Ich verstand den Satz nicht, aber ich spürte, dass er in die Zukunft gesprochen war; oder vielleicht wusste ich das damals auch noch nicht, aber auf eine kindliche Art spürte ich eben doch, dass ich diesen Satz irgendwann verstehen und mich an ihn erinnern würde. (S. 109)
Inhalt
Luise wächst in Deutschland in einem prachtvollen Anwesen an einem See auf. Das Mehrgenerationenhaus hat eine Besonderheit: Es herrschen nur Frauen vor. Während Luise sich in einer verflochtenen Dynamik aus Beziehungsgefälle wiederfindet, muss sie sich gleichzeitig fragen, wer sie selbst sein möchte und wie sie ihr Erbe weitertragen wird.
Ich und das Buch
Ich habe das Buch regelrecht verschlungen. Im Gegensatz zu anderen Rezesionen fand ich den Plot auch höchst Interessant und mit genug Handlung versehen. Es ist ein Buch, dass sich Beziehungsmuster ansieht, daher Ja: Die Spannung wird eher Emotional aufgebaut.
Bereits der Titel fand ich unglaublich geistreich „Männer sterben bei uns nicht“ und dann keinen einzigen Mann zu Wort kommen zu lassen. Es war, als würde über ein Phantom geschrieben werden. Selbst unbedeutende Nebencharaktere waren Frauen; wie die Polizistin. Trotzdem war ihre Abwesenheit allgegenwärtig und dies aus verschiedenen Perspektiven. Die spannendste fand ich jene der Großmutter, die das Prinzip des Mannes brauchte, um ihre eigene Stellung aufrechterhalten zu können. Somit waren es viele verschiedene Frauen unterschiedlicher Blutlinien und Generationen, die gemeinsam auf dem Anwesen wohnten. Unter ihnen Luise, die jüngste und die Erbin, weil die Großmutter ihre Cousine sowie ihre ältere Schwester als untauglich für diese Rolle erachtete. Hier stellt man sich einmal vor, wie komplex diese Familiendynamik und die subtilen Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren sind. Für mich hat Annika Reich das unglaublich gut festgehalten und uns Lesende in die Machtstrukturen eingeführt.
Der Schreibstil finde ich umwerfend. Sätze wie: Die Kälte stieg in mir auf und mit ihr die Nachricht. (S. 81), finde ich einfach toll. Unterstrichen wurde dies, dass wir zwei unterschiedliche Erzählungsstränge haben. Der eine ist im Jetzt und im Jetzt gibt es Erinnerungen, in die wir Lesende mitgenommen werden. Die Erinnerungen sind aber im Präsens beschrieben und auch nicht klar unterteilt - es bleibt an der Leserin den Bogen zu ziehen.
Die Charaktere blieben eher distanziert in der Erzählung. Die einzige Person, die man wirklich näher kennenlernte, war Luise. Jedoch fehlte es dem Buch nicht an Tief dadurch, sondern im Gegenteil: Verbesserte das Verständnis für die Charaktere. Für mich sind bis jetzt alle Hauptfiguren sehr schwammig. Man wünschte sich, sie besser greifen zu können und doch gehört es gerade zur Raffinesse, dass sie nicht greifbar sind. Die Autorin versuchte vielmehr eine Dynamik zu beschreiben, als das Innenleben einer Person zu erklären.
Der Inhalt finde ich, wie bereits gesagt, gekonnt in Szene gesetzt. Der Text war ein Spiel mit Schatten und Licht, Klarheit und Verschwommenheit, dass man sich als Leserin teilweise selbst nicht mehr sicher war, ob man selbst im Beziehungsgeflecht eingewoben wurde. Dennoch hatte das Buch für mich eine Schwachstelle: Den Bezug zum Patriarchat. Generell ein spannender Gedanke, aber mit der Umsetzung konnte ich nicht viel beginnen. Gerade das letzte Kapitel, bei welchem den Lesenden fast bereits auf die Nase gebunden wird, was nun der Plot Twist ist, empfand ich bevormundend. Ich hätte viel lieber mir selbst die Schlüsse gezogen und vielleicht wäre ich zu einem ähnlichem Ergebnis gekommen oder vielleicht auch nicht, aber es hätte mir die gedankliche Freiheit gelassen. Dieser Einschnitt fand ich tatsächlich so gravierend, dass ich dem Buch nicht die volle Punktzahl geben kann.
Schlussfolgerung
Das Buch konnte mich richtig in den Bann ziehen und veranschaulicht mit wunderschöner Sprache die Macht von Beziehungen unter Frauen.























