Die Jahre

von Annie Ernaux 
4,7 Sterne bei9 Bewertungen
Die Jahre
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Bsirbich_Goethes avatar

Kein Erinnerungsbuch wie andere! Eine wirkliche Dichterin.

herrzetts avatar

die andere Autobiographie

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Inhaltsangabe zu "Die Jahre"

Das Schwarz-Weiß-Foto eines Mädchens in dunklem Badeanzug auf einem Kieselstrand. Im Hintergrund eine Steilküste. Sie sitzt auf einem flachen Stein, die kräftigen Beine ausgestreckt, die Arme auf den Felsen gestützt, die Augen geschlossen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie lächelt. Ein dicker brauner Zopf fällt ihr über die Schulter, der andere verschwindet hinter ihrem Rücken. Offensichtlich imitiert sie die Pose der Filmstars aus Cinémonde oder aus der Werbung für Ambre-Solaire-Sonnenmilch und will so ihrem demütigend unreifen Kleinmädchenkörper entfliehen. Auf ihren Schenkeln und Oberarmen zeichnet sich der helle Abdruck eines Kleides ab, ein Hinweis darauf, dass ein Ausflug ans Meer für dieses Kind eine Seltenheit ist. Der Strand ist menschenleer. Auf der Rückseite: August 1949, Sotteville-sur-Mer.

Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben – unser Leben, das Leben – in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«.

Geschichte ihrer selbst, Gesellschaftsporträt, universelle Chronik: Annie Ernaux hat ein melancholisches Meisterwerk der Gedächtnisliteratur geschrieben und einen schillernden roman total.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783518225028
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:255 Seiten
Verlag:Suhrkamp
Erscheinungsdatum:11.09.2017

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    herrzetts avatar
    herrzettvor 7 Monaten
    Kurzmeinung: die andere Autobiographie
    Was Schwarz-Weiß-Fotos erzählen

    "Sie alle werden mit einem Schlag erlöschen wie zuvor die Millionen Bilder im Kopf der Großeltern, gestorben vor einem halben Jahrhundert, wie die Bilder im Kopf der Eltern, die ebenfalls nicht mehr sind. Bilder, in denen man selbst als kleines Mädchen im Kreise anderer Menschen auftaucht, die gestorben sind, bevor man selbst geboren wurde ..."

    Mit diesem Buch begleiten wir Annie Ernaux durch ihr bisheriges Leben. Die Jahre ist eine Autobiografie, die nicht in der normalen Ich-Erzählerform geschrieben und präsentiert wird, sondern auf Art eines Entdeckers. Annie Ernaux öffnet ihre Fotokiste und beschreibt, was sie sieht und welche aktuellen Umstände in und um Frankreich sie zu dem Zeitpunkt mitbekommen hat. Wie zu erwarten, ist die Themenvielfalt dieses Romans sehr groß - von ihren Kindheitserinnerungen der Nachkriegszeit, über ihre Kariere und Mutterschaft bis hin zu Frankreich unter Mitterrand. Auch die sogenannte Emanzipationsbewegung der Frau findet in ihren Erinnerungen Platz. Dieses Buch bildet somit eine faszinierende Mischung aus Portrait, Beschreibungen der jeweiligen Situation innerhalb der Gesellschaft und ihrer selbst, Annie Ernaux. 

    "Die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart ermisst sich vielleicht an dem Licht, das zwischen den Schatten auf den Boden fällt, das auf den Gesichtern liegt und die Falten eines Rocks hervorhebt, an der dämmrigen Helligkeit eines Schwarz-Weiß-Fotos, ganz gleich, zu welcher Tageszeit die Aufnahme entstanden ist."

    Zu diesem Roman muss ich leider sagen, dass der Funke nicht übergesprungen ist. Annie Ernauxs Biografie klingt total interessant und die Idee einer Autobiografie anhand von Fotos und deren Beschreibung wiederzugeben finde ich total andersartig inspirierend, doch dieser Roman konnte meinen Erwartungen nicht gerecht werden. Mit etwas Abstand finde ich die Sprachwahl sehr beeindruckend, aber während des Lesens empfand ich es häufig recht langwierig und teilweise auch uninteressant. Ich hätte mir mehr Auseinandersetzungen mit dem zu Sehenden und aufkommenden Gedanken gewünscht. Ob diese abgeklärte Distanziertheit in dieser Form nun dem Original oder der Übersetzung zuzuschreiben ist, bleibt offen. In Frankreich war dieses Buch jedenfalls ein Bestseller. Für Literaturliebhaber und Geschichtsfreunde wäre es sicherlich ein tolles Buch, für mich so eher trockene Kost mit einem Hauch Tiefgang und Sprachgewalt.

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    Claris avatar
    Clarivor einem Jahr
    Eine Biographie der ganz eigenen Art

    Die 1940 geborene Annie Ernaux erzählt in ihrer hier vorliegenden Biographie „Die Jahre“ zunächst ausführlich über ihre Kindheit und Jugend in Frankreich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Lebenserinnerungen reichen weit bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus.

    Sie schreibt ihre Biographie nicht in der Ichform, sondern verfremdet. Von „dem Mädchen“ oder „der Frau“ ist die Rede. Es geht um Bilder in Worten, in denen sie ein Gesellschaftsbild über ein halbes Jahrhundert vor uns ausbreitet.

    Mit treffend und sprachgewaltig formulierten Sätzen, prägnant und genau, fängt sie die Atmosphäre einer ganzen Generation ein. In Frankreich sieht das genauso aus wie in Deutschland. Man spielt in der Kindheit die gleichen Kinderspiele wie Ringlein du musst wandern, Plumpsack oder Hinkelkästchen. Man hatte wenig zu essen, und es gab Läuse und zahlreiche andere mehr oder weniger dramatische Kinderkrankheiten. Fernsehen gab es noch nicht, aber die Erwachsenen sprachen viel von der Vergangenheit. „In den Erzählungen der Vergangenheit gab es nichts als Hunger und Krieg.“ (S. 23)

    Man benutzte Plumpsklos und erfreute sich an den kleinen Dingen des Alltags. „Man lebte in der Nähe der Scheiße. Und machte Witze darüber.“ (S. 39) Man hörte Schlager und wünschte sich als Kind, nur schnell erwachsen werden zu können. „Wenn jemand starb, konnte uns das nichts anhaben“ (S.33) Im Flüsterton nur wurde über Dinge gesprochen, von denen die Erwachsenen nichts wissen durften.

    Die katholische Kirche spielt eine zentrale Rolle, und dass „Lehrer und andere Gebildete nicht an Gott glaubten, war eine Anomalie.“ (S.46)

    Später folgen die Studienjahre, Sex und andere Fragen, die die Autorin und ihre Altersgenossen von den Themen der Elternhäuser entfernen. Die Suche nach der eigenen Identität spielt eine raumgreifende Rolle. Sartre, Camus und Simone de Beauvoir begeistern die intellektuelle Jugend.

    Weiter geht es durch die Jahre des Wandels in der Moral und mit der Rebellion der 68 ziger.
    Man studiert, bekommt Kinder, Ehe und Scheidungen schließen sich an.

    Die Erzählung folgt dem Lauf der Jahre mit den eigenen Veränderungen und der neuen Rolle zwischen Eltern und Kindern. Freiheit und Gleichheit werden gelebt. Das Alter oder der Tod betrifft die „Älteren“ nicht aber einen selber. Leider lässt sich auf Dauer nicht leugnen, dass das Älterwerden in mentaler und physischer Hinsicht ein unaufhaltbarer Prozess ist, der niemanden verschont! Auch das wird vermerkt.

    Geschichtliche Veränderungen und Ereignisse bringen neue Kriege und Unruheherde in die Welt.

    In distanziertem Stil wird ein Zeitkolorit entworfen, das seinesgleichen sucht: treffend und genau, witzig und humorvoll werden die Lebensabschnitte abgehandelt.

    Die verfremdete Form, mit der die Autorin über ihre Vergangenheit berichtet, gibt dem Ganzen eine Allgemeingültigkeit, die ihre Aufzeichnungen wirklich denkwürdig machen.
    Wer in dieser Zeit Kind und Heranwachsender war, wer die Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt hat, wird alles genauso beschrieben finden, wie es war.

    Der Bericht rührt an die eigenen Gefühle und Erinnerungen. Damit bietet er einen Wiedererkennungswert, der anrührend ist. Der letzte Satz lautet “Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“. Das ist es!

    Annie Ernaux lebt in Frankreich und ist vielfach ausgezeichnet.

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    Bsirbich_Goethes avatar
    Bsirbich_Goethevor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Kein Erinnerungsbuch wie andere! Eine wirkliche Dichterin.
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    Buecherwurm1973s avatar
    Buecherwurm1973vor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Annie Erneaux hat eine Chronik für ihre Generation geschrieben.
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    alascas avatar
    alascavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Formal und inhaltlich habe ich Ähnliches nie gelesen. Jede Zeile stößt eigene Reflektionen an. Persönlich-unpersönliche Zeitgeschichte.
    Boriss avatar
    Borisvor 3 Monaten
    LesenLebens avatar
    LesenLebenvor 5 Monaten
    Mad_Scientists avatar
    Mad_Scientistvor 10 Monaten
    Liserons avatar
    Liseronvor einem Jahr

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