Annie Ernaux

 3.9 Sterne bei 35 Bewertungen
Autorin von Die Jahre, Erinnerung eines Mädchens und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Annie Ernaux

Annie Ernaux wurde 1940 in Lillebonne in der Normandie geboren. In ihrer Kindheit und Jugend lebte sie in sehr einfachen Verhältnissen mit ihrem Vater zusammen, der als Fabrikarbeiter und Cafébesitzer arbeitete. Sie studierte und wurde Studienrätin. Ihr Hauptwerk ist autobiografisch geprägt und erzählt in drei Bänden über ihre Mutter, ihren Vater und schließlich über sich selbst. Ernaux orientiert sich hierbei an einer soziologischen Sichtweise, besonders beeinflusst von Pierre Bourdieu.

Neue Bücher

Der Platz

 (2)
Neu erschienen am 10.03.2019 als Hardcover bei Suhrkamp.

Die Jahre

Erscheint am 17.06.2019 als Taschenbuch bei Suhrkamp.

Die Jahre

Neu erschienen am 31.01.2019 als Hörbuch bei Der Audio Verlag.

Alle Bücher von Annie Ernaux

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Die Jahre

Die Jahre

 (11)
Erschienen am 11.09.2017
Erinnerung eines Mädchens

Erinnerung eines Mädchens

 (7)
Erschienen am 02.10.2018
Sich verlieren

Sich verlieren

 (6)
Erschienen am 01.12.2004
Gesichter einer Frau

Gesichter einer Frau

 (3)
Erschienen am 10.04.2007
Der Platz

Der Platz

 (2)
Erschienen am 10.03.2019
Moderne französische Prosa

Moderne französische Prosa

 (1)
Erschienen am 01.01.1988
Eine vollkommene Leidenschaft

Eine vollkommene Leidenschaft

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Erschienen am 01.03.2004
Die Jahre

Die Jahre

 (0)
Erscheint am 17.06.2019

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Neue Rezensionen zu Annie Ernaux

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Rezension zu "Der Platz" von Annie Ernaux

Eine Art distanzierter Liebe
Buecherschmausvor 8 Tagen

Spät wurde sie hier bei uns in Deutschland entdeckt und so langsam wird ihr der gebührende Platz am Literarischen Himmel, den sie im Heimatland Frankreich schon lange einnimmt, auch hier eingeräumt: Annie Ernaux, Jahrgang 1940, ist seit ihrer 2017 auf Deutsch (mit neun Jahren Verspätung) erschienenen Autobiografie „Die Jahre“ auch hierzulande eine Bestsellerautorin, hochgelobt von der Kritik und geliebt von den Leser*innen. Ein wenig hat sicher der Erfolg von Autoren wie Édouard Louis und Didier Eribon, die beide Bewunderer Ernauxs sind, und auch der 2017 erfolgte Gastlandauftritt Frankreichs bei der Frankfurter Buchmesse beigetragen. Es ist zumindest sehr zu begrüßen, dass sich der Suhrkamp Verlag daraufhin zur (Wieder)Veröffentlichung älterer Werke (in hoffentlich noch größerer Zahl) entschlossen hat. Der Erfolg ihres neuesten Werks „Geschichte eines Mädchens“ im letzten Jahr wird das sicher unterstützen.

Nun also ein kleines, ein ausgesprochen feines Büchlein (95 Seiten), das bereits 1983 erschien und 1984 den angesehenen Prix Renaudot erhielt.

Auch „Der Platz“ ist ein autobiografisches Werk. Es reiht sich ein in die „kollektive Autobiografie“, die Ernauxs Programm ist. Nie geht es ihr allein um ihre Geschichte, ihre Erlebnisse, ihreEindrücke. Ähnlich wie Éribon und Louis in ihren besten Büchern erweitert sie das Autobiografische ins Soziokulturelle, macht am Persönlichen das Allgemeingültige sichtbar. Wie diese beiden stammt Annie Ernaux aus sehr einfachen Verhältnissen. Wie diese beschäftigt sie ihr eigenes „Aufsteigen“ ins Bürgerliche, Wohlsituierte, die Spannungen, die daraus mit der Familie entstanden, die Entfremdungen.
In „Der Platz“ ist es der Tod des Vaters 1967, der Auslöser für die Betrachtungen ist. Zwei Monate waren erst vergangen seit ihrer praktischen Prüfung für den höheren Schuldienst, der den endgültigen Abschied vom kleinbürgerlich-ärmlichen Provinzmilieu in der Normandie bedeutete, aus dem Ernaux stammt. Der Vater begleitete diesen mit einer Mischung aus enormem Stolz und einer Portion Verletztheit, Gram und Missgunst.

Die Großeltern waren noch einfache Feldarbeiter, er konnte sich mit seiner Frau einen kleinen Lebensmittelladen mit angrenzender Kneipe leisten. Dieser warf niemals große Gewinne ab, ermöglichte aber ein gewisses Ansehen und eine gewisse Selbständigkeit, auf die man stolz war.

Für Annie Ernaux bedeutete das Elternhaus hingegen stets nur Enge, Beschränktheit, Trostlosigkeit, aus der sie, die hervorragende Schülerin, sich so bald wie möglich befreien wollte. Ein Wunsch, der ihr wie die Scham, die sie stets über ihre Herkunft empfand, stets auch ein schlechtes Gewissen bereitete. Aber zu weit hatte sie sich bereits entfremdet von den Eltern, Menschen, die Bildung geringschätzten, Bücher, Literatur, Kunst missachteten, keinen Blick für Schönheit oder Umgangsformen hatten.

„Meine Mutter und unsere Nachbarn gehorchten Lebensregeln, in denen das Bemühen um ein würdevolles Auftreten keine Rolle spielt.“

Dabei schaut die Autorin niemals herab auf dieses „Milieu“, sie weiß, dass es strukturbedingt entstanden ist, aber es ist ihr unendlich fern und unbegreiflich.

„Ich wollte alles sagen, über meinen Vater schreiben, über sein Leben und über die Distanz, die in meiner Jugend zwischen ihm und mir entstanden ist. Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierte Liebe.“

Es ist der typische sachliche, nüchterne, knappe Ton, in dem Annie Ernaux Schnappschüsse und Erinnerungssplitter aus dem Leben des Vaters zusammenträgt. Es geschieht mit einiger Distanz, aber immer liebevoll, ja sogar zärtlich. So genau und gnadenlos sie auch beobachtet, sie tut es mit Respekt und lässt den Personen immer ihre Würde, auch wenn sie mit ihnen und ihren Einstellungen und Entscheidungen hadert.

„Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten.“

Immer wieder vergewissert sie sich ihrer „Methode“, sieht selbst die Schwierigkeiten und Gefahren darin, das Leben des Vaters angemessen fassen zu können, mit all der Beschränktheit, der sie als Tochter längst entwachsen ist.

„Beim Schreiben ein schmaler Grat zwischen der Rehabilitierung einer als unterlegen geltenden Lebensweise und dem Anprangern der Fremdbestimmung, die mit ihr einhergeht.“

Ihr gelingt das dabei so unglaublich besser als unlängst Èdouard Louis in seinem Vaterbuch „Wer hat meinen Vater umgebracht“, der nach der Verurteilung des gewalttätigen Vaters in vorangegangenen Büchern diesen nun zu rehabilitieren sucht, indem der dem französischen Gesellschaftssystem und den dortigen Eliten die alleinige Schuld an dessen verpfuschten Leben zuschreibt und sein Buch zum Pamphlet werden lässt.
Annie Ernaux weiß auch, dass die Verhältnisse das Leben der Eltern bestimmt und vorgelenkt hat. Sie schildert dieses aber bei aller Ablehnung dennoch mit Würde, Zärtlichkeit und Erstaunen. Ganz große autobiografische Kunst!


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Rezension zu "Erinnerung eines Mädchens" von Annie Ernaux

Sehr besonders!
Nina287vor 20 Tagen

In diesem Buch schildert Annie Ernaux die Spuren, die die Erfahrungen des Sommers 1958 tief in ihrer Seele und in ihrem Körper hinterlassen haben. Besonders die Scham über ihr damaliges Verhalten lassen sie bis heute nicht los. Das Buch ist nach ihren eigenen Angaben auch Teil der Verarbeitung.

Mir haben insbesondere der sehr reflektierte Schreibstil und das tiefe Eintauchen in die Auswirkungen der Scham gefallen. Leider bleibt die Auseinandersetzung mit der Essstörung als körperliche Folge sehr sachlich und oberflächlich. An dieser Stelle hätte ich mir mehr Emotionen und damit Tiefgang gewünscht. Die Autorin schafft es aber, einen mit ihren sehr reflektierten und psychologisch schlüssigen Analysen ihres eigenen Verhaltens und der anderen Figuren in den Bann zu ziehen.
Die Beschreibungen der sexuellen Kontakte sind sehr detailliert und teilweise schwer erträglich, aber für das Verständnis der Folgen, meiner Ansicht nach, notwendig. Darüber hinaus bleibt die Autorin nicht an diesen Szenen "kleben", sondern schafft zügig wieder eine Distanzierung.

Für mich eine sehr besondere und lesenswerte Autobiographie!

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Rezension zu "Erinnerung eines Mädchens" von Annie Ernaux

"Please tell me who I am"
Buecherschmausvor 2 Monaten

Die heute 78 jährige französische Schriftstellerin Annie Ernaux wurde in Deutschland sehr spät entdeckt. Nach zwei Veröffentlichungen in den Nullerjahren über eine erotische Obsession, rutschte sie eher ein wenig in die Schmuddelecke. Erst 2017 wurde ihr im Original bereits 2008 erschienener autobiografischer Roman „Die Jahre“ auch hierzulande ein Riesenerfolg, zumindest bei der Literaturkritik. Dabei gilt Ernaux in Frankreich seit langem als eine der wichtigsten literarischen Stimmen. Schriftsteller wie Didier Eribon und Édouard Louis zählen sie zu ihren Vorbildern. Wie sie entstammt Annie Ernaux einfachen sozialen Verhältnissen, mit denen sie ein problematisches Verhältnis verbindet, wie sie schreibt sie stets stark autobiografisch, wie sie nimmt sie das Biografische aber nur, um wichtige politische und gesellschaftliche Strukturen in Frankreich zu beschreiben und analysieren. Die strikte Klassengesellschaft in Frankreich ist ihr Thema, die Schwierigkeit des sozialen Aufstiegs, die dramatische soziale Ungleichheit. Und immer wieder die Rolle der Frau.
In „Erinnerung eines Mädchens“ wendet sie sich nun einer Episode aus ihrem Leben zu, die vergleichsweise kurz währte, sie aber nachhaltig beeinflusste. Annie Ernaux spricht sogar davon, dass ihr ganzes nachfolgendes Leben davon und von der Scham, die sie später darüber empfinden sollte, geprägt wurde. Eine Episode, die bisher verdrängt und in ihrem vielfältigen autobiografischen Werk nicht erwähnt wurde. Etwas, dass sie aber noch zu erzählen sich gezwungen sah, jetzt, da die Lebenszeit sich zunehmend neigt.
1958 war Annie ein 18 jähriges, in einem sehr religiösen Elternhaus im normannischen Yvetot äußerst behütet aufgewachsenes Einzelkind. In ihr hielt sich völlige Unbedarftheit mit unbändiger Lebensgier die Waage. Nach dem „Bac“ meldete sie sich als Betreuerin in einer der beliebten „Colonies des vacances“, den Ferienlagern für Kinder. Dass endlich das „echte“ Leben beginnen möge, ihre von Chansons und Frauenzeitschriften genährten Träume von der großen Liebe und Leidenschaft. So geistert auch Dalida durch die Seiten des schmalen Buchs. 


„Mon histoire
C'est l'histoire d'un amour
Ma complainte
C'est la plainte de deux coeurs
Un roman comme tant d'autres“

Es ist aber nun keine „histoire d´un amour“, die sich in der Colonie der Abbaye Saint-Martin de Sées abspielte, schon gar keine, an der zwei Herzen beteiligt waren.
Gleich bei der ersten Abendveranstaltung nähert sich der stattliche Chefbetreuer, ein 22 jähriger Bursche auf maximal überrumpelnde Art der völlig unerfahrenen Annie, schleppt sie auf sein Zimmer, vergewaltigt sie nur nicht, „weil er nicht rein ging“ vaginal, sondern ließ sich oral befriedigen. Annie nimmt das hin, glaubt, dass das wohl so sei, mit der „Liebe“. Denn dass H., in den sie sich sogleich verliebt, sie auch lieben würde, auch nachdem er sich nach dem Vorfall rigoros von ihr abwendet, sie sogar zum Gespött der anderen Betreuer macht, die sie fortan „die kleine Nutte“ nennen, davon ist Annie felsenfest überzeugt, selbst als er kurze Zeit später eine neue Bettgenossin findet. Es kommt tatsächlich später noch zu einem weiteren Missbrauch, einer weiteren Vergewaltigung durch H., auch wenn Annie diese Worte niemals verwendet, sich natürlich auch nicht gewehrt, ja noch nicht einmal „Nein“ gesagt hat. Aber wie soll man das Ausnutzen einer gefühlsmäßig völlig verwirrten, gänzlich unerfahrenen 18 Jährigen sonst nennen?
Annie ist in den Wochen des Ferienlagers nicht unglücklich, ja noch nicht einmal der beißende Spott und die Häme der Anderen quält sie. Sie glaubt an die Liebe H.s, übrigens noch über ein Jahr lang, in dem sie an sich arbeitet, um schöner, intelligenter und begehrenswerter zu werden und im folgenden Sommer in der Colonie erneut auf H. zu treffen und sein Herz endgültig zu erobern. Die Ernüchterung und auch die Scham kommen erst, als ihr als Einziger die erneute Teilnahme am Ferienlager verweigert wird. Da bricht ihr Selbstbetrug in tausend Stücke.
Wie konnte das sein, fragt sich die gealterte Annie Ernaux. Und wie kann es sein, dass diese Tage in Sées ihr ganzes nachfolgendes Leben prägen sollten, nicht nur das folgende Jahr, in dem sie unter massiver Bulimie zu leiden hatte. Und hier hebt Ernaux ihre persönliche Geschichte auf die Ebene, die sie selbst als „kollektive Autobiografie“ bezeichnet.
Wie wurden in den Fünfzigerjahren junge Mädchen erzogen, welche Träume von der „großen Liebe“ wurden ihnen eingepflanzt, welches Bild von Männerrollen und Frauenrollen herrschte? Wie hängt das alles mit ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse (ihre Eltern hatten später einen kleinen Lebensmittelladen) zusammen? Wie schaffte sie, den für sie als durch Intelligenz privilegiertes Arbeiterkind vorgesehenen Weg zur Lehrerin schließlich zu verlassen, und an der Universität ein Philosophiestudium zu beginnen, als Au-Pair für eine Zeit nach London zu gehen? Auszubrechen? Die Scham zu überwinden?
Annie Ernaux schaut mit einigem Erstaunen und einer großen Portion soziobiografischer Neugier auf ihr jugendliches Selbst, das ihr heute so fremd ist, dass sie immer wieder die Ich-Perspektive verlässt und von „ihr“ spricht, von „dem Mädchen“, vom „Mädchen von 1958“.
Mit Hilfe von alten Briefen, die sie aus dem Ferienlager an ein Freundin geschrieben hat, mit Fotos und Tagebuchnotizen versucht sie sich der jungen Annie Duchesne zu nähern. Sie weiß, dass sie mit ihrer Entwicklung nicht nur zur reifen Frau, sondern auch zur anerkannten Schriftstellerin und privilegierten Intellektuellen, nur unzureichend nachempfinden kann, was sie im Jahr 1958 wirklich bewegt hat. Sie lässt der Komplexität der damaligen Gefühle Raum, nähert sich tastend, analysierend, den Erinnerungen auch misstrauend. Perspektivwechsel von ihrem schreibenden zum so fernen jugendlichen Ich und Zeitsprünge unternimmt sie zahlreiche. Der Ton ist beherrscht, nüchtern, eher kühl. Und doch ist man am Ende tief erschüttert über diesen Sommer 1958 und darüber, was er mit Annie gemacht hat. Blickt tief in die sozialisation junger Mädchen der damaligen Zeit. Und ist sehr glücklich darüber, dass Annie Duchesne sich daraus befreit hat und zu der großartigen Schriftstellerin geworden ist, die wir mit hoffentlich noch zahlreichen Werken endlich kennenlernen dürfen. 

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Zusätzliche Informationen

Annie Ernaux wurde am 01. September 1940 in Lillebonne, Seine-Maritime (Frankreich) geboren.

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