Anne Berests Roman „Die Postkarte“ hat mich sehr bewegt. Umso mehr hatte ich mich auf dieses Buch gefreut. Im Mittelpunkt steht die Familiengeschichte ihres Vaters Pierre. Um es gleich klar zu sagen, dieser Roman ist anders als der Vorgänger. Während die Geschichte der Familie mütterlicherseits von Heimatlosigkeit, Verfolgung und den ungeheuerlichen Verbrechen an Menschen jüdischen Glaubens geprägt ist und sehr traurig und berührend ist, ist die Geschichte des Vaters weit weniger tragisch. Aber ist sie deshalb weniger wert erzählt zu werden? Ich denke nicht. Die Lebensgeschichte Pierres und seiner Vorfahren stellt die Bretagne in den Mittelpunkt. Diese raue Gegend, bis heute geprägt von Legenden, alten Göttern und dem Meer. Auch hier erzählt die Autorin sehr eindringlich, sehr bildhaft. Ich spüre beim Lesen den Wind, die Wellen und die urtümliche Kraft der Region und ihrer Bewohner. Die erste Hälfte ist etwas langsam erzählt, ich brauche etwas, um mich einzufinden. Doch mit der Geschichte von Pierre wird der Roman für mich zugänglicher. Die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre ist sehr packend erzählt. Im letzten Drittel steht vor allem die Beziehung der Autorin zu ihrem Vater, das schwierige, verstummte Verhältnis zwischen beiden im Mittelpunkt. Für mich wirkt es zeitweise so, als würde sie ihr langsames Abschiednehmen mit dem Buch verarbeiten. Vieles bleibt trotz der Gespräche für das Buch ungesagt. Die letzten Seiten berühren mich sehr. Der Tod des Vaters, die nüchtern erzählten Begleitumstände, das Verarbeiten. Die Gedanken über Trauerarbeit und Traurigkeit sprechen mir aus der Seele. Dieser Roman ist nicht mit dem Vorgänger zu vergleichen. Aber das muss er auch nicht, er steht für sich und muss sich an der großen Geschichte der Rabinovitschs nicht messen. Dennoch ein eindringliches Buch.
Anne Berest
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Alle Bücher von Anne Berest
How To Be Parisian wherever you are
Die Postkarte
Traurig bin ich schon lange nicht mehr
Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau
Vatertage
Ein Leben für die Avantgarde
Die Postkarte
How to Be Parisian Wherever You Are: Love, Style, and Bad Habits
Neue Rezensionen zu Anne Berest
Ist für mich feiertagsmäßig erst einmal die Bezeichnung von Christi Himmelfahrt deutlich geläufiger als der viel beschworene „Vatertag, verhält es sich mit den „Vatertagen“ des ganz aktuell im Berlin-Verlag erschienenen Romans vollkommen anders. So hat die französische Spiegel-Bestsellerautorin Anne Berest, welche witzigerweise im selben Jahr wie ich geboren ist und sich bereits als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin bei weitem nicht nur in Frankreich eine große Reputation aufgebaut hat, erneut einen großartigen und mitreißenden Roman verfasst, der von den beiden sehr erfahrenen Übersetzerinnen Michaela Meßner und Amelie Thoma in ein hervorragendes Deutsch übertragen wurde. Anders als geplant -wollte die Autorin doch ursprünglich der Geschichte ihrer bretonischen Familie im Allgemeinen ein großes Stück näherkommen. treibt diese die relativ plötzliche schwere Erkrankung ihres Vaters dazu, diesen, welcher für sie ein Leben lang einen großen Unbekannten darstellte, endlich, endlich von einer ganz anderen Seite kennenzulernen.
Bereits das Titelbild stimmt die Leserschaft auf das Eintauchen in längst vergangene Zeit dank handschriftlicher Aufzeichnungen des Großvaters, welche alle fein säuberlich in vier Heten der Nachkommenschaft überliefert wurden, ein. Dabei ist dieser Roman eine wahre Fundgrube, bildet er doch eine große Bandbreite ab, welche sowohl die Themen der Familienkonstellation und der Vererbung abbildet als auch sehr mitreißend die Geschichte der Bretagne in den freizügigen 1968-er Jahren und auch einige Jahrzehnte davor darstellt. Gleichermaßen wird automatisch sehr viel französisches Flair vermittelt. Wer immer eine Reise in die Bretagne plant, ist für die Lektüre dieses etwa 450 Seiten umfassenden Werks ebenso prädestiniert wie alle Frankophilen oder etwa diejenigen, welche den besonderen, eingängigen und höchst vielschichtigen Erzählstil der französischen Autorin zu schätzen wissen.
Mir als Altphilologin sind selbstverständlich so kleine Details sehr sympathisch wie z.B. der Beruf des bretonischen Großvaters, welcher nicht nur Bürgermeister von Brest, sondern auch Lehrer für Französisch, Latein und Griechisch war. Der Roman umfasst eine enorme Zeitspanne, geprägt von historisch bedeutenden Ereignissen und beginnt noch vor dem ersten Weltkrieg im Jahr 1909. In dem Buch findet man eine kunstvolle Verwebung der einzelnen Erzählstränge- und -zeitebenen. So erfährt man gleichermaßen von der Gründung der ersten bäuerlichen Agrargenossenschaft als auch von den aktuellen Zeitgeschehnissen inklusive der sich unheilvoll manifestierenden schweren Erkrankung des Vaters. Bei der Lektüre wird man immer wieder von der Wortgewalt der so renommierten Anne Berest fasziniert sein.
Das Werk ist in fünf Bücher aufgeteilt, welche insgesamt die Zeitspannen von 1909 -1979, dem Geburtsjahr der Autorin, umfassen. Dabei wird man wieder allein schon durch ausgefallene oder sehr treffsichere Überschriften der einzelnen Kapitel wie z.B. auf der Seite 233 „Die Hefe, die den Teigt auftreibt“ auf das jeweils neue Kapitel äußerst gelungen und abwechslungsreich eingestimmt. Dieser Roman ist sowohl ein brillantes Zeugnis ganz unterschiedlicher Zeiten in Frankreich und speziell der Bretagne als auch eine einzigartige Liebeserklärung der Autorin an ihren Vater.
Die Postkarte ist ein monumentales Werk, das mich tief bewegt und lange beschäftigt hat. Anne Berest gelingt es, eine Familiengeschichte zu erzählen, die weit über das Private hinausreicht. Sie verbindet akribische Recherche mit emotionaler Wucht und schafft damit ein literarisches Zeugnis, das sowohl erschüttert als auch fasziniert.
Ich war beeindruckt vom Mut einzelner Menschen, die sich in Zeiten absoluter Unmenschlichkeit behaupteten. Gleichzeitig machte mich die detaillierte Darstellung der Kollaboration, der Gleichgültigkeit und der Brutalität der Nazis – und Teilen der damaligen deutschen und französischen Bevölkerung – wütend und fassungslos. Die Vielzahl an bekannten Persönlichkeiten, die in dieser Familiengeschichte auftauchen, zeigt, wie eng verflochten Biografien in jener Zeit waren.
Besonders eindrücklich ist, wie das Buch die Kontinuität antisemitischer Denkmuster sichtbar macht. Es zeigt nicht nur die historischen Leiden der jüdischen Bevölkerung, sondern auch die Herausforderungen, mit denen jüdische Menschen heute konfrontiert sind. Die zentrale Frage, die sich durch das Buch zieht – Wie kann ein jüdischer Mensch leben, ohne anzuecken? – bleibt bedrückend aktuell und scheint leider kaum beantwortbar.
Die Postkarte ist ein Werk, das Erinnerung lebendig hält, das mahnt und das uns zwingt, hinzusehen. Ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern erlebt – und das lange nachhallt.
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