Der junge Mann war meine erste Begegnung mit Annie Ernaux, und ich kann gut verstehen, warum sie so viele Leserinnen und Leser begeistert. In dieser sehr kurzen Erzählung beschreibt sie eine Beziehung zu einem 25 bis 30 Jahre jüngeren Mann. Dabei kehrt sie eine gesellschaftlich vertraute Konstellation einfach um: Was bei älteren Männern mit jungen Partnerinnen oft kaum hinterfragt wird, ruft bei einer älteren Frau ganz andere Reaktionen hervor.
Ernaux beobachtet sehr genau, wie sie die Blicke anderer wahrnimmt, welche Kraft und Bestätigung sie aus dieser Beziehung zieht und wie eng Liebe, Begehren und das eigene Verhältnis zum Altern miteinander verbunden sein können. Besonders interessant fand ich den Gedanken, dass sie ihrem Partner nicht beim Altern zusehen möchte, weil sie darin zu sehr ihr eigenes Altern gespiegelt sähe.
Das Buch hat mich nicht überwältigt, aber sehr angenehm durch eine Zugfahrt begleitet. Es liest sich leicht, regt zum Nachdenken an und eignet sich auch wunderbar zum Vorlesen. Für mich sind das gute 4 von 5 Sternen. Und es hat vor allem eines erreicht: Es hat meine Neugier geweckt, noch mehr von Annie Ernaux zu lesen.

























