.


Dieses Buch gehört zu denjenigen, bei denen mir das Verfassen einer Rezension nicht leicht fällt. Zu groß der Eindruck, den das Geschriebene hinterlassen hat, zu gewaltig das Werk, als dass eine Rezension dem wirklich gerecht werden könnte. Und doch will ich versuchen zu vermitteln, weshalb dies ein Buch ist, das unbedingt entdeckt werden will, sollte, muss.


Von Anfang an schafft Anna Gmeyner hier das Verbindende zwischen den Familien, um deren Kinder es hier geht - die Nacht der Zeugung ist es, mit der dieser Roman beginnt. Und schon hier wird deutlich, wes Geistes Kind die verschiedenen Eltern sind und ob die Kinder zukünftig in einem liebevollen oder aber in einem strengen und angstbesetzten Zuhause aufwachsen werden. Von einem Liebesakt bis hin zur Vergewaltigung reicht das Spektrum der Zeugung - und hier ahnt noch niemand, wie eng das Leben der dabei entstandenen Kinder einmal miteinander verknüpft sein wird.

1920 ist das Jahr, in dem die Kinder gezeugt werden - und so wachsen sie aus der Weimarer Republik nach Kriegsende langsam in den Nationalsozialismus hinein, wobei der Leser die Möglichkeit erhält, sie vierzehn Jahre lang auf diesem Weg zu begleiten.



"Nach dem Krieg, verstehst du, als wir wiederkamen, da habe ich geglaubt, was man da erlebt hat, was keiner überlebt hat, das wird nie wiederkommen, das war das letzte Mal (...) eine Zeit sah es aus, als ob das Land anders geworden wäre, weiter, menschlicher. Stimmt nicht. (...) Und jetzt, langsam, von allem Seiten schleicht sich´s wieder ein..."



Vier Jungen und ein Mädchen - und eine große, tiefe Freundschaft, trotz aller Unterschiede, das ist es, was die fünf Kinder auszeichnet. Anna Gmeyner gelingt es hier gekonnt, gleichzeitig das Trennende und das Verbindende der Einzelschicksale zu präsentieren und dabei einen Einblick in einen Querschnitt der gesellschaftlichen Schichten zu gewähren.

Heini Heidemann ist der Sohn einer bildungsbürgerlichen, humanistisch gesinnten Arztfamilie und wächst liebevoll und ohne Vorurteile auf. Karli Müller ist das Kind einer Arbeiterfamilie, der Vater aktiver Kommunist und frühzeitig inhaftiert, die Mutter hält die Familie mit viel Energie und Arbeitsamkeit zusammen. Harry ist der Sohn des jüdischen Großindustriellen Hartung und wächst in wohlhabenden Verhältnissen auf, jedoch einsam und ohne die Liebe seiner Eltern. Franz Meißner wächst in einer kleinbürgerlichen Familie auf, in der alle unter dem patriarchalischen und gewaltbereiten Vater leiden, der frühzeitig auf den Zug des Nationalsozialismus aufspringt und so einen sozialen Aufstieg erfährt, der sonst nicht möglich gewesen wäre. Manja schließlich ist das Kind einer ostjüdischen Mutter, alleinerziehend, mittellos und lebensuntüchtig, jedes Kind von einem anderen Vater. Früh muss Manja Verantwortung übernehmen für den Haushalt und ihre Geschwister, und doch ist sie es, die in aller Leben einen Sonnenstrahl zaubert.



"Wenn man nicht ein bisschen Distanz zu den Dingen hätte, könnte man es manchmal wirklich nicht aushalten. Ich sitze jeden freien Augenblick bei den Büchern. Telefon und Radio abgestellt. Das ist meine Insel."


Was hier an den geschilderten Familien klischeemäßig und konstruiert wirken könnte - verstärkt noch durch die scharfzüngige und bösartige Hausverwalterin, den verarmten Adligen, den schmierigen und dummdreisten Hitlerjungen - löst Anna Gmeyner geschickt auf, indem sie allen Personen ein wahres Gesicht gibt, eine Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, individuelle Nuancen, die sie dem Leser greifbar machen.

Zunehmend verweben sich die Schicksale der Kinder und mit ihnen auch die ihrer Familien. Zunächst unbeeindruckt von dem Geschehen um sie herum, leben die Fünf ihre Freundschaft, schaffen sich ihre Insel, Manja mit ihrem hellen Gemüt und immer das Gute annehmend als Lichtgestalt unter ihnen. Sie lehrt die Jungen mit ihren Augen zu sehen und pflanzt eine tiefe Sehnsucht in ihnen. Doch die gesellschaftlichen Veränderungen hinterlassen allmählich ihre Spuren, graben Gräben, die immer schwieriger zu überwinden sind, die Lawine reißt alle mit und trotz aller Widerstände lässt sich die sich anbahnende Katastrophe nicht aufhalten...


"Einen Augenblick lang hatte die Kassiopeia deutlich mit ihren fünf strahlenden Endsternen über dem Kirchturm gestanden. Nun verschwand sie sehr schnell unter schwarzen, treibenden Wolken."


Anna Gmeyner schafft hier sehr eindringliche Bilder, die sie auf eine unglaublich poetische Art und mit einer beeindruckenden Genauigkeit schildert. Oftmals saß ich da mit einem Kopfschütteln, weil das Gelesene derart zart und und gleichzeitig kraftvoll wirkte, so wunderschön konstruiert, dass es mich berührte allein schon durch die Art des Schreibens. Viele Sätze habe ich mehrfach gelesen, einfach um sie wiederholt auf mich wirken zu lassen. Auch die Symbolträchtigkeit der Sprache hat mich beeindrucken und bezaubern können.


„Ich weiß, was du meinst Manja“, rief er lebhaft. „Bei uns in der Schule, vor langer Zeit, war einmal ein Käfer im auf dem Rücken. Ich habe ihn umgedreht, damit er kriechen kann, und da waren Jungs, die haben ihn immer wieder auf den Rücken gelegt, damit er zappelt. Das waren die anderen."  ---  „Es gibt viele andere“, sagt sie still.  ---  „Ja, nicht? Auf einmal schrecklich viele“, gab er zu.  ---  „Aber Manja, wenn wir feig sind und alle Menschen wie wir, dann müssen alle Käfer auf der Welt auf dem Rücken liegen.“  ---  Manja schweigt und drückt seine Hand. „Einen Käfer hast du umgedreht“, sagt sie, „er krabbelt wieder.“


1984 erschien das Buch erstmals in Deutschland. 1938 jedoch wurde es bereits vom Querido-Verlag in Amsterdam veröffentlicht. Anna Gmeyner schrieb diesen Roman, der es schafft, das schleichende Grauen und das allmähliche und unaufhaltsame Erstarken des Nationalsozialismus so (be-)greifbar werden zu lassen wie kaum etwas anderes, das ich bislang gelesen habe, im Exil in Paris. Der Zeitpunkt des Entstehens dieses Zeitzeugnisses zeigt, dass es sie gab, diejenigen, die das Unheil vorausgeahnt haben, das erst in den Jahren darauf zur vollen Größe wuchs.


"Jeder Augenblick wächst wie eine Pflanze aus dem dunklen Boden des Gewesenen, das ihn unsichtbar und ungreifbar gestaltet und bestimmt, wächst mit verborgenen und verzweigten Wurzeln in der Erde des Vergangenen. Jedes Wort, jede Tat, jeder Schmerz geht einen langen Weg durch dunkle Schächte, bis er deutlich geformt und sichtbar vor uns steht. Was die Kinder nur erlitten und nicht verstanden, führte weiter zurück als ihr Erinnern, reichte in die Zeit, bevor sie waren und ehe ihr Leben begann. Und auch das war nicht der Anfang."


Eindringlich und poetisch - ein Buch, das unter die Haut geht. Eine Erzählung, die berührt, durch den Schreibstil sowie durch das eigentiche Geschehen. Nichts, das man einfach so runterliest, sondern etwas, das man miterlebt, mitträgt. Zuweilen unerträglich, so dass man versucht ist zu rufen: 'Bitte nicht!' - und doch in dem Wissen, dass diese geschilderten Schicksale und die Geschichte einer Freundschaft, die von gesellschaftlichen Zwängen zerfleischt zu werden droht, nur für unzählige wahre Schicksale stehen.

Überaus beeindruckend und für mich eine wahre Entdeckung, die ich noch vielen weiteren Lesern wünsche...


© Parden

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Gespräche aus der Community

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aufbauverlags avatar
Wir möchten heute zu einer ganz besonderen Leserunde einladen und Euch mit Anna Gmeyners Roman »Manja« eines der wichtigsten Werke der Exilliteratur ans Herz legen. Berührend wie poetisch wird die Geschichte von fünf Kindern erzählt, die 1920 in derselben Nacht gezeugt werden, aber in unterschiedlichen sozialen Verhältnissen aufwachsen. Die Fünf verbindet eine innige Freundschaft, die aufgrund der politischen Ansichten der Eltern in Feindschaft umzuschlagen droht.

Heini, Franz, Harry, Karl und Manja sind in derselben Stadt geboren und leben doch in unterschiedlichen Welten. Die Väter der Jungen sind ein klassenbewusster Arbeiter, ein kleinbürgerlicher Faschist, ein liberal-intellektueller Arzt und ein großbürgerlich-jüdischer Kommerzienrat. Manja, deren Mutter aus armen ostjüdischen Verhältnissen stammt, steht im Mittelpunkt der Freundschaft: Die Zuneigung zu ihr bestärkt die vier, Konflikte in Kauf zu nehmen - mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben sie Gefangene ihrer Zeit. 



»Einer der eindrucksvollsten Romane der Dreißigerjahre.« Klaus Harpprecht

»Dieses Buch berührt mein Herz.« Iris Berben

Hier findet Ihr eine Leseprobe.

Zur Autorin: Anna Gmeyner, 1902 in Wien geboren, zählte zur literarischen Avantgarde der 1920er Jahre und arbeitete ab 1932 in Paris, wo sie Drehbücher u.a. für G. W. Papst schrieb. Nach ihrer Heirat emigrierte sie nach England. Dort entstand der Roman »Manja«, der 1938 bei Querido in Amsterdam erschien. Sie starb 1991 in York.

Wer mit uns gemeinsam dieses bedeutende Werk der Exilliteratur entdecken und besprechen möchte, kann sich bis einschließlich 21.10. bewerben. Wir stellen 15 Freiexemplare zur Verfügung. Solltet Ihr zu den Mitlesenden zählen, setzen wir eine Teilnahme am Austausch in den Leseabschnitten und eine abschließende Rezension voraus.

Wir freuen uns auf Euch!

Brit vom Aufbau Verlag
Marapayas avatar
Letzter Beitrag von  Marapayavor 4 Jahren
Der vorweihnachtliche Stress hat mich in seinen Klauen und ich fand bisher nicht die nötige Ruhe für eine Rezension über dieses tolle Buch. Nun hab ich es endlich geschafft, wenn ich auch nicht ganz zufrieden mit ihr bin. http://www.lovelybooks.de/autor/Anna-Gmeyner/Manja-256605251-w/rezension/1125375437/ Vielen Dank an den Aufbau Verlag und die Losfee sowie an meine Mitleser in dieser sehr anregenden Leserunde. Ich für meinen Teil habe das Gefühl, zu meinem historischen Faktenwissen um die zwanziger und dreißger Jahre des 20. Jh. nun auch endlich ein Bild vor Augen gewonnen und ein Gespür für die mitmenschlichen Entwicklungen damals bekommen zu haben.
Zur Leserunde

Zusätzliche Informationen

Anna Gmeyner wurde am 16. März 1902 in Wien (Österreich) geboren.

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