Jack

von Anthony McCarten 
4,2 Sterne bei21 Bewertungen
Jack
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

Belladonnas avatar

Meisterhafte Erzählkunst! Anthony McCarten wird immer mehr zu einem meiner absoluten Lieblingsschriftsteller.

leserattebremens avatar

Ein spannendes Verwirrspiel um Identitäten

Alle 21 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Jack"

Er ist nur noch ein Abglanz seiner selbst und säuft sich in Florida zu Tode: Jack Kerouac, Idol der Beatniks, der einst das Leben seines Freundes Neal Cassady ausschlachtete, um es zum Kultroman der 1950er Jahre zu verdichten. Da steht aus heiterem Himmel eine Literaturstudentin vor seiner Tür. Ihr Traum: als seine erste Biographin sein Leben aufzuschreiben. Jack weigert sich und lässt sich doch von Jans Bewunderung zu einem Blick zurück verführen. Ein Trip, aus dem keiner der Beteiligten heil herauskommt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783257068566
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:256 Seiten
Verlag:Diogenes
Erscheinungsdatum:28.02.2018

Rezensionen und Bewertungen

Neu
4,2 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne10
  • 4 Sterne7
  • 3 Sterne3
  • 2 Sterne0
  • 1 Stern1
  • Sortieren:
    Belladonnas avatar
    Belladonnavor 11 Stunden
    Kurzmeinung: Meisterhafte Erzählkunst! Anthony McCarten wird immer mehr zu einem meiner absoluten Lieblingsschriftsteller.
    Meine Rezension zu "Jack"

    Beschreibung

    Der Schriftsteller Jack Kerouac wurde durch seinen Roman “Unterwegs” (engl. Originaltitel: ” On the road”) einst zum Idol einer ganzen Generation und prägte den Begriff Beatniks neben anderen Autoren wie Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Bob Kaufman, Harold Norse usw.

    Als Kerouac nur noch ein schwaches Abbild seiner selbst ist und der Alkohol ihn fast in den Tod getrieben hat, steht die junge Literaturstudentin Jan vor seiner Tür. Sie möchte nichts weniger als die bewegende Biographie über den berühmten Schriftsteller und Mensch zu verfassen. Gemeinsam mit Jan reist Jack in seine Vergangenheit.

    Meine Meinung

    Der neuste Roman des neuseeländischen Schriftstellers Anthony McCarten trägt den Titel “Jack” und handelt von keinem geringeren als Jack Kerouac, der mit seinem Roman “Unterwegs” die Beat Generation nach dem zweiten Weltkrieg prägte. Als Vorlage für den Hauptprotagonisten des Werkes, Dean Moriarty, diente Kerouacs bester Freund Neal Cassady – der aufgrund des Buches von der Polizei bezüglich seines Drogenhandels verhaftet wurde. Die Last seinem literarischen Ich zu entsprechen wurde Cassady zu schwer und er verstarb frühzeitig durch Alkohol- und Drogenmissbrauch.

    "Aber das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von den Dingen, die uns unaufgefordert in die Hände fallen, die uns über den Weg laufen, ohne dass wir nach ihnen suchen, die uns die unschuldige Nase blutig schlagen und uns das Unvermeidliche aufdrängen." (Jack von Anthony McCarten, Seite 19)

    Anthony McCarten nährt sich seinem eigenen Idol Jack Kerouac äußerst kreativ in dem er mit Jan Weintraub einen Charakter erschaffen hat, der als perfekter Gegenpol zu Jack Kerouac dient. Ist Kerouac selbst ein wandelndes Chamäleon, dass seine Identitäten wie Kleidungsstücke wechselt, so hat Jan dieses Spiel perfektioniert. Das Setting, junge Literaturstudentin bzw. angehende Biographin trifft auf zurückgezogenes und verbrauchtes Idol der Beat Generation und knackt dessen harten Panzer, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Gerade, weil hinter dieser Situation so viel mehr steckt als man zu Beginn glauben mag.

    Obwohl ich bisher noch keine Bücher aus der Feder eines Beatniks gelesen habe, so auch noch keines von Jack Kerouac, konnte mir Anthony McCarten einen ausgesprochen guten Start in diesen Bereich bereiten. Gut verständlich legt er den Grundstein um Zugang zu dem berühmten Autor Jack Kerouac und der Beat Generation zu erhalten. Die fiktive Begebenheit des Aufeinandertreffens von Jan Weintraub und Jack und vor allem der weitere Verlauf bietet dem Leser eine Explosion an Emotionen dar. McCartens fesselnder und flüssig zu lesender Schreibstil haben ihr übriges getan um mich an die Seiten zu bannen und dem Ende entgegenzufiebern.

    “Jack” ist allerdings kein biographischer Roman, sondern ein fiktionaler Roman in den lediglich belegte Einzelheiten aus Kerouacs Leben eingewoben sind. Dennoch hat man das wundersame Gefühl dem längst verstorbenen Beatnik und dessen außergewöhnlichen Persönlichkeit etwas näher gekommen zu sein.

    Der Reiz von McCartens Geschichte macht für mich die interessante Thematik über den Facettenreichtum der Identität eines Menschen aus. Dabei bedient sich der Autor an einer farbenfrohen Palette aus den unterschiedlichsten Persönlichkeiten die er in seinen Protagonisten vereinigt und diese mit ihren Identitäten jonglieren lässt. Einen weiteren wesentlichen Teil der Geschichte macht der Rückblick auf ein ereignisreiches Leben aus. Deutlich spürbar vermittelt McCarten wie sehr Jack mit seiner Vergangenheit (z. B. die Freundschaft mit Neal Cassady) hadert und wie wichtig es ist, mit sich selbst im reinen zu sein.

    Fazit

    Meisterhafte Erzählkunst! Anthony McCarten wird immer mehr zu einem meiner absoluten Lieblingsschriftsteller.

    ---------------------------------------------------------

    © Bellas Wonderworld; Rezension vom 23.10.2018

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Ein spannendes Verwirrspiel um Identitäten
    Fiktion und Realität treffen aufeinander

    Jack Kerouac war ein Held seiner Zeit, das Idol der Beatnics und hat mit „Unterwegs“ einen Kultroman und Literaturklassiker geschrieben. Dass er dafür das Leben seines Freundes ausschlachtete und ihn indirekt ins Gefängnis brachte, scheint einer der Gründe zu sein, die zu seinem Niedergang führten. Der Alkohol ließ ihn zusehends verfallen, er verkroch sich bei seiner Mutter. Doch als eine junge Literaturstudentin vor ihm steht, die nur den Traum hat, seine offizielle Biographie zu schreiben, lässt er sich davon mitziehen und taucht noch einmal ein die glänzende alte Zeit. Doch die Studentin scheint mehr Hintergedanken zu haben, als zunächst vermutet und reißt Jack mit in eine zerstörerische Geschichte.
    Anthony McCarten mischt in seinem Roman „Jack“ fiktive und reale Elemente des Lebens von Jack Kerouac zu einem eindringlichen Roman, der einem als Leser einfach unter die Haut geht. Jacks Selbstzerstörung und das Spiel, das dabei noch mit ihm getrieben wird, lassen einen ebenso wenig kalt wie Jacks egoistisches und zerstörerisches Handeln seinem besten Freund Neal Cassidy gegenüber, den er zur Hauptfigur seines Romans „Unterwegs“ machte und so in eine Rolle drängte, die der echte Neal Cassidy nie spielen wollte. Konfrontiert mit der fiktiven Figur der Jan Weintraub, die in sein Leben eindringt und ihn aus seiner wohl eingerichteten Selbstzerstörung reißt, entsteht eine unglaubliche Spannung zwischen den Figuren, die einen als Leser fesselt und mitzieht in die Geschichte der Beatnic-Bewegung. Es ist die unglaubliche Mischung aus wahrem Leben und Imagination, die diesen Roman so besonders macht. Dabei ist der Stil von McCarten so pointiert und beschreibt in wenigen Worten eine Situation oder einen Ort so prägnant, dass man als Leser gemeinsam mit Kerouac auf dem Sofa sitzt oder mit Jan die Briefe liest, die Kerouac archiviert hat.
    Mit „Jack“ hat Anthony McCarten mich uneingeschränkt überzeugt, er spielt mit den Erwartungen der Leser, verknüpft die wahre Biographie des Literaten Jack Kerouac mit fiktiven Figuren und Dialogen und schafft so eine Welt, die real und irreal zugleich zu sein scheint. Ein ganz besonderes Buch, das lange nachklingt und immer wieder die Frage aufwirft, wie ein Mensch sich selbst aushalten soll, wenn es eigentlich nicht mehr geht. 

    Kommentieren0
    8
    Teilen
    MosquitoDiaos avatar
    MosquitoDiaovor 4 Monaten
    Erfrischend anders

    Ein leichter Stil, der neugierig macht

    Der Stil ist unglaublich leicht und locker, zugleich verbirgt sich aber auch eine Tiefe in den Worten, die immer wieder zum Nachdenken anregt. Genau diese Kombination sorgt dafür, dass man sich einfach nicht von der Geschichte lösen möchte, eine besondere Bindung zu den Charakteren aufbaut und am liebsten selbst Teil des Ganzen wäre.

    Bei der Begegnung von Jack und Jan hatte ich zuerst das Gefühl, dass dort Welten aufeinandertreffen, von Grund auf unterschiedliche Gemüter, die kaum zu einem Einklang finden werden.
    Doch beide gehen in dieser Geschichte einen unglaublichen Wandel durch, der sie einander näher bringt, ohne sich selbst zu verlieren. Es ist das aufeinander zugehen, das hier erst richtig an Bedeutung gewinnt und einem aufzeigt, wo einen Emotionen und Erinnerungen hinführen können.

    Durch den Verlauf der Geschichte und die immer wieder durchlebten Emotionen konnte ich alles um mich herum vergessen. Es war ein rauf und runter, kombiniert mit einer Ruhe, die mich unglaublich entspannt hat.
    Das Leben von Jack Kerouac durchlebt nicht nur der Charakter selbst noch einmal neu, mit all seinen schönen aber auch erschreckenden Facetten, sondern auch als Leser kann man einen Blick hinter die Kulissen werfen.
    So konnte ich durchaus nachempfinden, wie sich eine ganz besondere Beziehung zwischen ihm und Jan aufgebaut hat, eine Verbindung, die sonst keiner teilt.

    Die Bedeutung von Selbstfindung

    Nicht nur Jack versucht an einen Punkt zu kommen, mit seiner Vergangenheit Frieden zu schließen und sich mit der Gegenwart abzufinden, auch Jan scheint durch die gemeinsame Zeit immer mehr zu sich selbst zu finden, ein innerer Ruhepol. Diese Geschichte zeigt auf, wie wichtig es ist, mit sich selbst leben zu können, aufeinander zuzugehen, aber auch seine eigenen Grenzen zu entdecken.

    Anthony McCarten konnte mich nicht nur mit dieser scheinbar harmlosen Geschichte begeistern, sondern vor allem mit ihrem Ende. Eine Erkenntnis, die ich eigentlich schon auf den ersten Seiten hätte erlangen können, vor der ich mich aber innerlich gesträubt zu haben scheine.

    Aber das Leben ist nicht die Geschichte dessen, was man vermieden hat; es handelt hauptsächlich von den Dingen, die uns unaufgefordert in die Hände fallen, die uns über den Weg laufen, ohne dass wir nach ihnen suchen, die uns die unschuldige Nase blutig schlagen und uns das Unvermeidliche aufdrängen.

    FAZIT

    Anthony McCarten hat mit Jack ein wirklich erstaunliches Werk geliefert, eine Geschichte, die einlädt bei ihr Rast zu machen, nur um einen dann vollständig einzunehmen.
    Vor allem im Nachklang ist sie mir doch wesentlich deutlicher unter die Haut gegangen, als ich es ursprünglich erwartet habe. Eine wunderbare Lektüre, für besondere Momente aber auch einfach nur für zwischendurch.

    Kommentieren0
    1
    Teilen
    N
    Nomadenseelevor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Eine unbedingte Leseempfehlung.
    Eine unbedingte Leseempfehlung.

    Eines vorweg: Es wird sich sicherlich lohnen, wenn man sich vor der Lektüre vor allem mit Neal Cassady, aber auch mit Allen Ginsberg beschäftigt. Ich habe dies nicht getan, und wahrscheinlich ist mir dadurch viel entgangen.

    Der Roman fragt auf mehreren Ebenen, wie man mit Schuld leben kann. Ich spare dabei Jans ganz besondere Rolle aus, denn auch diese treibt ihre fiesen Spielchen, welche hier aber nicht verraten werden.

    Erst einmal stellt sie sich als Studentin vor, welche eine Biographie Jacks schreiben möchte, und bei dieser Rolle werde ich es auch in dieser Besprechung belassen. Nachdem er eingewilligt hat, sie in sein Leben zu lassen, oder zumindest seine Vergangenheit zu besprechen, dreht sich das Gespräch sehr schnell um Neal Cassady, welchen Jack im Buch zwar als Romanfigur gebraucht hat, ihn aber mehrere Male erbärmlich hängen ließ, als Neal in größter Not war. Diesen Sünden der Vergangenheit muss Jack sich nun stellen. Dabei hat der Autor nach eigenen Angaben echte Briefe in den Roman eingearbeitet.

    Der ganze Roman ist temporeich erzählt und das Vexierspiel der Identitäten ist atemberaubend. Vor allem der Twist gegen Ende hat mir sehr gut gefallen.

    Fazit

    Eine unbedingte Leseempfehlung.

    Quelle

    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Bris avatar
    Brivor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Ein bisschen mehr Beat-Generation haben mir dann doch gefehlt ...
    Burn a little brighter now

    Read some Kerouac and it put me on the tracks
    To burn a little brighter now

    21. Mai 1968 – eine junge Frau, nennen wir sie Jan Weintraub, steht vor dem Haus der zurückgezogen lebenden Ikone der Beat-Generation und hat ein Anliegen: sie will seine Einwilligung, um die autorisierte und exklusive Biographie über ihn zu schreiben. Gerade sein Roman On the road ist ihre Bibel und ein wenig hat sie auch vor, sich auf einen ähnlichen Weg zu begeben, unterwegs zu sein – auch deshalb hat sie sich auf den Weg zu ihrem Idol gemacht.

    Something about Roman candles fizzing out
    Shine a little light on me now

    Jack Kerouac hingegen, der nicht ohne Grund so öffentlickeitsscheu lebt, hält von einer Biographie, wer auch immer diese schreiben möge, gar nichts. Denn eigentlich will er Unsterblichkeit durch die Überwindung des Ichs erreichen: Triffst Du Buddha – töte ihn oder um mit Jack und Meister Eckart zu sprechen, es geht um den großen Tod. Und damit um die Abtötung des Ego und den eigentlichen Weg ins Licht.

    Burn a little brighter now – das bekommt hier im Gegensatz zu der Lesart der Beat-Generation einen anderen Dreh. Und doch sind es beide Seiten, die Jack immer noch in sich vereint. Das lichterlohe Brennen der Beat-Generation, dem gerade er mit seinem Kultroman On the road – Unterwegs eine Stimme gab, und das sich im Rausch seine Bahn brach und daneben die Suche nach der Erleuchtung, dem spirituellen Licht. Alkohol war seine Droge und ist es auch noch, als Jan an seine Tür klopft.

    Found a strange fascination with a liquid fixation
    Alcohol can thrill me now
    It’s getting late in the game to show any pride or shame
    I just burn a little brighter now

    Nach einiger Abwehr seitens Jacks, lässt er sich dennoch auf Jan ein und erlaubt ihr, wenn schon nicht seine Biographie zu schreiben, dann doch zumindest seine Texte für die Nachwelt zu verzeichnen. Langsam aber sicher, gewinnt Jan immer mehr an Boden im Hause Kerouac, was seine Ehefrau Stella nicht weiter stört, solange Jack keine ausgedehnten Ausflüge in die nächstgelegene Bar unternimmt. Denn diese enden erfahrungsgemäß mit Schlägereien und in komatösen Zuständen. Wer aber ist Jack wirklich und wer ist Jan? Jacks Mutter, die ebenfalls noch im Haus wohnt, scheint eine gewisse Abneigung gegen die junge Frau zu haben, deren Herkunft und Identität in McCartens Roman genauso wenig klar wird, wie die seines Hauptsujets.

    Anthony McCarten ist ein routinierter Autor, der bereits eine Oscar-Nominierung für das Biopic Die Entdeckung der Unendlichkeit, das die Lebensgeschichte Stephen Hawkings erzählt, erhielt. Letztes Jahr erschien sein biographischer Roman Licht über Thomas Alva Edison und derzeit läuft Die dunkelste Stunde, ebenfalls ein biographischer Film über Winston Churchill, für den McCarten das Drehbuch geschrieben hat, mit großem Erfolg in den Kinos. Gary Oldman, der Churchill verkörpert, hat sowohl einen Golden Globe als auch den Oscar als bester männlicher Hauptdarsteller eingeheimst. McCartens Leidenschaft scheint also durchaus der biographischen Spurensuche zu gelten. Über sein Schreiben im allgemeinen und dieses Buch im besonderen sagt er selbst: »Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.«

    Bisher wusste ich bei McCartens Romanen immer, wohin die Reise geht. Dieses Mal war das anders. Nicht weil ich mir – wie vielleicht andere Leser – eine feste Vorstellung davon gemacht hatte, was er mir erzählen möchte oder Erwartungen meinerseits erfüllt sehen wollte, sondern weil McCarten in Jack – im Original mit American Letters betitelt, was wenn man sich ein wenig mit Kerouac, der Zeit, der Beat-Generation und ihrem Umfeld beschäftigt hat, eine wunderbare Mehrdeutigkeit ergibt – so erzählt, dass ich immer irgendwie auf der Suche nach dem Kern der Sache war. Hinter jeder Biegung, die sein Text nahm, vermutete ich eine Auflösung, eine Erkenntnis und fand doch die nächste Abzweigung. Und das bis zum Schluss, der mich folglich recht ratlos zurückließ.

    Aber auch nachdenklich und da ich ein überaus neugieriger Mensch bin, begann ich, darüber nachzudenken, ob ich nicht einfach auf einen Trick hereingefallen war. Wollte McCarten denn tatsächlich etwas klären? Der einzige Schluss, der sich mir als logisch erweist, wenn ich näher darüber nachdenke ist, dass man Jack wie ein Palimpsest lesen muss. Geschichte über Geschichte geschrieben. Wie Kerouac bei On the road vorging, das er zwar in einer Rekordzeit von nur drei Wochen auf eine 40 Meter lange in eine Schreibmaschine eingespannt Papierrolle getippt aber über Jahre hinweg immer wieder umgeschrieben und dabei vor allem die Personen immer verändert und umbenannt hatte, so ist meiner Meinung auch McCarten vorgegangen. Nicht über lange Zeit, wie Kerouac, sondern einfach durch den Trick, seine Protagonistin immer wieder ihre Identität wechseln zu lassen. In der Figur der Jan Weintraub spiegelt sich alles wieder, was mit der Überwindung des Ich und damit mit Kerouacs Ästhetik des Schreibens verbunden werden kann. Oberflächlich betrachtet ist Jack eine gut geschriebene Geschichte um Täuschung und Wahrheit, Leben und Tod aber im Kern – zumindest sehe ich das so – ist es eine Täuschung.

    McCarten hätte es uns Leser*innen zu einfach gemacht, hätte er die Wildheit der Beatnik-Ära eingebracht und dafür stringent erzählt. Kerouac war 1968 zudem bereits stark durch seine schlechte Gesundheit und seinen anhaltenden Alkoholismus gezeichnet. Und die Theorie, die McCarten in seinem Roman – die im übrigen wohl auch andere Kerouac-Spezialisten teilen – bezüglich Neal Cassady und Kerouacs Schreibstil aufstellt, passt wunderbar zu der alles beherrschenden Frage nach der eigenen Identität. Besitzt man eine eigene oder bediene ich mich entliehener Identitäten, um eine eigene vorzugaukeln, die ich jederzeit wechseln kann?

    Auch wenn diese Fragen nicht wirklich geklärt werden können, zumindest was Kerouac angeht, so bleibt doch eines klar: Kerouac hat und wird es weiterhin, unterschiedlichste Menschen inspiriert. Über die weiterführende Lektüre hinaus wurde mir tatsächlich klar, wie weit sein Einfluss auch nach seinem Tod reicht. Und auch hier fand ich erneut die Verbindung zur Musik: Eine meiner Lieblingsscheiben aus dem Jahr 1987 ist ein Konzeptalbum der Band Marillion und hat den Titel Clutching at straws, aus dem der eingangs und eingeschoben zitierte Text des Torch Song, der wie das gesamte Album auf Kerouac Bezug nimmt.

    Doctor says my liver looks like leaving with my lover
    Need another ‚time out‘ now
    Like any sort of hero turning down to zero
    Still standing out in any crowd
    Pulling seventeen with experience and dreams
    Sweating out a happy hour
    When you’re hiding 29 you know it ain’t a crime
    To burn a little brighter now


    In irgendeiner Art und Weise klingt hier auch bei mir eine Saite an, ein wenig heller leuchten wollen wir doch im Grunde alle. Irgendwie. Nur nicht frühzeitig verbrennen …

    Kommentare: 2
    16
    Teilen
    katzenminzes avatar
    katzenminzevor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Kaum Beat-Generation, kaum mehr Infos über Kerouac als in Wikipedia und ärgerliche Fehler. Schade.
    Weckt falsche Erwartungen

    Weckt falsche Erwartungen

    Diese Buch hat bei mir Erwartungen geweckt, die es leider nicht erfüllt hat. Ich dachte an eine wilde (Erinnerungs-)Reise durch das Amerika der 50er Jahre. Ich dachte an einen Autor, der sich an seine golden Zeiten erinnert und vielleicht seinen Absturz resümiert. An Musik, alte Leidenschaften und einen Kampf um die Wahrheit zwischen gealtertem Autor und junger Biografin. All das gab es leider nicht.

    Ich glaube, das was ich erwartet habe, finde ich eher in Kerouacs eigenen Romanen. Er beschreibt ja in "Unterwegs" die damalige Zeit und sein damaliges Leben. Diese Geschichte einfach in einer Neuauflage quasi nochmal zu schreiben, geht nicht. Das ist klar. Aber ich habe mir schon mehr Beat-Generation erwartet (das ständige „Alan Ginsberg“ Namedropping zählt nicht!!!), mehr und lebendigere Rückblicke, mehr als nur die Infos zu verwursten, die ich auch im Wikipediaartikel über Kerouac finde, mehr Musik, mehr Jazz, Hippies, mehr Leben! Stattdessen sitzt der alkoholkranke Autor fast ausschließlich in seinem versifften Wohnzimmer und lässt sich von der schwer greifbaren Studentin Jan bauchpinseln.

    Jack
    ist eher ein Verwirrspiel mit Identitäten. Die Suche nach dem Ich mit Charaktern, die ihrer Verlorenheit nachhängen. Es ist definitiv nicht schlecht geschrieben. Es liest sich flüssig, und ich habe mit den Wendungen, die die Geschichte nimmt nicht gerechnet. Aber irgendwie fehlte das Herzblut. Mir hat der Roman große Lust gemacht „Unterwegs“ zu lesen. Kerouacs größten Erfolg. Das kommt meinen Erwartungen sicher näher, kann aber letztlich nicht der Sinn der Sache sein.

    Auch gab es einige Unstimmigkeiten, die mich zusammen genommen sehr gestört haben. Unter anderem Kleinigkeiten wie einen Tippfehler auf Seite 83 (war statt was) oder die Erwähnung des Todes einer Schwester, von der vorher nie die Rede war. Aber auch massive Fehler, wie auf Seite 46: „Ich dachte daran, wie alt er war – gerade mal 54.“ Seltsam, da erst ein paar Seiten vorher sein Tod mit 47 erwähnt wurde...

    Kerouac fand ich eigentlich einen interessanten Charakter. Er war lebendig beschrieben und einfach interessant. Jan hingegen habe ich nicht zu fassen bekommen. Obwohl sie die Erzählerin ist, wirkt sie blass und nicht sonderlich sympathisch.

    Alles in allem habe ich wohl einfach etwas anderes von diesem Buch erwartet. Ich setze meine Hoffnungen jetzt in „Unterwegs“ und empfehle jedem, der eine tolle Autor/Fan-Geschichte lesen möchte wärmstens "Die Germanistin" von Patricia Dunker.

    Kommentare: 1
    7
    Teilen
    DieBertas avatar
    DieBertavor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Hat mich sehr gefesselt - in zwei Tagen durchgelesen
    Kommentieren0
    sunlights avatar
    sunlightvor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Wieder ein Buch von McCarten, das den Leser fesselt.
    Kommentieren0
    misanthropys avatar
    misanthropyvor 3 Monaten
    B
    BBSue6vor 3 Monaten

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks