António Lobo Antunes Kommission der Tränen

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Inhaltsangabe zu „Kommission der Tränen“ von António Lobo Antunes

Im Werk des weltberühmten Schriftstellers Lobo Antunes haben die Kolonialkriege seines portugiesischen Heimatlandes schon immer einen festen Platz. Nun geht er einen Schritt weiter und schreibt über das postkoloniale Angola, über die Zeit nach der Befreiung von der portugiesischen Herrschaft, als die damalige kommunistische Regierung auf brutale Weise gegen Oppositionelle in den eigenen Reihen vorging. Und es wäre kein Roman von Lobo Antunes, dem Meister der Polyphonie, wenn es nicht viele widerstreitende, melodische und rhythmisch sich abwechselnde Stimmen wären, die von der »Kommission der Tränen« und ihren fatalen Folgen erzählen und davon, wie ein Land seine Unschuld verlor.

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    Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben

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    ich bin gekommen, um mich von diesem Haus zu verabschieden oder mich von meinem ältesten Bruder zu verabschieden oder mich von mir zu verabschieden (S. 39) August 2011: Eine Frau Anfang 50 kehrt für ein Wochenende in das ehemalige Ferienhaus ihrer Eltern zurück. Das Haus ist bereits verkauft und soll in den nächsten Tagen den neuen Besitzern übergeben werden. Die Frau möchte Abschied nehmen – nicht nur vom Haus und der Umgebung, sondern auch von ihren Erinnerungen. In den drei Tagen stellt sie sich all den schmerzlichen Ereignissen ihres Lebens: der frühe Selbstmord des älteren Bruders, der Alkoholismus des Vaters, die Gefühlskälte in der Familie, der Verlust ihres ungeborenen Kindes, der Brustkrebs, die gescheiterte Ehe mit ihrem Mann. Unerbittlich schwört sie alte Bilder und Gefühle herauf, fügt sich alte Schmerzen noch einmal zu und zieht ein nüchternes Fazit über ihr Dasein. Am Ende, das weiß sie schon zu Beginn, wird sie nicht nach Lissabon zurückkehren, sondern sich von den Klippen in den Tod stürzen… wenn es mir einfiele, mich mitzuteilen, in wie viele Stimmen würde meine Stimme sich aufteilen (S. 13) Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben ist das erste Buch, das ich vom portugiesischen Schriftsteller António Lobo Antunes gelesen habe. Der Autor selber hat bereits über 20 Romane veröffentlicht, unzählige Preise gewonnen und wird von Kritikern zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur gezählt. Lobo Antunes schreibt – so haben es meine Recherchen gegeben – über die Geschichte und Gegenwart Portugals, über Faschismus, Kolonialkrieg und die portugiesische Gesellschaft. Seine Werke bestechen durch einen polyphonen Schreibstil und die Technik des Bewusstseinsstroms (stream of consciousness). Diese Merkmale finden sich auch in Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben wieder: Präsentiert wird dem Leser in den einzelnen Kapitel ein ungebrochener Gedankenstrom (das heißt auch: ein weitgehend nicht interpunktierter Gedankenstrom), in dem viele Stimmen zu Wort kommen, die sich vor allem zu Beginn nicht immer zuordnen lassen. Sie alle – das wird nach einer gewissen Eingewöhnungszeit deutlich – kreisen um die gleichen Themen, ziehen im Verlauf der Geschichte immer engere Bahnen und verdichten sich dabei peu à peu zu einem großen Ganzen. Das klingt nicht nur anspruchsvoll, das liest sich auch so und über vielen Strecken ist diese Art des Erzählens auch einfach unfassbar anstrengend. Doch mit der Zeit liest man sich ein, findet seinen Rhythmus, in dem man den Flut der Bilder aufnehmen und verarbeiten kann, erarbeitet sich eine Chronologie, die der eigentlichen Geschichte komplett abgeht und kann sich schließlich – und das überrascht dann doch! – in der Geschichte verlieren. Ab diesem Moment erkennt man die Schönheit und die Ausdrucksstärke von Lobo Antunes‘ Sätzen, kann man die raue und schmerzvolle Atmosphäre genießen, die er heraufbeschwört und findet immer wieder Andeutungen zwischen den Zeilen, die das Gelesene rückblickend erklären und es somit auch verständlich machen. Mir hat Mitternacht zu sein ist nicht jedem gegeben insgesamt daher ausgesprochen gut gefallen. Ich war erstaunt, was für ein Sog diese doch sperrig erzählte Geschichte entwickeln kann und wie mich das Schicksal der namenlosen Frau, die dem Leser gegenüber doch immer distanziert bleibt, emotional berührt. Ich habe am Ende der Lektüre das Gefühl gehabt, „richtig gute Literatur“ gelesen zu haben, auch wenn – oder gerade weil – der erzählerische Anspruch verlangt, dass man sich dieses Gefühl hart erarbeitet. Einen Stern ziehe ich jedoch ab, weil ich bezweifle, dass wirklich 575 Seiten notwendig waren, um das Bild, das der Autor vermitteln wollte, zusammenzusetzen. Gerade im letzten der drei Erzählteile franst die Geschichte für mich doch zu sehr aus, werden Stimmen hörbar, die ich nicht den Kontext einarbeiten konnte. Auch fehlt es für diese Seitenzahl einfach an Spannung, schließlich ist das Schicksal der Protagonistin schon von Beginn an besiegelt und auch die Familiengeschichte wartet ohne größere Überraschungen auf. Nichtsdestotrotz hat mich die Lektüre begeistert und ich werde in Zukunft sicherlich weitere Bücher des Autors lesen! und eine Geschichte voller Nebenflüsse und Verzweigungen, in der wir uns verloren (S. 35)

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