Es ist Sommer 2017 als die junge Referendarin Franka mit ihrer Klasse die NSU-Prozesse in München besucht. Ein Schüler bezeichnet die Angeklagte Beate Zschäpe als „Nazi-Schlampe“, was bei Franka absolute Panik auslöst. Sie flüchtet aus dem Gerichtssaal und aus ihrem derzeitigen Leben. Sie reist in Ihr Heimatdorf in das fränkische Karpfenland (wo auch die Autorin aufgewachsen ist) und in ihre Vergangenheit.
Aufgewachsen in schwierigen familiären Verhältnissen fühlt sie sich seit ihrer frühen Jugendzeit gemobbt und ausgegrenzt. Mit ihrer Familie kann sie nicht darüber sprechen. Sie findet Freunde, die der rechten Szene angehören und erlebt dort Halt und das lang ersehnte Zugehörigkeitsgefühl. Franka rutscht immer tiefer in die braune Gruppe. Wie weit wird sie gehen? Und wie kommt sie da wieder raus?
Ich hatte leider meine Schwierigkeiten mit diesem Roman. Ich kann gar nicht wirklich sagen warum, aber erst ab dem letzte Drittel kam die Geschichte an mich ran. Nicht desto trotz ist es ein höchst aktuelles Thema, dessen sich die Autorin hier annimmt und ich wünsche ihr und ihrem Debütroman viele Leser und Leserinnen.
Annegret Liepold
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Unter Grund
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Annegret Liepolds Unter Grund hat mich besonders berührt, weil der Roman zeigt, wie leise und unspektakulär Radikalisierung beginnen kann. Die 256 Seiten entfalten eine Geschichte, die nicht auf Schockeffekte setzt, sondern auf leise Verschiebungen im Denken und Fühlen der Figuren. Gerade deshalb wirkt sie so eindringlich.
Im Mittelpunkt steht Franziska („Franka“) Fuchsberger, deren Lebensweg exemplarisch zeigt, wie man in Situationen gerät, die man niemals bewusst gewählt hat. Doch Liepold führt ihre Leserinnen und Leser unglaublich klug und sensibel an diese Materie heran: Sie verurteilt nicht, sie belehrt nicht – sie öffnet Türen und zeigt, wie sehr Verführung und Verführtwerden in der rechten Szene miteinander verwoben sind. Wie zwei kommunizierende Röhren beeinflussen sie sich gegenseitig: Das Anlocken durch Gemeinschaft, Stärke oder einfache Antworten auf der einen Seite, das Hineingleiten aus Unsicherheit, Verletzlichkeit oder Sehnsucht nach Zugehörigkeit auf der anderen.
Dieser Blick ohne Polemik, aber mit klarer Haltung, hat mir besonders gefallen.
Die Autorin nutzt Zeiten- und Perspektivwechsel, um zu zeigen, wie Frankas Kindheit im Dorf, das Schweigen der Elterngeneration und ihre späteren Erfahrungen als junge Frau zusammenhängen. Diese Sprünge wirken nie abrupt – im Gegenteil: Sie machen sichtbar, wie Vergangenheit und Gegenwart sich gegenseitig erhellen. Der einfach gehaltene Schreibstil verstärkt diesen Effekt, weil er die Figuren nahbar, ihre Entscheidungen nachvollziehbar und ihre Irrwege erschreckend real erscheinen lässt.
Was mich beim Lesen besonders beschäftigte, ist der Gedanke, dass Menschen, die in solche Kreise geraten, nicht einfach „verloren“ sind. Der Roman macht deutlich: Wir müssen den von der rechten Szene Verführten den Weg zurück ebnen. Liepold zeigt durch Frankas Geschichte, dass Ausstiegswege möglich sind – aber nur, wenn wir verstehen, wie die Dynamiken funktionieren, die in diese Szenen hineinziehen.
Unter Grund ist für mich kein politischer Roman im klassischen Sinn, sondern ein zutiefst menschlicher. Er macht sichtbar, was viele lieber nicht sehen wollen, und tut dies mit einer Feinfühligkeit, die lange nachwirkt. Ein Buch, das hilft zu verstehen – und das damit vielleicht auch hilft, Brücken zu bauen.
Gerade in aktuellen Zeiten, in denen eine starke Hinwendung zum Rechtsextremismus spürbar und in den Wahlergebnissen sichtbar ist, sind Bücher wie "Unter Grund" besonders wichtig. Insbesondere um zu verstehen, was in (jungen) Menschen vorgeht, was sie dazu bewegt oder bewegen kann, sich politisch rechten Gruppierungen anzuschließen.
In dem Roman von Annegret Liepold werden wir mit Frankas Gegenwart, aber insbesondere auch ihrer Vergangenheit konfrontiert. Eingebettet in den laufenden NSU-Prozess, den sie als Lehrerin mit ihrer Schulklasse besucht, lässt sie ihre eigene Jugend und auch Familiengeschichte Revue passieren. Aufgrund von Orientierungslosigkeit und Frust ist Franka, anfangs eher unfreiwillig, in die rechte, gewalttätige Szene gerutscht, wurde dort aufgefangen und mitgezogen.
Ich fand "Unter Grund" gut, habe aber ein wenig gebraucht, um in die Geschichte reinzufinden. Erst ab dem zweiten Drittel ging die eigentliche Thematik erst richtig los. Besonders die Aktualität dieses Buches ist bedeutend und zeigt auf, wie leicht es ist, Menschen zu beeinflussen. Menschen, die nach Zugehörigkeit suchen, einsam, unsicher oder orientierungslos sind.
Meiner Meinung nach bietet der Roman eine wunderbare Grundlage für einen Austausch über politische Radikalisierung. Lektüre-Empfehlung für Schulen? Wäre doch eine gute Idee.
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