Am 21. März 1349 wurde die jüdische Gemeinde von Erfurt innerhalb eines Tages ausgelöscht, 900 Menschen wurden vom Mob ermordet. Die Pest wütete in jener Zeit in Europa und den Juden wurde daran die Schuld gegeben: Sie hätten Brunnen vergiftet und so die fürchterliche Seuche ausgelöst, dies der vollkommen absurde Vorwurf, der jedoch durch ständiges Wiederholen bei immer mehr Christen Glauben gefunden hat. Fake News im Mittelalter mit für die jüdische Minderheit tödlichen Konsequenzen.
Anne Bezzels Roman „Wenn ich Dich je vergesse …“ beschreibt die Ereignisse aus Sicht dreier junger Erwachsenen: Jakob und Naomi, Sohn und Tochter des jüdischen Schlachters in Erfurt, und dem gehbehinderten Merten, Sohn eines der christlichen Schlachter. Die drei Freunde müssen erleben, wie die Angst vor der Pest und bösartig gestreute Gerüchte eine fatale Dynamik entfalten. Merten wird sogar Zeuge, wie in seiner eigenen Familie Menschen zu Mörder werden. Und der Rat, der eigentlich Gesetz und Ordnung in der Stadt sichern sollte, schaut den Verbrechen tatenlos zu. Merten, der ein großes Talent für das Zeichnen und Malen hat, kann seine Freunde nicht beschützen, aber am Ende findet er einen Weg, im Rahmen seiner Möglichkeiten der Gerechtigkeit ein kleines Stück weit Geltung zu verschaffen.
Anne Bezzels Roman ist unbedingt lesenswert. Die Autorin gelingt es, das mittelalterliche Leben in Erfurt und die tragische Entwicklung der Ereignisse plastisch darzustellen. Dabei beruht der Plot auf sorgfältigen Recherchen unter anderem in den Erfurter Stadtarchiven, in dessen dort aufbewahrten Dokumenten der Gerichtsprozess gegen die Mörder nach den Pogromen dokumentiert wurde. Viele der Romanfiguren sind daher Erfurter Bürger, die wirklich gelebt haben. Die Hauptschuldigen an den Morden wurden jedoch – wie so oft – am Ende nicht verurteilt.
In ihrem Nachwort gibt Anne Bezzel der Frage der Realität bzw. Fiktionalität der Figuren und Handlung ausreichend Raum. Karten von Erfurt und seiner Umgebung unterstützen den Lesefluss, schnell wird der Leser in die Geschichte hineingesogen. Dabei erfährt man interessante Details, sowohl zu städtebaulichen Aspekten des mittelalterlichen Erfurts als auch zu speziellen Themen wie der mühevollen Farbherstellung aus pflanzlichen und tierischen Stoffen und der Buchmalerei im Allgemeinen.
Eine besondere Stärke von Anna Bezzels Roman ist das Eintauchen in die religiösen Aspekte des Judentums und Christentum. So wird eine jüdische Hochzeit als Motiv des Lebens liebevoll dargestellt. Die vielen und ausführlichen religiösen Zitate – Segenssprüche wie auch Bibeltexte – und eine detaillierte Beschreibung von insbesondere jüdischen Bräuchen lassen die Wärme und Tiefe, die mit einem religiösen Leben einhergehen können, fühlbar werden. Auf christlicher Seite sind es insbesondere Zitate des Mystikers Meister Eckhart, der lange Zeit in Erfurt gewirkt hat und gut zwanzig Jahre vor den Ereignissen während eines Inquisitionsprozesses gestorben ist, die einer humanistischen Stimme Geltung verschaffen. Gegenüber der zerstörerischen Kraft des Mobs, der auf Basis des etablierten christlichen Antijudaismus durch einige Rädelsführer aufgestachelt wurde, konnten sich Eckharts Gedanken jedoch nicht durchsetzen.
Anne Bezzel hat mit „Wenn ich Dich je vergesse …“ einen ganz besonderen Roman verfasst, der sich dem Thema des Judenhasses im Allgemeinen und den Pestpogromen in Erfurt im Besonderen mit der gebotenen geschichtlichen Ernsthaftigkeit und Genauigkeit nähert. Mit ihren lebendigen Figuren und einem glaubwürdigen Plot, der der Dynamik der Ereignisse gerecht wird, hat Anne Bezzel zudem ein mitreißendes Leseerlebnis geschaffen.




