Oh mein Gott, wie schön und berührend ist bitteschön „Normalhöhe Null“???? Es ist eine Geschichte über das Suchen nach Halt – im Leben, in der Vergangenheit und in einer langsam bröckelnden Villa an der Ostsee. Der Titel verweist auf einen nüchternen technischen Begriff: den Bezugspunkt für Höhenangaben im Bauwesen, das Meeresspiegelniveau. Und doch steckt darin bereits das zentrale Bild dieses Romans, nämlich die Suche nach der Basis, nach einem Ankerpunkt, nach Halt und nach dem Ankommen. Es ist so schön, ich kann es gar nicht oft genug sagen.
Im Zentrum der Geschichte begegnen uns zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Nora, eine Bauingenieurin, die sich auf Rückbau, als auf Abriss-Arbeiten spezialisiert hat, und Peggy, eine eigenwillige Künstlerin, die sich auf die Bewerbung an der Kunsthochschule vorbereitet. Beide treffen in einer leerstehenden Villa an der bröckelnden Ostsee-Steilküste aufeinander – einem Ort, der den inneren Zustand der beiden sehr gut widerspiegelt. Was als nüchternes Abriss-Projekt beginnt, entwickelt sich zu einer sehr persönlichen Reise in die Abgründe verdrängter Erfahrungen, ins Hier und Jetzt, in die eigene Persönlichkeit und auch zu der Frage, wie die Protagonistinnen letzten Endes leben wollen und viel mehr: Was sie vom Leben wollen!
Anna Warner gelingt es auf bemerkenswerte Weise, das Haus und die umgebende Natur nicht nur als Kulisse zu basteln, sondern sie beinahe als eigenständige Figur quasi handeln zu lassen. Die Villa wirkt wie ein lebendiges Wesen, das seine Bewohner:innen beeinflusst, den Staub der Erinnerungen aufwirbelt und sich gegen Pläne zur Umgestaltung zur Wehr setzt. Es knarzt, bebt, schweigt – und bietet Raum für die Entwicklung der Personen, die sich dort treffen.
Während Nora versucht, mit einer Vergangenheit zurechtzukommen, die sie lieber mit dem Schutt der Abrissarbeiten am eigenen Leben verschütten würde, bringt Peggy mit ihrer unkonventionellen Art und ihrer emotionalen Direktheit Bewegung in Noras starre (Gefühls-)Strukturen. Aber auch Peggy ist nicht frei von Ballast: Ihre Kreativität speist sich aus Verlust und fehlender Anerkennung. Was sich zwischen den beiden Frauen entwickelt, ist keine einfache Freundschaft, keine plakative Annäherung – es ist ein vorsichtiges Abtasten der eigenen Grenzen, ein ständiges Mit- und Gegeneinander, ein sich aneinander Reiben. Und das Ganze ist sehr facettenreich und einfühlsam erzählt, so dass man sich so gut hineinversetzen kann. Weil man das in Teilen einfach selbst kennt.
Die Geschichte wird sehr ruhig, atmosphärisch und reichlich gefüllt mit feinen Beobachtungen erzählt. Warner schreibt immer passend zur jeweiligen Protagonistin. In Noras Handeln spielt viel Sachlichkeit mit, Peggys Sätze sind verspielt und man kann förmlich ihren Enthusiasmus in der Sprache spüren. Große Gesten wird man als Leser:in in diesem Roman nicht finden und das ist gut so. Denn gerade diese vielen kleinen, subtilen Momente zeigen so realitätsnah, was es heißt, (wieder) Vertrauen zu fassen – zu Menschen, zu einem Ort, zu sich selbst.
Für mich funktioniert der Roman übrigens auch auf deutlich mehr als nur auf einer Ebene. Er könnte als Porträt zweier Frauen gesehen werden, aber auch als Reflexion über das Bauen, Bewahren und Zerstören – sowohl im architektonischen als auch im persönlichen Sinne. Und dann kann man auch noch die Erkundung des Begriffs „Zuhause“ in diesem Roman beginnen, denn das Haus auf der Klippe ist nicht nur ein Gebäude, sondern ein Symbol für das prekäre Gleichgewicht, in dem sich viele Menschen bewegen, die keinen festen Platz in der Welt gefunden haben.
So, also „Normalhöhe Null“ ist ein stilles, emotionales und feinfühliges und auch streckenweise humorvolles Buch, aber absolut kein seichtes! Es behandelt große Fragen – nach Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und der positiven Macht der Gemeinschaft. Es erzählt davon, wie Begegnungen neue Wege öffnen können, selbst wenn alles um einen herum bröckelt. Und es zeigt, dass Heimat manchmal genau dort entsteht, wo man nicht gesucht hat.Für Leser:innen, die atmosphärische Geschichten mit Tiefe schätzen, ist dieses Buch eine absolut empfehlenswerte Lektüre, die durchaus dazu einlädt und inspiriert, das eigene Fundament einmal genauer zu betrachten und vielleicht auch noch mal neu zu justieren.





