Anthony Berkeley , Hilda Martens Galgenvögel

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Inhaltsangabe zu „Galgenvögel“ von Anthony Berkeley

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  • Das scharfsinnige Spiel mit dem Klischee

    Galgenvögel
    Stefan83

    Stefan83

    21. April 2013 um 16:10

    So erhellend und informativ die ausführlichen Rezensionen von Krimi-Couch-Kollege Michael Drewniok in der Regel sind – sie beinhalten gleichzeitig auch einen Nachteil. Jede weitere Besprechung birgt zumeist die Gefahr einer Wiederholung bzw. einer ähnlich gelagerten Themenauswahl. Insbesondere bei so wenig umfangreichen Titeln wie „Galgenvögel“, dem letzten Band aus der Reihe um den Kriminalisten und Hobby-Detektiv Roger Sheringham. Dieser war, nach „Der Fall mit den Pralinen“ und „Der Kellermord“, meine bereits dritte Begegnung mit einem Werk von Anthony Berkeley Cox, welcher den klassischen Whodunit wie kaum ein anderer Autor nachhaltig beeinflusste und 1928 schließlich gar für die Gründung des legendären „Detection-Clubs“ verantwortlich zeichnete. Literarische Spielwiese für „Golden-Age“-Größen wie Dorothy L. Sayers, Agatha Christie oder Gilbert Keith Chesterton. Wie sie, so galt auch Cox als Verfechter des fairen Detektivromans, den Ronald A. Knox in zehn Regeln genau definierte - und dessen „Mord-als-Spiel“-Charakter von der anderen Seite des großen Teichs (u.a. von Raymond Chandler) oftmals mit Spott und Hohn bedacht wurde. Und in der Tat wurden die starren Vorgaben Knox' selbst von manchen Clubmitgliedern nicht als wirklich seriös empfunden. Agatha Christies Roman „Alibi“ ist wohl der bis heute bekannteste Bruch mit dem Regelwerk des Whodunits. Anthony Berkeley Cox ging nie soweit, nutzte jedoch andere Wege, um das enge Korsett zum umgehen und dem traditionellen Duell der Gentleman etwas Pfiff zu verleihen. „Galgenvögel“ ist dafür ein mehr als passendes Beispiel. Als Roger Sheringham vom exzentrischen Ronald Stratton eine Einladung zu dessen Gesellschaft erhält, nimmt er freudig an, neugierig auf den bekannten Kriminalroman-Schriftsteller, dessen Reichtum nur von seinem ungewöhnlichen Interesse an der Welt des Verbrechens übertroffen wird. Verkleidet als berühmte Mörder der Vergangenheit runden die Gäste die ohnehin skurril-makabre Ausstattung des Hauses ab, auf dessen Flachdach drei lebensgroße Puppen am Galgen baumeln. Egal wohin man schaut – das Motto „Mord“ ist allgegenwärtig. Vielleicht ein Grund, weshalb die Party nicht so recht in Schwung kommen will. Ein anderer ist unübersehbar Ina Stratton, Ronalds renitente Schwägerin. Vom Alkohol in Fahrt gebracht, lässt sie keine Gelegenheit aus, mit Gemeinheiten um sich zu werfen und Zwietracht in der Gesellschaft zu verbreiten. Gewürzt werden die derben Angriffe zudem mit wilden Lügengeschichten, wodurch so manchem Gast unter seiner Maske der Hals zu schwellen droht. Auch Roger Sheringham, der ihr am liebsten den selbigen umdrehen würde und daher kaum überrascht ist, als man sie wenig später tot am Galgen auffindet. War es Selbstmord, wie sie vorher nicht müde wurde anzukündigen? Oder hat da jemand vielleicht nachgeholfen? Sheringham geht noch vor Ankunft der Polizei auf Spurensuche und findet recht schnell Indizien, die auf einen Mord hinweisen. Vor allem das Fehlen eines Stuhls – dieser stand weit vom Galgen entfernt – gibt Rätsel auf. Der Mörder muss sich also unter den Gästen befinden. Sheringham, dem das Ableben der scheußlichen Frau eher wie eine glückliche Fügung, denn wie ein Verbrechen erscheint, handelt instinktiv … und schiebt den Stuhl unter die im Wind kreisende Leiche am Galgen. Damit sollte der Mörder, dem Sheringham insgeheim Beifall zollt, vor polizeilichem Zugriff sicher sein. Trotzdem verlangt der Kriminalist in ihm, diesen ausfindig zu machen. Man will ja schließlich seine detektivischen Sinne schärfen. Doch schon bald muss er erkennen, dass er einen großen Fehler gemacht hat, denn Inspektor Crane schluckt die Selbstmordgeschichte nicht – im Gegenteil: Die Gäste werden einzeln einem scharfen Verhör unterzogen, und Sheringham gerät mit jeder weiteren Frage näher ins Visier der Justiz. Was als intellektuelle Herausforderung begonnen hat, wird nun zum Wettlauf mit der Polizei ... Nachdem „Der Fall mit den Pralinen“ und „Der Kellemord“ gute, aber halt auch typisch englische Whoundit-Unterhaltung geboten haben, wirkt „Galgenvögel“ wie ein äußerst forscher Versuch, dem Filz von diesem konservativen Genre zu blasen. Ein Versuch, den man als unheimlich gelungen bezeichnen darf, bietet der im Jahr 1933 erschienene Roman doch trotz seines schrägen Humors all jene Ingredienzien, welche für den Spaß bei der Mördersuche unerlässlich sind. Nur werden sie dem Leser hier in einem gänzlich anderen Gewand und von einem völlig anderen Standpunkt aus präsentiert. So erinnert, vielleicht abgesehen von der Besetzung und dem Schauplatz, nichts mehr an die Geschichten, die man von Christie, Sayers oder halt auch Cox selbst bisher gewohnt war. Stattdessen herrscht „Columbo“-Flair vor. Soll heißen: Wir beobachten wie und von wem die Tat begangen worden ist. Und wir wissen um sein Motiv. Der einzige Unterschied: Peter-Falk-“Ersatz“ Roger Sheringham ist nicht an der Aufklärung des Falls, sondern vielmehr an deren Vertuschung gelegen, hat doch seine Manipulation des Tatorts einen Bumerang-Effekt, der ihn selbst zum Hauptverdächtigen der Tat macht. Was auf den ersten Blick abstrus klingt, funktioniert, auch dank Cox' zielgenauer und perfekt getimter Schreibe, hervorragend. Wie Sheringham versucht seinen Hals aus der Schlingen zu ziehen und den eigentlichen Mörder zu decken, das ist ganz großes Kino. Auch weil der Detektiv so ganz dem typischen Klischee des Mannes mit der Lupe widerspricht. Wo Holmes und Poirot ihr übermäßiges Ego als Auszeichnung ihrer Verdienste zu tragen berechtigt sind, stolpert Sheringham mehr als einmal über sein eigenes, weshalb sogar der beste Freund, Colin Nicolson, den er in sein Tun unter dem Galgen einweiht, nicht mehr so recht an seine Unschuld glauben will. Dessen immer wiederkehrende Beteuerungen, er werde ihn nicht verraten, treiben Sheringham beinahe in den Wahnsinn – und uns Leser gleichzeitig das breite Grinsen ins Gesicht. Überhaupt liest sich „Galgenvögel“ wie aus einem Guss, verliert Cox in der zunehmend größer werdenden Verwirrung seiner Protagonisten nie den Überblick, was angesichts der vielen Twists und Turns, die der rasante Plot nimmt, als Meisterleistung bezeichnet werden muss. Cox spielt mit den Elementen des Whodunits, verformt und überzeichnet sie, ohne dabei Gefahr zu laufen, seinen Roman zu einer Persiflage verkommen zu lassen. Trotzdem bleibt das Buch, auch am Ende, das eine schlichtweg geniale Überraschung bereithält, erfrischend frei von Zwängen der Etikette. „Galgenvögel“ ist ein wilder, witziger und temporeicher Tanz auf der Rasierklinge, der auch achtzig Jahre nach seiner Veröffentlichung noch aufs Beste unterhält. Für mich der bis hierhin beste Titel aus Cox' fleißiger Feder.

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