Nähert man sich einem Tier im Wald, um es näher betrachten zu können, darf man keinen Lärm machen. Man muss die Schritte vorsichtig setzen, viel Innehalten. So ähnlich ist es auch, wenn man sich schreibend einer großen, existenziellen Erfahrung annähert – auch hier muss man die Sätze vorsichtig setzen. Und viel Innehalten.
In "Frühe Pflanzung" bewegt sich Anna Ospelt durch die Landschaft einer Schwangerschaft und des ersten Jahres mit Kind. Eine Landschaft mit Dickicht, mit weiten Feldern, hohen Kronen, mühsamen Anstiegen, rutschigen Abhängen, manch ruhigem Bachlauf, aber auch mit vielen tosenden Strömungen, alles im jahreszeitlichen Wandel.
Die Beobachtungen, die sie auf ihrem Weg notiert, verfasst in einer tastendern, aber auch zugreifenden Sprache, haben etwas Eingehegtes, Prägnantes (ein Wort, das, wie ich in diesem Buch gelernt habe, von lat. preagnans/schwanger kommt und meint etwas sei randvoll gefüllt, mit Sinn). Manchmal sind sie ein Same, manchmal ein bereits ausgetriebener Gedanke, manchmal stehen sie schon in voller Blüte.
Obwohl wir alle ohne Schwangerschaft nicht hier wären (und ohne dass irgendjemand das erste Jahr rund um die Uhr für uns gesorgt hätte), gibt es erstaunlich wenig Literatur, die sich explizit mit dieser Erfahrung beschäftigt. Ospelts poetische Notate sind auch nicht zuletzt deswegen ein wichtiges Dokument; "Frühe Pflanzung", ein berührendes, tiefgreifendes Buch.
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