Was hat mich dazu bewogen, António Lobo Antunes lesen zu wollen?! Zum einen hat Knut Cordsen mich neugierig gemacht, indem er auf dem BR-TikTok-Kanal den Autoren als seinen Lieblingsautor bezeichnet hat, zum anderen war es der Umstand, dass auch Antunes Mediziner ist - viele Jahre arbeitete er als Psychiater, was er auch thematisch in seine Literatur einfließen lässt. Und auch die Tatsache, dass er seit Jahren als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, macht ihn nicht minder interessant.
Mit „Am anderen Ufer des Meeres“ greift der Autor ein Thema auf, dass ihn zeitlebens beschäftigt: Die blutige portugiesische Kolonialpolitik. Seine Erfahrungen als Militärarzt im Unabhängigkeitskrieg in Angola sind in den Roman geflossen - ein sehr persönliches Buch, in das er seine Erinnerungen rund um Gewalt, Rassismus und Unterdrückung verwebt hat.
Anhand dreier Hauptfiguren (ein Offizier, ein Beamter und die Tochter eines Plantagenbesitzers) die sich sowohl an Glanz und Gloria ihres kolonialistischen Daseins, als auch an die damit verbundenen Schattenseiten erinnern, nimmt uns Antunes mit ins Jahr 1961, als der Unabhängigkeitskrieg seinen Anfang nahm, mit dem die Angolaner ihre Befreiung vom Kolonialismus durchsetzten. Die Portugiesen hingegen verloren nun auch die letzten Zeichen nationaler Größe und machten sich schuldig.
Ich will ehrlich mit Euch sein: Das Buch hat mich bezüglich seiner historischen Zusammenhänge total gefordert, denn ich konnte zuvor mit Begriffen wie „Nelkenrevolution“, „Landarbeiterstreik“ oder „Befreiungskrieg“ wenig bis gar nichts anfangen. Jetzt weiß ich, dass Portugal bis zu besagter Revolution von 1974 eine katholisch-autoritäre Diktatur war. Seit den 1960er Jahren wurden immer wieder Kriege angezettelt mit dem Ziel der Erhaltung der afrikanischen Kolonien - ein ebenso hoffnungsloses, wie grausames Unterfangen!
Ich habe auch gelernt, dass die Landarbeiter einer angolanischen Baumwollplantage streikten, aber dem Streik auf brutalste Art und Weise eine Ende gesetzt wurde. Dadurch wurde der sogenannte Befreiungskrieg ausgelöst, den sie gegen die portugiesische Herrschaft führten.
Wir erleben die historischen Ereignisse in der Erinnerung unser drei Romanfiguren. Die sich immer abwechselnden Perspektiven der Protagonisten würde ich als Monologe bezeichnen, da sie weder miteinander, noch zu sonst jemanden sprechen. Als Psychiater beherrscht Antunes die Emotionen seiner Figuren, wie ich es zuvor noch nicht gelesen habe. In einem melancholischen Redefluss lässt er die Figuren von ihrem Alltag, ihrer persönlichen Gegenwart und anhand Erinnerungen durch ihre Vergangenheit streifen. Durch tief sitzende Traumata, einschneidende Verletzungen und nachwirkende Verluste seiner Figuren, bringt er uns sie näher, ich habe ihre Einsamkeit förmlich gespürt.
„Wozu mich auf ein Schiff zurück zum anderen Ufer des Meeres begeben, wo ich dort schon niemanden mehr kenne, denn nach so vielen Jahren ist Lissabon natürlich anders, Häuser und Straßen, keine Ahnung, wie sie jetzt aussehen, Leute auf den Fußwegen oder, besser gesagt, Fremde, die mich nicht beachten.“
Mir hat António Lobo Antunes einmal mehr die kolonialen Grausamkeiten bewusst gemacht mit „Am Ufer des Meeres“. Es war mein Einstiegsbuch in seine Literatur, aber weiterlesen möchte ich ihn vor allem aufgrund seiner Art, Menschen oder eher Seelen zu beschreiben. Er setzt seine Figuren und ihre Emotionen in historische Zusammenhänge, beachtet ihren sozialen Status und zieht so einen Rückschluss auf ihren Seelenzustand - es geht mir bei seinen Figuren um Nuancen, er beherrscht seine Protagonisten und nicht umgedreht. Ich habe den Eindruck, dass er dazu nur in besonderer Weise in der Lage ist, aufgrund seiner jahrelangen Tätigkeit als Psychiater. Und das macht ihn für mich als Medizinerin zu einem Autoren, von dem ich von nun an auf jeden Fall mehr (wenn nicht gar alles!) lesen möchte! Grandios! Ich danke Knut Cordsen fürs Aufmerksam-Machen auf einen Autoren, den ich womöglich sonst erst viel später entdeckt hätte (was mehr als schade wäre!)! Große Leseempfehlung!
























