Dieses Buch habe ich mir als Bookblinddate im Thalia zum Welttag des Buches gekauft. Der Verkäufer hat gesehen, was er mir da verkauft, ich habe nur die Tropes: Literatur, Biografisch, Frankreich, Zivilcourage, Zweiter Weltkrieg, Eine beeindruckende Frau und Besonders auf der Verpackung gesehen. Der Verkäufer hat mir noch gesagt, dass es etwas besonders ist und bestimmt nicht jedem zusagt. Als ich es dann ausgepackt habe, war ich auch etwas überrascht, denn ich hatte das Buch vorher noch nie gesehen. Dennoch wollte ich ihm eine Chance geben und habe es nicht bereut. Im Jahr 2020 hat dieses Buch auch den Deutschen Buchpreis erhalten und nach der Lektüre kann ich es durchaus nachvollziehen.
Anne Weber schreibt in Epos Form die Geschichte von Anne Beaumanoir, eine Kämpferin der Résistance, die Juden versteckt hat und auch im späteren Algerienkrieg hat sie sich im Untergrund für Menschenrechte eingesetzt. Ein Epos zu lesen war für mich tatsächlich sehr ungewohnt. (Ich habe erst im Nachhinein recherchiert was ein Epos ist. Google KI hat mir dazu folgendes ausgespuckt: „Ein Epos ist eine epische Dichtung, eine lange Erzählung in Versform, die oft von Heldentaten, Göttern und Mythen handelt.“) Diese nahezu gedichteten Verse, aber auch nicht wirklich gedichtet, fand ich anfangs irritierend. Als ich besser mit der Schreibweise klar kam, hatte mich diese Heldinnengeschichte auf wahren Begebenheiten absolut gepackt. Faszinierend wie Anne Beaumanoir für ihre Überzeugung und moralische Vorstellung eingetreten ist, dabei ihre Familie und Kinder zurück lassen musste und dennoch weiter gekämpft hat. Eine beeindruckende Heldin, die sehr schön von Anne Weber dargestellt wurde.
Wer sich auf einen anderen Schreibstil und somit auf dieses Epos einlassen kann, gewinnt auf jeden Fall dazu. Eine absolute Leseempfehlung.
Wortgewaltig, stark und vor allem eine beeindruckende, starke Frau, die für ihre Überzeugungen gekämpft hat bis zum Schluss.
Zitate:
„'Wenn man mit sechzehn keine starken
Überzeugungen hat' (Zitat Annette), 'hat man
gute Chancen, nie welche zu haben' (Zitat
Nichtannette). Vor Toten und Terror und was
aus Revolutionen gewöhnlich sonst noch so wird,
verschließt man die Augen 'man hofft und
rennt los' (in der Überstürzung: Zitanette),
und zwar auf einen Ort zu, den es gar nicht gibt
und auch nie geben wird, den Ort, wo
Frieden, Freiheit und Brüderlichkeit nicht
herrschen, sondern eher...walten? Paris
heißt ein solcher Ort eher nicht, doch dies
ist ausgerechnet die Stadt, wo die
Losrennende jetzt landet und bald tätig wird.“ S.27
„[...] Auch sie wird sterben. Doch schließt
die menschliche Bedingtheit im besten Fall die Freiheit ein,
selbst zu bestimmen, wann und vielleicht auch
wofür man stirbt. Sie will sterben wie es ihr behagt.“ S. 81
„[...] Reden, debattieren, ja,
okay, aber für sie ist Politik ein Machen. Das trifft
sich gut: Denken ist Männersache. Immer noch. Da
kann man noch so Ärztin sein und einen
Doktortitel haben – wenn so ein Treffen ist mit
anderen Dissidenten, sitzen die Männer da und
diskutieren ohne Ende, während die Frauen
nebenan schon längst Tausende Flugblätter gefaltet
und die Umschläge beschriftet haben. [...]“ S. 93
„[...] Annette macht gar nichts
außer warten, grübeln, all ihr Tun und auch
ihr Lassen dieser letzten Jahre noch einmal und
noch einmal und noch einmal sich den
Kopf und, schweren Steinen gleich, auch
durch den Brustkorb rollen lassen.“ S. 197