Anna Mitgutsch

 3.9 Sterne bei 107 Bewertungen
Autorin von Die Züchtigung, Wenn du wiederkommst und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Anna Mitgutsch

Anna Mitgutsch wurde in Linz geboren. Sie unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten, lebte und arbeitete viele Jahre in den USA. Zuletzt erschienen bei Luchterhand die Romane "Haus der Kindheit", "Familienfest" und "Zwei Leben und ein Tag". Sie erhielt für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den "Solothurner Literaturpreis".

Alle Bücher von Anna Mitgutsch

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Die Züchtigung

Die Züchtigung

 (27)
Erschienen am 01.10.1987
Wenn du wiederkommst

Wenn du wiederkommst

 (22)
Erschienen am 11.10.2011
Ausgrenzung

Ausgrenzung

 (16)
Erschienen am 01.12.1997
Zwei Leben und ein Tag

Zwei Leben und ein Tag

 (16)
Erschienen am 03.11.2008
Die Annäherung

Die Annäherung

 (11)
Erschienen am 08.03.2016
Haus der Kindheit

Haus der Kindheit

 (6)
Erschienen am 01.02.2002
Das andere Gesicht

Das andere Gesicht

 (3)
Erschienen am 01.09.2008
Abschied von Jerusalem

Abschied von Jerusalem

 (3)
Erschienen am 01.11.2005

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Rezension zu "Die Annäherung" von Anna Mitgutsch

Das Schweigen zwischen den Generationen
evaczykvor 2 Monaten

Still, nachdenklich, ohne Sentimentalität schreibt Anna Migutsch in “die Annäherung” über das Altern, das Sterben und letzte Fragen. Ihr berührendes, eindringliches Buch handelt aber auch von einem Generationskonflikt und dem Ringen um Vergangenheitsbewältigung und -Aufarbeitung.

Theo weiß, die längste Zeit seines Lebens hat er hinter sich. Mit 96 Jahren ist das keine Überraschung. Doch bislang ist der rüstige ehemalige Gärtner von Gebrechen und Krankheiten, die andere schon in sehr viel jüngeren Jahren bewältigen müssen, verschont geblieben. Ein Schlaganfall wird dann aber doch noch zur Erinnerung daran, dass vor dem Ende nur allzu oft der Verfall kommt – körperlich oder geistig, manchmal auch beides. Das Ringen um die letzte kleine Selbständigkeit, um Würde und Selbstbestimmung kann da zum letzten großen Kampf werden.

Mit genauem Blick, liebevoll aber unsenitmental, ohne Larmoyanz schildert Migutsch diesen letzten Lebensabschnitt. Annäherung, das ist gleich auf mehreren Ebenen das Thema dieses Buches: Theo nähert sich dem eigenen Tod an. Eine – sperrige und schwierige – Annäherung versucht aber auch seine Tochter Frieda. Lange Jahre war ihr das Elternhaus, der Zugang zum eigenen Vater versperrt, denn das Klima zwischen Frieda und Berta, der zweiten Frau Theos nach dem frühen Tod von Friedas Mutter, ist vergiftet, von Misstrauen und Eifersucht geprägt.

Doch auch ohne Berta steht genug zwischen Vater und Tochter, allen voran die unbeantworteten Fragen, was Theo im Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Frieda weiß, ihr Vater war in Russland, in der Ukraine – da, wo deutsche Sonderkommandos besonders grausam gewütet, Kriegsverbrechen an Juden, an Partisanen, an sowjetischen Kriegsgefangenen begangen haben. Ist auch Theo schuldig geworden? Was hat er gesehen, was weiß er? Wie viele ihrer Generation, die von der 68-er Berwegung geprägt wutden, fordert Frieda wütend Antworten, doch lange Zeit herrscht nur Schweigen zwischen den Generationen. Das Ringen um Liebe und das Ringen um Anerkennung sind gleichermaßen schwierig.

Wenn Theo zurückblickt, dann vor allem auf seine Kindheit und Jugend, geprägt von Armut und harter Arbeit, von Genügsamkeit, aber auch dem Wunsch, mehr lernen zu können. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen und sich selbst Rechenschaft abzulegen: “Bevor manrichtig begriffen hat, wie alles zusammenpasst, dachte er jetzt, ist es auch schon zu Ende.”, heiß es an einer Stelle. “Und erst am Schluss bekam man so etwas wie einen Überblick, und gerade der machte das Ganze noch unfassbarer. Wie wenig übrig blieb, wenn er bedachte, was alles hätte sein können, wie viele Leben er sich vorgestellt und nicht gelebt hatte.”

Das klingt vielleicht nach Resignation, doch die ukrainische Altenpflegerin Ludmilla schafft es, Theo in seinem inneren Rückzug von der Welt zu erreichen. Ist es eine Art letzte Liebe, die der alte Mann spürt, väterlicher als gegneüber der eigenen Tochter? Ist da etwas an der jungen Frau, was ihn an seine eigenen Kämpfe erinnert? Die Annäherung zwischen Ludmilla und Theo, auch sie fügt sich ein in dieses Leitmotiv von der Suche nach Nähe.

Alles ist endlich, alles vergeht. Nicht immer gibt es auf die letzten Fragen Antworten. Anna Migutsch hat mit “Die Annäherung” ein Buch über ein schweres Thema geschrieben, ein Buch, das berührt und trotz dunkler Töne einen Hoffnungsschimmer lässt.

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monerls avatar

Rezension zu "Die Annäherung" von Anna Mitgutsch

Sprachlich intensiv und sehr bewegend!
monerlvor 3 Monaten

Meine Meinung
Der Autorin ist ein bewegendes und ausdruckstarkes Buch gelungen. Zwei Protagonisten, zwei Handlungsstränge und so viel Trauriges und Unausgesprochenes in zwei Leben. Vater und Tochter, die sich auf unterschiedliche Art und Weise nach Liebe sehnten, denen aber jede Menge Worte fehlten, um sich wirklich nah zu sein.

Theo, Vater von Frieda, wird 97 Jahre alt. Während des 1. Weltkrieges als letztes Kind in eine schweigsame Bauernfamilie hineingeboren, muss mit Mitte 20 in den Krieg ziehen. Durch viel Glück überlebt er den 2. Weltkrieg und heiratet seine große Liebe Wilma. Doch Wilma stirbt sehr jung und Theo blebt mit Tochter Frieda zurück. Die kleine Familie und geborgene Zweisamkeit hat bald ein Ende. Berta wird Theos zweite Ehefrau, Frieda jedoch lehnt Berta als Stiefmutter ab. Theo entscheidet sich für Berta.

Anna Mitgutsch hat drei ziemlich sperrige Figuren geschaffen. Sie lässt sich viel Zeit sie zu charakterisieren. Das ganze erste Drittel lernen wir Theo, Frieda und Berta kennen und – nein, auf keinen Fall lieben. Alle drei Charaktere sind weit davon entfernt, als dass man sie mögen könnte. Berta ist eine egoistische, alte Frau. Herzlos besteht sie jahrelang darauf, dass Frieda nicht zu ihrer Familie gehören darf. Theo ist sein Leben lang unterwürfig und demütig, um das Maximum an Ruhe und Glück zu erfahren. Er dachte, damit würde er Zufriedenheit erlangen. Und Frieda, Frieda ist zu ängstlich und zurückhaltend, um von ihrem Vater das einzufordern, was ihr zusteht.

Diese drei Menschen müssen viele Verluste akzeptieren und verarbeiten. Es gibt viele Tote zu betrauern: Ehefrau, Mutter, Kinder, Enkel – aus jedem Blickwinkel ein anderer Schmerz. Nach und nach offenbart uns Anna Mitgutsch die Hintergründe und rundet damit das Bild und den Charakter der jeweiligen Figur ab.

Und dann kommt Ludmila. Die ukrainische Pflegerin, die nicht alles versteht, die aber durch ihre Art in Theo neue Lebensfreude weckt. Bei ihr fühlt er sich gut aufgehoben, angenommen und verstanden. Sie ist ihm näher als seine eigene Tochter es jemals war oder werden könnte. Sie ist es, die den schweigsamen und wortkargen Theo zum Sprechen bringt. In ihrer Gegenwart fällt ihm das Erinnern und Erzählen leicht. Für sie findet er die richtigen Worte. Für sie wird Theo zum ersten Mal in seinem Leben mutig und handelt selbstbestimmt. Doch für vieles ist es leider viel zu spät. Theo ist ein alter Greis, der seinen letzten Abschnitt bereits gelebt hat. Sein 97 Jahre alter Körper hat keine Kraft mehr.

“Sie späte Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die im Dunkeln lag und ihm nie zuvor etwas bedeutet hatte, weckte in Theo eine Lust auf die Fremde, aus der Ludmila kam. Wie ein Findling in der Landschaft machte sie ihn neugierig auf den Boden, aus dem sie herausgeschleudert worden war, er fand, sie war im falschen Leben, am falschen Ort.” (S. 182)

Ein Handlungsstrang, aus der Erzählerperspektive, ist ganz nah an Theo. Im zweiten, der in der Ich-Form geschrieben ist, berichtet Frieda. Damit kommt man als Leser direkt an sie ran, emotional aber bleibt sie einem dennoch fern. Die Antipathie, die sie ausstrahlt, bildet eine Distanz, die nicht (leicht) überwunden werden kann. Sie findet keinen Ausweg aus ihrer Einsamkeit ihrer Trauer und machte es dem Leser schwer, sich für sie zu begeistern. Sie hadert sehr mit der Vergangenheit ihres Vaters, der im 2. Weltkrieg Soldat an der Front war. Was hat er gemacht damals? Wie viele Menschen hat er getötet? Hatte er Spaß daran? Ab wann ist man (mit)schuldig? Jahrzehnte lang versuchte sie auf diese und andere Fragen Antworten von Theo zu bekommen. Man ist versucht ihr zuzurufen: “Nun ist es gut, lass ihn in Ruhe, er ist ein alter Mann”. Und dann erschrickt man vor den eigenen Worten! Ist es wirklich gut? Ab wann ist es denn genug?

“Allein die Fakten sprachen gegen ihn [Theo]. Es ging nicht darum, ob meine Vorstellungskraft ausreichte, ich hatte es von ihm selber hören wollen, von meinem Vater, weil jede Geschichte anders war, die Millionen von Geschichten der Opfer und die Millionen von Erfahrungen und Täter, der Mitläufer und Mitwisser, und keine glich der anderen.” (S. 121)

Das Ende ist sprachlich intensiv! Es finden sich viele schöne und weise Sätze zum Alter, der Würde und den vielen Emotionen, die Menschen haben, auch wenn sie kurz vorm Tod stehen. Ich las begeistert und war gleichzeitig traurig, dass dieses tiefsinnige Buch bald zu Ende sein würde.

Mir ist nicht ganz klar, was genau die Intention der Autorin mit diesem Buch war. So verarbeitet und verwebt sie einige schwere Themen in dieser Geschichte, die alle zusammen ein gehaltvolles Buch ergeben. Denn neben dem Alter, des Zusammenseins im Alter, dem Zerwürfnis von Eltern und Kindern, dem Tod von Elternteilen und jungen Menschen, geht es im letzten Drittel um das Kriegstagebuch von Theo, durch das Frieda, wie auch der Leser, die einzelen Stationen Theos im 2. Weltkrieg nachvollziehen kann. Hier wird der Krieg im Osten sichtbar. Dabei wird auch das Thema Deportation von ukrainischen Juden angeschnitten bzw. thematisiert. Friedas Suche nach Ludmila ist sehr geschichtsträchtig und lädt zur weiteren Recherche ein.

“Jeder Mensch bekommt eine bestimmte Zeit im Kontinuum der Menschheitsgeschichte und jeder bekommt seine Herkunft und bestimmte Eigenschaften vererbt, die alles bestimmen, jedenfalls fast alles, was er sein wird. Mit dem Rest freien Willens kann er sich ein Leben lang herumraufen und versuchen, ihm seinen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken und sich von der Hypothek seiner beschädigten Eltern zu befreien.” (S. 418)

Fazit
Dieses Buch ist ist nicht für jedermann. Auf dieses Buch muss man sich mit all seiner Langsamkeit einlassen, das Ende sacken lassen können, um das Ganze zu begreifen. Es ist eine Geschichte ohne Sympathieträger. Getragen wird es von der sprachlichen Intensität und Weisheit. Zu guter Letzt erhält man durch einen Kunstgriff auch noch historische Informationen zur Ukraine und ihrer Geschichte im Zweiten Weltkrieg. Fantastisch und absolut lesenswert!

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Rezension zu "Die Annäherung" von Anna Mitgutsch

Ein tiefes, ein intensives Buch
heinokovor 3 Monaten

Ein tiefes, ein intensives Buch

 

Hier schreibt eine der ganz großen Gegenwarts-Autorinnen, die mich im Jahr 1987 mit dem auf mich erschreckend intensiv wirkenden Buch „Die Züchtigung“ fesselte und seither nicht mehr losgelassen hat.

 

Theo ist 96. Er erleidet einen Schlaganfall, kann sich nur noch mit Mühe mitteilen. Zu Frieda, seiner Tochter, besteht seit vielen Jahren kaum mehr Kontakt, woran Berta, Theos zweite Frau, einen wesentlichen Anteil hatte. Als Frieda einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält, entwickelt sich in der Folgezeit ganz langsam eine neue Chance der Annäherung. Der pflegebedürftige Theo verliert die Gegenwart völlig aus dem Blick, erst der ukrainischen Pflegerin Ludmilla gelingt es, zu Theo vorzudringen.

 

Es wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Theo erlebt seine letzte Lebenszeit, schildert sehr bewegend seine Gedanken zu dem, was bald kommen wird. Und er lebt in Erinnerungen, in den guten und weniger guten. Frieda hingegen berichtet in der ihr eigenen spröden Art von ihrer Sicht auf ihre Kindheit und Jugend, auf ihre gescheiterte Ehe, auf alles, was sie lebenslang vermisst hat. Weder Theo noch Frieda ist es je gelungen, offen miteinander zu sprechen. So viele offene Fragen, so viele Unsicherheiten auf beiden Seiten. Dieses entsetzliche Schweigen zwischen den Menschen, aus dem heraus so viel Verletzendes entsteht – dieses große, große Schweigen macht dem Leser das Herz schwer.

 

Anna Mitgutsch erzählt das Große und das Kleine im Leben, Krieg und Schuld, aber auch die Wirkung eines überraschenden Händedrucks. Sie beschreibt Menschen mit einer weisen, beobachtenden Toleranz, ohne Wertung, ohne Stellungnahme, in deren feinsten Regungen wahrnehmend, immer aber so lebensnah, dass man Frieda und Theo und Berta und all die anderen genau vor sich sieht und mit ihnen durch den Park spazieren möchte oder einfach nur am Bett sitzend mit kleinen Gesten wie dem Falten-Wegstreichen auf der Bettdecke Nähe zeigen möchte. In ihrer wunderbar langsamen, elegisch schönen Sprache zieht die Autorin den Leser hypnotisch in ihren Bann, und man landet, ob man will oder nicht, in diesem Buch in einer Welt des Passiven, des scheinbar Unausweichlichen, des Ausgeliefert-Seins und des lebenslang Versäumten. Aushalten muss man die Intensität und Tiefe dieses Buches, aushalten und bestenfalls eigene Bilanz ziehen.


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