1951, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, ist "A Question of Upbringing" erschienen, als erster Teil der Reihe "A Dance to the Music of Time", die am Ende zwölf Bände umfassen sollte. Die Handlung (soweit man von Handlung sprechen kann) setzt 1921 ein, also kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wir begleiten den Icherzähler Jenkins (sein Vorname wird in diesem ersten Band nie genannt, ich hab nachgesucht!) vom letzten Schuljahr bis zum Ende seines Studiums ein paar Jahre später.
In Kapitel eins treffen wir Jenkins in einem englischen Privatinternat. Namentlich werden weder die Schule noch die spätere Uni genannt, der Autor Anthony Powell war selbst in Eton und Oxford. Jenkins erhält in der Schule Besuch von seinem Onkel Giles, der verursacht wegen einer gerauchten Zigarette nachhaltigen Ärger mit dem Hauslehrer, dem Jenkins und seine Freunde im kommenden Sommer einen ziemlich üblen Streich spielen. In Kapitel zwei folgen Besuche des Icherzählers bei den Familien seiner Freunde Stringham und Templer, samt Beobachtungen des jeweiligen familiären Mikrokosmos. Kapitel drei führt uns an die Loire, wo Jenkins einen Sommer lang zwischen Schule und Uni sein Französisch aufpolieren soll. Zufällig begegnet er dort dem ehemaligen Mitschüler Widmerpool und beobachtet die absurde Fehde zweier skandinavischer Pensionsgäste. Das abschließende Kapitel vier ist der Universität gewidmet: Der exzentrische Professor Sillery unterhält eine lose Teegesellschaft, zu der auch Jenkins sich gesellt. Sein Schulfreund Stringham stößt nach einem Jahr in Kenia (bei seinem Vater) auch an die Uni, entscheidet sich aber nach einem oder zwei Semestern für den Job als Sekretär eines aufstrebenden Geschäftsmannes und Politikers. Templer, der andere der Schulfreunderunde, hat sich von Anfang an für eine Karriere in der Londoner City entschieden. Eine Spritztour in Templers neuem Auto, die waghalsig beginnt und im nächtlichen Straßengraben endet, setzt ein Ende der Freundschaft zwischen Templer und Stringham. Jenkins geht in London mit Onkel Giles essen.
Und dann ist das Buch zu Ende.
Misst man "A Question of Upbringing" an den Maßstäben, die man für gewöhnlich an Belletristik legt, schreien einen die Unzulänglichkeiten und Schwächen förmlich an: Keine richtige Handlung, kein Spannungsbogen, nichts! Nur ein Icherzähler, der mehr oder weniger passiv getrieben wird und beobachtet, eben zur Musik der Zeit tanzt, ohne eigene Akzente zu setzen. Der Nichtinhalt ist Programm, das ist schon klar, das ist kein klassischer Roman; hier soll die Epoche einer Gesellschaftsschicht in anekdotischen Episoden besichtigt werden.
Ob das funktioniert, weiß ich tatsächlich nicht. Die Sprache ist elegant und klug, die Figuren haben Kontur und Tiefe, und in den Episoden spitzt durchaus so etwas wie Humor zum leichten Schmunzeln hindurch - etwa wenn Jenkins bei seinem Abschied in der französischen Pension versehentlich der falschen Frau seine Zuneigung erklärt.
Man hat Powells Epos immer wieder mit Marcel Proust und seiner Suche nach der verlorenen Zeit verglichen. Das finde ich unpassend. Zum Einen ist Powell dreißig Jahre später dran, und als prononcierter Literaturkritiker weiß er, dass man ihm ein simples Abkupfern bei Proust nicht verzeihen wird. Er zeigt zudem - jedenfalls in diesem ersten Band - kein explizites Programm oder Motiv, das ihn treibt. Und: Figur und Autor scheinen mir weit weniger leidend und überspannt als Proust und sein Alter Ego. Gegenüber der geradezu zwanghaften Analyse seines Daseins, die Proust dazu getrieben hat, sein (verfremdetes) Seelenleben literarisch auszubreiten, wirkt sowohl der ezählende Powell wie seine Ichfigur stabil und zufrieden in ihrer Existenz und ihren Lebensumständen. Sie werfen einen scheinbar unbedarften, aber doch sehr scharfen Blick auf Milieu, Stil und Typen, ohne sie satirisch aufs Korn zu nehmen (wie das Proust bisweilen sehr wohl unternommen hat).
Es plätschert alles sehr, sehr ruhig dahin, nicht unangenehm zu lesen, aber die Entscheidung, ob ich das nun anmaßend und unendlich langweilig finden soll, oder doch eher raffiniert und unglaublich subtil, habe ich noch nicht getroffen. Das werden wohl erst die folgenden Bände zeigen.


















