Fällt Fahradfahren in die Rubrik Wandern? Streng genommen ist das Buch kein Wandermärchen, da hier erstens nicht gewandert wird und auch Märchen keine Rolle darin spielen. Bei diesem Buch handelt es sich um einen persönlichen Reisebericht eines ungewöhnlichen Projekts.
Anna Magdalena Bössen ist an einem Wendepunkt, als Sie sich für diese Reise entscheidet."Wenn die Welt zu laut und zu schnell geworden ist für Gedichte, dann muss ich den Rahmen darum herum anpassen."(S.18) Also Literatur in Bewegung.
Sie will reisen, sie will Deutschland und seine Bewohner besser kennenlernen, sie will ihre Liebe zur Poesie an den Gast bringen. Ihre Mutter ist schwer krank, ein weiterer Punkt, der ihre Reise und ihre Gefühlswelt stark beeinflusst.
Was dieses Buch nicht ist, und was mich schwer zwischen 3 und 4 Sternen in der Bewertung hat schwanken lassen: Anna Magdalena Bössen ist keine Langstreckenläuferin, sie ist auf ihrer Tour nicht komplett auf sich alleine gestellt, ihre Reise lässt sich nicht mit den Trips von Christine Thürmer, Cheryl Strayed oder Hape Kerkeling vergleichen.
Ihre Reise ist in der Regel gut im Vorfeld organisiert, sie radelt eher von Termin zu Termin, als dass sich die Veranstaltungen während des Reisens ergeben. Sie unterbricht ihre Tour öfter, um Zuhause eine Pause einzulegen, oder Unterwegs, um zu Verschnaufen. Kraft geben ihr Familie und Freunde, die sie viele Kilometer auf ihrer Radtour begleiten.
Das sei ihr absolut vergönnt, ich hatte lediglich andere Vorstellungen. Im Mittelpunkt des Buches stand für mich die starke Emotionalität der Autorin, ihre Zerrissenheit, ihre Ängste. Ist sie auf dieser Reise alleine? Ich finde: Nein. Aber: Sie hat in mir die Liebe zur Poesie wieder geweckt, ihre rezitierten Gedichte sind wundervoll. Ich wurde nur mit ihrer Gefühlswelt nicht warm, der Organisation der Reise, ich hatte mir unter dem Buchtitel etwas ganz anderes vorgestellt. Für mich sieht die Freiheit des Unterwegsseins anders aus. Freiheit mit (angenommenem) Heiratsantrag sprengt mein Vorstellungsvermögen.
Dennoch ist es ein warmherziges, kluges Buch, eine interessante Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat. Und vielleicht sollte es in dieser schnelllebigen Konsumwelt mehr Menschen geben, die Gedichte rezitieren. Deshalb 4 Sterne.