Anna Katharina Hahn Kürzere Tage

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Inhaltsangabe zu „Kürzere Tage“ von Anna Katharina Hahn

»Kürzere Tage von Anna Katharina Hahn sollte man nicht ohne Superlative vorstellen. Es ist einer der besten deutschsprachigen Romane – unserer Zeit sowieso, aber auch überhaupt.« Franz Schuh, WDRWas geschieht, wenn man das Leben, das man immer haben wollte, endlich führt? Wenn die Kompromisse in Zwang umschlagen und das Glück sich nicht einstellt?In ihrem Bestseller erzählt Anna Katharina Hahn von Frauen, deren Lebensraum zum Käfig geworden ist, und von einem Jungen, der ausbricht. suhrkamp.pocket: Große Bestseller im kleinen Geschenkbuchformat
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  • Ein Roman, der nachdenklich macht und wahrscheinlich lange nachwirkt

    Kürzere Tage
    PMelittaM

    PMelittaM

    Judith und Leonie wohnen mit ihren Familien in gegenüberliegenden Häuser. Beider Leben unterscheiden sich grundlegend – während Judith Nur-Hausfrau ist, ihre Kinder einen Waldorf-Kindergarten besuchen und ihr Mann sich Zeit für die Familie nimmt, geht Leonie arbeiten, ihre Kinder besuchen den Kindergarten, in dem sie einen Platz bekommen haben, egal, wie das pädagogische Konzept aussieht, und ihr Mann schiebt eine Überstunde nach der anderen. Unter Judith lebt das Ehepaar Posselt, beide über 80 und immer noch glücklich miteinander. Im selben Viertel, aber unter ganz anderen Umständen, lebt Marco, knappe 13 Jahre alt, bei seiner alleinerziehenden Mutter und ihrem gewalttätigen Freund. Der Roman schaut hinter die Fassaden und lässt uns das Leben der Protagonisten hautnah miterleben. Das geht mitunter unter die Haut, macht nachdenklich und bleibt auch nach dem Lesen noch lange haften. Jeder hat hier sein Päckchen zu tragen und hinter der Fassade sieht es oft ganz anders aus. Die Perspektiven der Erzählung wechseln, man erfährt viel über das bisherige Leben der Protagonisten und darüber, wie sie sich selbst sehen, und, da sie sich alle untereinander kennen, auch, wie jeder die Anderen wahrnimmt. Das ist sehr interessant und als Leser hinterfragt man womöglich eigene Gedankengänge. Mich hat der Roman mit jeder Seite mehr gepackt, ich bin regelrecht darin versunken und habe eine zunehmende Spannung empfunden. Dass der Roman dann sehr offen endet, empfand ich nur kurz als ärgerlich, immerhin gibt es mir so weitere Möglichkeiten nachzudenken. Mir hat es übrigens auch sehr gefallen, dass der Roman in Stuttgart spielt und man das sprachlich auch merken kann. Für jemand, der keine Beziehung zu diesem Ort oder der Gegend hat, könnte das aber etwas störend wirken. Anna Katharina Hahns Erzählstil, vor allem der Präsens, macht die Erzählung noch eindringlicher, ich habe teilweise fast atemlos gelesen. Das Coverbild, die Sprünge im Stuck, ist meiner Meinung nach sehr passend gewählt, das wird einem aber erst nach der Lektüre bewusst. Insgesamt ein Buch, das bei mir noch lange nachwirken wird und das ich gerne empfehlen. Wer einfach nur eine kurzweilige, unterhaltsame Lektüre sucht, ist hier aber wohl fehl am Platz.

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    vanessabln

    vanessabln

    10. June 2015 um 18:22
  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    claudiaausgrone

    claudiaausgrone

    11. May 2011 um 22:37

    Es ist schon schwer dieses Buch zu lesen, noch schwerer die Rezension zu schreiben. Schwer zu lesen, nicht der Sprache wegen. Die ist klar und ausdrucksstark. Auch der Inhalt ist gut verständlich, die Figuren detailliert herausgearbeitet, realistisch dargestellt. Es ist ein bedrückender Roman. Und dieses Bedrückende hat es für mich so schwer gemacht. Aber erst einmal zum Klappentext: "Was geschieht, wenn man das Leben, das man immer wollte, endlich führt? Wenn die Kompromisse in Zwang umschlagen und das Glück sich nicht einstellt? In ihrem Erfolgsroman erzählt Anna Katharina Hahn von Frauen, deren Lebensraum zum Käfig geworden ist - und von einem Jungen der ausbricht." Verschiedene Frauen werden vorgestellt und ihre Lebensentwicklung. Ja, das Glück hat sich nicht eingestellt, die eine tritt die Flucht nach hinten an, die andere nach vorne. Vergeblich. Was immer auch geschieht, jeder kleine Hoffnungsfunke wird erstickt. Auch der Ausbruch des Jungen beginnt brutal, und gibt keinen Anlass zur Hoffnung. Ein offenes Ende, das den Eindruck hinterlässt, von nun an wird nichts mehr sein wie es war, aber auch das sehr bedrückend... Das ist nicht das, was ich möchte wenn ich ein Buch lese, so tief runter gezogen werden. Statt eine Rezi zu schreiben, würde ich lieber eine Diskussion mit der Autorin oder einer Lesergruppe haben. Fragen, welche Zielgruppe soll hier eigentlich angesprochen werden? u.a.m.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    UteSeiberth

    UteSeiberth

    15. June 2010 um 19:00

    In diesem Roman, der im wohlsituierten Stuttgart spielt,werden mehrer Lebensentwürfe vorgestellt, die in unmittelbarer Nachbarschaft leben.Da ist einmal eine Mutter zweier Kinder, die ganz in Waldorfpädagogik aufgeht und dann die andere Mutter,die lieber Karriere machen möchte, ebenfalls mit 2 Kindern.Dieser scheinbar heilen Welt steht ein altes kinderloses Nachbarsehepaar gegenüber und eine alleinerziehende Mutter,die sich mehr um ihre wechselnden Liebhaber als um ihren Sohn kümmert.Dieser kleine Kosmos an Lebensgeschichten spiegelt viele Facetten unserer Wirklichkeit.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Juana

    Juana

    20. April 2010 um 15:07

    Judith hat ihre Magisterarbeit nicht beendet und ist vor ihren Versagensängsten in die Arme des gut verdienenden „Langweilers“ Klaus und in die Waldorfpädagogik geflüchtet. Wenn ihre Söhne im Bett sind, schluckt sie heimlich Psychopharmaka und träumt von ihrem Ex-Lover Sören, der sie mies behandelte. Ihre Nachbarin Leonie erscheint im Business-Outfit mit ihren Mädchen auf dem Kinderbauernhof, immer in Hetze. Leonie wünscht sich mehr Zeit und Ruhe und beneidet Judith nicht nur um einen Mann, der um 17 Uhr nach Hause kommt. Anna Katharina Hahn beleuchtet das Leben in dem gutbürgerlichen Viertel Stuttgarts aus wechselnder Perspektive, auch die alte, glücklich verheiratete Frau Posselt und der 13-jährige Marco aus dem verrufenen Viertel nebenan kommen zu Wort. Ein eindrucksvoller und spannender Gesellschaftsroman mit Lokalkolorit: Sehr genau beobachtetes Milieu, einfühlsam und variantenreich erzählt.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    oblomov

    oblomov

    17. March 2010 um 18:27

    Bestimmt fehlt mir der Lokalpatriotismus, um „Kürzere Tage“ die Beschreibung Stuttgarts zu entlocken, die als virtuos angepriesen wird. „Stadt ohne Gesicht“ tauft ein Nebendarsteller jene Stadt. Das bleibt Stuttgart nicht, aber es bleibt eine Fassade. Und damit schreibt Frau Hahn ein in sich geschlossenes Buch. Eine seichte Geschichte über die Kluft zwischen Schein und Sein, Arm und Reich, Wollen und Können. Mit einer Sprache die sich in die oberflächlich heile Welt mühelos einfügt. So sehr, dass es manchmal bemüht wirkt, wenn sie mit Gliedsätzen ebendieser Sprache einen derben Unterton verleihen will. „[…] Er küsst sie schnell und ohne Zunge, […]. Der Tempowechsel, der mit der zu Tage tretenden Gegensätzlichkeit vollzogen werden soll, wird durch den gewählten Duktus nicht den getragen. Die ausführliche Bildhaftigkeit ihrer Sprache hilft eingangs sehr gut die Stimmung aufzubauen, aber untergräbt die Hilflosigkeit mit der sie ihre Charaktere ins Unglück stürzt. Mir gefällt das sorgfältige Einhüllen mit dem sie beschreibt, vielleicht stört mich deswegen die Art der Katastrophe. So vorhersehbar, so geplant, aber zugleich so anteilnahmslos.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Xirxe

    Xirxe

    03. March 2010 um 18:44

    Selten habe ich den Umschlag eines Buches als so passend empfunden wie bei diesem. Bürgerliche Fassade, doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich kräftige Risse. Stuttgart, eine gut-bürgerliche Wohngegend. Hier wohnen die Gutverdiener, Familien bei denen die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Judith, verheiratet mit Klaus, Universitätsprof, zwei Söhne, Nur-Hausfrau. Ihre Ängste versucht sie mit Tabletten sowie mithilfe der Anthroposophie in Griff zu bekommen - jedoch nur äußerlich erfolgreich. Leonie, berufstätig, verheiratet mit einem erfolgreichen Mann der mehr für seinen Beruf lebt und zwei kleinen Töchtern ist zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Job und dem Wunsch, mehr für ihre Familie dazusein. Insgeheim beneidet sie Judith um deren scheinbares Idyll. Daneben gibt es Marco, einen 13jährigen Jungen der typisch für die Unterschicht zu sein scheint. Große Klappe, Fehlzeiten in der Schule - doch in Wirklichkeit... Und es gibt Luise, seit über 60 Jahren mit demselben Mann verheiratet. Und noch immer voller Liebe füreinander. Die Autorin lässt abwechselnd immer eine andere ihrer Hauptpersonen zu Wort kommen. Durch den Wechsel der Zeiten mischt sie geschickt Gegenwart und Vergangenheit, so dass momentane Gedanken und Überlegungen direkt durch entsprechende Rückblicke begründet werden. Die beschriebenen Personen kommen einem auf diese Weise unerhört nahe. Für Stuttgart-KennerInnen ist das Buch noch zusätzlich ein Genuss: Es gibt eine Vielzahl von Wiedererkennungseffekten. Nicht-KennerInnen haben hingegen vielleicht gelegentlich ein Verständnisproblem. Beispielsweise wenn von einem Elefanten in der Wilhelma die Rede ist, ist der Stuttgarter Zoo gemeint. Aber das sollte der Lektüre keinen Abbruch tun, das Buch ist auf jeden Fall lesenswert.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Aleena

    Aleena

    20. January 2010 um 09:54

    naja ehr nicht mein Fall,hab mich bis zum Ende ehr gelangweilt.Konnte mich leider nicht so richtig in die Personen hineinversetzen. Teilweise fand ich es ehr traurig.Dachte das Buch wäre eine nette zum Teil lustige Familiengeschichte.ok für mich wie gesagt war das Buch ehr ein Reinfall.Es kam keine Spannung bei diesem Buch auf.Aber jedem das seine,nur leider nichts für mich.

  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Karin Bethmann

    Karin Bethmann

    05. January 2010 um 16:23

    Das Leben des Mittelstands in Stuttgart bekommt feine Risse. Judith hat ihrem Leben als Flittchen „ade“ gesagt und ist mit Kind und Kegel zur Anthroposophie übergelaufen, wohnt in Stuttgart in einem besseren Viertel und versteckt die Beruhigungstabletten im Bad, die Rothändle im Kleiderschrank. Sie, die scheinbar perfekte, gelassene Hausfrau und Mutter wird mit dem stets schlechten Gewissen einer Karrierefrau und Mutter von ihrer Nachbarin Leonie beobachtet, während diese ihre innere Leere in der überdimensionalen, beeindruckend teuren aber jetzt dunklen Wohnung mit einigen Gläsern Weißwein bekämpft. Der zugehörige smarte Karrieremann Simon ist wie üblich noch spät im Büro, während Klaus, sein etwas langweiliger, blonder Counterpart von Gegenüber, seinen Sohn nachmittags zum Blockflötenunterricht begleitet - er ist Professor an der Uni und „erscheint zu den unmöglichsten Tageszeiten zu Hause“. Nur donnerstags kommt er spät zurück, da ist er seit ein paar Monaten immer eine Verwaltungssitzung angesetzt. Und dann ist da noch Marco, der für einen kurzen Moment ein Feuer entfacht, in dem das perfekte Mittelstandsleben zu verbrennen scheint. Aber Judith hat gerlernt, die alten Risse zu überdecken ... Sehr gut und sehr genau beobachtet und hinter der kaum merklich bröckelnden Fassade verstecken sich noch so viele Geschichten!

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    *Arienette*

    *Arienette*

    13. October 2009 um 15:21

    Kurzbeschreibung (amazon) Marco wohnt im Hochhaus an der Hauptstraße. Von hier ist es nicht weit bis zum Olgaeck, und hinter dem Olgaeck liegt die Constantinstraße, wo die Altbauten unter Denkmalschutz stehen und die Äpfel beim türkischen Feinkosthändler teurer sind als im Hauptbahnhof. Hier wohnen die Aufsteiger, Übermütter und ihre wohlerzogenen Kinder. Hier scheint alles in Ordnung - wenn man nicht vom Supermarkt ins Büro und vom Büro in den Kindergarten hetzt, so wie Leonie, wenn man nicht am Doppelleben als Karrierefrau und Mutter verzweifelt. Judith findet Halt in der Anthroposophie. Hingebungsvoll pflegt sie den Jahreszeitentisch für ihre Kleinen. Doch nachts helfen nur Tabletten gegen die Angst. Im Nebenhaus wohnen die alten Posselts. Sie haben geschafft, wovon die Enkelgeneration nur träumt, nämlich ein Leben lang zusammenzubleiben. Da versetzt Marco die Nachbarschaft in Aufruhr. Kürzere Tage ist eine wortmächtige Bestandsaufnahme und eine melancholische Abrechnung mit einer Gesellschaft, in der alle Werte fragwürdig geworden sind. Meine Meinung: Die beiden Hauptprotagonisten - Judith und Leonie - wohnen in Stuttgart. Judith ist mit Klaus verheiratet, hat zwei Kinder und ist Hausfrau. Sie hat sich der Anthroposophie zugewandt, ihre Kinder werden entsprechend erzogen. Ihr Mann kommt abends nach Hause, ist für sie da. Gegen Langeweile helfen Judith Zigaretten und heimliche Tabletteneinnahme. Judith ist zwar mit einem "Langweiler" verheiratet - Sex mit ihm ähnlich wie "Schwimmen am Warmbadetag" - aber Klaus verkörpert Zuverlässigkeit, Sicherheit und Geborgenheit. Trotzdem denkt Judith hin und wieder an ihren Exfreund Sören, den sie zu Zeiten ihres Studiums der Kunstgeschichte hatte. Leonie scheint da mehr zu leiden, da sie doch oft alleine da steht und in Judiths Familie eine Idylle sieht. Leonie ist ebenfalls verheiratet (mit Simon) und hat auch zwei Kinder - aber sie ist berufstätig. Ihr Mann kommt abends so spät nach Hause, dass er keine Zeit hat für ihre Kinder und auch nicht für Leonie. Beide kaufen in dem türkischen Laden um die Ecke ein. Nebenpersonen sind Marco, ein vernachlässigter Junge aus ärmlichen Verhältnissen und das alte Ehepaar Posselt. Marco, der von seinem Stiefvater wegen jeder Kleinigkeit verprügelt wird und von seiner Mutter keine Hilfe erwarten kann, will abhauen. Hahn beschreibt eine Welt zwischen arm und reich, agressiv und harmonisch - sowohl Judith, als auch Leonie denken über ihren Lebensentwurf nach. Die Protagonisten haben untereinander wenig gemeinsam, begegnen sich aber beiläufig und zwischen Judith und Leonie kommt es auch mal zu einer Unterhaltung. Sehr rührend fand ich die Geschichte des alten Ehepaars Posselt, ihre Perspektive und ihr Erinnern an das Kennenlernen ihres Mannes. Wenige kurze Szenen, die man aus der Sicht Judiths kennengelernt hat, wiederholen sich aus Frau Posselts Sicht. Ein durchaus lesenswertes Buch, auch wenn sich Hahn ein wenig der Klischees bedient.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Die Buchprüferin

    Die Buchprüferin

    11. October 2009 um 12:46

    Weder „Die Vorleser“, nach deren Empfehlung ich dieses Buch las, noch der Klappentext verraten es: In welch wahnwitzige Klimax der Roman am Ende mündet. Darum sage ich es Euch lieber gleich: In „Kürzere Tage“ geht’s nicht einfach darum, dass die bürgerliche Fassade Risse bekommt, wie es immer so schön heißt. Es ist auch kein Buch, in dem man die Gefahr von Anfang lauern fühlt. Dafür ist es zu ehrlich, zu realistisch. Es beschwört nichts herauf, mit großen Gesten; die Gefahr ist da, aber sie ist nichts Mystisches. Sie entwickelt sich authentisch aus den Verhältnissen, ohne großes Gedöns. Der Knall, der die Geschichte um Judith (früher machohörige Kunststudentin, heute anthroposophisch erziehende Mutter), Leonie (gespalten in ihrem Doppelsalto als Mutter und Redakteurin einer großen Zeitschrift), Frau Posselt (seit zig Jahren mit ihrem geliebten Wenzel verheiratet), Marco (kleiner Randalierer in großen Nöten, der zu entsprechend großer Form aufläuft) und Hanna (Mutter des offenbar schwer allergiekranken Mattis) beendet, ist dann umso lauter. Jede der Figuren entwickelt sich dabei auf ihre Weise, verbunden mit den anderen und doch in beklemmender Einsamkeit mit sich und ihren Problemen. Jemand stirbt, etwas explodiert, jemand hat von Anfang an gelogen, jemand geht (fast) fremd – überall brechen Welten zusammen, und zwar genau gleichzeitig. Während mir die im Buch ablaufenden Entwicklungen gefallen, weil sie so realistisch, so präzise beobachtet sind und mir so gründlich nahegebracht werden, hat mich der Schluss beinahe ein bischen geärgert. Klar, das banale „Ein Unglück kommt selten allein“ gilt leider in unserem ebenso banalen Alltag immer wieder mal. Trotzdem wird’s mir hier zu viel. Die Glaubwürdigkeit, die die Autorin im ganzen Buch aufbaut, mit der sie Bestürzung und Trauer und das Gefühl von „kenn ich“ in mein Herz transportiert hat, kann für mich den Schluss nicht aufwiegen. Dass dort dann alles zeitgleich in die Katastrophe abschmiert, finde ich der bisherigen Wirklichkeitsnähe unangemessen. Der Realismus hat mich interessiert und gefesselt; die Katastrophe lässt mich stutzen und einen Schritt zurücktreten. Trotzdem: Das ist der Schluss. Den ganzen Rest, vom Stil bis zur Thematik, vom stillen Witz bis zur Schilderung großer Gefühlslagen, finde ich klasse. Und natürlich werde ich Ausschau nach weiteren Texten von Anna Katharina Hahn halten. Ihr Erzählband „Sommerloch“ zum Beispiel steht schon auf meinem Wunschzettel.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    HeikeG

    HeikeG

    06. October 2009 um 15:43

    Ein menschliches Mobile . Wer bin ich eigentlich? Was mache ich aus meinem Leben? Nicht erfülltes Glückssoll, zerbrechliche Harmonie sowie identifizierende Milieuzugehörigkeiten sind die zentralen Themen des vorliegenden Romans. Anna Katharina Hahn lässt in ihrem Roman "Kürzere Tage" Figuren an unsichtbaren Fäden pendelnd umeinander kreisen, jedoch ständig in der Gefahr, dass sie sich ineinander zu verhaken. . Da ist zum einen Judith - um die vierzig -, die ehemalige Kunststudentin, die sich früher durch ihrer permanenten Angst, ihre gesteckten Ziele nicht zu schaffen, mit Psychopharmaka vollpumpte und einem machohaften Medizinstudenten sexuell hörig war, bis sie eines Tages den "Hackstraßenmist" hinter sich lässt und Knall auf Fall bei dem soliden "Langweiler" Klaus einzieht. Mit ihm ist Sex zwar "wie Schwimmen am Warmbadetag", ein "wenig aufregendes Geplätscher", aber zumindest verspricht er ihr, inzwischen Mutter von zwei Söhnen, Sicherheit und Geborgenheit und eine schicke Altbauwohnung in einer Lieblingsadresse des Stuttgarter Bildungsbürgertums, der noblen Constantinstraße. . Der Vorzeigefamilie gegenüber wohnt die fünf Jahre jüngere Leonie - von ihrem Mann zärtlich "Business-Babe" genannt -, mit ihren beiden kleinen Töchtern. Auch sie arbeiteten hart an der Zugehörigkeit zu einer besseren Schicht. Ihr Ehemann Simon, Sohn einer allein erziehenden Mutter aus der "Schwabenbronx" Heslach, hat sich mittlerweile zum Vertriebsleiter einer Firma für Autodichtungen hocharbeitet. Doch was nutzt die schicke, viel zu große Wohnung ("Simon geht strategisch vor. Er will die Stationen seines Erfolges auf dem Stadtplan sichtbar machen"), wenn man sich nur noch spätabends sieht und Leonie, die als studierte Romanistin ebenfalls in einer Bank arbeitet, ständig das Rabenmuttergewissen plagt. . Perfektionismus und ein unterschwelliger Zwang, immer alles richtig machen zu müssen, treibt beide Frauen - jede auf ihre Art - um. Schmerz, Verfall und Tod gehören dabei nicht zum Wortschatz. Entweder man schaltet bei Berichten aus Krankenhäusern und Altenheimen sofort das Fernsehprogramm um (Leonie) oder wartet, bis die alte Frau aus Judiths Haus, vor der sie sich immer ekelt, weil sie nach "Schweiß und schmutziger Unterwäsche" riecht, das Haus verlassen hat. . Auf jeden Fall gibt man sich multikulturell, indem man mit den Kindern auf den linksalternativen Kinderbauernhof geht, wo auch der Nachwuchs aus der verrufenen "Olgaeck"-Siedlung mitspielen darf oder geht beim türkischen Feinkosthändler einkaufen, der allerdings mit seiner Baskenmütze eher "wie ein Franzose aus einem Chanson von Brel" wirkt. Schlimmer sind da schon diese nichtsnutzigen Kids um Hasan und Marco, die an den Ecken herumstehen, die Leute vollpöbeln und den Ärger vorprogrammiert haben. . Das hört sich alles ziemlich klischeehaft an, klingt eher nach Alltagsmelodram, doch Anna Katharina Hahn setzt viel tiefer und gründlicher ein. Ihr ist eine präzise beobachtete Milieustudie gelungen. Professionell breitet sie den "mittelständischen Seelenhaushalt" der Romanfiguren vor dem Leser aus. Hervorhebenswert sind vor allem die großartigen, messerscharfen Charakterzeichnungen. In wechselnden Kapiteln seziert die Autorin ihre Protagonisten, einmal in auktorialer Erzählperspektive, dann wieder in einem inneren Monolog: eine stilistische und sprachliche Finesse, untermalt durch jede Menge Lokalkolorit. Dass sie am kulminierenden Ende alles offen lässt und keine vorgefertigte Lösung anbietet, ist ein großer Pluspunkt des großartigen Romans, der es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009 schaffte. . Fazit: Jeder sucht sein eigenes Glück, manchmal begegnet man sich dabei und versucht die jeweiligen Glücksvorstellungen aufeinander abzustimmen - Scheitern meist inbegriffen, denn Lebensentwürfe offenbaren meistens allzu diffizile Fragilität und die Idylle kommt oft allzu exemplarisch daher. Ein wunderbares Buch mit vielen feinen, sarkastischen Zwischentönen aus Hass und Selbsttäuschung und jeder Menge offengelegter Doppelmoral der neudeutschen Realität.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Leserrezension_2009

    Leserrezension_2009

    11. September 2009 um 12:47

    Eingereicht von Christin Z.: Das pure Leben im Stuttgarter Osten „Kürzere Tage“ ist nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2009 Judith wohnt mit ihrem Mann Klaus und ihrer jungen Familie in einer Mehrfamilienhauswohnung in der Constantinstraße im Stuttgarter Osten. Klaus ist Professor an der Stuttgarter Uni. Er fährt einen silbernen Škoda. Judith hatte Kunstgeschichte studiert, nun aber ist sie Mutter von zwei Söhnen, die die zwei in einen Waldorf-Kindergarten schickt. „Die therapeutische Qualität des Putzens hat sie erst kennengelernt, als sie ihren Haushalt mit Ulis Geburt enttechnisierte[…]“.Damit konnte Judith ihren Panikattacken und dem steten Verlangen nach Beruhigungstabletten den nötigen alltäglichen Einhalt gebieten. In ihrer jüngsten Romanveröffentlichung reiht Anna Katharina Hahn, die bisher mit zwei Kurzgeschichtenbänden aufwartete, Episoden aus dem Alltag vier verschiedener Familien aneinander. Der Leser steigt locker und leicht in die Geschichte um Judith ein, versetzt sich in die fragile Persönlichkeit der ehemaligen Kunstwissenschaftsstudentin, die sich immer wieder im eigenen Lebensrückblick verliert und nachts immer noch nicht ohne Tavor auskommt. Von ihr, von Judith gleitet der kamerahafte Blick in das Leben einer ähnlich besetzten Familie. Leonie jedoch ist berufstätig, hat zwei quirlige junge Töchter – Lisa und Felicia – und Simon, der aber selten zu Hause ist, da er viel im Büro arbeitet. Sie wohnen in einer perfekten neuen Siedlung, „[…] als bisherige Krönung, der Altbau im Lehenviertel. Viele Schauspieler, Sänger und Tänzer der nahe gelegenen Oper wohnen hier. […] Es ist ein bürgerliches Viertel, das ohne Vorgärten und Trockenblumenkränze an den Türen auskommt.“ Dies ist eine Wohnung, die ihrer beider Status klar und deutlich in die Welt hinausposaunt. Leonie und Simon haben eine gesellschaftliche Stellung erreicht, die man bewundern kann. Wenn auch die beiden Töchter manchmal kaum im Zaum zu halten sind. Hin und wieder treffen sich die verschiedenen Wohnparteien in Nâzıms Laden. „Daß Nâzım alles andere war als der übliche türkische Lebensmittelhändler, merkten sie sofort. Eine cremeweiß und grün gestreifte Markise war Schatten auf den glühenden Gehsteig. Das Schaufenster, sauber geputzt und ohne jede Beschriftung, war leer bis auf einen Busch Sonnenblumen und Zinnien in einer schlichten Kugelvase.“ Die genaue Beschreibung der Milieus, die exakte Darstellung der Lebensumstände, gefühlt durch einzelne Mitglieder einer Familie machen den Roman von Anna Katharina Hahn, die sich gern mit dem Tagesgeschehen beschäftigt, Randnachrichten aus Zeitungen sammelt, um sie dann selbst literarisch auszuformen, zu einem absoluten Leseerlebnis. Der Leser wird emotional in die Szenerie mitgenommen. Eingeführt in ein auf den ersten Blick sehr ruhiges, alltägliches Leben von Familien, die von nebenan sein könnten. Dann ist da auch noch Frau Posselt. Die Nachbarin von Judith. Luise Posselt und ihr Mann Wenzel, „der schiene Wenzel“, wohnen schon viel länger als sie in dem Haus in der Constantinstraße. Wenzel war Sudetendeutscher, kam mit einer ganzen Schaar Deutschböhmen nach Stuttgart und einmal warf „[die] blonde Kopka-Edith […] Luise über Pflaumenkuchen mit Schlagsahne hinweg einen wehmütigen Blick zu und sang in der hohen Tonlage des böhmischen Dialekts: ‚Das hätt‘ keine von uns megen denken, dass Schien-Wenzel sich eine aussucht, die nicht von daheeme kommt. ‘“ So spielen sich die Gedanken und Menschen in den aneinander gereihten Kapiteln ein und beleuchten das Leben im Stuttgarter Osten so von mehreren Seiten, wie ein Puzzle, das sich nach und nach für den Betrachter ineinander fügt. Alsbald jedoch bröckeln die seichten Züge der Leben. Das Bild, das sich im Leser zusammenfügt, wird in seiner äußeren Harmonie durch die Wertungen der Protagonisten gebrochen und verlangt nach realistischer Einschätzung. Spätenstens die junge Stimme des 13-jährigen Marco läutet einen anderen Erzählton ein. Marco lebt mit seiner arbeitslosen Mutter und den immer wieder wechselnden Liebhabern in einem Hochhaus am Olgaeck, von dort aus kann er problemlos auf das ‚ach so schöne Leben‘ in der Constantinstraße blicken. Marco ist gefrustet vom ständigen Stress daheim, von der Prügel, die er von Achim beziehen muss, des jetzigen Freundes ihrer Mutter, von der inneren Einsamkeit. Er will raus aus dem ganzen Scheiß… Anna Katharina Hahn schildert zwei Tage im Oktober, Halloween-Stimmung und das düstere Lauern eines Ausbruchs hinter der Fassade des Alltags. Ganz behutsam geht die Geschichte voran und ist doch in ihrer Erzählweise und Sprachlichkeit sehr genau und verströmt eine bittere, aber einfühlsame Melancholie, die man förmlich mit der Hand greifen kann. Die Nuancen der einzelnen Lebenswege werden mit dem Hier und Jetzt vermischt und bilden so die Grundlage für die vorliegenden Entwicklungen im Sein der Protagonisten. Der Einblick des Lesers in die Gedanken der Figuren wird zum Blick hinter das äußere Sein, hinter den Schein. Ein Abbild des Anderen, in psychologisch einfühlsamer Aufbereitung bietet sich dem Leser, der mitfühlen muss und weg muss vom ewig anderen, das so lockend daher schielt, der sich einbringt in die Szenerie und hier ein Buch vor sich hat, dass eine Axt ist für das gefrorene Meer in uns. Die absolut passende Covergestaltung rundet das Gesamtbild des Romans ab, der zu Recht unter den zwanzig Romanen der Long List zu finden ist und hoffentlich mit einer Nominierung für die Short List des Deutschen Buchpreises 09 rechnen kann.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Ein LovelyBooks-Nutzer

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    03. September 2009 um 19:07

    Das pure Leben im Stuttgarter Osten „Kürzere Tage“ ist nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2009 Judith wohnt mit ihrem Mann Klaus und ihrer jungen Familie in einer Mehrfamilienhauswohnung in der Constantinstraße im Stuttgarter Osten. Klaus ist Professor an der Stuttgarter Uni. Er fährt einen silbernen Škoda. Judith hatte Kunstgeschichte studiert, nun aber ist sie Mutter von zwei Söhnen, die die zwei in einen Waldorf-Kindergarten schickt. „Die therapeutische Qualität des Putzens hat sie erst kennengelernt, als sie ihren Haushalt mit Ulis Geburt enttechnisierte[…]“.Damit konnte Judith ihren Panikattacken und dem steten Verlangen nach Beruhigungstabletten den nötigen alltäglichen Einhalt gebieten. In ihrer jüngsten Romanveröffentlichung reiht Anna Katharina Hahn, die bisher mit zwei Kurzgeschichtenbänden aufwartete, Episoden aus dem Alltag vier verschiedener Familien aneinander. Der Leser steigt locker und leicht in die Geschichte um Judith ein, versetzt sich in die fragile Persönlichkeit der ehemaligen Kunstwissenschaftsstudentin, die sich immer wieder im eigenen Lebensrückblick verliert und nachts immer noch nicht ohne Tavor auskommt. Von ihr, von Judith gleitet der kamerahafte Blick in das Leben einer ähnlich besetzten Familie. Leonie jedoch ist berufstätig, hat zwei quirlige junge Töchter – Lisa und Felicia – und Simon, der aber selten zu Hause ist, da er viel im Büro arbeitet. Sie wohnen in einer perfekten neuen Siedlung, „[…] als bisherige Krönung, der Altbau im Lehenviertel. Viele Schauspieler, Sänger und Tänzer der nahe gelegenen Oper wohnen hier. […] Es ist ein bürgerliches Viertel, das ohne Vorgärten und Trockenblumenkränze an den Türen auskommt.“ Dies ist eine Wohnung, die ihrer beider Status klar und deutlich in die Welt hinausposaunt. Leonie und Simon haben eine gesellschaftliche Stellung erreicht, die man bewundern kann. Wenn auch die beiden Töchter manchmal kaum im Zaum zu halten sind. Hin und wieder treffen sich die verschiedenen Wohnparteien in Nâzıms Laden. „Daß Nâzım alles andere war als der übliche türkische Lebensmittelhändler, merkten sie sofort. Eine cremeweiß und grün gestreifte Markise war Schatten auf den glühenden Gehsteig. Das Schaufenster, sauber geputzt und ohne jede Beschriftung, war leer bis auf einen Busch Sonnenblumen und Zinnien in einer schlichten Kugelvase.“ Die genaue Beschreibung der Milieus, die exakte Darstellung der Lebensumstände, gefühlt durch einzelne Mitglieder einer Familie machen den Roman von Anna Katharina Hahn, die sich gern mit dem Tagesgeschehen beschäftigt, Randnachrichten aus Zeitungen sammelt, um sie dann selbst literarisch auszuformen, zu einem absoluten Leseerlebnis. Der Leser wird emotional in die Szenerie mitgenommen. Eingeführt in ein auf den ersten Blick sehr ruhiges, alltägliches Leben von Familien, die von nebenan sein könnten. Dann ist da auch noch Frau Posselt. Die Nachbarin von Judith. Luise Posselt und ihr Mann Wenzel, „der schiene Wenzel“, wohnen schon viel länger als sie in dem Haus in der Constantinstraße. Wenzel war Sudetendeutscher, kam mit einer ganzen Schaar Deutschböhmen nach Stuttgart und einmal warf „[die] blonde Kopka-Edith […] Luise über Pflaumenkuchen mit Schlagsahne hinweg einen wehmütigen Blick zu und sang in der hohen Tonlage des böhmischen Dialekts: ‚Das hätt‘ keine von uns megen denken, dass Schien-Wenzel sich eine aussucht, die nicht von daheeme kommt. ‘“ So spielen sich die Gedanken und Menschen in den aneinander gereihten Kapiteln ein und beleuchten das Leben im Stuttgarter Osten so von mehreren Seiten, wie ein Puzzle, das sich nach und nach für den Betrachter ineinander fügt. Alsbald jedoch bröckeln die seichten Züge der Leben. Das Bild, das sich im Leser zusammenfügt, wird in seiner äußeren Harmonie durch die Wertungen der Protagonisten gebrochen und verlangt nach realistischer Einschätzung. Spätenstens die junge Stimme des 13-jährigen Marco läutet einen anderen Erzählton ein. Marco lebt mit seiner arbeitslosen Mutter und den immer wieder wechselnden Liebhabern in einem Hochhaus am Olgaeck, von dort aus kann er problemlos auf das ‚ach so schöne Leben‘ in der Constantinstraße blicken. Marco ist gefrustet vom ständigen Stress daheim, von der Prügel, die er von Achim beziehen muss, des jetzigen Freundes ihrer Mutter, von der inneren Einsamkeit. Er will raus aus dem ganzen Scheiß… Anna Katharina Hahn schildert zwei Tage im Oktober, Halloween-Stimmung und das düstere Lauern eines Ausbruchs hinter der Fassade des Alltags. Ganz behutsam geht die Geschichte voran und ist doch in ihrer Erzählweise und Sprachlichkeit sehr genau und verströmt eine bittere, aber einfühlsame Melancholie, die man förmlich mit der Hand greifen kann. Die Nuancen der einzelnen Lebenswege werden mit dem Hier und Jetzt vermischt und bilden so die Grundlage für die vorliegenden Entwicklungen im Sein der Protagonisten. Der Einblick des Lesers in die Gedanken der Figuren wird zum Blick hinter das äußere Sein, hinter den Schein. Ein Abbild des Anderen, in psychologisch einfühlsamer Aufbereitung bietet sich dem Leser, der mitfühlen muss und weg muss vom ewig anderen, das so lockend daher schielt, der sich einbringt in die Szenerie und hier ein Buch vor sich hat, dass eine Axt ist für das gefrorene Meer in uns. Die absolut passende Covergestaltung rundet das Gesamtbild des Romans ab, der zu Recht unter den zwanzig Romanen der Long List zu finden ist und hoffentlich mit einer Nominierung für die Short List des Deutschen Buchpreises 09 rechnen kann.

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  • Rezension zu "Kürzere Tage" von Anna Katharina Hahn

    Kürzere Tage
    Greta

    Greta

    28. August 2009 um 14:13

    "aber sie ist nicht mama, sondern eine tablettensüchtige schlampe, aus deren vergangenheit man eine mischung aus porno und tarantino-film drehen kann. die zierliche aufgeputztheit ihrer wohnung, nach der sie sich so sehnt, der warme schein der lampe über dem esstisch, die blumen in den fenstern, der winterlich hergerichtete jahreszeitentisch mit seinen filzzwergen, kann sich jederzeit auflösen in ein panoptikum der abscheulichkeiten. statt haferflocken und grieß schwimmen dann plötzlich blauschwarze föten in den gläasern auf den küchenborden. blauschwarz an allen gliedern war goethe als baby, und hinter dem vorhang im schlafzimmer lauert der wasserköpfige junge, den steiner zum abitur gebracht haben will."

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