Deutsches Haus

von Annette Hess 
4,6 Sterne bei62 Bewertungen
Deutsches Haus
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (57):
Rebecca1120s avatar

stimmt nachdenklich, wunderbarunterhaltsam

Kritisch (1):
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Von anne b. Ich habe das Buch gestern abend innerhalb von 2 Stunden durchgelesen. Man fand gut in das Buch hinein. Der Schreibstil war auch

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Inhaltsangabe zu "Deutsches Haus"

Von der Erfinderin der TV-Serien Weissensee und Ku'damm 56 / 59

Ein Prozess, der Deutschland veränderte, und auch das Leben einer jungen Frau

Der erste Auschwitz-Prozess findet von 1963 bis 1965 in Frankfurt a.M. statt. Generalstaatsanwalt Fritz Bauer will die deutsche Öffentlichkeit aufrütteln, die SS-Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen und die Opfer zu Wort kommen lassen. Die junge Eva Bruhns wird als Dolmetscherin zu den Zeugenbefragungen hinzugezogen. Ihre Eltern, Wirte im Gasthof Deutsches Haus, sind gegen diese Anstellung. Das Thema sei nichts für eine junge Frau. Doch Eva widersetzt sich der Haltung ihrer Eltern, die Aussagen der Opfer schockieren sie. Und plötzlich muss sich Eva ganz persönliche Fragen stellen. Warum erzählen ihre Eltern nie von ihrer Zeit in Polen? Und warum interessiert sich ihr Verlobter Jürgen nicht für die Vergangenheit?

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783550050244
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:368 Seiten
Verlag:Ullstein Buchverlage
Erscheinungsdatum:21.09.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 21.09.2018 bei Hörbuch Hamburg erschienen.

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    anushkas avatar
    anushkavor 9 Stunden
    "Die Deutschen wollen getröstet werden"

    Frankfurt, 1963: Eva ist gelernte Dolmetscherin für Polnisch und unterstützt ihre Eltern in deren Wirtshaus "Deutsches Haus". Sehnsüchtig wartet sie auf einen Heiratsantrags ihres wohlhabenden Freundes, ein Unternehmersohn. Doch dann wird sie eines Tages für einen Auftrag abgeholt, für den sie gar nicht ausgebildet ist. Sie soll für den Generalstaatsanwalt die Zeugenaussage eines Mannes übersetzen, der über Kriegsverbrechen berichtet. Trotz ihres Schocks und ihrer Verwirrung nimmt sie entgegen dem Wunsch ihrer Familie und ihres Freundes den Auftrag an, während des ersten Auschwitz-Prozesses die Zeugenaussagen zu übersetzen. Von ursprünglichem Unglauben über tiefe Erschütterung muss sich Eva schließlich auch der Schuldfrage stellen. Was wussten die Menschen, nicht zuletzt ihre Eltern?

    Dieses Buch hat mich sehr gefesselt. Es ist nicht so sehr ein Spannungsbogen gewesen, obwohl es den auch in irgendeiner Form gab, während sich die Familiengeschichte von Eva entfaltet und sie ihre Beziehung riskiert, weil sie sich gegen die gesellschaftliche Strömung stellt, die Verbrechen der Nationalsozialisten einfach zur verdrängen. Es sind auch nicht die geschilderten Taten der Nazis, denn die sind zur Genüge bekannt. Die Spannung stammt vielmehr aus dem langsamen Realisieren Evas und ihrer Nähe zu den Ereignissen, da sie noch während der Nazizeit geboren ist und sich für sie die Schuldfrage direkt und unmittelbar stellt. Während sie erschrocken den Erlebnissen der Zeugen zuhört und extrem nah dran ist, weil sie sie übersetzen soll, muss sie feststellen, dass ihr Umfeld nichts davon wissen will, und zwar mit vollem Vorsatz. Weil es ja doch nichts bringen würde, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Und gleichzeitig haben ehemalige Nazis immer noch wichtige Positionen inne und die Hauptangeklagten spazieren jeden Verhandlungstag wieder frei aus dem Gerichtsgebäude. Es ist die emotionale Ebene, die mich besonders gepackt hat.
    Der Schreibstil ist gradlinig und verstellt so nicht den Blick auf die Geschichte. Er erlaubt ein schnelles Vorankommen, ist aber nicht oberflächlich. Das einzige, was mich ein wenig gestört hat, war das Ende. Das hing leider nicht mehr so stringent zusammen, wie der Großteil des Buches, sondern wirkte ein wenig, als würde die Geschichte auseinander fasern. Stilistisch passte das jedoch irgendwie zum Ende dieser Geschichte, einem letztlich trotz kleiner Kritik großartigem und wichtigem Buch, das so perfekt zur aktuellen Zeit passt.

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    E
    echidnavor 13 Stunden
    Ein wichtiges Thema

    Eva Bruhns lebt noch zusammen mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in einer Wohnung über dem Familienbetrieb "Deutsches Haus". Sie ist Dolmetscherin für Polnisch und wird mehr durch Zufall aufgrund eines kurzfristigen Personalausfalls als Übersetzerin im Auschwitz Prozess angeheuert.


    Eva ist tief erschüttert über die Zeugenaussagen, die sie zu hören bekommt. Obwohl sie den Krieg als Kind schon miterlebt hat, hatte sie anscheinend keine Ahnung, was wirklich in den Vernichtungslagern passiert ist. Wie auch? Denn ihre Eltern hüllen sich in Schweigen und Verleugnung.


    Eva macht im Laufe des Buches einen Reifeprozess durch. Sie wird unabhängiger, stärker und bricht schließlich mit ihren Eltern, als sie ihre eigenen Nachforschungen anstellt. Dies macht sie als Charakter tiefschichtiger und sympathisch.


    Ich fand es sehr interessant, durch Evas Augen den Prozess mit zu verfolgen. Gerne hätte dieses Thema noch ausführlicher behandelt werden können. Anstelle z.B. des Nebenplots um Evas Schwester, der irgendwie außen vor wirkt und nicht wirklich in die Geschichte hinein passt, hätte die Autorin noch tiefer in das Thema eindringen können, denn so bleibt es in meinen Augen etwas oberflächlich.


    Dennoch finde ich das Buch sehr lesenswert, denn es greift ein Thema auf, das beim Thema Holocaust oft zu kurz kommt: die Verfolgung der Täter und die Art und Weise, wie die Gesellschaft zur damaligen Zeit damit umgegangen ist. Durch den flüssigen Schreibstil lässt sich das Buch auch trotz des schweren Themas gut lesen.


    Da ich mir ein wenig mehr Tiefe gewünscht hätte, ziehe ich einen Punkt ab und vergebe vier von fünf Punkten.


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    Rebecca1120s avatar
    Rebecca1120vor 14 Stunden
    Kurzmeinung: stimmt nachdenklich, wunderbarunterhaltsam
    stimmt nachdenklich, wunderbarunterhaltsam

    "Deutsches Haus" heißt das Speiselokal das Eva Bruhns Eltern, Edith und Ludwig betreiben. Die gesamte Familie, auch die beiden bereits erwachsenen Töchter, wohnen mit den Eltern im gleichen Haus. Während die Eltern die Gaststätte betreiben, verdient Eva ihren Lebensunterhalt als Dolmetscherin für Polnisch und ihre Schwester als Säuglingskrankenschwester. Eines Tages wird Eva zur Übersetzung einer Zeugenaussage ins Gerichtsgebäude gerufen und damit beginnt für sie der bisher schwerste Auftrag ihres Lebens...

    Eva kam mir anfangs noch sehr naiv und altbacken vor. War sie doch bei der ersten Zeugenaussage kaum in der Lage die Worte des Zeugen korrekt ins Deutsche zu übersetzen. Aber je länger sie sich dieser Aufgabe stellt, umso mehr ist sie ihr gerecht geworden. Auch wenn sie damit manchmal bis an ihre Grenzen geht. Die innere Zerrissenheit von Eva hat die Autorin sehr gut in Worte gefasst. Es gibt Stellen im Buch, die mich stark beeindruckt haben. Z.B. im Zusammenhang mit der Schilderung der Verzweiflung, der Mutlosigkeit der KZ-Häftlinge, die eigentlich bereits mit dem Leben abgeschlossen haben. Das hat mich stark berührt.

    Dabei setzt sich das Buch nicht nur mit den Gräueltaten der Nazi-Diktatur auseinander. Nein, es spiegelt auch die menschliche Schwäche der Verdrängung wunderbar wider. Der Buchtitel ist doppeldeutig und somit sehr treffend gewählt

    Amüsiert habe ich mich über die im Buch erscheinenden Familiennamen, die zum Teil schon sehr kurios klangen.

    Das Buch empfand ich als rundum gelungen, unterhaltsam und nachdenklich stimmend. Es wird der damaligen Zeit gerecht. Auch die Rechtlosigkeit von Ehefrauen ist darin wiederzufinden. Von mir gibt's wohlverdiente 5 Lese-Sterne und eine 100%ige Leseempfehlung.


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    Goch9s avatar
    Goch9vor 2 Tagen
    Wichtige Lektüre

              Eva Bruhns, eine junge Dolmetscherin, erhält den Auftrag im ersten Auschwitz-Prozess für einen polnischen Kollegen einzuspringen. Sie soll die Zeugenaussagen der polnisch sprechenden Opfer und Überlebenden übersetzen.
    Eva, die noch bei ihren Eltern lebt, erfährt von ihrem Umfeld, ihren Eltern, ihrer älteren Schwester und ihrem Verlobter, nur Widerspruch. Auf keinen Fall soll sie diesen Auftrag annehmen. Eva setzt sich durch.
    Vollkommen unvorbereitet erfährt sie von den furchtbaren Leidenswegen der Opfer, der maßlosen Verleugnung der Täter, die ganz ohne Reue und Gefühlen alles von sich weisen.
    Aber Evas Weg geht noch viel weiter...........


    Ich bin dankbar, dass ich diesen Roman lesen durfte.
    Das Cover ist so unscheinbar, dass ich das Buch in der Buchhandlung sicher übersehen hätte. Auch der Titel „Deutsches Haus“ erinnert mich eher an das Deutsche Haus, während der Olympischen Spiele, in dem sich die deutschen Sportler treffen.

    Der Inhalt dieses Buches hat mich sehr beeindruckt. 1956 geboren, habe ich nicht viel von den Prozessen mitbekommen, außer später im Geschichtsunterricht, in dem sie aber auch nur kurz behandelt wurden.

    Dieser Roman hat mich als Leser hautnah ins Geschehen gebracht. Sowie Eva sich Tag für Tag und Stück für Stück dem Thema und vor allem den Opfern nähert, so nähern auch wir Leser uns. Wenn unfassbare, einzelne Ereignisse von Opfern erzählt, beschrieben und dem einzelnen Tätern zugeordnet werden, dann sind sie glaubwürdig und real. Im Laufe des Prozesses wird deutlich, dass es keine einzelnen Opfer sind, sondern Hunderttausende und mehr gequält, gefoltert und getötet wurden. Das lässt mich auch nach über siebzig Jahren nicht unberührt.

    Auch Eva muss feststellen, dass wir Deutschen nichts wiedergutmachen können.

    Mit dem Wissen und dem Bewusstsein, was damals in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern passiert ist, müssen wir einen Weg finden, unser Leben weiter zu leben.

    Danke Annette Hess

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    gagamauss avatar
    gagamausvor 2 Tagen
    deutsche Geschichte

    1963 in Frankfurt. Eva ist Anfang 20 und Dolmetscherin. Mehr zufällig wird sie als solche für Polnische Häftlinge des ehemaligen Lagers in Ausschwitz engagiert und erfährt hautnah Stück für Stück in einem Prozess, was damals wirklich passiert ist. Die Aufarbeitung des Grauens, die erst fast 20 Jahre nach Kriegsende in Deutschland beginnt, wird durch Eva und ihre Familie beschrieben. Die Eltern, die mehr oder weniger nichts davon wissen wollen, und Eva, die fassungslos ist aber versteht, dass man Wissen der erste Schritt zur Aufarbeitung ist.

    Die Autorin hat bereits einige hervorragende Drehbücher abgeliefert. Ihr erster Roman besticht nicht unbedingt durch eine sehr ausgefeilte Sprache. Das Buch liest sich leicht weg. Aber der Inhalt ist sehr spannend und sehr authentisch und die Geschichte ist eine, die man nicht oft genug erzählen kann.

    Es gibt den Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“, der sich mit diesem Gerichtsprozess bereits sehr intensiv auseinandersetzt. Ich hatte also schon Hintergrundwissen. Dennoch hat mich wieder erschreckt, wie zögerlich die Deutschen und die Gerichte an die Wahrheit von Ausschwitz herangingen und wie viele Widerstände es in der Gesellschaft gab, bis alles ans Licht kam. Ja sogar die Alliierten waren dafür, vieles Totzuschweigen.

    Ein tolles Buch. Deutsche Geschichte, ehrlich erzählt. Eine dicke Leseempfehlung von mir.

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    N
    nati51vor 3 Tagen
    Den Zeugen eine Stimme geben

    Frankfurt 1963 Eva Bruhns lebt gemeinsam mit ihrer Familie in Frankfurt, wo ihre Eltern die Gaststätte „Deutsches Haus“ bewirtschaften. Eva ist gelernte Dolmetscherin. Überraschend erhält sie am Adventssonntag einen neuen Auftrag, da der vorgesehene Dolmetscher keine Ausreise erhalten hat. Sie soll bei einem Prozess gegen ehemalige Kriegsverbrecher, die alle im Lager Auschwitz gedient hatten, die Zeugenaussagen übersetzen. Als sie ihren Eltern und ihrem Verlobten Jürgen davon erzählt, stößt sie auf Widerstand. Doch je mehr sich ihre Familie und Jürgen dagegen ausspricht, desto stärker ist ihr Wille bei dem Prozess zu dolmetschen. Ihr Wunsch ist es, den Zeugen eine Stimme zu geben.

    Die Autorin Annette Hess hat ein bewegendes Buch geschrieben, gekonnt hat sie Fiktion und Fakten verwoben, teilweise durch Originalzitate und Aussagen untermauert. Neben den traumatischen Erlebnissen der Zeugen, die schilderten wie Auschwitz gewesen ist, entstand auch ein gut gezeichnetes Bild der Deutschen während der 60er Jahre. Über die Hälfte der Deutschen war damals gegen die Kriegsverbrecherprozesse. Sie wollten verdrängen und nicht mehr erinnert werden an ihre Erlebnisse während der Kriegszeit, egal ob sie Opfer, Täter oder Mitläufer waren.

    Ein lesenswertes Buch, welches zum Nachdenken anregt.

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    lizlemons avatar
    lizlemonvor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Faszinierendes und aktuell relevantes Portrait der komplexen Nachkriegszeit in Deutschland
    Faszinierendes Portrait der komplexen Nachkriegszeit in Deutschland

    Hinter dem eher unscheinbaren Titel und Cover verbirgt sich ein Roman von großer Ausdruckskraft. Nach einer halb durchgelesenen Nacht habe ich „Deutsches Haus“ gezwungenermaßen aus der Hand gelegt, aber es am nächsten Tag gleich ausgelesen. Die Geschichte scheint nur so aus der Autorin herauszufließen, ohne dass sie dabei den moralischen Zeigefinger allzu deutlich erhebt. Zwar gehe ich den Roman als Leser mit einem großen Wissen rund um die Shoah und seine schleppende Aufklärung an, trotzdem gelingt es Annette Hess, das Grauen ohne übertriebene Dramatik schrittweise lebendig werden zu lassen. In Zeiten, in denen das Verharmlosen des Holocausts im rechten politischen Bereich immer gängiger wird ("Vogelschiss"), ist diese Geschichte trotz ihres historischen Charakters hochaktuell und enorm wichtig.

    Die Wirtsfamilie Bruhns scheint in den 1960er Jahren ein ganz durchschnittliches bürgerliches Leben zu führen. Sie versucht ihren Lebensunterhalt mit ihrem Restaurant zu verdienen, kämpft mit alltäglichen Problemen und verdrängt die Vergangenheit. Als Tochter Eva, die als Dolmetscherin für Polnisch arbeitet, beim ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess übersetzen soll, bricht die scheinbare Idylle zusammen. Wie ein Großteil der Deutschen in der damaligen Zeit will Familie Bruhns nichts von dem Prozess wissen und versucht Eva davon zu überzeugen, den Job nicht anzunehmen. Die tut es trotzdem – und erwacht schockiert aus ihrer naiven Unwissenheit. Während des Prozesses, der die Geschehnisse im Vernichtungslager Auschwitz aufrollt, wird sie mit Tätern und Opfern und Mitläufern und unverständlicher Grausamkeit konfrontiert. Die Familie Bruhns wird hier als Mikrokosmos dargestellt, der symbolisch die wichtigsten und widersprüchlichsten Ansichten der Zeit vertritt. Es geht um Schuld und Scham, Mittäterschaft und Drang zum Verschweigen sowie um die Grenzen zwischen dem Ausführen von Befehlen und einem Verbrechen. Manche Stellen sind schwer zu ertragen, denn der Roman zeigt eindrucksvoll, wie der Holocaust auch 20 Jahre später noch Leben zerstörte. Besonders nachhaltig wirkt hier das Schicksal des Juden Otto Cohn. Einzig die Geschichte um Evas ältere Schwester fand ich überflüssig. Da kommt die Serien-Autorin durch, die auch für Nebenfiguren interessante B-Storylines schaffen möchte. Auch wenn dieser Handlungsstrang nichts Wichtiges zur Handlung beiträgt, schadet er ihr jedoch auch nicht. Am Ende hinterließ der Roman einen tiefen Eindruck bei mir.

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    Sigismunds avatar
    Sigismundvor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Historisch interessant, zugleich eine Warnung
    Historisch interessant, zugleich eine Warnung

    Nach ihren erfolgreichen TV-Serien „Weissensee“ und „Kuhdamm 56/59“ hat es Grimme-Preisträgerin Annette Hess (51) nun auch mit ihrem ersten Roman „Deutsches Haus“, erschienen im September beim Ullstein-Verlag, dank meisterhafter Erzählkunst wieder geschafft, nicht nur die Stimmung der Sechziger Jahre in der noch jungen Bundesrepublik anschaulich wiederzugeben, sondern vor allem den Nachgeborenen die besondere Problematik jener Dekade sowie die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung zwischen den Generationen verständlich zu machen.
    In Frankfurt wird 1963 der erste Auschwitz-Prozess unter Leitung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (1903-1968) vorbereitet. Unerwartet wird die junge Dolmetscherin Eva, Tochter der Wirtsleute Bruhns, von der Staatsanwaltschaft zur Übersetzung der Aussagen polnischer Zeugen angefordert. Sowohl ihre im Nazi-Regime verstrickten Eltern, heute Inhaber der gutgehenden Wirtschaft „Deutsches Haus“, als auch ihr streng konservativer Verlobter, künftiger Erbe eines großen Versandhandels, sind strikt dagegen. Doch Eva widersetzt sich und nimmt den Auftrag an. Im Laufe des Prozesses erfährt die junge Frau, die als unschuldiges Kleinkind die Kriegsjahre erlebt hat, zum ersten Mal vom KZ Auschwitz und vom Holocaust. Sie ahnt nicht die Folgen dieses und nachfolgender Prozesse für die westdeutsche Bevölkerung und ihr eigenes Leben. Am Ende bricht sie mit ihrem Elternhaus und löst die Verlobung.
    Im Roman geht es um die Auseinandersetzung zwischen der damals über die Kriegsgräuel schweigende Elterngeneration und die kritisch nachfragende Generation ihrer Kinder. Auch im „Deutschen Haus“ haben Evas Eltern die Kriegsjahre verdrängt, wollen vom Auschwitz-Prozess nichts wissen, sondern widmen sich ausschließlich ihrer vielversprechenden Zukunft im deutschen Wirtschaftswunder. Annette Hess beschreibt dies treffend in einem Satz: „Nicht sprechen. Nicht bewegen. Die Luft anhalten, bis es vorübergeht. Und niemand wird zu Schaden kommen.“
    Überhaupt ist es der Autorin hervorragend gelungen, die Stimmung in der industriell und wirtschaftlich wieder aus Trümmern erstarkenden Bundesrepublik in jener Zeit zu beschreiben: Die Öffentlichkeit hält den Prozess mehrheitlich für Verschwendung von Steuergeld; Mitläufer des Nazi-Regimes wie Evas Eltern beschwören, nichts von Gräueltaten gewusst zu haben und sogar die Angeklagten streiten alles ab. Statt in Untersuchungshaft zu sitzen, gehen sie an verhandlungsfreien Tagen ihrem Beruf nach. Bei deren Ankunft im Gerichtsgebäude nehmen die Saaldiener zur Begrüßung militärische Haltung ein. Fast scheint es außerhalb des Gerichtsaals, als hätten nicht die Angeklagten sich vor Gericht zu verantworten, sondern die dem Holocaust entkommenen Zeugen.
    Annette Hess lässt in ihrem Roman alle Seiten zu Wort kommen. So verteidigt sich Evas Mutter vor ihrer Tochter: „Wir sind keine Helden. Man hat früher nicht aufbegehrt, das kann man mit der heutigen Zeit nicht vergleichen.“ Und Eva hält dem damals beliebten Argument, „die anderen“ seien doch für alles verantwortlich, verzweifelt entgegen: „Ihr wart ein Tel des Ganzen. Ihr wart auch die! Ihr habt nicht gemordet, aber ihr habt es zugelassen.“
    Der Roman „Deutsches Haus“ ist locker geschrieben, mag vordergründig als leicht lesbarer historischer Roman erscheinen. Doch in heutiger Zeit des wieder erstarkenden Rechtsradikalismus' ist er eine deutliche Warnung. Auf die ängstliche Frage ihres kleinen Bruders, was Vati und Mutti denn gemacht hätten, antwortet Eva nur: „Nichts.“

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    heidi_59s avatar
    heidi_59vor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Eine authentische Geschichte, die ohne ins Detail zu gehen, eine großartige Geschichte erzählt die unter die Haut geht und betroffen macht ♡
    "Wer ohne Schuld ist , der werfe den ersten Stein"



    Deutsches Haus 

    Annette Hess      







    Die Menschen in Deutschland erholen sich so langsam von den Auswirkungen des zweiten Weltkriegs. Die Konjunktur boomt ,es geht voran . Was gewesen ist , soll vorbei und vergessen sein . Die Bevölkerung hat wieder Freude am Leben und blickt voller Zuversicht in eine rosige Zukunft .
    Und genau zu der Zeit , in der fast alle das Kapitel des Zweiten Weltkrieges am liebsten aus den Ereignissen des Weltgeschehen löschen möchten , beginnt in Frankfurt a.M.  von 1963 bis 1965 , nach langer Vorbereitung der erste Auschwitz Prozess .
    Generalstaatsanwalt Fritz Bauer will die deutsche Öffentlichkeit aufrütteln, die SS-Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen und die Opfer zu Wort kommen lassen.
    Ein Aufstöhnen geht durch alle Gesellschaftsschichten . Hatte man doch gerade erst begonnen die schrecklichen Ereignisse und die dazugehörigen Bilder zu verdrängen und zu vergessen .
    Eva Bruhns, Tochter der Wirtsleute Edith und Ludwig Bruhns , ist   gelernte Dolmetscherin für . Sie arbeitet in einer Kanzlei  und übersetzt Verträge  für Wirtschaftsrecht vom Polnischen ins Deutsche.
    Eines Abends wird sie  als Dolmetscherin  zur Zeugenbefragung bestellt. Dumm nur , das ihr zukünftiger Verlobter Jürgen, zur gleichen Zeit seinen ersten Besuch bei Evas Eltern hat. Eigentlich war geplant das er um Evas Hand anhält .
    Ihre Eltern, Wirte im Gasthof Deutsches Haus, sind gegen diese  neue Anstellung bei Gericht . Das Thema sei nichts für eine junge Frau. Lass doch die Vergangenheit ruhen Kind . Doch Eva hat ihren eigenen Kopf und widersetzt sich der Haltung ihrer Eltern. Die Aussagen der Opfer schockieren sie mehr , als gedacht und plötzlich kommen so nach und nach einige Erinnerungen in Eva hoch , die sie vor eine große Entscheidung stellen .

    “Ein Prozess, der Deutschland veränderte, aber auch das Leben einer jungen Frau” .

    Von der Autorin Annette Hess kenne und liebe ich die Fernsehserie “Weissensee”
    Auf ihr Roman Debüt “Deutsches Haus” habe ich schon Wochen vor seinem Erscheinen gewartet .
    Die Leseprobe auf der Verlagsseite war sehr vielversprechend und meine Vorfreude stieg dementsprechend.

    ***Zitat S. 84

    “Eva konnte jedes seiner Worte mühelos verstehen.
    Sie hörte zu.
    Sie versuchte zu begreifen , was der junge Richter vorlas.

    Da vorne links saßen also ein Exportkaufmann, ein Hauptkassierer bei der Kreissparkasse , zwei kaufmännische Angestellte, ein Diplom Ingenieur ,
    ein Kaufmann , ein Landwirt , ein Hausmeister , ein Heizer ,ein Krankenpfleger ,
    ein Arbeiter , ein Rentner , ein Facharzt für Frauenkrankheiten , zwei Zahnärzte, ein Apotheker, ein Tischler , ein Metzger , ein Kassenbote , ein Weber und ein Pianobauer .
    ein Kaufmann , ein Landwirt , ein Hausmeister , ein Heizer ,ein Krankenpfleger ,
    ein Arbeiter , ein Rentner , ein Facharzt für Frauenkrankheiten , zwei Zahnärzte, ein Apotheker, ein Tischler , ein Metzger , ein Kassenbote , ein Weber und ein Pianobauer .

    Diese Männer sollten für den Tod von Hunderttausenden von unschuldigen Menschen verantwortlich sein. “

    ~~~
     Ein toller atmosphärisch dichter Schreibstil bringt mich sofort hin zu Eva in ihre gutbürgerlichen Arbeiterfamilie, mit Gaststätte. Ein toller Erzählstil lässt die Anfänge der sechziger Jahre für mich lebendig werden . Eine Reise zurück , in das Zeitalter meiner Kindheit.
    Annette Hess versteht ihr Handwerk und schafft es mich innerhalb von ein paar Seiten ins Jahr 1963 abtauchen zu lassen .
    Voller Ehrfurcht und Andacht sitze ich neben Eva und lausche den Erzählungen der polnischen Überlebenden des Holocaust.
    Die Autorin lässt die Zeugen im Angesicht der Angeklagten noch einmal durch das Grauen der Erinnerungen gehen und doch erspart sie es ihnen , die schlimmsten Details erzählen zu müssen .
    Die Atmosphäre die sich beim Lesen einstellt ist fast spürbar und manchmal muss ich innehalten und darauf warten, das die Bilder in meinem Kopf ruhig sind .
    Eine authentische Erzählung , die ohne ins kleinste Detail zu gehen , eine großartige Geschichte erzählt , die unter die Haut geht , berührt und betroffen macht .
    Ein Roman der seine eigene Sicht der Geschichte erzählt , die zeigt das es nicht nur um Schuld und Vergebung geht  .   
    Annette Hess hat hier ganz wunderbar dargestellt , dass die Auswirkungen eines  zurückliegenden Krieges , auch nach einem Jahrzent noch für kollaterale Schäden innerhalb einer Familie verantwortlich sein kann . 
    Ein weiteres Highlight der Bücher, # gegen das Vergessen #. 
    Meine Erwartungen an das Buch wurden im großen und ganzen erfüllt , auch wenn ich Evas Entscheidungen zum Ende hin , nicht unbedingt verstanden habe.

    Sehr gerne vergebe für den wunderbaren Roman
    5 Sterne ☆☆☆☆☆
    und eine ganz klare Leseempfehlung .



    @heidi_59




    Ich bedanke mich ganz herzlich bei Vorablesen und dem Ullsteinverlag für das tolle Rezensionsexemplar



    Kommentare: 4
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    K
    Klassikfanvor 4 Tagen
    ein wichtiges Thema, das mir etwas zu oberflächlich behandelt wurde

    Wenn man viel liest, so wie ich, merkt man , dass sich die Themen auf dem Buchmarkt immer ein wenig ähneln. Ich habe in diesem Jahr schon einige zeitgeschichtliche Bücher gelesen und es fällt auf, dass diese Bücher weniger den 2. Eltkrieg zum Them ahben, sondern die Nachkriegszeit. Ob nun Wirtschaftswunderjahre, oder die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre oder wie in diesem Buch die sechsiger Jahre, die die Stellung der Frau in dieser zeit noch einmal beleuchten, aber auch, die etwas oberflächliche Aufarbeitung des Geschehenen, vor allem den Holocaust.

    Was mir gut an diesem Buch gefallen hat war die Atmosphäre , die hier in diesem Buch getroffen wurde, den Leuten geht es wieder besser, die Frauen benötigen,um arbeiten zu können, die Zustimmmung ihres Verlobten oder Ehemannes, Die Frauen sehen als Highlight ihres Lebens ihre Vermählung an, am besten mit einem vermögendem Mann Aber auch der Wille zum Vergessen ist deutlich spürbar. Alles was mit dem Krieg zu tun hat, will man vergessen, will nicht mehr drüber reden und als dann in Frankfurt die Gräuel der Naziherrschaft in einem Prozess wieder aufgerollt werden soll, stört dies das Wolkenkuckusheim , in dem es sich viele Leute bequem gemacht haben.

    Doch dieser Prozess , in dem die Protagonistin dieses Buches Eva Bruhns als Übersetzerin für Polnisch arbeitet , erwartet Antworten, doch keiner ist sich einer Schuld bewusst. Selbst die schlimmsten " Bestien " dieser Zeit, sehen sich nur als Befehlsempfänger, scheinen unter chronischer Amnesie zu leiden , was diese Zeit betrifft . Auf der anderen Seite fühlen sich Menschen wie Eva, die diesen Prozess als Dolmetscherin miterlebt, aber auch andere, verantwortlich für die Taten , die in Auschwitz oder anderswo geschahen. Und als Eva erfährt, dass auch in ihrer Verwandschaft das Vergessen im Vordergrund steht, fühlt sie sich verloren und allein gelassen.

    Diese Beschreibungen des Buches haben mir gut gefallen, allerdings fand ich und das ist mein einziger Kritikpunkt, dass der Prozess und seine Thematik ein wenig zu oberflächlich behandelt wurden, da hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht und so bleibt dieses Buch für mich gute Unterhaltungslektüre, obwohl es Potential für gute Litereatur hätte sein können.

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    Ein Prozess, der Deutschland veränderte, und auch das Leben einer jungen Frau

    Vorfreude! So freuen sich unsere Leser auf das Buch

    Larilunas avatar
    Larilunavor einem Monat
    Ich liiiiebe Ku'damm 56 und 59 – da kann ich mir den ersten Roman von Annette Hess nicht entgehen lassen.
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    Becky_Bloomwoods avatar
    Becky_Bloomwoodvor einem Monat
    Da ich die TV-Serien der Autorin geliebt habe und mir die Leseprobe sehr gefallen hat, bin ich neugierig auf ihr Romandebüt.
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    StefanieFreigerichts avatar
    StefanieFreigerichtvor einem Monat
    noch bin ich unsicher, ob das nicht zu viel Kitsch ist. Ich warte auf die ersten Rezis
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    K
    KatharinBvor einem Monat
    Ich bin begeistert von Weissensee und der Kudamm-Filmreihe. Dieser Roman von Anette Hess kann nur gut sein.
    Kommentare: 1
    heidi_59s avatar
    heidi_59vor 2 Monaten
    Die Leseprobe ist sehr vielversprechend und macht Lust auf den Roman ♡ Ich muss unbedingt weiterlesen ! Das ist genau mein Buch!
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    KerstinThs avatar
    KerstinThvor 2 Monaten
    Ich bin schon sehr neugierig
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