In dieser schwierigen Zeit der alternativen Fakten ist Factfulness ein wunderbares Werk, das die eigenen Überzeugungen ins Wanken bringt. Und zur großen Freude ist vieles besser als gedacht. Das bringt einen unweigerlich ins Grübeln. Was konsumiere ich für Nachrichten, wieso sind diese meist negativ? Wie kann ich mich dagegen wehren? In jedem Fall lesens- und wissenswert.
Anna Rosling Rönnlund
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Factfulness
Factfulness
Neue Rezensionen zu Anna Rosling Rönnlund
Über dieses Buch hat Bill Gates geurteilt: "Eines der wichtigsten Bücher, die ich je gelesen habe." Und wahrlich, so kann ich das auch für mich behaupten. Und gerade in diesen Zeiten, in welchen wir mit Lügen selbst von Regierungen aus konfrontiert werden, ist es ein überaus wichtiges Buch, eines das wirklich jeder gelesen haben sollte, der sich nicht nur Diskussionen stellen muss und will, der sich anderen, eher kruden Meinungen gegenüber sieht, sondern auch sich selbst überprüfen möchte, ob nicht er selbst eine eingeschränkte oder verquere Sicht auf die Dinge hat.
Rosling, der leider schon verstorbene Statistiker und Wissenschaftler, hat dieses Buch begonnen, als er von seiner Krankheit erfahren hatte, Sohn und Schwiegertochter haben dann das Werk vollendet.
"Dieses Buch ist mein Versuch, Einfluss auf die Welt zu nehmen: die Denkweise der Menschen zu verändern, ihre irrationalen Ängste zu lindern und ihre Energien in konstruktives Handeln umzulenken." So Hans Rosling selbst zu seinem Werk.
Das Buch schildert nicht nur, wie es zu falschen Entscheidungen kommt, wie wenig selbst an hoher Stelle sitzende Verantwortliche zur Überprüfung ihres eigenen Denkens und Handelns bereit sind und was dadurch an schlimmen Auswirkungen letztlich für uns alle zustandekommt. Es liefert auch konkrete Anweisungen und viele praktische Übungen wie sich das ändern lässt, immer begonnen bei einem selbst. Nur wer sich seines eigenen falschen Denkens bewusst ist, kann es ändern und dann auch Einfluss auf andere nehmen. Das ist - gerade in diesen Zeiten - nicht leicht, die Mühe aber wert und nach Lektüre des Buches auf jeden Fall sehr viel einfacher!
Wir alle scheinen ein vollkommen falsches Bild von der Welt zu haben. Nicht nur die Dummen, nicht nur die Uninformierten, wir alle. Zu diesem Schluss kam Hans Rosling, ehemals Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm, nach der Auswertung von ganz vielen Daten, eine Arbeit, die er zusammen mit seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund, gemacht hat. Was er in seinem Buch "Factfulness" vorlegt, ist also nicht das Resultat eines ‚einsamen Genies‘, vielmehr ist es „das Ergebnis kontinuierlicher Diskussion, Auseinandersetzung und Zusammenarbeit zwischen drei Menschen mit unterschiedlichen Begabungen, Kenntnissen und Perspektiven.“
Testet man die Informiertheit von Menschen, so wird man gemeinhin davon ausgehen, dass diejenigen mit höheren Bildungsniveau besser abschneiden. Doch das ist ein Irrtum. Einige der schlechtesten Ergebnisse bei Roslings Tests kamen von einer Gruppe von Nobelpreisträgern.
Eine faktengestützte Weltsicht sagt uns, dass wir enorme Fortschritte gemacht haben. Unsere Gefühle sagen uns jedoch etwas anderes, verleiten uns, die Dinge düster zu sehen. Das hängt mit der Funktionsweise unseres Gehirns zusammen, denn der Mensch hat eine ausgeprägte Neigung, die Dinge instinktiv in Schwarz und Weiss, Gut und Böse zu unterteilen. Weil es einfach ist. Nur eben: Der Teil zwischen den Extremen ist der weitaus grösste.
Leuchtet dem Menschen etwas ein, macht etwas für ihn Sinn, ist er nur mehr schwer davon abzubringen. Auch wenn alle Evidenz darauf hinweist, dass er falsch liegt. Was auch darin begründet liegt, dass wir der Überzeugung sind, dass jeder glauben darf, was er will. Anders gesagt: Uns ist erlaubt, jeden Unsinn zu glauben. Und das ist ein Problem.
Was also ist zu tun? Wir brauchen Daten. Um Hypothesen zu überprüfen. „Man muss die Daten vorlegen und die hinter ihnen stehende Wirklichkeit erläutern.“ Dabei werden wir unter anderem herausfinden, dass es in der Wirklichkeit häufig gar keine Polarisierungen gibt.
Natürlich traut Hans Rosling den Daten nicht zu 100 Prozent, niemand sollte das tun. Und er verweist auf ein wichtiges Prinzip im Umgang mit Statistiken: „Seien Sie vorsichtig mit Schlussfolgerungen, wenn die Unterschiede geringer als ungefähr zehn Prozent sind.“ Doch die offiziellen Daten der UNO (und auf diesen baut dieses Buch auf) liefern ein allgemeines Bild.
Wissen Sie wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt heute weltweit ist? 72 Jahre. Vor allem Menschen mit höherer Schulbildung schätzen das ganz falsch ein, ihre häufigste Antwort ist 60 Jahre. Und wie steht es mit der Armut? In den letzten zwanzig Jahren hat sich die extreme Armut nahezu halbiert. Soweit die Fakten, doch unsere Gefühle sagen uns etwas anderes. Das liegt grösstenteils an „unserem Instinkt der Negativität, unserer Neigung, das Schlechte aufmerksamer wahrzunehmen als das Gute.“
Es gibt noch weitere Instinkte, die uns hindern, die Welt zu sehen, wie sie ist. Zu den zentralsten gehört der Instinkt der Angst. „Wenn wir Angst haben, sehen wir nicht mehr klar“, notiert Hans Rosling und illustriert das mit einem Vorfall (ein Luftwaffenpilot war abgestürzt), den er als junger Arzt erlebte und bei dem er so ziemlich alles ganz falsch einschätzte. Diese überaus lehrreiche und witzig erzählte Geschichte lohnt allein die Lektüre dieses Buches!
Andauernd stürzen Informationen auf uns ein. „Die Art von Informationen, die wir am ehesten verarbeiten, hat mit Geschichten zu tun. Es sind Informationen, die dramatisch klingen.“ Und damit füttern uns die Medien, die unsere Aufmerksamkeit steuern. Doch nicht die Journalisten tragen die Schuld, dass Meldungen wie „Flug BA0016 aus Sydney sicher auf dem Singapore Changi Airport gelandet“ keinen Nachrichtenwert haben, sondern die „’Aufmerksamkeitslogik‘, die in den Köpfen der Konsumenten vorherrscht.“
Noch nie gab es so wenig Flugzeugunfälle (40 Millionen nicht abstürzende Flugzeuge pro Jahr), noch nie gab es so wenige Konflikte und Opfer von Konflikten wie heutzutage, doch unsere Angst vor solchen Katastrophen mindert das kaum. Nicht etwa, dass Angst nur negativ wäre, sie kann auch durchaus von Nutzen sein – sofern sie den richtigen Dingen gilt. Hans Rosling und seine Mitautoren unterscheiden zwischen furchterregend und gefährlich. „Wenn etwas furchterregend ist, dann geht es um die subjektive Wahrnehmung eines Risikos. Wenn etwas gefährlich ist, handelt es sich hingegen um ein reales Risiko.“
Unsere Aufmerksamkeit sollte den realen Gefahren gelten. Und den Zusammenhängen. Ein Beispiel: Am 17. Oktober 2004 wurde die 38jährige Mari Larsson in Nordschweden von ihrem Ex-Partner durch mehrere Axthiebe gegen den Kopf getötet. Am gleichen Tag wurde ebenfalls in Nordschweden der 40jährige Johan Vesterlund von einem Bären getötet. Beide Todesfälle waren gleichermassen tragisch und grauenvoll, doch der tödliche Bärenangriff, in Schweden ein Jahrhundertereignis, machte in allen schwedischen Medien Schlagzeilen, während der schreckliche Partner-Mord, der 1300-mal häufiger vorkommt, medial kaum wahrgenommen wurde. Wer die Welt sehen will, wie sie wirklich ist, sollte (auch) seinen Kopf benutzen.
Eine faktengestützte Weltsicht würde einen grossen durchgreifenden Wandel bedeuten. Dieser ist laut Hans Rosling nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Aus zwei Gründen. Zum Einen: Die faktengestützte Weltsicht ist hilfreicher, um sich im Leben zurechtzufinden als den Instinkten nachzugeben. Zum Andern: Faktenorientiertheit bedeutet weniger Stress und Hoffnungslosigkeit als die dramatische Sicht, die negativ und erschreckend ist.
"Factfulness" erzählt ganz viele wunderbar anregende Geschichten von Irrtümern und menschlichem Lernen. Es ist ein höchst überzeugendes Plädoyer für eine realistische Weltsicht.






